Halfing, Immling Festival, TOSCA – Giacomo Puccini, IOCO

Zum 30. Jubiläum des Immling-Festivals überzeugt Puccinis Tosca als packendes Musikdrama im Überwachungsstaat der 1950er-Jahre. Ludwig Baumann erzählt das Werk spannend und werkgetreu, getragen von starken Solisten, eindrucksvollen Projektionen und einer klangvollen musikalischen Leitung.

Halfing, Immling Festival, TOSCA – Giacomo Puccini, IOCO
Außenansicht Festspielhaus Immling © Mariella Weiss

von Marcus Haimerl

Zum 30. Jubiläum des Immling-Festivals kehrt Giacomo Puccinis Tosca auf den Spielplan zurück. Ludwig Baumann, zugleich Intendant des Festivals, lässt das packende Musikdrama nicht im Rom des Jahres 1800 spielen, sondern versetzt es in die Welt eines totalitären Regimes der frühen 1950er-Jahre. An der Handlung selbst verändert er dabei erstaunlich wenig. Vielmehr schärft er den Blick auf Machtmissbrauch, Überwachung und staatliche Willkür – Themen, deren Aktualität bis heute ungebrochen ist. Gemeinsam mit Prof. Dr. Nikolaus Hipp, dessen funktionales Bühnenbild das Geschehen umsichtig trägt, und den großformatigen Videoprojektionen von Maximilian Ulrich entsteht ein spannungsgeladener Opernabend, der Puccinis Meisterwerk in kraftvollen Bildern erzählt.

Mit Tosca schuf Giacomo Puccini eine der packendsten Opern der Musikgeschichte. Seit ihrer Uraufführung im Jahr 1900 zählt das Werk zu den bedeutenden Beispielen des musikalischen Verismo. Die prägnante Charakterzeichnung, die enorme dramatische Dichte und Puccinis unverwechselbare Klangsprache verleihen der Oper ihre bis heute anhaltende Wirkung. Im Mittelpunkt stehen die gefeierte Sängerin Floria Tosca, ihr Geliebter, der Maler Mario Cavaradossi, und der skrupellose Polizeichef Baron Scarpia. Ein folgenschweres Zusammentreffen der drei Hauptfiguren setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die unausweichlich in die Katastrophe führt.

Maria Natale (Floria Tosca), Vasyl Solodkyy (Mario Cavaradossi) © Nicole Richter-Bossmann

Ludwig Baumann entwickelt aus der zeitlichen Verlagerung weit mehr als eine bloße Veränderung von Kostümen und Ausstattung. Seine Regie nutzt das neue Umfeld, um die Beziehungen der Figuren und ihre gegenseitigen Abhängigkeiten noch deutlicher hervortreten zu lassen. Zugleich bleibt er Puccinis Werk weitgehend treu und erzählt die Geschichte geradlinig, verständlich und mit sicherem Gespür für ihre psychologische Entwicklung. Prof. Dr. Nikolaus Hipp verzichtet bewusst auf spektakuläre Dekorationen. Sein wandelbares Bühnenbild versteht sich nicht als Selbstzweck, sondern schafft den Rahmen, in dem sich das Drama konzentriert entfalten kann. Treppen, Podeste, Türen, Schreibtische und gezielt eingesetzte Requisiten bilden einen flexiblen Spielraum, den Baumann für seine präzise Personenführung nutzt.

Die Kostüme von Barbara Gruber verorten das Geschehen unverkennbar in den frühen 1950er-Jahren. Tosca erscheint zunächst in eleganten, feminin geschnittenen Roben mit Hut und Handschuhen, später in einem leuchtend roten Abendkleid, das sie auch farblich aus der düsteren Welt Scarpias heraushebt. Die Männer tragen schlichte Anzüge, Uniformen oder zeittypische Alltagskleidung, während die Schreibkräfte mit weißen Blusen und dunklen Röcken das Bild eines streng organisierten Behördenapparates vervollständigen. Gruber gelingt damit eine klare zeitliche Einordnung, ohne die Figuren zu bloßen historischen Typen erstarren zu lassen.

Seine volle Wirkung gewinnt der Bühnenraum im Zusammenspiel mit Maximilian Ulrichs Videoprojektionen. Diese beschränken sich nicht auf die Leinwand über der Bühne, sondern beziehen auch die Seitenwände des Zuschauerraums ein und führen die jeweilige Bildwelt bis weit in das Publikum hinein.

Stefano Meo (Scarpia), Maria Natale (Floria Tosca) © Mariella Weiss

Bereits vor dem ersten Ton versetzt Glockengeläut die Besucher in die sakrale Sphäre des ersten Aktes. Auf der Leinwand öffnet sich der Blick in den eindrucksvollen Innenraum der Kirche Sant’Andrea della Valle, dessen Architektur sich an den Seitenwänden fortsetzt. So entsteht von Beginn an der Eindruck, selbst Teil dieses Kirchenraums zu sein. Eine Marienstatue, die Attavanti-Kapelle und Cavaradossis Staffelei genügen, um trotz der reduzierten Ausstattung ein stimmungsvolles Bild zu schaffen, das den sakralen Charakter des Originals bewahrt. Baumanns zeitliche Verlagerung drängt sich dabei nie vor das Werk, sondern lässt Puccinis Drama für sich sprechen.

Mit dem zweiten Akt ändert sich die Bildsprache grundlegend. Aus dem Kirchenraum wird das Büro eines minutiös organisierten Überwachungsapparates. Noch bevor das Orchester einsetzt, erfüllt das monotone Klappern zahlreicher Schreibmaschinen den Zuschauerraum. Schräg angeordnete Schreibtische beherrschen nun die Bühne; daran bearbeiten Schreibkräfte unablässig Akten, während auf den Projektionsflächen meterhohe Archivregale erscheinen. Herrschaft zeigt sich hier nicht allein durch Waffen und Uniformen, sondern ebenso durch Bürokratie, Dokumentation und das lückenlose Erfassen persönlicher Schicksale. Baumann findet dafür Bilder, die unmittelbar verständlich sind, ohne plakativ zu wirken.

Die Schreibkräfte bleiben dabei keineswegs bloße Staffage. Sie gehören zum Machtapparat, werden von Scarpia gedemütigt und misshandelt und geraten schließlich selbst unter die Räder des Systems. Damit macht die Inszenierung sichtbar, dass autoritäre Herrschaft nicht allein von einzelnen Machthabern ausgeht, sondern von Strukturen, die Menschen vereinnahmen und am Ende auch die eigenen Helfer vernichten.

Maria Natale (Floria Tosca), Stefano Meo (Scarpia) © Nicole Richter-Bossmann

Auch den berühmten Mord an Scarpia löst Baumann konsequent innerhalb dieser Welt. An die Stelle des traditionellen Messers tritt ein Golfschläger – ein ungewöhnliches Requisit, das sich dennoch selbstverständlich in das gezeigte Milieu einfügt. Die Szene wirkt weder aufgesetzt noch effekthascherisch, sondern verleiht Toscas verzweifelter Gegenwehr eine brutale Unmittelbarkeit.

Im dritten Akt verdichtet sich die Bedrohung noch einmal. Maschinengewehrsalven durchschneiden bereits vor dem Einsetzen der Musik die Stille. Die Projektionen zeigen nun Stacheldraht, Gitter und einen düsteren Himmel über der Engelsburg. Besonders drastisch wird der moralische Verfall dieses Systems sichtbar, wenn der Schließer die Erschossenen plündert und ihnen sogar die Ringe von den Fingern zieht. Cavaradossi wiederum stirbt nicht durch die Salve des vor ihm stehenden Exekutionskommandos, sondern durch einen gezielten Genickschuss.

Trotz der Verlegung in eine andere Epoche verliert Baumann den Kern von Puccinis Oper nie aus den Augen. Er folgt den Figuren und ihren Konflikten, statt die Handlung mit zusätzlichen Deutungsebenen zu überfrachten. Gerade diese Konzentration macht seine Lesart plausibel und gibt dem Drama eine bedrückende Direktheit.

Vasyl Solodkyy (Mario Cavaradossi), Maria Natale (Floria Tosca) © Nicole Richter-Bossmann

Getragen wird die szenische Umsetzung von einem Ensemble, das sich mit großem darstellerischem Einsatz auf Baumanns Konzept einlässt.

Maria Natale gestaltet Floria Tosca stimmlich wie darstellerisch mit sicherem Gespür für die verschiedenen Seiten der Figur. Ihr klangvoller, gut geführter Sopran verfügt über eine sichere Höhe und eine tragfähige Mittellage. Zugleich zeichnet sie den Weg von der selbstbewussten Sängerin über die eifersüchtig Liebende bis zur verzweifelt um Cavaradossis Leben kämpfenden Frau glaubhaft nach. Damit bildet sie den emotionalen Mittelpunkt des Abends.

Vasyl Solodkyy gibt einen kraftvollen Mario Cavaradossi. Sein höhensicherer Tenor besitzt das nötige Durchsetzungsvermögen für die dramatischen Zuspitzungen und entfaltet dort beachtliche Strahlkraft. In den lyrischeren Passagen findet er zugleich wärmere Farben. Mit Maria Natale verbindet ihn eine glaubhafte Nähe, die das Paar auch darstellerisch überzeugend zusammenführt.

Stefano Meo zeichnet Baron Scarpia als charismatischen und zugleich gefährlichen Machtmenschen. Mit kontrolliertem Spiel und markanter Erscheinung bestimmt er vor allem die Szenen des zweiten Aktes. Sein dunkel gefärbter Bariton gibt der Figur Nachdruck und Autorität. Im Verlauf des Abends verliert die Stimme zwar etwas an Frische, doch bleibt Meos Darstellung eindringlich und prägt die Aufführung entscheidend mit.

Vasyl Solodkyy (Mario Cavaradossi), Lukas Gahabka (Spoletta) © Nicole Richter-Bossmann

Auch die kleineren Partien sind sorgfältig besetzt. Fernando Araujo verleiht Angelotti ein glaubwürdiges Profil, Lukas Gahabka gestaltet Spoletta mit der passenden Mischung aus Eifer und Dienstbeflissenheit. Pilgoo Kang sorgt als Mesner mit feinem Spiel und wohldosierten komischen Akzenten für willkommene Auflockerung. Tair Tazhi als Sciarrone, Levan Makaridze als Kerkermeister und Paul Loferer als Hirtenknabe runden die Besetzung auf überzeugende Weise ab.

Der Chor des Immling-Festivals trägt vor allem im ersten Akt mit konzentriertem, klanglich ausgewogenem Gesang zur feierlichen Kirchenatmosphäre bei.

Das Festivalorchester Immling erweist sich unter der Leitung von Cornelia von Kerssenbrock einmal mehr als verlässlicher musikalischer Partner der Bühne. Von Kerssenbrock spannt weite Bögen, wählt fließende Tempi und formt einen farbenreichen Orchesterklang. Auch in den dramatischen Höhepunkten wahrt sie jederzeit die Balance zwischen Bühne und Graben. So entfaltet das Orchester beachtliche Klangfülle, ohne die Stimmen der Solistinnen und Solisten zu überdecken.

Mit seiner Inszenierung von Tosca legt Ludwig Baumann eine zeitgemäße und zugleich respektvolle Lesart von Puccinis Meisterwerk vor. Er überträgt die Geschichte in die beklemmende Welt eines Überwachungsstaates, ohne sie zu verfremden oder mit vordergründigen Regieideen zu belasten. Hipps zweckdienliche Bühne, Ulrichs raumgreifende Projektionen, die engagierte Besetzung und Cornelia von Kerssenbrocks klangvolle musikalische Leitung verbinden sich zu einem Opernabend, der das Jubiläumsprogramm des Immling-Festivals überzeugend bereichert und vom Publikum mit begeistertem Applaus aufgenommen wird.

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