Berlin, Staatsoper Unter den Linden LA VESTALE – Gaspare Spontini, IOCO

Berlin, Staatsoper Unter den Linden LA VESTALE – Gaspare Spontini, IOCO
Sonya Yoncheva (Julia) copyright Stephan Rabold

Lutz Nalepa

28. September 2026

Keine Primadonna zwischen Religionskitsch und brutalen Machtkämpfen - Lydias Steiers Inszenierung modernisiert Spontinis Erfolgsoper radikal und will schonungslosen Mechanismen eines autokratischen Regimes nachspüren.

 

„La vestale“ (Die Vestalin) ist eine wegweisende französische Oper (Originalbezeichnung: tragédie lyrique) in drei Akten von Gaspare Spontini. Das Libretto stammt von Victor-Joseph Étienne de Jouy. Der Komponist stellte die Partitur bereits im Sommer 1805 fertig. Durch Intrigen rivalisierender Komponisten und der Leitung der Pariser Oper verzögerte sich das Projekt um mehr als zwei Jahre. Erst nach Überarbeitungen und dank der persönlichen Unterstützung durch Kaiserin Joséphine fand die Uraufführung am 15. Dezember 1807 in Paris statt und bescherte dem Komponisten seinen größten Triumph. Die Berliner Erstaufführung fand bereits 1811 am Königlichen Opernhaus Unter den Linden, der heutigen Staatsoper, statt.

Gaspare Spontini selbst kam erst knapp ein Jahrzehnt später nach Berlin. Er wurde 1820 von König Friedrich Wilhelm III. als erster Generalmusikdirektor an ebendieses Haus berufen und prägte das Berliner Musikleben bis 1841 maßgeblich. Mit ihren groß dimensionierten Szenen wurde La Vestale eine der erfolgreichsten Opern des 19. Jahrhunderts. Die komplexen Chorstimmen, instrumentalen Effekte und Ballettmusiken prägten Komponisten wie Richard Wagner und Hector Berlioz. Die Oper verschwand im Gegensatz zu den anderen von Spontini nie völlig von den Bühnen, sondern wurde in regelmäßiger Folge in Europa und Amerika auch im 20. Jahrhundert gespielt. 1926 nahm Rosa Ponselle zwei Arien der Julia  erstmals im Tonstudio auf und Maria Callas spielte sie 1955 erneut ein, nachdem sie ein Jahr zuvor bereits die Titelpartie in der bekanntesten modernen Produktion übernommen hatte: Mit der Callas wurde La vestale am 7. Dezember 1954 zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala in der Regie von Luchino Visconti anlässlich des 180. Geburtstages des Komponisten herausgebracht, wobei der später weltberühmte Tenor Franco Corelli als Licinius sein glanzvolles Scala-Debüt gab.

Ensemble copyright Stephan Rabold

Obwohl nicht im orignalen Französisch, sondern Italienisch gesungen, ist der Mitschnitt ein spannendes und Maßstäbe setzendes Dokument in der Diskografie des Werkes, das sich nicht wirklich im Repertoire der Opernhäuser etabliert hat, was auch mit dem schwachen dramaturgischen Plot zu tun haben mag. Es ist umso lobenswerter, dass die Berliner Staatsoper es in einer Koproduktion mit der Opéra national de Paris wiederbelebt. 

Die römische Vestalin Julia bricht ihr Keuschheitsgelübde, weil sie das heilige Feuer der Göttin Vesta aus Liebe zu dem siegreichen Feldherrn Licinius erlöschen lässt. Zur Strafe wird sie vom unerbittlichen Hohepriester dazu verurteilt, lebendig begraben zu werden. Licinius versucht verzweifelt, seine Geliebte mit Waffengewalt zu retten, scheitert jedoch an der Übermacht der Wachen. Im letzten Moment schlägt ein göttlicher Blitz in den Altar ein, entzündet Julias Schleier und gilt als Zeichen der Vergebung durch Vesta. Das Paar wird daraufhin vom Todesurteil begnadigt, aus seinen Pflichten entlassen und darf schließlich heiraten.

Musikhistorisch steht La vestale für einen Übergang: sie nutzt die Wucht und die Rettungsmotive der nachrevolutionären Befreiungsoper, bettet sie jedoch in das repräsentative Gewand der kaiserlich-napoleonischen Kunst ein und ebnet damit den Weg für die spätere französische Grand Opéra.

Siyabonga Maqungo (Cinna), Adrian Sâmpetrean (Le Souverain Pontife) Ensemble copyright Stephan Rabold

Szenisch-musikalisch geht es mit der Ouvertüre gleich in die Vollen. Carlo Rizzi gilt als kompetenter Sachwalter des italienischen Repertoires und dirigiert die gut disponierte Staatskapelle Berlin mit Elan und Spannung, einzelne Trübungen seitens der Bläser fallen kaum ins Gewicht, stärker jedoch die szenische Bebilderung des Auftakts mit gleich drei Szenen, in denen Licinius in ein brutal-religiöses Rom zurückkehrt, äußerlich eher betrunkener Rekrut als erfolgreicher Heerführer vor einer dystopischen Betonwand.

Diese gibt zwar nach der Ouvertüre den Blick frei für das Bühnenbild von Etienne Pluss, bleibt aber am linken Bühnenrand mit videoüberwachter Eingangstür mehr oder weniger präsent. Der Bühnenraum ist dem Inneren der Sorbonne nachempfunden, vernachlässigt mit leeren Bücherregalen im Hintergrund. Darin agiert der von Dani Juris bestens einstudierte Staatsopernchor in moderner Alltagskleidung und die Solisten eher in Kostümen der Entstehungszeit des Werkes von Katharina Schlipf. Diese wechselt Sonya Yoncheva in der Primadonnenpartie der Vestalin Julia auffällig häufig. Soll sie damit und dem etwas überzogenem Spiel im letzten Akt vielleicht ihre vokalen Defizite kaschieren? Die Stimme klingt in lyrischen Phrasen durchaus überzeugend, irritiert in der Dramatik jedoch durch ein unangenehmes Vibrato, unschöne bis scharfe Töne und ist insgesamt unausgeglichen, dünn in der oberen Mittellage, grell in der Höhe. Zudem stellen sich zum Schluss hin Konditionsprobleme ein.

David Butt Philip als sehr wortverständlicher Licinius klingt anfangs etwas körnig, läuft im dritten Akt dann zu der großen Form auf, die er in den letzten Jahren vor allem im deutschen Fach bewiesen hat. Marina Prudenskaya setzt ihren in allen Lagen ausgeglichenen und schönen Mezzosopran ein, um mit der in dieser Produktion alles andere als sympathischen Grande Vestale ihr eindrucksvolles Rollenspektrum nach Amme und Marfa zu erweitern. Adrian Sâmpetrean singt den machtgierigen Souverain Pontife mit nicht großem, aber angenehmem Bass.

Sonya Yoncheva (Julia), David Butt Philip (Licinius), Adrian Sâmpetrean (Le Souverain Pontife), Marina Prudenskaya (La Grande Vestale), Staatsopernchor copyright Stephan Rabold

Siyabonga Maqungo als blondierter Cinna ist gut als Stichwortgeber, mit Arie und im Duett mit Licinius leider überfordert.

Dass er am Schluss die Szene dominiert, liegt an der Regie von Lydia Steier, die ihn auf den bisherigen Herrscherthron setzt, nachdem alle anderen Protagonisten im Maschinengewehrfeuer – wenigstens hinter der Bühne - gestorben sind. Es schließt sich der Kreis zum brutal-sadistischen Beginn. Immer wieder werden kitschige religiöse Symbole und Devotionalien über die Bühne getragen, gerollt etc. als Gegenstücke zur militärischen Gewalt. Opulente Bilder gewiss, die die beiden Pole illustrieren sollen, in ihrer Fülle und Wiederholung sind sie ermüdend. Was auch in dieser Produktion nicht fehlt, sind entbehrliche Videosequenzen, die das Liebespaar in intim-privaten Momenten oder große Militärparaden zeigen, wie wir sie aus der ehemaligen Sowjetunion oder Asien kennen. Steier betont, dass die Handlung linear und viel einfacher als in anderen Opern ist. Ist es eine Entschuldigung dafür, dass ihr nicht mehr eingefallen ist? Das heilige Feuer der Vesta spielt mit dem Holzhammer auf die Bücherverbrennung der Nazis neben dem Gebäude der Staatsoper an, indem auf der Bühne die Bibliothek der Sorbonne verbrannt wird. Wenn einzelne Bücher nicht ins Feuer geworfen werden, liest Julia sie, um sie dann zu zerreißen. Kein Wunder, dass beim Schlussapplaus im nicht ausverkauften Haus die Buhs für das Regieteam berechtigt und nicht zu überhören waren, während die musikalisch Beteiligten mit starkem, aber kurzem Jubel gefeiert wurden.

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