Bayreuth, Bayreuther Festspiele, DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Richard Wagner, IOCO

Nach den umstrittenen KI-Experimenten des „Ring“ begeistert die Wiederaufnahme von Wagners „Der fliegende Holländer“ mit packender Regie, großartiger Musik und einem neuen Traumpaar: Elisabeth Teige und Nicholas Brownlee sorgen für einen der Höhepunkte der Bayreuther Festspiele 2026.

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Richard Wagner, IOCO
Festspielhaus © Enrico Nawrath

von Uli Rehwald

Neues Traumpaar gefunden

Nach den Wagnissen der Festspielleitung (Premieren von Rienzi und der KI-Ring) kommt nun im Jubiläumsjahr die erste Wiederaufnahme auf den Spielplan: Der bewährte und überaus erfolgreiche Holländer der Vorjahre in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov. Heute weiß das Publikum bereits vorher, was es bekommt:

  • Die bekannt-gelungene Inszenierung von Dmitri Tcherniakov,
  • großartige Stimmen und zusätzlich noch eine sehr vielversprechende Neubesetzung der Titelrolle.

Mit so viel Vorschusslorbeeren sollte der heutige Abend doch der unkomplizierte Teil der 150-Jahr-Feier werden. Und um es gleich dazuzusagen: Es ist wohltuend, nach all den Experimenten hier eine „normale“ Oper zu sehen.

Der fliegende Holländer Elisabeth Teige (Senta), Festspielchor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Trotz großen Erfolges der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov trugen die wenigen Kritiker auch in diesem Jahr hartnäckig die Abweichungen vom Original vor:

  • Die Regie hat nicht nur die traditionellen Schiffe gestrichen, die Handlung findet vielmehr völlig ohne den Ozean statt: auf den Plätzen eines Dorfes mit beweglichen Gebäuden, in einer Kneipe und in einem gläsernen Wohnzimmer. Es finden nur Gefühlsstürme statt, keine Ozeanwellen.
  • Es wird während des Orchestervorspiels pantomimisch eine frei erfundene Vorgeschichte erzählt, die so jedenfalls nicht von Richard Wagner stammt: Der Holländer war schon als Kind in diesem Dorf und musste den Selbstmord seiner Mutter mit ansehen. Traumatisiert durch dieses einschneidende Erlebnis kehrt er nun zu Beginn der Oper wieder in „sein“ Dorf zurück.
  • Und Senta sucht nicht die Selbstaufopferung, um den verfluchten Holländer zu erlösen. Das würde ihr, der eigenwilligen Emanze, im Traum nicht einfallen. Vielmehr erschießt Mary den Holländer im letzten Moment der Oper hinterrücks mit einem Gewehr – offenbar aus Rache.

Diese Inszenierung ist einer der wenigen Fälle, in denen große Tradition auf eine Neuerung trifft, ohne dass es zu nennenswertem Publikumswiderstand gekommen ist. Denn die Trauma-Geschichte geht in dieser ergänzten Fassung wirklich gut auf und unterstützt die klassische Handlung.  

Elisabeth Teige gilt in ihrer Paraderolle als Traumbesetzung der Senta. Sie ist seit Jahren eine sehr bewährte Kraft bei den Festspielen. (u. a. Sieglinde und Elisabeth). Wie schon in den vorigen Jahren entfacht sie mit ihrem jugendlich-dramatischen Sopran Begeisterungsstürme. Und das nicht nur wegen ihrer harmonisch-warmen Mittellage, ihrer strahlenden Höhen – sondern gerade auch wegen ihrer darstellerischen Präsenz. Bereits bevor sie ihre ersten Töne singt, hat sie im Zusammenspiel mit dem Chor gezeigt, wes Geistes Kind sie ist. Ganz sicher findet der Holländer hier kein leichtes, naives Opfer in traditioneller Frauenrolle. Elisabeth Teige zeichnet überaus scharfe Charakterkonturen der Senta, die völlig anders sind, als von Wagner vorgesehen.

Der fliegende Holländer Nicholas Brownlee (Holländer), Elisabeth Teige (Senta) © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

In den vergangenen Spielzeiten galten Elisabeth Teige und Michael Volle (als Holländer) schon als Traumpaar, bei dem keine Verbesserungen mehr vorstellbar sind. Aber dann kommt heute Nicholas Brownlee in seiner Bayreuther Rollenpremiere als Holländer daher. Sein Bassbariton ist von enormer, fast unglaublicher Wucht.  Und das bei bester Textverständlichkeit. Auch im Forte bei vollem Orchester wirkt er leicht und spielerisch und man fragt sich, wie viel Reserven er noch hat. Ohne Zweifel hat er das Dämonische, das seinen gesungenen Seelenstürmen zugrunde liegt. Und dann finden sich Holländer und Senta auch noch beide sängerisch und darstellerisch in Höchstform zusammen. Man kann nicht anders urteilen: Ein neues Traumpaar ist gefunden und gemeinsam sind die beiden der Star des Abends.  Wir im Publikum verfolgen atemlos ihren Höhenrausch bis hin zu den Schlussakkorden.

Daland (gesungen von Mika Kares) ist hier weniger der charakterlos nach seinem Vorteil suchende Vater für die Verheiratung seiner Tochter. Leider fehlt der obligatorische Goldschatz, der ihn zum Verkuppeln seiner Tochter bewegen soll. Staunend und hilflos muss er zusehen, wie das Trauma aus vergangenen Gewalttaten sein Wohnzimmer erreicht und sich mit Macht entwickeln will.

Mary (gesungen von Nadine Weissmann) ist mit der in dieser Inszenierung geänderten Rolle die Überraschung des Abends: Sie wird als Frau von Daland interpretiert, die leidend das Kennenlernen von Holländer und Senta in ihrem Wohnzimmer überstehen muss. Am Ende greift sie überraschend zum Gewehr und tötet den eigentlich unsterblichen Holländer. Die Wagner-typische Erlösung findet in dieser Inszenierung also nicht statt. Eher der weibliche Triumph über das Trauma

Der noch junge, vielseitige Tenor Kieran Carrel gibt als Steuermann ein gutes Bayreuth-Debüt. Das ist Benjamin Bruns bereits vor 6 Jahren gelungen. Er singt dieses Jahr erstmals den Erik voller Verzweiflung mit sehr lyrisch-leidenden Tönen.  In den vergangenen Jahren war er stets die bewährte Stammbesetzung für den Steuermann.

Der fliegende Holländer Nicholas Brownlee (Holländer) © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der Chor unter der Leitung von Thomas Eitler-de Lint zeigt sowohl große Wucht als auch enorme Spielfreude bei den neuen Regieansätzen:

  • Das Spinnlied wird als Chorprobe inszeniert, wobei Mary dirigiert.
  • Der Geisterchor sitzt in Greifweite auf dem gleichen Kneipenvorplatz wie der Matrosenchor – jedoch zunächst als regungslose Zombies. Das Bild wirkt enorm stark, begleitet von enormer Chorleistung. Diese Szene wird sicher im kollektiven Gedächtnis bleiben.

Die musikalische Leitung   obliegt heuer wieder Oksana Lyniv. 2021 war sie noch die erste Dirigentin der Bayreuther Festspielgeschichte. Inzwischen scheint sie einen festen Stammplatz bei dem Bayreuther Holländer zu haben: Alle Jahre zwischen 2021 und 2026 gingen nur mit ihr. Zweifelsohne möchte man sie künftig auch mit anderen Werken in Bayreuth hören. Ihre deutlich wahrnehmbare große Freude beim Schlussapplaus ist die reinste Wohltat.

Begeisterter Schlussapplaus, viele enthusiastische Bravos und langes frenetisches Trampeln zeigt: Das Publikum ist heute restlos begeistert, freut sich offensichtlich einfach nur über eine gute Oper, wo nicht allzu viel über den Inhalt gegrübelt werden muss. Die Abweichungen von der Originalhandlung spielen keine Rolle, im Gegenteil. Das Festspielhaus darf zum 150. Jahr die überaus gelungene Wiederaufnahme einer „normalen / experimentfreien “ Oper mitfeiern. 

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