Bremerhaven, Stadttheater Bremerhaven, DIDO AND AENEAS - Henry Purcell, IOCO
„When I am laid in earth“
Purcells Oper „Dido and Aeneas – A Love story?“ als Jugendprojekt am Stadttheater Bremerhaven
Wir besuchten die vierte Vorstellung im Gemeindesaal der Großen Kirche zu Bremerhaven am 11. April 2025
von Thomas Honickel
Als ausgelagerte Spielstätte dient ein mehr als staunenswerter „Gemeindesaal“, eher ein nobler kleiner Theatersaal mit Empore, Bühne und hohen Decken, einnehmenden Langfenstern, die viel Licht in den holzgetäfelten und parkettgeschmückten Saal lassen. Es ist Samstag früher Abend und ein üppig besetztes Auditorium, das den Längstsaal zu beiden Seiten in Stuhlreihen besetzt. Am Ende des Saales eine kleine Abordnung des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven, die sich für ihren Kinder- und Jugendchor des Theaters Bremerhaven (und für die Jugend Bremerhavens) stark ins Zeug legten.

Das alles ist Spielraum für diesen fast 50köpfigen Kinder- und Jugendchor, dessen Altersspanne durchaus von 6 – 18 Jahren reichen dürfte. Verantwortlich für Einstudierung und Leitung des Ganzen der noch junge Edward Mauritius Münch, der gemeinsam mit der Regisseurin Bianca Sue Henne die Einrichtung des ganzen Unternehmens herstellte und das Projekt stemmte. Unisono in blaue Batikhemden im Chor und beim Leitungsteam, Farben, die sich auch im Orchesterauftritt widerspiegeln, lassen das Gemeinschaftliche in den Vordergrund treten. Alle sind auf die eine oder andere Weise Solisten.

Wer hier eine vollständig, künstlerisch perfekte, historisch informierte Aufführung erwartete, musste enttäuscht werden. Indes: Das war auch nicht das erklärte Ziel des Unternehmens, an dem die Heerschar an jungen Menschen gemeinsam mit ihrem Mentor gewerkelt hatte. Vielmehr bot die Auseinandersetzung mit den im frühbarocken Werklein aus der Feder Henry Purcells angehäuften, menschengemachten Konflikten genügend Nährstoff für eine zeitgemäße Übertragung und, wie sich später zeigen sollte, intensive Ergänzung durch Zwischendialoge und Popsongs der Gegenwart, die wahrlich treffsicher gewählt und enthusiastisch vorgetragen wurden.
Neben der Einstudierung des (alles andere als einfachen) Notentextes von Arien, Duetten und der Vielzahl an Chören in der englischen Originalsprache wurden unter Anleitung der Mentoren eigene Texte zur Reflexion mit den Themen Freundschaft, Liebe, Verlassenwerden, Trauer, Kompensation u.v.m. entwickelt. Diese Texte und ihre szenische Integration ins antike Märchen aus der Feder des Vergil blieben trotz extremer sprachlicher Differenz immer anschaulich, authentisch und überzeugend; gerade, weil sie von den Kindern selbst vorgetragen wurden.
Ein Junge mit verblüffender Ähnlichkeit zum genarbten Helden aus Hogwards gab mit überzeugender Manie einen kurzen Abriss, was von Troja über Karthago bis Italien alles geschah, geschehen sollte, geschehen musste nach dem Willen der Götter. Dann nahm das muntere Treiben auf dem weiten Rund mit guter Akustik seinen Verlauf.
Musikalisch durfte man kein Purist sein, denn das Präsentierte nahm die Partitur Purcells gewissermaßen als „Steinbruch“, um das Passende (und das Machbare) daraus zu lösen und es in einen stringenten Handlungsfaden zu überführen. Folglich entfielen nahezu alle Rezitative, an deren Stellen die oben erwähnten freien aus dem Kollektiv vorgetragenen Texte rückten. Die Arien von Belinda, Dido, Zauberin und Hexen sowie wenige Passagen von Aeneas wurden in Kleingruppen gesungen. Das Unternehmen durfte einem im Vorfeld die Stirn runzeln; das Ergebnis indes ließ (mehr als) aufhorchen. Ausgesprochen homogen, klangschön und intonationssicher musizierten die jungen Menschen ihren Purcell.
Die szenischen Einlassungen waren ganz offensichtlich in einem „work in progress“ entwickelt worden, weshalb sie überzeugend daherkamen. Von den kleinen Mikro-Choreographien bis zu den großen Gruppenbildern wirkte alles rundum stimmig und vor allem einnehmend. Da das Ensemble hautnah an den Zuschauern agierte, teilweise in kleinen Momenten sogar direkt im Gespräch mit ihnen Kontakt aufnahm, konnten es sich manche der Kleinsten auch nicht versagen, kurz Eltern oder Großeltern im Publikum mit zartem Lächeln oder kleinem Wink zu begrüßen. Rührend!
Es wurde weitgehend vierstimmig gesungen. Eine Mordsleistung, wenn man den Umfang der Chorpartien, das teilweise exotische englische Vokabular, die bisweilen ins Polyphone geratene Textur und die purcelltypischen Dissonanzen mit im Kopf hat. Bemerkenswert die vierköpfige Bassgruppe, der das Kunststück gelang, sich gegen die weibliche Übermacht hörbar durchzusetzen.
Die eingestreuten Popsongs von Herbert Grönemeyer, Andreas Bourani und Jupiter Jones waren dann der Ort, an dem sich die jungen Akteure vollends in ihrer Lebenswirklichkeit wiederfinden konnten. Mal schmissig, mal poetisch, mal ergreifend stimmten sie die populären Musikwelten ihrer Generation an und schmolzen selbst im Angesicht ihres Tuns im öffentlichen Raum dahin. Was man snobistisch als kolossalen Bruch hätte deuten können, wurde durch die Kinder und Jugendlichen selbst hinweggefegt. Wenn es Abend gewesen wäre und wir uns OpenAir befunden hätten, würden vermutlich Feuerzeuge oder Handylichter die Szenerie illuminiert haben.
Die Themen, die zeitlos von der Antike über das Frühbarock bis in unsere Zeiten den Spätnachmittag durchzogen, waren Fragen wie: „Was ist Liebe?“, „Wie stellt sie sich dar?“, „Wo finde ich sie?“, „Was geschieht mit mir, wenn ich sie verliere?“
Während der Ouvertüre kommen die jungen Akteure verstreut und wie zufällig ins Publikum und berichten anhand kleiner Bilder, was sie persönlich am meisten lieben. Später nehmen die jungen Menschen nochmals direkt Kontakt auf, wenn zum metaphorischen Belinda-Gesang zur antiken Diana/Aktaeon-Story die Frage an uns gerichtet wird: „Woran merkst du, dass jemand dich liebt?“
Eine der Erkenntnisse der jungen Menschen nimmt auch uns Ältere ein, die wir in einem langen Leben gelernt haben: „Vertrauen ist alles!“
Die Vielzahl an stimmigen und überzeugenden Bildern, welche die Regisseurin Bianca Sue Henne mit den Eleven entwickelt hat, machen ein ums andere Mal Staunen: Stilisierte Hexenbesen, reigenhafte Momente des Stillstands, die gespielt fotografisch fixiert werden, der adhoc-Nachbau von Aeneas´ Armada, die auf sturmumtoster See (blaues, bewegtes Tuch) gen Italien reisen; nicht alle erfolgreich, um dort Rom zu gründen. Hier hat eine effektive, wirkungsvolle und nachhaltige pädagogische Arbeit gegriffen.
Im einzigen echten Duett der Oper, dem finalen Abschied Aeneas von Dido, brillieren die vier Männer, von denen noch nicht alle den Stimmbruch genossen haben, und vier reizende junge Damen. Fordernd und flehend die Einen, schroff und zickig die Anderen. Das hat was!
Im Kopf (und im Herzen) bleiben der stückbestimmende Jones-Song der vier pubertierenden Herren „..der Grund, warum ich nachts nicht schlafen kann!“ und die vier aus dem Himmel der Empore singenden Didos mit ihrem anrührend gesungenen „When I am laid in earth“.
Stellvertretend für die große Gruppe an wunderbar echt und mega engagiert agierenden und singenden Chormitgliedern seien sie hier erwähnt, weil ihr Gesang und ihr Mut damit gestärkt sein soll: Liliane Duarte-Marais, Naomie Gallinger, Letizia Pellegrini und Clara Vaiser als Dido-Formation und Paul Dimitrov, Noah Samuel Dosdal, Jakob Langer und Lennox Rahn als Aeneas-Team. Bravi!
Ein übergroßer Dank geht an die 14 „Nothelfer“ im Orchester, das den Streicherapparat von Purcell durch Querflöte, Oboe, Fagott und Schlagwerk ergänzt. Die Bläser dienen als Stütze für die vokalen Stimmen und als adäquate Stimmungsaufheller bei den Popsongs. Die Percussionistin flankiert geschickt und einfühlsam die Ballettmusiken aus alter Zeit und den Groove der Songs aus neuer Zeit. Phantastisch, dass die Profis des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven sich für ein solches Unternehmen nicht zu schade sind, sondern es mit Verve und Geschick stützen. Der musikalische Leiter (und Arrangeur?) am Cembalo, Edward Mauritius Münch, hat da ganze Arbeit geleistet und hält seinen „Laden“ mit den vielen Akteuren auch auf Distanz bestens im Griff.
Hier stellt sich das Orchester der Stadt in den Dienst der jungen Sache, hoffentlich mit Nachfolgeproduktionen. Eine Pflichtveranstaltung für Schulklassen, Geschichtskurse, Musikklassen und alle Bremerhavener Familien. Größte Wertschätzung!
Nicht nur das Publikum hat am Ende einen Erkenntnis- und Repertoiregewinn. Auch die jungen Menschen selbst, die sich ein glattes Jahr mit dem zauberhaften Unikat aus der Feder des „Orpheus britannicus“ beschäftigt haben, beschäftigen durften, haben Musik aus weit mehr als 300 Jahre Vergangenheit für sich erwerben können.
Anhaltender, Bravo-durchsetzter Applaus für alle Akteure und das Philharmonische Orchester Bremerhaven hallen in dem prächtigen Raum nach, bis die Angehörigen und Fans auf dem Kirchplatz die „Künstlerinnen und Künstler“ begeistert in Empfang nehmen.
Chapeau an alle Beteiligte!
Wer DIESES education-Highlight nicht vermissen möchte, hat dazu noch Gelegenheit:
Link Theater Bremerhaven: Dido and Aeneas – A Love Story? - Stadttheater Bremerhaven
Hier gibt es Gelegenheit, den Artikel zur parallel verlaufenden Produktion „Dido/Erwartung“ des Theater Bremen einzusehen:
Der LINK folgt in Kürze.
Alle Aufführungs-Bilder: credits to Heiko Sandelmann