Dresden, Semperoper, Carmen - G. Bizet, IOCO

Dresden, Semperoper, Carmen - G. Bizet, IOCO
, Carmen, Semperoper Dresden © Monika Rittershaus

  1. Mai 2026  

Carmen: zerlegt und wieder zusammen gesetzt

Im Sevilla des Jahres 1820 war ein Femizid geschehen, die Tötung einer Frau wegen einer Eifersuchtssituation. Kurz vor seiner bevorstehenden Hinrichtung durch den Strang erzählte der Täter seine Geschichte einem französischen Schriftsteller. Prosper Mérimée, der vermutlich jener Zuhörer war, schuf mit dem Sujet eine Novelle und gab darin der Getöteten den Namen Carmen, also einem Synonym für die Begriffe Orakelspruch oder Zauberdichtung. Die Schriftsteller Henri Meilhac (1831-1897) und Ludovic Halvéy (1834-1908) gestalteten aus der Novelle für den kaum bekannten Komponisten Georges Bizet (1838-1875) ein Libretto von mäßiger literarischer Qualität für eine Oper in vier Akten. Der begabte junge Mann entwickelte für diese Vorlage eine allerdings außergewöhnlich anregende Musik, so dass ein packendes Eifersuchtsdrama für die Opernbühne entstanden war.

Mit ihrer ersten Arbeit am Haus wollte die Regisseurin Nadja Loschky den Dresdner Opernfreunden und ihren Gästen Denkanstöße vermitteln, ob und warum die über 150 Jahre alte Oper mit ihren überkommenen sexuellen Prägungen für uns noch gesellschaftliche Relevanz haben könnte. Vor allem, wo die Grenzen der Freiheiten des einzelnen liegen, bevor gesellschaftliche Übereinkünfte überschritten und die Rechte von Mitmenschen verletzt werden.

In Loschkys Fassung beginnt die Aufführung, wie bei Mérimée, nachdem Carmen bereits umgebracht worden war. Eine im Libretto nicht aufgeführte Bühnenfigur, die sich aber als Alter Ego, eines „zweiten Ichs“ des Don José outete, sprach einen von der Regisseurin für diese Inszenierung geschaffenen, an Mérimée angelehnten intelligenten Text, dessen Inhalt dem Ablauf des dramatischen Geschehens entsprach. Aus dem Libretto von Meilhac und Halvéy entfernte Loschky alle gesungenen Rezitative und Dialoge, so dass nur eine Fülle von isolierten, das Geschehen aber voranbringenden Szenen, übrig blieb.

, Carmen, Semperoper Dresden © Monika Rittershaus

Mit handwerklicher und künstlerischer Meisterschaft waren diese Bestandteile der Oper an das Gerüst, das der Alter Ego mit der Intensität seiner Darstellung der Loschky-Texte geschaffen hatte, regelrecht angetackert.

 

Leitfaden blieb immer die Partitur des Georges Bizet. Damit blieb der Fluss im Geschehen gesichert. Auf der Bühne gab es viel Bewegung mit raffiniert arrangierten Gruppenauftritten. Die Leiterin des Kinderchores Claudia Sebastian-Bertsch, der Chorleiter des Staatsopernchores Jonathan Becker und nicht zuletzt der Choreograf Thomas Wilhelm hatten der Regisseurin prachtvolle Zuarbeit geleistet.

Alle Ohrwürmer Bizets waren integriert, was von Teilen der Besucher mit unnötigem Zwischenbeifall quittiert worden war.

Die erotischen Beziehungen des Brigadiers Don José zur Carmen beziehungsweise zur Micaëla blieben das Zentrum der Oper. Sie symbolisierten die extremen Lebensentwürfe der beiden Frauen. Das von der Mutter des Soldaten als künftige Schwiegertochter vorbestimmte Bauernmädchen sah in Don José ihren künftigen Lebenspartner und ließ sich auch ohne Zögern auf diese Zukunft ein.

 

Carmen hingegen war sich der Wirkung ihrer Sexualität bewusst und setzte diese gegen Männer auch ohne Skrupel ein, vor allem, wenn diese sie kontrollieren wollten. Mit ihrem bedingungslosen Freiheitswillen und ihrer uneingeschränkten Lebenslust kam sie nicht nur in Konflikte mit ihren Partnern, sondern stellte auch Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens in frage.

 

Wie sich die Absoluditäten Carmens auf die Befindlichkeiten des Don José auswirkten, war vom Alter Ego des Verunsicherten in dem mit viel Psychologie aufgeladenen Text der Nadja Loschky erklärt worden; wie sich, die gekränkte Männlichkeit des Don Josés Schritt für Schritt zur Wut und Unberechenbarkeit, zur Gewalt aufschaukelten.

, Carmen, Semperoper Dresden © Monika Rittershaus

Das Bühnenbild von Etienne Pluss und die zum Teil surrealen Kostüme und Masken der Irina Spreckelmeyer verzichteten auf jeden Sevilla-Kitsch und unterstützen optisch die Entwicklung der Gespanntheit zwischen den Leidenschaften, der Gewalt und des gesellschaftlichen Umfeldes. Das von der Farbenwelt des Schwarz dominierte funktionale Bühnenbild war von Fabio Antoci meisterhaft ausgeleuchtet worden.

Die musikalische und szenische Umsetzung der Inszenierung war nach meinen Empfindungen ohne Makel und auf einem hohen Niveau. Bereits in der Ouvertüre ließ Lorenzo Passerini in seinem Haus-Debüt als Musikalischer Leiter der Premiere aufhorchen, als er die klanglichen Trümpfe der Sächsischen Staatskapelle offen legte. Auch in der Folge verstand er den Orchesterpart nicht  nur als begleitenden Klangteppich für Sänger und Chor, sondern als wichtigen Vermittler der Deutung des Handlungsverlaufs auf der Bühne. Gekonnt nutzte er die raffinierte Instrumentation der Partitur, um die kontrastierenden Charaktere der einzelnen Musiknummern bloß zu legen. Passerini hielt dabei die Tempi straff und den Klang farbenreich. Er sorgte für düsteren Fatalismus ebenso wie für auflodernde Leidenschaft, achtete dabei stets auf feine Abstimmung der Orchesterdynamik mit den Solisten auf der Bühne.

 

Als Carmen setzte Eve-Maud Hubeaux das Anliegen der Inszenierung mit grandiosen Spiel und Gesang glanzvoll um. Ihre Darstellung einer Einzelgängerin mit erotischen Verführungskünsten, der Intensität ihrer Liebe, die Verletzlichkeit ihrer Gefühle oder die Aufsässigkeit gegen Gesetze war kompromisslos und faszinierend. Man spürte regelrecht, dass Gefahr von ihr ausging. Vor allem war ihre Stimme perfekt für diese Aufgabe. Mit Präzision gesetzten Spitzentönen, einer Mittellage voller Substanz sowie in kraftvolle Tiefe strömte ihr Mezzosopran bruchlos durch die Partie. Offenbar hatte Eve-Maud Hubeaux auch Freude an der Vielseitigkeit der musikalischen Sprache zwischen Habanera und dem spöttischen Trallala, denn Mal gurrte sie kokett, Mal beschwor sie mit ihrem Gesang die Faszination der ungebundenen Freiheit. Besonders gelungen war Hubeaux Darstellung in der Kartenleger Szene, die sie im Dialog mit dem Alter Ego absolvierte, während die Freundinnen Jasmin Delfs als Frasquita und Nicole Chirkas Mercédès mit ihren perfekt passenden Stimmen abseitig ihre Zukunft ausmalten.

, Carmen, Semperoper Dresden © Monika Rittershaus

 

Eine betörende Micaëla brachte Galina Cheplakova in ihrem Hausdebüt auf die Bühne. Ihr gelang, dem jungen Bauernmädchen sowohl in der Darstellung als auch mit ihrem Gesang genau die richtige Mischung an zurückhaltender Schüchternheit und zielstrebiger Bestimmtheit zu vermitteln. Ihr Sopran blühte in der Höhe farbenreich auf, blieb dabei immer satt im Klang. Selbst in den fein gesponnenen Piani in ihrer großen Arie und im Duett mit Attilio Glaser fand sie das richtige Maß.

 

Gegen den Lebensentwurf der Einzelgängerin Carmen hatte es der Don José Attilio Glasers schwer , Profil zu gewinnen. Zu sehr musste er sich mit den Wünschen der Mutter auf eine kleine Beamtenstelle für ihn beschäftigen. Von gefühlvollen Piani im Duett mit Micaëla über seine in sich gekehrte Verzweiflung in der Blumenarie steigerte er seine anfängliche Arglosigkeit zur Raserei und zu dramatischen Eifersuchtsausbrüchen. Mithin verdeutlichte er perfekt den labilen Charakter des Don José. Mit glänzenden Spitzentönen charakterisierte er den Zwiespalt seiner Gefühle, als er mit Resignation sein verpfuschtes Leben erkannte.

 

Eine tragfähige Tiefe und eine weich strömende Höhe seiner Bass-Stimme ermöglichte Krzysztof Bączyk, den in die Handlung eingreifenden Stierkämpfer Escamillo gleichzeitig erotisch aktiv und abgeklärt wirken zu lassen.

 

Mit ehrfurchtgebietender Bassstimme und körperlicher Präsenz erfüllte Vladyslav Buialkyi die Aufgaben des Leutnants Zuniga. Kaum zurückhaltender, und stimmlich sowie darstellerisch präsent, war Anton Beliaev in der Rolle des Brigadiers Moralès.

 

Die beiden Solisten der Schmugglertruppe Dancaïro von Simeon Esper und Remendado von Jin Yu brachten stimmlich und schauspielerisch lodernden Wirbel, als sie den Leutnant demütigten.

Der Chor der Sächsischen Staatsoper und der Kinderchor brachten vollen Einsatz in das Geschehen und agierten darstellerisch und vokal auf hohem Niveau.

 

Eine besondere Würdigung verdient der Schauspieler Lasse Myhr, der als Alter Ego Don José mit seiner Intensität der Inszenierung ihren Erfolg sicherte.

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