Tillysburg, Festspiele Schloss Tillysburg, WAS IHR WOLLT – William Shakespeare, IOCO
Zum 10-jahrigen Jubiläum gelingt den Festspielen Schloss Tillysburg unter dem neuen Intendanten J-D Schwarzmann ein überzeugender Neustart. Felix Hafners kluge Shakespeare-Inszenierung begeistert mit Witz, feiner Personenführung und einem herausragenden Ensemble.
von Marcus Haimerl
Mit ihrer Jubiläumssaison schlagen die Festspiele Schloss Tillysburg ein neues Kapitel auf. Das zehnjährige Bestehen markiert zugleich den Beginn einer neuen Intendanz. Zehn Jahre nachdem Nikolaus Büchel das Festival 2017 wiederbelebte – nachdem frühere Festspiele und ein weiterer Wiederbelebungsversuch gescheitert waren – übernimmt nun ein neues Leitungsteam die Verantwortung. J-D Schwarzmann, den Büchel unmittelbar nach dessen Schauspielausbildung gemeinsam mit Lisa Furtner als Assistenz der Intendanz nach Tillysburg holte, steht jetzt erstmals selbst an der Spitze des Festivals. Gemeinsam mit Nikolaus Spiegelfeld als Produktionsdirektor und Samuel Schwarzmann als Assistent der Intendanz und Produktion führt er die Festspiele in ihre zweite Dekade. Nikolaus Büchel hatte Tillysburg als Bühne für anspruchsvolles Sprechtheater mit ausschließlich österreichischem Spielplan etabliert. Das neue Leitungsteam hält am hohen künstlerischen Anspruch fest, öffnet das Festivalprogramm jedoch bewusst für die großen Werke der europäischen Theaterliteratur. Dass William Shakespeares „Was ihr wollt“ diese programmatische Öffnung einleitet, erscheint deshalb ebenso folgerichtig wie symbolträchtig. Dass dieser Neuanfang ausgerechnet mit Shakespeares wohl schillerndster Komödie erfolgt, erweist sich dabei auch auf der Bühne als kluge Entscheidung.

Der Besuch der Vorstellung am 18. Juli 2026 wurde schließlich auch außerhalb der Bühne zu einem besonderen Erlebnis. Ein heftiges Sommergewitter zwang das Ensemble den barocken Schlosshof zu verlassen und die Aufführung im vorbereiteten Gewölbekeller fortzusetzen. Bemerkenswert war dabei weniger der notwendige Ortswechsel als die Professionalität, mit der er umgesetzt wurde: Dank eines vorbereiteten Schlechtwetterkonzepts erhielt jeder Besucher innerhalb kürzester Zeit seinen neuen Sitzplatz, sodass die Vorstellung nahezu nahtlos fortgesetzt werden konnte – ein organisatorisches Kunststück, das ebenso überzeugte wie die anschließende Aufführung.
William Shakespeares um 1601 entstandene Komödie „Was ihr wollt“ (Twelfth Night) gehört zu den vielschichtigsten Werken des englischen Dramatikers. Hinter den turbulenten Verwechslungen, den pointierten Wortgefechten und den komödiantischen Intrigen verbirgt sich weit mehr als eine klassische Liebesgeschichte. Shakespeare entwirft mit Illyrien einen schillernden Sehnsuchtsort, an dem gesellschaftliche Regeln außer Kraft gesetzt scheinen, Identitäten verschwimmen und Liebe immer wieder neue, unerwartete Wege findet. Ausgangspunkt der Handlung ist ein Schiffbruch. Viola strandet an der Küste Illyriens und hält ihren Zwillingsbruder Sebastian für tot. Um sich in der fremden Welt behaupten zu können, verkleidet sie sich als junger Mann und tritt unter dem Namen Cesario in die Dienste des Herzogs Orsino. Dieser schickt seinen neuen Vertrauten als Liebesboten zur trauernden Gräfin Olivia. Doch anstatt sich in Orsino zu verlieben, verliert Olivia ihr Herz an Cesario – ohne zu ahnen, dass sich hinter dessen Männerkleidung Viola verbirgt, die ihrerseits längst Gefühle für Orsino entwickelt hat. Als schließlich auch Sebastian unerwartet auftaucht, geraten die ohnehin verworrenen Liebesbeziehungen endgültig durcheinander.
Parallel dazu entspinnt sich um Sir Toby, Maria, Sir Andrew, Feste und den selbstgefälligen Haushofmeister Malvolio eine zweite Handlungsebene voller Wortwitz und Situationskomik. Gerade diese Mischung aus ausgelassenem Humor und leiser Melancholie macht den besonderen Reiz von „Was ihr wollt“ aus. Die Komödie stellt Fragen nach Identität, Selbstbild und Liebe, die mehr als vierhundert Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Mit Felix Hafner gelingt den Festspielen Schloss Tillysburg eine kluge und erstaunlich werksnahe Interpretation von Shakespeares Komödie. Anstatt den Klassiker mit spektakulären Regieeinfällen oder überbordender Ausstattung zu überfrachten, vertraut er ganz auf das Wesentliche: die Figuren und ihre Beziehungen. Gerade diese Konzentration auf das Wesentliche erweist sich als größte Stärke der Inszenierung. Die oftmals als verwirrend empfundene Handlung bleibt jederzeit klar nachvollziehbar, ohne an Leichtigkeit oder erzählerischem Schwung einzubüßen. Bemerkenswert ist auch der Umgang mit Shakespeares Sprache. Die Textfassung folgt dem Original weitgehend, erlaubt sich aber an ausgewählten Stellen augenzwinkernde regionale und zeitgenössische Einschübe. Wenn etwa vom „Ausharren wie der Pendler im Bindermichl“ oder den „Hochöfen der VOEST“ die Rede ist, entstehen kleine Überraschungsmomente, die das Publikum hörbar amüsieren. Gerade weil diese Aktualisierungen sparsam eingesetzt werden, fügen sie sich selbstverständlich in den Sprachfluss ein und wirken nie wie aufgesetzte Gags.
Vor der eindrucksvollen barocken Schlossfassade entsteht mit wenigen, bewusst gewählten Requisiten ein zeitloser Spielraum. Eine Bar, deren Front eine Reproduktion von Simeon Solomons Aquarell „Sappho und Erinna in einem Garten in Mytilene“ schmückt, ein elektrisch betriebener Trinkbrunnen mit bereitstehenden Bechern sowie eine Jukebox genügen, um einen offenen Begegnungsraum zu schaffen. Auf üppige Dekoration verzichtet Hafner konsequent. Stattdessen richtet sich der Blick des Publikums auf das, worauf es Shakespeare ankommt: die Menschen, ihre Sehnsüchte, Missverständnisse und die komplizierten Wege der Liebe. Selbst das Aquarell an der Bar erweist sich keineswegs als bloß dekoratives Detail. Es lässt sich als feinsinniger Hinweis auf die Vielgestaltigkeit der Liebe lesen und fügt sich damit harmonisch in eine Inszenierung ein, die Fragen nach Identität, Rollenbildern und gesellschaftlichen Erwartungen zwar aufgreift, diese jedoch niemals plakativ in den Vordergrund rückt. Vielmehr entwickelt Hafner daraus eine zeitgemäße Lesart, die den über vierhundert Jahre alten Text erstaunlich gegenwärtig erscheinen lässt.
Gudrun Büsels Kostüme folgen derselben Handschrift wie die Regie: Sie verzichten auf eine eindeutige zeitliche Zuordnung und setzen stattdessen auf individuelle Charakterisierung. Farbige Accessoires und bewusst gesetzte Kontraste verleihen den Figuren ein unverwechselbares Erscheinungsbild, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. So unterstützen die Kostüme die klare Personenzeichnung und fügen sich harmonisch in das reduzierte Gesamtkonzept der Inszenierung ein.

Musikalisch setzt die Produktion bewusst moderne Akzente. Bereits der erste gemeinsame Auftritt des Ensembles wird von Beyoncés „Crazy in Love“ begleitet, zu dessen Rhythmus die Schauspieler mit ansteckender Energie tanzen. Den schwungvollen Abschluss bildet Todrick Halls „Nails, Hair, Hips, Heels“, das den lebensfrohen Grundton der Aufführung noch einmal aufgreift. Die beiden Popsongs rahmen den Abend schlüssig ein und unterstreichen den spielerischen Umgang der Inszenierung mit Geschlechterrollen und Identitäten, ohne dabei jemals zum bloßen Selbstzweck zu werden. Besonders beeindruckend ist Hafners präzise Personenführung. Jede Figur erhält ein unverwechselbares Profil, jede Beziehung entwickelt sich nachvollziehbar, und selbst in den turbulenten Ensembleszenen verliert das Publikum nie den Überblick. Mit viel Gespür für Timing und Situationskomik entstehen immer wieder stimmige Szenen, in denen die Verwechslungen und Liebeswirren ihre volle Wirkung entfalten. Gerade bei einer Komödie, die von wechselnden Identitäten lebt, erweist sich diese Klarheit als eine der größten Stärken der Inszenierung. Selbst nach dem wetterbedingten Umzug in den vorbereiteten Gewölbekeller bleibt dieses Konzept vollständig erhalten und bestätigt eindrucksvoll die Qualität von Hafners Regiearbeit.
Den Mittelpunkt der Aufführung bildet Chiara Larson als Viola beziehungsweise Cesario. Mit großer Selbstverständlichkeit gestaltet sie die junge Frau, die sich nach dem Schiffbruch als Mann ausgeben muss. Dabei vermeidet sie jede Überzeichnung. Larson spielt keinen Mann, sondern glaubhaft eine Frau, die sich in einer Männerrolle behaupten muss – genau darin liegt die Stärke ihrer Darstellung. Zwischen vorsichtiger Zurückhaltung, feiner Ironie und stiller Sehnsucht entwickelt sie eine ebenso sympathische wie berührende Figur, deren innere Zerrissenheit jederzeit spürbar bleibt. Besonders in den gemeinsamen Szenen mit Orsino entstehen jene leisen, emotional dichten Momente, die der Inszenierung ihre menschliche Tiefe verleihen.
Den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt Samuel Schwarzmann. Mit den Doppelrollen des Sebastian und vor allem des Malvolio demonstriert er eindrucksvoll seine enorme Wandlungsfähigkeit. Den offenen, liebenswerten Sebastian zeichnet er mit ruhiger Selbstverständlichkeit, während er den selbstgerechten Haushofmeister Malvolio mit einer Fülle fein abgestufter Ausdrucksmittel versieht. Seine ausdrucksstarke Mimik, die präzise Körpersprache und seine hervorragende Wortdeutlichkeit machen insbesondere die berühmte Briefszene zu einem Höhepunkt der Aufführung. Dabei widersteht Schwarzmann stets der Versuchung, Malvolio zur bloßen Karikatur werden zu lassen. Hinter aller Eitelkeit und Selbstüberschätzung bleibt immer ein verletzlicher Mensch sichtbar, dessen Demütigung am Ende ebenso Mitleid wie Lachen hervorruft. Mit dieser vielschichtigen Interpretation gelingt Samuel Schwarzmann eine der eindrucksvollsten Charakterstudien des Abends.

Ebenso souverän meistert Paul Wiborny seine beiden Rollen. Sein Orsino erscheint als leidenschaftlicher Herzog, der sich ganz seinen romantischen Gefühlen hingibt, während er als Sir Andrew von der Fröstelbacke (Sir Andrew Aguecheek) mit köstlicher Naivität und entwaffnender Tollpatschigkeit für zahlreiche komische Höhepunkte sorgt. Kostüm, Körperhaltung, Sprache und Spielweise unterscheiden beide Figuren so klar voneinander, dass der Rollenwechsel jederzeit nachvollziehbar bleibt.
Mit großer Eleganz und feinem Gespür für die Entwicklung ihrer Figur lässt Constanze Winkler die Gräfin Olivia glaubhaft entstehen. Aus der zunächst in tiefer Trauer verschlossenen Adeligen entwickelt sich eine Frau, die sich unerwartet und mit ganzer Leidenschaft verliebt. Winkler verbindet Würde mit Herzlichkeit und verleiht Olivia eine sympathische Natürlichkeit.
Eine der prägenden Figuren des Abends ist Hubert Wolf als Feste. Er gibt den Narren nicht als bloßen Possenreißer, sondern als klugen Beobachter und feinsinnigen Kommentator des Geschehens. Mit trockenem Wortwitz, charismatischer Bühnenpräsenz und feinem Gespür für den richtigen Ton verbindet er Humor und Nachdenklichkeit auf bemerkenswerte Weise. Auch in seinen weiteren Rollen als Antonio und Schiffshauptmann beweist Wolf große Wandlungsfähigkeit und fügt sich nahtlos in das homogene Ensemble ein.
Als Maria überzeugt Eszter Hollósi mit resolutem Auftreten, natürlichem Charme und trockenem Humor. Als eigentliche Initiatorin der Intrige gegen Malvolio hält sie die Fäden der komischen Handlung sicher in der Hand und bildet gemeinsam mit Sir Toby, Sir Andrew und Feste ein hervorragend eingespieltes Quartett.

Trotz seiner neuen Verantwortung als Intendant steht J-D Schwarzmann auch selbst auf der Bühne – und überzeugt als Sir Tobi auf Stoß (Sir Toby Belch) auf ganzer Linie. Mit souveräner Präsenz, feinem komödiantischem Gespür und bemerkenswerter Natürlichkeit gestaltet er den lebenslustigen Edelmann als ebenso charismatische wie sympathische Figur. Sein Humor wirkt nie aufgesetzt, sondern entwickelt sich organisch aus der jeweiligen Situation. Gemeinsam mit Maria, Sir Andrew und Feste bildet Schwarzmann das komödiantische Zentrum der Aufführung und sorgt mit exaktem Timing und großer Bühnenpräsenz immer wieder für mitreißende Szenen.
Mit dieser gelungenen Jubiläumsproduktion und einem überzeugenden Einstand des neuen Intendanten J-D Schwarzmann setzen die Festspiele Schloss Tillysburg ein starkes künstlerisches Zeichen für ihre Zukunft. Dass selbst der wetterbedingte Umzug in den Keller die Qualität der Aufführung nicht mindern konnte, spricht zusätzlich für die Geschlossenheit dieser Produktion und die Professionalität aller Beteiligten. Der herzliche und lang anhaltende Applaus des Publikums bestätigte, dass die Mischung aus respektvollem Umgang mit Shakespeare, einer zeitgemäßen Lesart und einem hervorragend aufeinander abgestimmten Ensemble voll aufgegangen ist. Die Vorfreude auf die kommende Saison ist bereits geweckt: 2027 stehen Oscar Wildes „Bunbury – Ernst sein ist alles“ sowie Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ auf dem Spielplan – zwei Klassiker, die bereits jetzt neugierig auf die zweite Spielzeit unter J-D Schwarzmann machen.