Bremen, Theater Bremen, Doppelabend: DIDO AND AENEAS - Henry Purcell und ERWARTUNG - Arnold Schönberg, IOCO
„Ich alleine…in meiner Nacht…“
Gedanken zum Doppelabend „Dido and Aeneas“ von Henry Purcell und „Erwartung“ von Arnold Schönberg
Wir besuchten die zweite Vorstellung am 12. April 2025
von Thomas Honickel
Avant prospos
Die Kombination von historischen Werken mit solchen des 20. Jahrhunderts sind nicht selten und dienen zumeist als Auseinandersetzungen mit grundsätzlichen Fragen zu Kernproblemen menschlicher Existenz. In jüngster Zeit kamen diese oder ähnliche Kombinationen bereits mehrfach heraus: Bayrische Staatsoper (2023), sowie mit anderen Werken „Dido + X“ an der Komischen Oper Berlin, der Oper Frankfurt, der Staatsoper Stuttgart und am Theater Basel.
Im Fall des Doppelabends Dido/Erwartung geht es um zwei grundverschiedene Protagonistinnen, die an der Nichterfüllung ihrer Beziehungen scheitern, stranden, vergehen.

Hintergrund Tate/Purcell
Die karthagische Königin Dido (eigentlich Elissa im phönizischen Original) verweigert nach dem Tod ihres ersten Mannes jedwede Form von neuer Partnerschaft und Liebe. Als sie sich dennoch auf den aus den Feuern Trojas entkommenen Heerführer Aeneas einlässt, verliert sie den realistischen Blick auf diesen Helden, der allerdings auch trefflich verschweigt, dass sein Bleiben endlich ist und sein Auftrag in der Gründung Roms liegt. Kein Spiel mit offenen Karten, an dem die karthagische Königin gebrochenen Herzens stirbt, nachdem sie zuvor den treulosen Trojaner stinksauer rausgeschmissen hat: „That you had once a thought of leaving me!“.
Dass in dem Skript von Nahum Tate, das Purcells Opernerstling (!) zugrundeliegt, überdies noch intrigante Hexen unter Führung einer Zauberin auftauchen, macht das Ganze zum vorhersehbaren Plot, an dessen Ende es fast nur Verlierer gibt. Purcell, der Frühvollendete, erhielt schon zu Lebzeiten den Ehrentitel „Orpheus britannicus“ und schuf mit seiner Semiopera „Dido and Aeneas“ ein Opus von mitreißender Wirkung und einer packenden Tonsprache, die einigermaßen singulär im Barock dasteht. Dazu einer Architektur mit Rezitativen, Ensembles, Chören und Ballettmusiken, die überdies tonartlich korrespondierend die Szenen wie aus einem Guss erscheinen lassen. Abendfüllende Opern folgten dann bis zu seinem frühen Tod mit King Arthur, The Fairy-Queen, The Indian Queen und „The Tempest“.

Hintergrund Pappenheim/Schönberg
Und auch die namenlose Frau, die durch die mondhelle Nacht eines tristen Waldes geht, wird bei Marie Pappenheim (Libretto) und Arnold Schönberg (Musik) als fragile, enttäuschte, einsame Figur beschrieben und dargestellt. Ihre Einsamkeit wird durch den puren Monolog noch gesteigert, ihre Einlassungen zu allen Facetten einer verflossenen Liebschaft legen bisweilen die Frage nahe, ob wir es hier mit Wahn oder Wirklichkeit zu tun haben. Die Schroffheit des hoch expressionistischen Werkes aus Schönbergs Feder befindet sich kompositorisch im Niemandsland zwischen der Beendigung seiner spätromantisch/freitonalen Werke und dem Beginn seiner dodekaphonisch begründeten Kompositionen (ab 1921).

Zum Setting in Bremen
Die gar nicht mal so kleine Location des Kleinen Hauses vom Theater Bremen ist in ein fast antik anmutendes Einheitsbühnenbild getaucht. Um einen quadratischen Grundriss, der mit wenigen Reliefs strukturiert ist und der von oben mit Neonstrahlern illuminiert werden kann, gruppieren sich zwei terrassierte Ränge mit jeweils 100 Sitzplätzen für das Auditorium. Die seitlichen Aufgänge für die Besucher werden mitbespielt. Dem auf Streichquintett und Cembalo reduzierten Purcell-„Orchester“ stehen auf der Gegenseite zwei Flügel für den Schönberg-Teil gegenüber. Agiert wird auf, neben und seitlich des zentralen Bühnenelements.

DIDO
Die Kostüme des „Dido“-Abend orientieren sich in einer Mixtur von historisierenden Elementen und modernen Adaptionen, an den Perücken des 17. Jahrhunderts und an griechisch anmutenden Bekleidungen aus antiker Zeit; dazu kommen poppig-grelle, überzeichnete Oberteile und Kleidchen, die einen Stilmix aus Louis XIV und „Alice im Wunderland“ imaginieren können. Die Chorsänger operieren ausnahmslos in Abstufungen von weiß über grau bis schwarz, Belinda erhellt ein Hellblau, Dido ein etwas büromäßig anmutendes Dunkelblau mit Krawatte und Glitzerohringen; und Aeneas staffiert man wie einen antiken Helden auf alten Keramikvasen aus, allerdings in blutrot (Anklänge an Trojas Blutrausch?). Man will offensichtlich die disparaten Welten aus Antike und Barock miteinander verbinden. In Einklang gerät das aber nicht, manches wirkt eher ein wenig albern. Aber wem´s gefällt…
Im Dido-Teil sind die Effekte auch mit farblich differenzierter Beleuchtung stimmig und erwartbar; gerade im Hexenteil mit allerhand Nebel und bizarren Farbkontrasten macht das Sinn.
Der Schönberg-Teil beginnt und endet in völliger Dunkelheit, lichtet sich bisweilen, korrespondierend mit der Frau, die sich vom konturlosen, mantelumhüllten Phantom zur von Schmerzen durchtränkten Leidenden offenbart. Passend zur Entdeckung der Leiche ihres (ehemaligen) Geliebten auf dem Waldboden ändern sich dann Farben (Glühwürmchengrün) und Stimmungen, bis endlich die Protagonistin wieder in der Dunkelheit der „Landschaft“ verschwindet und sich in Nichts aufzulösen scheint.
Die modernen, wenig passenden und schon gar nicht attraktiven Bürostühle sind ein Störfaktor; und dass sie in beiden Teilen dann auch als Zeichen größter Wut und Enttäuschung permanent geräuschvoll umgeschmissen werden, macht es auch nicht besser. Manches von all dem kann man übersehen; manches ist störend fürs Szenische, vor allem aber fürs Musikalische.

Regie
Das Konzept von Regisseurin Kristina Franz ist nahe an der Musik, ohne deren Tiefenwirkung und seelische Konnotationen für uns zu ergründen. Ein Handicap mag dabei auch sein, dass der mal hymnische, mal verschlagene, mal mitleidende Chor, dem Purcell so Unglaubliches eingeschrieben hat und dessen Umfang fürs Werk alleine Staunen macht, dass eben jener Chor „nur“ durch vier Solisten repräsentiert wird.
Die Reduktion auf ein Solistenquartett anstelle eines mindestens handlichen Ensembles ist ein Manko dieser Produktion, auch wenn die vier Künstler dieses Rumpfchores sich mehr als redlich mühen. Dass die Spielleiterin dieses Quartett dann auch noch aus allen viel Himmelsrichtungen singen lässt, verschärft die Situation, schmälert den packenden Eindruck der kompakten Chorsätze, bringt die luzide Polyphonie bisweilen ins Wanken und ist auch kein Beförderer einer homogenen Intonation. Wie will man sich auch auf fast zwölf Meter Distanz musikalisch zu viert verständigen? Überdies hört man als Zuschauer stets eine Chorstimme vergleichsweise laut, die übrigen zart bis kaum wahrnehmbar. Ein Verlust!
Die „Dido“ aus Bremen ist ein stimmlicher Mix aus Profis vom Haus, Masterstudenten und solchen, die noch im Studienverlauf beschäftigt sind. So ehrenwert (und offensichtlich mit schöner Kontinuität) Solches am Haus geschieht, bedeutet es immer auch ein gewisses künstlerisches Gefälle oder mindestens erkennbare Unterschiede im Umgang mit der Bühne, mit dem Orchester und mit der Szene.

Ulrike Mayer und Ian Spinetti als Titelgestalten nehmen da als Profis mit großen Stimmen naturgemäß einen großen Raum ein. Der Freundin Belinda aus dem Masterstudiengang „Alte Musik“ unterschiebt die Regisseurin noch eine Komplizenschaft mit Zauberin und Hexen, was nirgends verbürgt ist; vermutlich dem Umstand geschuldet, dass einfach zu wenig Stimmen da waren, um z. B. auch die Hexenduette herzustellen. Hier rächt sich das erste Mal die geringe Personnage, an der die Stimmigkeit des szenischen Verlaufs geopfert wird. Folgerichtig erscheint Belinda (Carmen Callejas) nach der Beteiligung am Hexenkomplott auch nicht mehr im Finale (das wäre dann ja inkonsequent, wenn man der Regisseurin folgen würde); und das, obwohl Dido innig die Freundin zu Hilfe ruft „Thy hand, Belinda!“
Dass alle vier Eleven der Hochschule für Künste Bremen auch die Chance für einen kleinen oder mittleren Auftritt erhalten, ist ein schöner Kniff, aus dem Mangel an Stimmen eine Tugend herzustellen. So wird der Chorsopran von Ida Grotke auch zur zweiten Dame und zweiten Hexe, der Chor-Alt von Anastasia Lakka-Boni zur Zauberin, der Chor-Tenor von Alexander Schmidt zum Matrosen und der Chor-Bass von Hwanyeong Jeong zum Spirit, wenngleich der Geist (der Zauberin in Gestalt von Merkur) recht eigentlich eine Countertenor-Partie ist.

In der Personenführung der Protagonisten bleibt die Regisseurin bisweilen merklich distanziert. Fast statuarisch/konzertant wirken vor allem die ariosen Teile (über den Chaconnys). In Fahrt kommt sie in den Rezitativen; ein Höhepunkt ist definitiv der Hexenakt mit Höhlenszene und Flucht vor dem Gewitter. Warum man indes den Furientanz unmittelbar vor dem Showdown zwischen Dido and Aeneas als einzigen Satz der Oper gestrichen hat, erschließt sich nicht. So stößt das letzte Gelächter der Hexen auf Didos nahende Ahnungen. Purcell hat solche rein instrumentalen Werke nicht nur geschaffen, um die Atmosphäre seiner Szenen (nicht zuletzt durch Ballette) stimmig abzurunden, sondern auch, um das Personal schlüssig von der Bühne zu „entfernen“, damit neue Personen sie bevölkern können. Musste man da ohne Not in die Partitur eingreifen?

Nahezu planlos und matt wirkt das berühmte Finale, nicht zuletzt, weil Dido völlig alleine bleibt (wohl inszeniert beabsichtigt) und deren Darstellerin diesen Moment nicht so auszukosten weiß, wie es Not täte. Keine Belinda weit und breit, die ihre Hand halten könnte beim Eintritt ins Nirwana („Thy hand, Belinda!“), keine Cupids, die Rosen streuten, wenngleich sie davon singen. Bedauerlich, dass dieser Fluchtpunkt, auf den alles in der Oper zusteuert, so vergeben wird.
Die Wiederholung des Finalchores „With drooping wings“ soll nach Partiturangaben eigentlich rein instrumental vorgetragen werden. In Bremen schweigen hier die Instrumente, um die Choristen gesummt den finalen Satz anstimmen zu lassen. Warum das geschieht, erschließt sich erst, wenn man nach dem letzten Verhauchen des „Never part!“ den Cembalisten an einem der Flügel wiedersieht, wo unmittelbar sich Schönbergs „Erwartung“ anschließt. Clever gemacht und absolut stimmig. Das weckt „Erwartungen“ und klammert die beiden Stücke unmittelbar aneinander.

Das Rückgrat dieser barocken Dido ist das instrumentale Ensemble rund um Yu Sugimoto, das mit Verve, Leidenschaft und punktgenau seinen Purcell abliefert. Ayano Shigematsu, Johanna Dall`Asta (Violinen), Tim Wie Lam (Viola), Barbara Hartrumpf (Cello), Theo Small (Kontrabaß) sind Gäste der Hochschule für Künste Bremen, die dort ihre Fertigkeiten im Fachbereich „Alte Musik“ vervollkommnen. Und da fehlt nicht viel! Atemberaubend in den Tempi, weitgehend makellos in der Intonation, historisch optimal informiert, ausgestattet mit Barockbögen und Darmsaiten klingt ihr Quintett zzgl. Cembalo wie aus einem Guss. Besonders bemerkenswert sind die überaus reichhaltigen und stilechten Ornamente, die sie vor allem in die Chaconnys einstreuen, um den Folien alle denkbaren Facetten abzugewinnen.
Ihnen zur Seite stehen fünf vokale Kommilitonen der Hochschule für Künste Bremen, unter denen die Belinda von Carmen Callejas besonders heraussticht. Glasklare und rhythmisch präzise Koloraturen, blitzsaubere Diktion und dazu eine spielfreudige Art, welche die Figur unmittelbar für sich einzunehmen weiß. Ihr heller, biegsamer Sopran ist die allerschönste Allianz des Abends mit den Instrumentalisten. Barock at its best!
Die vier Eleven im Chor machen ihre Sache szenisch und stimmlich insgesamt gut. Die Handicaps, unter denen sie agieren müssen, lassen keine weiteren detaillierten Rückschlüsse zu. Ihre Leistungen in den Solorollen indes beleuchten ihr Können adäquater: Der munter aufsingende Matrose von Alexander Schmidt gefällt ebenso wie der sonore Spirit von Hwanyeong Jeong. Mitreißend gestaltet und dämonisch gesungen mit samtener Höhe und satter Tiefe ist die Zauberin von Anastasia Lakka-Boni. Und der glockenhelle Sopran von Ida Grotke gefällt als provokant-hämische Hexe ebenso wie als Hofdame mit Charme. Zu besonderer stimmlicher Strahlkraft findet sie in den beiden Duetten mit Belinda.

Der Aeneas von Ian Spinetti hat die undankbare Rolle des Stichwortgebers, der ohne eigene Arie auskommen muss. Darüber hinaus liegt die Tessitura der Partie im Grenzbereich zwischen Tenor und Bariton (für diesen zu hoch, für jenen zu tief). Das Dilemma macht er wett, indem er die vermeintlich zu hohen Passagen (vor allem im Klagegesang nach dem Geistauftritt) mit sotto voce klangvoll in den Kopf nimmt, wo sie seine innere Bewegtheit subtil schildern. Ansonsten glänzt er mit mal heroischem Auftritt, mal ironisch gebrochener Szene. Sein Bariton klingt angenehm weich und eben auch im sotto voce tragfähig; die Gestaltung des dramatischen Dido-Abschieds gelingt mitreißend.
Die Dido von Ulrike Mayer lässt einen ratlos zurück. Sie ist sehr bemüht, der Rolle Zwingendes und Inniges abzutrotzen. Ihre Dido bleibt indes diffus und matt; vielleicht ein Opfer fehlender Regiearbeit? Stimmlich unterscheidet sie sich von den zahlreichen graden Stimmen, die für eine gewisse Homogenität vor allem mit den Instrumenten stehen. Ihr Vibrato verortet sie in einem ästhetisch gänzlich anderen Lager. Einige intonatorische Schwächen offenbart sie leider bei lang gezogenen Tönen, die beständig zu tief ansetzen; auch und gerade noch in der Traumarie des Werkes „When I am laid in earth“. Koloraturen (z.B. vor dem Gewitter) werden zu einem Glissando, in dem man keine Einzeltöne mehr wahrnehmen kann. Liegt hier eine klassische Fehlbesetzung vor?
Zu den Aktiva ihrer Darstellung gehören die Rezitative mit Belinda und Aeneas; da ist auch Spiel auf Augenhöhe und durchaus pointiert. Sie ist definitiv eine Singdarstellerin von Format, aber leider keine Dido.

SCHÖNBERG
So wenig, wie die Regisseurin in Dido gestalterische Impulse zu wecken versteht oder szenische Bögen gestaltet, so stimmig, durchdacht und äußerst sensibel ist ihre Arbeit in Schönbergs „Erwartung“. Das Ausloten der mannigfaltigen Episoden in diesem monströsen Monodram gelingt ihr in allen Facetten: Das phantomhafte des Beginns, die Dimensionen von Angst, Einsamkeit, Trauer, Wut, Verzweiflung, und die immer wieder aufkeimenden Erinnerungen. All das lässt sich in diesem Kammerspiel für eine Sängerin auf´s Intensivste nachvollziehen, miterleben.

Die Momente, gleich ob es Ausbrüche oder innere Klagen sind, kriechen beim Hörer und Betrachter unter die Haut. Dazu sensibel ausgeleuchtete Szenen und nachdrückliche Gänge und Haltungen der Akteurin. Auch die Frage nach Wahn und Wirklichkeit des Dargestellten/Berichteten lässt die Regisseurin zurecht im Vagen. Dass am Ende Eskapismus, Ausweglosigkeit, Sinnleere und vielleicht gar ein Suizid im Raum stehen, fühlt man nahezu körperlich. Hier wurde intensiv und nachdrücklich geforscht, gearbeitet und gedeutet.
Dass das Entledigen des schwarzen Mantels, der wie ein Tarnumhang wirkt, eine attraktive Frau in einem mondsilberglänzendem Kleid freigibt, sie somit von ihrer verletzlichsten Seite zeigt, ist ebenso ein Coup wie das Finale, in der sie in diesen Mantel, vielleicht dem ihres Geliebten, wieder zurückschlüpft, um im Dunkel der Nacht zu entschwinden und ins Nichts zu vergehen. Gänsehaut!

Gesang
Dieser Teil des Abends steht und fällt mit der Singdarstellerin, die in der frisch zur Kammersängerin ernannten Nadine Lehnert die denkbar beste Anwältin der namenlosen Frau hat. Ihr souveräner Umgang mit der extrem heiklen Textur des Notentextes nimmt über die gesamte Distanz gefangen. Das sind viele Noten (Ambitus: g0 – h2), heikle Passagen mit exorbitanten Sprüngen, enorme dynamische Kontraste und ein Dschungel durchs atonale Terrain, der unfassbar erscheint.
Punktgenau liefert KS Lehnert diffizilste Intervallkonstellationen und komplexeste Rhythmen ab. Dabei spielt sie hinreißend: Mal klagend, bestürzt, empört, eifersüchtig, mal verzweifelt, hoffnungslos. Sie lauscht jeder Phrase, jedem Satz, jedem Melisma nach, lässt uns so an allen Facetten ihrer Seele teilhaben. Dass diese Partie erst 15 Jahre, nachdem sie komponiert wurde, in Prag durch Alexander Zemlinski mit Marie Gutheil-Schoder realisiert wurde, ist noch heute nachzuvollziehen.

Instrumente
Eines der Kernwerke des frühen Expressionismus erklingt in Bremen in einer Fassung für zwei Klaviere, deren Urheber leider nicht benannt wird; möglicherweise eine (geschickte) Aufteilung des umfänglichen Klavierparts mit den zahlreichen Stichnoten für zusätzliche orchestrale Aspekte? Der pure Anblick des Klavierauszugs der Orchesterpartitur alleine macht schon einigermaßen schwindelig.
Joanna Laszczkowska und Yu Sugimoto bereiten KS Nadine Lehnert den nötigen „orchestralen“ Boden, auf dem sie sich auf- und abschwingen kann. Die beiden Tastenspieler bestechen durch stupende Technik, makellose Abstimmung und enorme dynamische Bandbreite. Bei ihnen klingt Schönberg auch mal ansatzweise nach Bela Bartok oder Igor Strawinsky, bisweilen in den zarten Momenten auch mal nach dem gemäßigt modernen Alban Berg. Gegen Ende hin vermeint man gar einen späten Claude Debussy zu hören, wenn impressionistisches Mondlicht durch den Äther zieht. An Farbgebung mangelt es diesem meisterhaft spielenden Duo jedenfalls nicht. Dabei strukturieren sie das Werk, das eigentlich durchgehend komponiert ist, bezwingend in einzelne Szenen.

Nach dem finalen „Wo bist du?...es ist dunkel…“ hält man den Atem an; tiefgreifende Stille und anschließend ovationsartiger Jubel für dieses bemerkenswerte Trio, das eine Lanze für den bedeutenden Neutöner bricht. Chapeau!
Der Jubel dehnt sich dann lange über das Gesamtensemble des Abends aus; Bravorufe und anhaltende Ovationen. Zurecht!

Fazit 1
Wer einen munteren Purcell in einem annähernd authentischen Sound wiederhören möchte und wer sich einen fabelhaften Schönberg nicht entgehen lassen möchte, sollte sich einen der noch laufenden Doppelabende nicht entgehen lassen:
LINK Theater Bremen: Mittwoch, 01. April 2026, 19:30 – 21:00 Uhr - Dido and Aeneas / Erwartung - Theater Bremen

Fazit 2
Seit Jahren gibt es sogenannte Hospitationsklassen von Studierenden an deutschen Orchestern oder gar Orchesterakademien, wo angehende oder nahezu fertige Instrumentalisten im Graben und auf dem Konzertpodium erste Erfahrungen mit dem professionellen Betrieb machen können. Im vokalen Sektor ist das allerorten noch erheblich unterbelichtet, sodass neue Vokalisten im Opernbereich zum Teil mit vielen Nöten zu kämpfen haben, um sich dem Betrieb, seinem Anspruch und den zahlreichen Herausforderungen adäquat stellen zu können. Auch die nicht wenigen Opernstudios erwarten eigentlich schon annähernd gestählte Persönlichkeiten.
Wie hoch ist also hier die Initiative des Theater Bremen zu schätzen, jungen Menschen der Hochschule für Künste Bremen noch sehr am Anfang ihrer professionellen Laufbahn am Haus eine Geländerung zu bieten, die punktuell in überschaubaren Produktionen mit überschaubaren Partien den jungen Akteuren Chancen aufzeigt, Hilfestellungen offeriert und Bühnenerfahrung herstellt.
Bravo! Und unbedingt weiter so…
Alle Photos: credit to Jörg Landsberg
Für Interessierte hier der Link unserer Besprechung zur parallel verlaufenden Produktion der Barockoper in Bremerhaven.