Colmar, Salle Koïfhus, JUNGE TALENTE FESTIVAL INTERNATIONAL DE COLMAR 2026, IOCO
Festival International de Colmar 2026, 13.07.2026
Junge Talente von Morgen
DIE KLASSIK UMARMT DIE LEICHTE MUSE…
Estrellita del lejano cielo,
que miras mi dolor,
que sabes mi sufrir,
baja y dime si me quiere un poco,
porque yo no puedo sin su amor vivir.
Tu eres estrella, mi faro de amor!
Tu sabes que pronto he de morir.
Baja y dime si me quiere un poco,
porque yo no puedo sin su amor vivir
(Estrellita von Manuel M. Ponce)
Eine breite musikalische Landschaft…
Der deutsch-spanisch-malaysische Geiger Elias David Moncado und die französisch-burundisch-ukrainische Pianistin Mirabelle Kajenjeri sind zwei junge Talente der Fondation Gautier Capuçon. Der junge Geiger Moncado, der bereits für seine umwerfende Virtuosität gefeiert wird, hat sich bei zahlreichen internationalen Wettbewerben einen Namen gemacht und tritt regelmäßig auf den großen Bühnen Europas auf. An seiner Seite steht die Pianistin Kajenjeri, die durch die Tiefe ihres Klangs und die außergewöhnliche Reife ihres Spiels auffällt und eine glänzende Karriere verfolgt, die sie bereits zu mehreren bedeutenden Festivals geführt hat.

Ihr farbenfrohes und unwiderstehlich virtuoses Programm durchquert eine breite musikalische Landschaft – von der zarten Estrellita (1912) von Manuel Maria Ponce (1882-1948) bis zu den poetischen Zauberkünsten des Nocturne, LB 14 (1915) von Lili Boulanger (1893-1918), von der strahlenden Anmut der Sonate N° 2 für Violine und Piano in A-Dur, Op. 100, “Thun“ (1886) von Johannes Brahms (1833-1897) bis zu den jazzigen Akzenten der Sonate N° 2 für Violine und Klavier in G-Dur, M 77 (1927) von Maurice Ravel (1875-1937), desgleichen auch die träumerische Sonate N°1 für Violine und Klavier „Mrïi“ (Träume), Op. 4bis (1919) des ukrainischen Komponisten Victor Stepanovych Kosenko (1896-1938), bevor es zu der umwerfenden Carmen-Fantasy (1946) des deutsch-amerikanischen Film-Komponisten Franz Waxman (1906-1967) kommt. Ein feuriges Duo, das man unbedingt entdecken sollte!
Estrellita, der kleine Stern…
Ponce, ein herausragender Gelehrter und Pädagoge, war zugleich auch einer der gefeiertsten mexikanischen Musiker des 20. Jahrhunderts. Seine größten Verdienste erwarb er sich als Komponist, der die Konzerthalle mit der Welt des mexikanischen Volksliedes verband. Er komponierte zahlreiche Werke für Klavier, Kammerensemble und Orchester und ist vor allem für seine beeindruckenden Gitarrenstücke, brillanten Volksliedbearbeitungen und viele eigene Lieder bekannt. Das berühmteste dieser Lieder ist wohl Estrellita, zu dem Ponce auch den Text verfasste. Obwohl es für alle Stimmlagen geeignet ist, wird es meist von lyrischen Sopranistinnen interpretiert. Sie können mit dieser anmutig-lyrischen Melodie und ihren potenziell betörenden Sprüngen zu sanften hohen Tönen einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen. Die Sängerin sagt dem Estrellita – kleiner Stern – am Himmel, dass sie ohne die Liebe ihres Geliebten sterben wird, und bittet ihn daher, herabzusteigen und ihr zu sagen, ob er sie auch nur ein wenig liebt.
Die Geheimnisse der musikalischen Schöpfung…
L. Boulanger war 1913 die erste Frau, die den Premier Grand Prix de Rome für Komposition gewann. Sie wurde 1893 in Paris in eine Musikerfamilie geboren: Ihre Mutter, Princess Raïssa Ivanovna Mitschetsky (1858-1935) war Amateursängerin, ihr Vater Ernest Boulanger (1815-1900) Komponist und Gesangslehrer. Schon als Kind begleitete sie ihre Schwester Nadia Boulanger (1887-1979) zu deren Unterricht am Conservatoire de Paris.
Aufgrund ihrer schwachen Gesundheit war sie oft ans Haus gefesselt, weshalb ihre musikalische Ausbildung hauptsächlich privat stattfand. Sie lernte mehrere Instrumente, übte Improvisation und Vom-Blatt-Spiel und besuchte Orgel- und Kompositionskurse am Conservatoire de Paris. Als Teenagerin beschloss sie, Komponistin zu werden und begann mit Professoren der Musikhochschule, an der sie 1912 aufgenommen wurde, sich auf den Prix de Rome vorzubereiten. Ihr erster Versuch, der durch ihre angeschlagene Gesundheit beeinträchtigt war, scheiterte. 1913 versuchte sie es erneut und gewann den Preis mit ihrer Kantate: Faust et Hélène nach einem Libretto von Eugène Félix Adenis-Colombeau (1854-1923). Dieser Erfolg brachte ihr einen Exklusivvertrag mit dem berühmten Verleger Tito Ricordi II (1865-1933) ein, der es ihr ermöglichte, sich ganz dem Komponieren zu widmen. Ihre Zeit als Preisträgerin in Rom wurde aber durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen!

Die letzten Jahre ihres Lebens waren nicht nur von der Krankheit überschattet, die schließlich ihr Leben forderte. Sondern auch von den Tragödien des Krieges: Viele Studenten des Conservatoires de Paris fielen in den Kämpfen! Ihr Werk, das nur wenige Klavier- und Kammermusikstücke umfasst, ist besonders der Stimme gewidmet. Neben Liedern, wie ihrem Liederzyklus Clairières dans le Ciel ( 1913/1916) nach Gedichten von Francis Jammes (1868-1939), besteht ihr Schaffen hauptsächlich aus Stücken für Chor mit Klavier, Orgel oder Orchester, beginnend im Jahr 1911 und gipfelnd in drei Psalmen mit Orchester: Psalm 24 (1916), Psalm 129 (1916) und Psalm 130, Du fond de l’abîme (1914/1917). Diese Hauptwerke zeugen von ihrer originellen musikalischen Sprache und ihrer Meisterschaft in der Orchestrierung. Sie schrieb auch eine Oper nach einem Libretto, das von Maurice Maeterlincks (1862-1949) Theaterstück La Princesse Maleine (1889) inspiriert war. Das Werk, das nahezu fertiggestellt war, ist leider verloren gegangen!
Vom Film zur Klassik…
Der Komponist Georges Bizet (1838-1875) starb nur drei Monate nach der Uraufführung von Carmen (1875), überzeugt davon, dass es eine Misserfolg gewesen sei. Wenige Jahre später war es die meistgespielte Oper im internationalen Repertoire, und fast ein Jahrhundert lang erfreute sich diese Musik weit über das Opernhaus hinaus großer Beliebtheit.
In unserer Zeit wurde Bizets Meisterwerk als Musical Carmen Jones (1943) mit einem Libretto von Oscar Hammerstein II (1895-1960) am Broadway uraufführt, desgleichen der gleichnamige Film (1954) von Otto Preminger (1905-1986), auch als Ballett vom sowjetischen Avantgarde-Komponisten Rodion Schtschedrin (1932-2025) und nicht zu vergessen von den Tin Pan Alley-Songwritern (1885/1930), Jazz-Instrumentalisten und sogar Rockgruppen neu interpretiert wurde.
Pablo Martin Meliton Sarasate y Navascuez (1844-1908) scheint als Erster einen geigen-spezifischen Charakter in Carmen erkannt zu haben. Er schuf aus Themen der Oper eine virtuose, wenn auch etwas uneinheitliche Fantasy über Carmen für Violine und Klavier , Op. 25 (1881) und erweiterte seinen Potpourri später zu einem Konzertstück für Violine und Orchester, Op. 26 (1882) – obwohl mehrere Nachschlagewerke diese Orchesterfassung fälschlicher Weise dem aus Schlesien stammenden amerikanischen Komponisten und Dirigenten Waxman zuschreiben.
Waxman komponierte tatsächlich die ganz andere Carmen-Fantasie. Dieses Werk hat keinerlei Bezug zu Sarasates Mischmasch. Waxman hätte sich wohl kaum dazu durchringen können, eine Komposition, die bereits eine Art Hybride war und sich zumindest in gewisser Weise vom Original entfernte, neu zu arrangieren. Stattdessen umging er Sarasate und wandte sich wieder Bizet zu.
Waxman schuf seine Fantasien aus Carmen und Tristan und Isolde (1865) von Richard Wagner (1813-1883) für den Film Humoresque (1946) bei Warner Brothers, die John Garfield (1913-1952) zu Isaac Sterns (1920-2001) Aufnahme zu dem Soundtrack auf der Leinwand „spielte“. Jascha Heifetz (1901-1987) sah das Melodrama mit Joan Crawford (1906-1977) und Oscar Levant (1906-1972), dessen Drehbuch von Clifford Odets (1906-1963) nach der berühmten Geschichte von Fannie Hurst (1889-1968) über die aufstrebende Karriere eines jungen New Yorker Geigers und seiner Gönnerin basierte. Die Produktion von Jerry Wald (1911-1962) wurde von Jean Negulesco (1900-1993) gedreht.

Heifetz bat Waxman, das Werk für ihn zu erweitern, damit er es in der beliebten Radio-Sendung The Bell Telephone Hour (1940/1958) aufführen konnte. Der Komponist überarbeitete die Partitur zwischen dem 13. August und dem 18. Oktober 1946. Die Uraufführung am 9. September 1946 war ein großer Erfolg, und Heifetz tourte mit der Carmen-Fantasy um die Welt. Er nahm sie am 11. November 1946 mit Donald Voorhees (1903-1989) auf und diese Aufnahme ist bis heute erhältlich.
Der russische Geiger David Oïstrakh (1908-1974) gab die Heifetz-Aufnahme seinem Schüler Leonid Kogan (1924-1982). Da Kogan in der Sowjetunion keine Partitur des Werkes erhalten konnte, erstellte er kurzerhand eine eigene, indem er sich die Heifetz-Aufnahme anhörte und die Noten einzeln abschrieb. Waxman war der erste Amerikaner, der die großen Orchester der UdSSR in Moskau, Leningrad und Kiew dirigierte, und während seines Besuchs im April 1962 versprach er Kogan, ihm die Orchesterstimmen für eine Aufnahme mit Kirill Kondrachin (1914-1981) zukommen zu lassen. Kurz nach der Veröffentlichung setzte sich Kondrachin in den Westen ab, und die meisten seiner russischen Aufnahmen wurden vernichtet. Kogan unterrichtete Victoria Mullowa (*1959) in dem Werk, bevor sie 1982 mit den Noten auf Mikrofilm aus der UdSSR floh. Ein weiterer Schüler Kogans, Andrei Korsakow (1946-1991) nahm die Carmen-Fantasy 1990 auf!
Die Carmen-Fantasy ist Waxmans meistgewünschtes Konzertwerk, und die Generation von Violinisten nach Heifetz hat sich auf allen Kontinenten für die Musik eingesetzt.
Maxim Vengerov (*1974) und Sayaka Shoji (*1983) haben das Werk mit Zubin Mehta (*1936) und dem Israel Philharmonic Orchestra aufgenommen, ebenso wie Oistrach, Andrei Korsakow (1946-1991), Louis Francini (1935-1947), Rachel Barton Pin (*1974), Chloë Elise Hanslip (*1987), Lara St. John (*1955), Mayuko Kamio (*1986), Alexander Gilman (*1982), Rachel Kolly D‘Alba (*1981) und Nadja Salerno Sonnenberg (*1961). John Williams (*1932) und Keith Lockhart (*1959) und die Boston Pops, Tamara Smirnova (*1958), Metha und Glenn Dicterow (*1948) mit den New Yorker Philharmonikern spielten das Werk mehrfach.
Es wurde auch in der PBS-Fernsehsendung Live From Lincoln Center ( 1976/2019) präsentiert. Die 1977 aufgenommene CD des Trompetenvirtuosen Sergei Mikhaïlowitch Nakariakow mit seiner Carmen-Fantasy war ein großer Erfolg. Rodney Mack (*1970) nahm die Trompeten-Carmen unter der Leitung von Lawrence Foster (*1941) mit dem Orquestra Sinfoniaca de Barcelona I National de Catalunya auf. Am 4.Februar 1998 gab Paul Merkelo (*1968) im Lincoln Center die Uraufführung von der Carmen-Fantasy mit dem New World Symphonie Orchestra unter der Leitung von Michael Tilson Thomas (1944-2026). Die Bearbeitung stammt von Michael Kugel (*1946), Marina Piccinini (*1968) spielte die Flötenfassung, DaXun Zhang (*1981) die Fassung für Kontrabass, und Matt Haimovitz (*1970) führte das Werk kürzlich für Cello in einem unvergesslichen Konzert auf. Es existieren außerdem Fassungen für Blasorchester, Marimba, Tuba und Violine / Klavier.
Siehe auch IOCO-Kritik: Festival International de Colmar in der Église Saint Mattieu mit Brahms-Werken am 12.07.2026.
Das Konzert im Salle Koïfhus im Rahmen des Festival International de Colmar am 13. Juli 2026:
Unter anderem die unverbrauchte Carmen…
Das Festival International de Colmar, das in seiner vierten Auflage von Altinoglu geleitet wird, vereint wie immer erfahrene Musiker und aufstrebende Talente, Werke des großen Repertoires und seltene Stücke, Kenner und Neulinge gleichermaßen und bietet ein einzigartiges und fesselndes Erlebnis. Die räumliche Nähe beliebter Veranstaltungsorte – Stadttheater, Koïfhus (Altes Zollhaus) und Église Saint Matthieu ermöglichen es den Besuchern, vielfältige musikalische Landschaften zu erkunden und unerwartete und reizvolle Kombinationen zu entdecken. Sie können sich aber auch von der Atmosphäre, den Begegnungen und den Träumereien mitreißen lassen, die durch die Präsenz dieser außergewöhnlich schönen Orte in der Stadt entstehen und das musikalische Erlebnis in all seiner Weite und seinem Geheimnis subtil begleiten.

Vermächtnisse…
Um die Mittagszeit im Koïfhus bot das junge Duo Moncado & Kajenjeri ein einzigartiges Erlebnis und schufen eine Verbindung durch zwei Welten. Das Kammermusik-Duo entfaltete sich während dieser fesselnden Musikstunde, die von den beiden Musikern warmherzig und brillant präsentiert wurde, ein ganzes Netz von Wurzeln. „Tradition“ im besten Sinne des Wortes! Dies war das Schlüsselwort, das ihre Repertoirewahl für dieses Konzert bestimmte. Moncado sprach über den Einfluss von Heifetz auf seine musikalische Entwicklung, und Kajenjeri über den bedeutenden ukrainischen Komponisten Kosenko, dessen Werk Mriï die beiden Musiker aufführten. Im Wechsel mit drei Glanzstücken des Klavier- und Violin-Repertoires: 2. Sonate von Brahms, Ravels: Sonate und Waxmans: Carmen-Fantasy boten kürzere, weit weniger bekannte Stücke – insbesondere L. Boulangers großartiges Nocturne, eine willkommene Abwechslung in einem ansonsten recht dichten Programm. Trotz des hervorragenden Zusammenspiels der beiden Künstler und der Qualität ihres kammermusikalischen Dialogs bedauerte man nur, dass Kajenjeri in diesem Programm nicht mehr Raum erhielt. Die subtile Präsenz dieser jungen Pianistin, ihr nuanciertes Spiel, ihre Aufmerksamkeit für ihren Partner: All dies weckt – paradoxerweise! – die Vorfreude auf ihren Soloauftritt am 5. September im Rahmen der Solistenreihe in der Orangerie d’Auteuil.
Auskunft und Karten: www.festival-colmar.com Tel.: +33 (0)3 89 20 68 97