Dresden, Kulturpalast, Sonderkonzert Staatskapelle Dresden - Jörg Widmann, IOCO
20.09.2026
Jörg Widmann stellte sich den Dresdnern vor
Mit einem Abend voller Romantik begann am 20. September des Jahres der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann sein Engagement als Composer & Artist in Residence der Sächsischen Staatskapelle der neuen Saison. Unter dem Motto „Mit dem Teufel tanzen“ zeigte Widmann sein Können als Komponist, Solist, Orchesterleiter und ergänzte zum besseren Kennenlernen den Abend mit launischen Moderationen.
Nach einer Begrüßung durch das Orchester erklang als Auftakt eine Bearbeitung Jörg Widmanns des Klarinettenquintetts B-Dur op. 34 des Carl Maria von Weber (1786-1826) als Konzert für Streichorchester und Klarinette solo.
Vergleicht man die Klangwirkung einer Aufführung von Webers Partitur des Jahres 1815 mit Widmanns Bearbeitung, so ist erkennbar, dass aus der intimen, durchsichtigen feinen Abstufung der Urfassung ein voller, breiter Sound für den großen Konzertsaal entstehen konnte. Aus dem Dialog von vier individuell profilierten gleichberechtigten Streichern mit der Klarinette hatte Widmann einen stärker auf die Gesamtwirkung bezogenen Klangkörper geschaffen. Aus dem Gespräch der fünf Kammermusiker war in der Darbietung seiner Bearbeitung ein stärker auf die Gesamtwirkung gerichtetes Klangvolumen mit größerer dynamischer Spannweite entstanden. Die Klarinette hatte mehr Raum für lange Phrasen, dynamische Bögen und klangliche Wärme gewonnen. Damit auch Freiheiten für die Gestaltung der Tempi und des Zeitmaßes erhalten.
Mit seinen Möglichkeiten als Bearbeiter, Dirigent und Solist erreichte Jörg Widmann, dass das romantische der Komposition Webers durch die Überführung in den größeren, weicheren Resonanzraum des Kulturpalastes ausgeprägter zur Wirkung gekommen ist, als beim Original. Schnelle Tempi und starke Kontraste konnten bestätigen, dass wir keine museale Rekonstruktion eines Kammermusikstückes, sondern eine eigenständige Musik mit starker rhythmischer Masse, mit erstaunlichen Farbströmungen und streckenweise düsteren, fahlen Klängen und orchestraler Schlagkraft erlebten.
Im zweiten Konzertabschnitt präsentierte sich Widmann als Komponist und Solist. Zunächst mit dem Danse macabre aus dem Jahre 2022. Ein Credo, von Ferruccio Busoni (1866-1924) übernommen, nutzte unser Zeitgenosse zum Grundsatz “Musik wurde frei geboren; und Freiheit zu gewinnen ist ihr Schicksal“. Ein außergewöhnlicher Rhythmus bestimmte den Tanz. Mürrisch ließ der Dirigent ein erschöpftes Orchester beginnen, bevor er stufenweise mit dem großen Finale von Beethovens siebter Symphonie die Zuhörer erwecken und mit kühnen Klängen zu jedem Körperteil sprechen ließ. Durchgeführt und bis zur Perfektion aufgeführt, wurde es eine bis ins Mark der Besucher reichende Erfahrung, sinnlich und nachhallend. Mit seinem Kontrast zwischen groteskem Humor und bedrohlicher Stimmung wirkte das Stück wie ein moderner Totentanz. Die Instrumente erschienen wie Figuren: sie lachten, kreischten, hetzten, flüsterten und gerieten regelrecht außer Kontrolle.
Als Kontrast zum Komponisten Widmann des Jahres 2022 folgte eine Interpretation seines ersten veröffentlichten Opus, einer Fantasie für Klarinette in B solo, aus dem Jahre 1993. In das siebenminütige Stück hatte der 19-Jährige alles gepackt, was er zu dieser Zeit beherrschte. Harmonische Reminiszenzen ließen Charakterwechsel auf engstem Raum mit ausgeprägten Spielwitz und vielfältigen Schattierungen des Klarinettenspiels zu.
Zum Abschluss des Konzertes dirigierte Jörg Widmann die Dresdner Staatskapelle mit Felix Mendelssohn Bartholdys (1809-1847) Symphonie Nr. 5 D-Dur/d-Moll op. 107. Entstanden war die Komposition in den Jahren 1829 und 1830 vor den Symphonien Die Italienische und Die Schottische als festlicher Beitrag des getauften Juden Felix zum 300. Jahrestag der Confessio Augustana.
Wegen der Unruhen der französischen Julirevolution fanden aber im Jahre 1830 in Berlin keine Feierlichkeiten zum Jubiläum des Augsburger Bekenntnisses zum Protestantismus statt. Auch widrige Umstände verhinderten eine Uraufführung des Werkes sowohl in Augsburg als auch in Leipzig, so dass die Komposition bis zum Jahre 1832 liegen blieb und ihr nur die Symphonie-Nummer fünf blieb.
Widmann dirigierte die Symphonie mit minimalem körperlichem Aufwand und wirkte dabei vollkommen entspannt. Hob hier und da die Augenbrauen, nickte, lächelte viel, und erzielte doch prachtvolle Nuancierungen dank der aufmerksamen, reaktionsschnellen Musiker der Staatskapelle.
Die vier Sätze deklinierte er so, wie sie der junge Komponist gemeint haben könnte. Den Kopfsatz begann er mit einem Andante in D-Dur, das mit einem Zitat des Dresdner Amen endete, bevor die Musik in den d-Moll-Hauptsatz überging.
Der zweite Allegro vivace-Satz erinnerte dank seines Tempos an ein Scherzo und wegen seines Aufbaus an eine Folge von Menuetten. Ein Kleinod voller Wehmut gelang dem Orchester mit dem Andante, als der Dirigent den einzelnen Klängen genügend Zeit zum Atmen gelassen hatte und ausreichend Zeit zur Vorbereitung des Finalsatzes ließ. Dieses Finale begann mit der Soloflöte, die in Luthers berühmten Choral „Eine mächtige Festung ist unser Gott“ einführte. Nie weit entfernt vom Choral übernahmen die Streicher ein neues triumphales Thema und entwickelten mit vollem Orchester einen glanzvollen Abschluss der Symphonie.
Am 13. November diesen Jahres wird Jörg Widmann weitere seiner Werke mit Mitgliedern der Giuseppe-Sinopoli-Akademie im Rahmen eines Portraitkonzert als Capell-Compositeur im Festspielhaus Hellerau vorstellen.