Münster, Theater Münster, DIE SCHWÄNE - Ballett, IOCO

Münster, Theater Münster, DIE SCHWÄNE - Ballett, IOCO
Theater Münster Foto: Oliver Berg

Eine Frau sucht die Menschlichkeit

Münster nimmt Lillian Stillwells begeisternd feministische „Schwanensee“- Choreographie wieder auf

Von Hanns Butterhof

MÜNSTER. Kein Blitz und kein Donner, kein höfisches Gepränge am Großen Haus des Theater Münster: Tanzchefin Lillian Stillwell holt mit ihrem Tanzabend Die Schwäne den Ballett-Klassiker Schwanensee schlüssig aus dem Feudalismus in die bürgerliche Gegenwart. Zitate aus dem Off aus Ingeborg Bachmanns Erzählung Udine geht aus dem Jahr 1961 und manche Kostüme verorten das Stück in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Den Anspruch zeitloser Aktualität erhebt der feministische Blick des Librettos von Claus Spahn auf eine Frau, die die Menschlichkeit sucht.

Münster Die Schwäne, Ensemble, in der Mitte Melina Solkidou Fotos Jubal Battisti

Im Zentrum dieser Geschichte steht Odette, beeindruckend getanzt von Melina Solkidou. Odette ist eine Frau, vielleicht die Frau schlechthin, die nur ihrer Sehnsucht zu lieben folgt und daran in der „Welt scheitert, die sich“ - so das Programmheft - „die Männer geschaffen haben“. Sie begegnet auf ihrer Suche drei Männern, dreimal Siegfried, die sie lieben will, und die sie alle durch Akte der Lieblosigkeit enttäuschen.

Stillwell verbindet in Die Schwäne Bewegungen des klassischen Balletts mit Elementen des modernen Tanztheaters und pantomimisch erzählenden Passagen. Es gibt hinreißende Soli, Duette voller Innigkeit  und Gewalt, auch kraftvolle Ensembles. Die in Fülle vorhandenen Pirouetten, weite hohe Sprünge, elegante Hebefiguren sowie Spitzentanz, Linien- und Kreisfiguren sind immer gebrochen durch geerdeten Ausdruckstanz. So stürzt Odette aus einem Sprung auf den Boden oder entledigt sich als Ausdruck der Verweigerung ihrer Spitzenschuhe, die sie dem aufdringlichen Hauptschwan, getanzt von Wendel Lima de Alcantara, vor die Füße knallt. Und der Kreis, den die Schwäne um Odette bilden, öffnet und schließt sich nicht harmonisch, sondern unter aggressivem Zischen; Odette kommt bei ihrer Sehnsucht nach menschlicher Liebe, letztlich nach Menschlichkeit, auch bei den Schwänen nicht an.

Münster Die Schwäne, Männergesellschaft mit Frau (Ensemble und Valerie Yeo) Foto: Jubal Battisti

Die Schwäne in ihren angedeuteten Tutus mit Hosenträgern (Kostüme: Uta Meenen) sind deutlich individualisiert und bilden nicht mehr kollektiv eine weiße heile Gegenwelt. Nur vereinzelt zeigen sie die Pose des Glättens ihres Gefieders oder das Formen des Schwanenhalses bei geöffnetem Schnabel. Wenn die vier kleinen Schwäne, getanzt von Hana Kato, Enrique Sáez Martinez,Valerie Yeo und Naho Takeda, sich überkreuz an den Händen haltend, zierlich den ikonischen pas de quatre des zweiten Aktes tanzen, wirkt das wie eine augenzwinkernde Referenz an die klassischen Vorläufer.

Die Musik orientiert sich an der ursprünglichen Fassung von Pjotr I. Tschaikowsky. Sie trägt, gekürzt und umgruppiert, bruchlos auch die Geschichte des Librettos von Claus Spahn, in der Odette im rebellisch roten Kleid aus der Enge einer sprachlosen Paarbeziehung ausbricht, nachdem ihr Mann sie mit Odile, getanzt von Valerie Yeo, betrogen hat. Schließlich verweigert sie sich ganz einer kleinbürgerlichen Welt, die sich besitzergreifende, grobe Männer in von Hosenträgern gehaltenen Hosen, gestrickten Pullundern und Krawatten  geschaffen haben.

Im letzten Bild trifft Odette noch einmal ihre drei Siegfriede. Zwei von ihnen küsst sie mit einem Todeskuss, so dass sie sterbend zu Boden sinken. Dann küsst sie auch den letzten von ihnen und geht mit ihm in das auch ins Publikum gleißende Licht einer die ganze Breite der Bühne einnehmenden Scheinwerferbatterie. Ob sie dem gemeinsamen Tod oder der Liebe in dem noch zu findenden menschlichen Leben entgegengehen, bleibt offen.

Münster Die Schwäne, Odette bricht aus ( Melina Solkidou), Foto: Jubal Battisti

Lillian Stillwells Die Schwäne sind voll beeindruckenden, musikalisch genau choreographierten Tanzes, den das Sinfonieorchester Münster unter Henning Ehlert einfühlsam begleitet. Allen an der Aufführung Beteiligten  galten nach kurzen eindreiviertel Stunden die langanhaltenden Standing Ovations des Publikums, vor allem aber den begeisternd tanzenden Arianna Hartanov, Hana Kato, Bartlomiej Kowalczyk, Wendel Lima de Alcantara, Juan Fernando Morales Londoño, Enrique Sáez Martínez, Melina Solkidou, Sebastiano Villa und Valerie Yeo von Tanz Münster und  Aaron St. Hilaire und Naho Takeda von Tanz Münster Studio.

 

Die nächsten Termine:26.9. und 3.10.,  jeweils um 19.30 Uhr.