Bayreuth, Bayreuther Festspiele, GÖTTERDÄMMERUNG – Richard Wagner, IOCO
Musikalisch wurde Wagners „Götterdämmerung“ in Bayreuth zum überwältigenden Finale des „Ring 10010110“: Christian Thielemann, Festspielorchester und ein exzellentes Sängerensemble begeisterten. Die KI-geprägte szenische Umsetzung blieb hingegen auch im Schlussabend weitgehend ohne Aussagekraft.
von Marcel Bub
Als musikalisch-gesangliche Ensembleleistung monumental faszinierenden Ausmaßes kulminierten in dieser Aufführung von Richard Wagners Götterdämmerung im Bayreuther Festspielhaus sich durch den gesamten Aufführungszyklus ziehende Gestaltungslinien auf berührende Weise. Das weitgehende Ausbleiben interpretatorischer Kommunikationsangebote auf szenischer Ebene setzte sich auch bei dieser letzten Ring-Premiere des Jubiläumsjahres zwangsläufig fort.
Am Ende der Götterdämmerung muss die bestehende Welt, geprägt von Unfreiheit, Vertragsbruch und Entfremdung, notwendigerweise untergehen. In seiner Wagnerforschung betont der Politiktheoretiker und Ideengeschichtler Udo Bermbach, dass der Komponist hier sein politisches Konzept des Vormärz – Umgestaltung aller bürgerlichen Verhältnisse, Aufhebung des Privateigentums, Vernichtung der Macht des Kapitals durch unmittelbare, produktive Tätigkeit, Abschaffung der Ehe (ebenfalls basierend auf ökonomischem Zwang), Ausbildung einer neuen, moralischen Weltordnung – musikdramatisch zum Ausdruck zu bringen suchte. Die Tetralogie sei in diesem Sinne eine Form der Selbstaufklärung und Selbstabrechnung bürgerlicher Gesellschaft.

Der vierte und letzte Tag des Rings des Nibelungen beginnt mit den drei Nornen, die das Seil des Schicksals spinnen – es reißt, ein Vorzeichen des kommenden Weltuntergangs. Siegfried und Brünnhilde nehmen Abschied; er schenkt ihr zum Zeichen der Treue den Ring, sie gibt ihm ihr Ross Grane, und er zieht zu neuen Taten den Rhein hinab. In der Halle der Gibichungen intrigiert Hagen, Alberichs Sohn, gegen den Ahnungslosen: Ein Vergessenstrank lässt Siegfried seine Liebe zu Brünnhilde verlieren und sich in Gutrune verlieben. Im Tausch gegen deren Hand hilft er Gunther, mittels Tarnhelm in dessen Gestalt verwandelt, Brünnhilde auf ihrem Fels zu überwältigen und ihr den Ring zu entreißen. Zuvor hatte Waltraute die Schwester vergeblich gebeten, den Ring den Rheintöchtern zurückzugeben und damit die Götter zu retten. Als Siegfried in eigener Gestalt zurückkehrt und Brünnhilde als Gunthers Braut wiedersieht, erkennt sie den Ring an seiner Hand und klagt ihn öffentlich des Verrats an. In ihrem Zorn verrät sie Hagen die einzige verwundbare Stelle des als unverwundbar Geltenden: seinen Rücken. Gemeinsam mit Gunther schmiedet Hagen den Mordplan. Auf der Jagd erzählt Siegfried, durch einen Gegentrank an sein früheres Leben erinnert, arglos von Brünnhilde – da durchbohrt ihn Hagens Speer von hinten. Sterbend gedenkt er noch einmal der Geliebten. Zurück in der Halle ersticht Hagen im Streit um den Ring auch Gunther; als er nach dem Ring an der Leiche greift, hebt sich drohend die tote Hand. Brünnhilde, nun um die Wahrheit wissend, lässt einen Scheiterhaufen errichten, nimmt den Ring an sich und reitet auf Grane in die Flammen, die auch Walhall erfassen. Der Rhein tritt über die Ufer; die Rheintöchter holen sich den Ring zurück und reißen den nach ihm greifenden Hagen in die Tiefe. Während die Götterburg in Flammen untergeht, verklingt das Orchester in einem Ausblick auf eine von der Liebe erlöste neue Welt.
Mit seinem erneut präzisen und souverän-routinierten Dirigat schuf Thielemann mit dem durchgehend erstklassigen Festspielorchester an diesem Abend eine machtvoll kompakte Klangarchitektur. So kam die kompositorische Kraft dieses monumentalen Werks mal majestätisch erstrahlend, mal unerbittlich durchdringend zur Geltung. Ergänzt um den phänomenalen Chor unter der Leitung von Thomas Eitler-de Lint, konnte hier erneut eine musikalisch im klassischen Sinne perfektionierte Interpretation erlebt werden.
Sich in diese komplexe Klangwelt stimmig einfügend, brillierte das exzellente Sänger·innenensemble. Klaus Florian Vogt modellierte seinen Heldentenor als Siegfried ausdifferenziert, nach vorn drängend und immer wieder im kommunikativen Austausch mit seinem Umfeld. Insbesondere mit Camilla Nylund als Brünnhilde wurde dies zum klanglichen Ereignis, die ihre Rolle mit majestätischer Klarheit und faszinierender Präsenz darbot. Besonders hervorzuheben ist zudem Mika Kares als Hagen, der mit seinem nuanciert durchdringenden Bass all jene Tragik und Dunkelheit der Rolle treffend zu verkörpern wusste. Ferner überzeugten Jochen Schmeckenbecher als Alberich, Michael Kupfer-Radecky als Gunther und Christa Mayer als Waltraute. Die Nornen wurden von Anna Kissjudit, Alexandra Ionis und Magdalena Hinterdobler sowie die Rheintöchter von Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold interpretiert.
Wenngleich sich auch an diesem Abend die Kuration von Marcus Lobbes szenisch weitgehend in generierter Beliebigkeit verlor und inszenatorische Chancen nicht genutzt wurden, kam es punktuell dann doch zu visuell stimmigen Momenten, und das nicht nur, wenn sich der Vorhang bei Teilen der rein orchestralen Abschnitte schloss. Dass dies jedoch nicht Ergebnis ästhetisch-kreativen Ausdrucks, sondern technologischer Berechnung war, verunmöglichte in weiten Teilen jene in theatralen Räumen so zentrale kommunikative Bezüglichkeit zwischen Bühne und Publikum. Neben düsteren Schlachtfeldern, 9/11, Booten mit Geflüchteten und dem Schriftzug „Kein Planet B“ waberten die KI-Visualisierungen immer wieder zwischen mal ansprechenden, mal unpassenden Abstraktionen sowie den bereits bekannten Szenen vergangener Ringinszenierungen.

Im „Ring 10010110“ anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Bayreuther Festspiele wurde letzten Endes auf szenisch-dramaturgischer Ebene weitgehend keine interpretatorische Verantwortung übernommen. Bereits in der Anlage ging das Regiekonzept an Werk und Kunst vorbei. Gerade vor dem Hintergrund Wagners kompositorischen und theoretischen Schaffens, welches auf komplexe und nicht selten ambivalente Weise zur Subversion drängt, ist dies zutiefst bedauerlich. Im Kern jedoch zu eben diesem Zweck geschaffen, ist das Bayreuther Festspielhaus ein Ort, um musikdramatisches Erleben als kollektives Ereignis berührend-transformativer Faszination zu ermöglichen. Annäherungen an dieses Ideal ergaben sich im kommunikativen Spiel von Orchester und Sänger·innen im Laufe dieses Ring-Zyklus immer wieder eindrücklich. So breitete sich der monumental-ausdifferenzierte Klang Thielemanns musikalischer Interpretation in vielen Momenten in vollendeter Schönheit im Raum aus und berührte auf die für Wagners Werke so spezifische ambivalent erhebende Weise. Während am Ende des Abends beim Auftritt des Regieteams auf der Bühne eine Woge heftiger Buhrufe entbrannte, applaudierte das Publikum Orchester, Chor, Dirigenten und Sänger·innen begeistert.