Kottingbrunn, Kulturszene, CARMEN - Septembertheater, IOCO
Die Kulturszene Kottingbrunn entdeckt „Carmen“ neu: Anselm Lipgens verbindet Mérimées Novelle mit Motiven aus Bizets Oper zu einem spannenden Musiktheater über Liebe, Eifersucht und Freiheit – getragen von einem überzeugenden Ensemble und der Musik Nikola Zarićs.
von Marcus Haimerl
Die Kulturszene Kottingbrunn gehört längst zu jenen Kulturinitiativen Niederösterreichs, die eindrucksvoll zeigen, was aus kontinuierlichem Engagement und künstlerischem Anspruch entstehen kann. Seit die Marktgemeinde dem Verein 1997 zwei Nebengebäude des Wasserschlosses zur kulturellen Nutzung überließ, entwickelte sich hier mit großem Einsatz zahlreicher freiwilliger Helfer eine Spielstätte mit einem vielfältigen, über das ganze Jahr reichenden Programm. Theater, Kabarett, Kleinkunst, Lesungen und Konzerte haben ebenso ihren festen Platz wie die Eigenproduktionen, unter denen dem alljährlichen Septembertheater besondere Bedeutung zukommt.
Für das Septembertheater 2026 hat man sich mit „Carmen“ nun einer der berühmtesten Frauengestalten der Literatur- und Musikgeschichte zugewandt. Kaum fällt ihr Name, stellen sich unwillkürlich musikalische Assoziationen ein: die Habanera, die Seguidilla, das Vorspiel zum vierten Akt oder das Lied des Toreros. Georges Bizets Oper hat das Bild Carmens derart nachhaltig geprägt, dass ihre literarische Herkunft darüber beinahe in Vergessenheit geraten ist. Dabei hatte Carmen bereits drei Jahrzehnte vor Bizets Oper ihren ersten großen Auftritt.
Der französische Schriftsteller Prosper Mérimée veröffentlichte seine Novelle „Carmen“ 1845. Die darin erzählte Geschichte ist rauer, dunkler und in vielem auch befremdlicher als jene Fassung, die später die Opernbühnen erobern sollte. Vor allem aber unterscheidet sich ihre Erzählstruktur grundlegend von Bizets Werk. Ein namenloser Reisender und Gelehrter begegnet in Andalusien zunächst dem gesuchten Banditen Don José Navarro und wenig später Carmen. Als er José schließlich im Gefängnis wiedertrifft, erzählt dieser ihm vor seiner Hinrichtung die Geschichte jener verhängnisvollen Leidenschaft, die aus dem ehemaligen Soldaten einen Deserteur, Schmuggler und schließlich Mörder werden ließ. Carmen selbst erscheint dabei nicht als romantisch verklärte Außenseiterin, sondern als selbstbestimmte, schwer fassbare Frau, deren kompromissloser Freiheitsdrang ebenso fasziniert, wie er Don José zunehmend ins Verderben führt.

Dreißig Jahre später machten Georges Bizet und seine Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy aus Mérimées Novelle jene „Carmen“, die am 3. März 1875 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt wurde und schließlich zu einem der meistgespielten Werke des gesamten Opernrepertoires avancieren sollte. Dafür wurde die literarische Vorlage erheblich verändert. Der erzählende Rahmen verschwand, Figuren wurden gestrichen, neu geschaffen oder umgeformt und das Geschehen stärker auf das Beziehungsgeflecht zwischen Carmen, Don José und Escamillo konzentriert. Mit Micaëla erhielt Don José zudem eine Figur aus seiner früheren, geordneten Welt, die Mérimées Novelle in dieser Form nicht kennt. Vor allem aber schuf Bizet eine Musik, deren suggestive Kraft unser Bild von „Carmen“ bis heute bestimmt.
Der Gegensatz zwischen literarischer Vorlage und weltberühmter Oper bildet einen besonderen Reiz des diesjährigen Septembertheaters. Die von Anselm Lipgens erarbeitete Textfassung versucht nicht, Bizets Oper mit den Mitteln des Schauspiels nachzuerzählen. Sie geht zurück zu Mérimée und verbindet dessen Novelle mit Motiven, Figuren und musikalischen Erinnerungen aus Bizets Oper. So begegnen neben Don José und Carmen auch Micaëla und Escamillo, während Prosper beziehungsweise die Erzählerfigur der Novelle Teil des Bühnengeschehens wird. Schauspiel, Literatur und Musik greifen ineinander und lassen die bekannte Geschichte immer wieder aus einer anderen Perspektive erscheinen.
Lipgens hält sich stellenweise erstaunlich genau an Mérimées Novelle, lässt an anderer Stelle jedoch Motive und Figuren aus Bizets Oper in das Schauspiel einfließen. Bisweilen genügt dafür eine sprachliche Anspielung auf das Opernlibretto, andernorts wird Bizets Musik selbst aufgegriffen. Daneben stehen Szenen, die unmittelbar auf Mérimée zurückgehen: die erste Begegnung des Reisenden mit dem bereits desertierten Don José ebenso wie das Zusammentreffen mit Carmen in Córdoba. So verschränkt die Fassung literarische Vorlage und Oper, ohne eine von beiden lediglich nachzuerzählen.
Auch Figuren, die Bizets Oper weitgehend oder vollständig verdrängt hat, erhalten wieder ihren Platz. Carmens Ehemann Garcia, der zunächst im Gefängnis sitzt, später zu den Schmugglern zurückkehrt und schließlich von José im Zweikampf getötet wird, stammt unmittelbar aus Mérimées Novelle. Gleiches gilt für Remendado, dessen Schicksal ebenfalls wesentlich näher an der literarischen Vorlage bleibt. Umgekehrt treten mit Micaëla und Escamillo zwei Gestalten auf, die vor allem mit Bizets Oper verbunden sind. Aus diesem Wechsel zwischen Mérimée und Bizet gewinnt der Abend seine eigene Form: Die Geschichte wird aus zwei längst miteinander verbundenen und doch sehr unterschiedlichen Carmen-Welten neu zusammengesetzt.
Den roten Faden durch diese unterschiedlichen Ebenen bildet Prosper, den Heinz Scharb als Erzähler und zugleich als handelnde Figur durch den Abend führt. Immer wieder tritt er aus seiner beobachtenden Position heraus und wird selbst Teil jener Geschichte, die er erzählt. Später begegnet er José im Gefängnis und wird zum Zuhörer von dessen Lebensbeichte. Auf diese Weise bewahrt Lipgens die besondere Erzählperspektive von Mérimées Novelle, ohne den Fortgang des Abends durch längere berichtende Passagen aufzuhalten. Prosper bewegt sich zwischen Erzählen und Erleben und verbindet so die einzelnen Stationen des Geschehens.

Im Mittelpunkt steht jedoch die Wandlung Don Josés. Aus dem ursprünglich pflichtbewussten und eher gutmütigen Soldaten wird Schritt für Schritt jener José Navarro, den Prosper zu Beginn als gesuchten Banditen kennenlernt. Seine Begegnung mit Carmen setzt etwas in Gang, dessen Tragweite er lange nicht erkennt. Fasziniert von ihrer Unabhängigkeit und ihrer unberechenbaren Art, lässt er sich immer weiter aus seinem bisherigen Leben herausziehen. Die Inszenierung macht es sich dabei erfreulicherweise nicht zu einfach, Carmen zur Verführerin und José zu ihrem willenlosen Opfer zu erklären. Seine Entscheidungen trifft er selbst, und mit jeder Grenzüberschreitung entfernt er sich weiter von jener Welt, für die Micaëla steht.
Hier zeigt sich eine der großen Stärken der Regie von Anselm Lipgens. Seine Personenführung bleibt über den gesamten Abend glaubhaft und erstaunlich natürlich. Lipgens lässt seinen Figuren ihre Widersprüche und vermeidet eindeutige Zuschreibungen. Das gilt besonders für Carmen und José. Zwischen beiden entsteht zunächst eine nachvollziehbare Anziehung, doch schon bald werden ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Liebe deutlich. Während Carmen ihre Freiheit unter keinen Umständen preiszugeben bereit ist, entwickelt sich Josés Liebe zunehmend zu einem Anspruch auf Besitz. Aus Leidenschaft werden Eifersucht und schließlich Gewalt.
Lipgens verzichtet weitgehend darauf, dem Publikum diese Veränderung erklärend vorzugeben. Umso wirkungsvoller sind jene Momente, in denen die Oper gleichsam durch das Schauspiel hindurchscheint. Wenn Zuniga Carmen fragt, wann sie ihn lieben werde, und sie ihm sinngemäß antwortet, vielleicht morgen, vielleicht aber auch niemals, erkennt der Opernkenner unschwer den Dialog wieder, der bei Bizet unmittelbar in die Habanera mündet. Hier bleibt er gesprochen. Solche Anspielungen fügen sich selbstverständlich in Lipgens' Theaterfassung ein und wirken nie wie bloße Zugeständnisse an die berühmte Oper. Ebenso differenziert zeichnet Lipgens Carmen. Sie erscheint weder als romantisierte Verkörperung grenzenloser Freiheit noch als berechnende Femme fatale. Ihre Selbstbestimmung hat in dieser rauen Welt ihren Preis, doch selbst angesichts der wachsenden Bedrohung durch José ist sie nicht bereit, ihre Freiheit aufzugeben.
Damit gewinnt auch das Ende seine bedrückende Konsequenz. Als Carmen José endgültig zurückweist und ihm den Ring zurückgibt, lässt sie sich von seinen Drohungen nicht einschüchtern. José sticht schließlich zweimal auf sie ein. Lipgens verzichtet auf sichtbares Blut oder eine spektakuläre Ausgestaltung der Tat. Diese Zurückhaltung bewahrt die Szene davor, Carmens Tod zum effektvollen Höhepunkt einer großen Liebestragödie zu verklären. Was bleibt, ist die Gewalt eines Mannes, der nicht akzeptieren kann, dass die Frau, die er liebt, nicht mehr mit ihm leben will.
Diese Klarheit ist umso bemerkenswerter, als die Inszenierung ihre Figuren zuvor niemals auf Täter, Opfer oder gesellschaftliche Chiffren reduziert. Der im Programmheft ausführlich angesprochene Blick auf Femizid und geschlechtsspezifische Gewalt ist im Hintergrund präsent, wird dem Geschehen aber nicht als belehrender Kommentar übergestülpt. Er ergibt sich aus der Beziehung selbst. Weil José nicht von Anfang an als gewalttätiges Monster erscheint und Carmen keine idealisierte Heiligenfigur ist, gewinnt das Geschehen seine erschreckende Glaubwürdigkeit. Das erklärt Josés Tat nicht und entschuldigt sie schon gar nicht – zeigt aber, wie weit sich dieser Mensch von dem Mann entfernt hat, dem man zu Beginn begegnete.
Für die Beweglichkeit dieser Erzählweise schafft Martin Postl einen ebenso schlichten wie wirkungsvollen Bühnenraum. Sandige, erdige Farbtöne und raue Oberflächen vermitteln eine karge, von Hitze und Staub bestimmte Atmosphäre, ohne sich in einem naturalistischen Spanienbild zu verlieren. Im Zentrum erhebt sich eine felsartige Formation, die unter anderem zum Lagerfeuerplatz der Schmuggler wird. Mit wenigen weiteren Elementen entstehen jene Orte, die das Geschehen benötigt. Hinter einem Vorhang auf der linken Bühnenseite verbirgt sich die Schenke, in der später auch Lillas Pastia seine Gäste empfängt, während auf der gegenüberliegenden Seite mit Tisch, Bett und Sitzgelegenheit Carmens einfache Unterkunft eingerichtet ist. Selbst das Gefängnis entsteht mit einfachsten Mitteln: Prosper und der inhaftierte José sitzen in einer Öffnung im vorderen Bühnenboden, während ein vergittertes Fenster in der hochgestellten Abdeckung den Ort als Gefängniszelle kenntlich macht. Die Klosterpforte in der Rückwand fügt sich ebenso unauffällig in diesen wandelbaren Raum ein. Diese Reduktion erweist sich als Vorteil. Mit wenigen Handgriffen wechseln die Schauplätze, ohne den Erzählfluss durch aufwendige Umbauten zu unterbrechen. Zugleich entsteht eine in sich geschlossene Welt, deren warme, erdige Farbigkeit einen passenden Hintergrund für das zunehmend düstere Geschehen bildet.
Dazu passen die Kostüme von Katharina Kappert, die historische und regionale Anklänge aufnehmen, ohne in pittoreske Spanienfolklore abzugleiten. Lange Röcke, Blusen und Tücher bei den Frauen sowie Hemden, Westen und erdige Stoffe bei den Männern fügen sich selbstverständlich in das Bühnenbild ein und lassen die Gemeinschaft der Gitanos glaubwürdig erscheinen. Wo eine stärkere Charakterisierung gefragt ist, setzt Kappert deutlichere Akzente. So ist Escamillo mit seinem dunklen, dekorativ verzierten Torero-Kostüm auf Anhieb als jener Mann erkennbar, dessen Auftreten sich von der Welt der Schmuggler abhebt. Insgesamt unterstützen die Kostüme die Figuren, ohne sich vor sie zu drängen.

Eine weit größere Rolle, als der Begriff Schauspielmusik zunächst vermuten lässt, spielt Nikola Zarić, der seine für diesen Abend entstandenen Kompositionen als einziger Musiker selbst auf der Bühne zum Leben erweckt. Sie dienen keineswegs nur der atmosphärischen Begleitung, sondern werden zu einem wesentlichen Bestandteil des Erzählens. Zarić legt sich dabei nicht auf einen durchgehend spanischen Tonfall fest. Vielmehr reagiert er unmittelbar auf Situationen und Stimmungen, schafft Übergänge, erzeugt Spannung und wird mit Tanz- oder Unterhaltungsmusik immer wieder selbst Teil des Bühnengeschehens. Diese stilistische Beweglichkeit gehört zu den Stärken seiner Kompositionen, die nie den Eindruck erwecken, ein vermeintlich authentisches Spanien musikalisch nachbilden zu wollen.
Zarić bleibt auch als Musiker nicht im Hintergrund. Er greift zum Akkordeon, singt und steht in unmittelbarem Kontakt mit dem Bühnengeschehen. Seine Musik begleitet das Geschehen nicht einfach, sondern scheint immer wieder aus dieser Welt selbst hervorzuwachsen. Das verleiht dem Abend einen eigenen musikalischen Puls und trägt entscheidend dazu bei, dass Lipgens' „Carmen“ als eigenständiges Musiktheater funktioniert.
Umso wirkungsvoller können darin die unmittelbaren Erinnerungen an Bizet aufscheinen. Seine bekannten Melodien stehen nicht in Konkurrenz zu Zarićs Kompositionen, sondern werden Teil jener zweiten Carmen-Tradition, mit der die Inszenierung von Beginn an spielt. Besonders die berühmte Habanera entwickelt in diesem Zusammenhang einen anderen Charakter als die solistische Auftrittsarie der Oper, wenn sie in der Schmugglerszene auf Spanisch zum gemeinsamen Gesang der Schmuggler und ihrer Gefährten wird. Musikalisch entsteht damit jene Verbindung, die auch Lipgens' Textfassung prägt: Mérimées Geschichte bleibt Ausgangspunkt, Bizets „Carmen“ ist im kulturellen Gedächtnis stets gegenwärtig, doch Nikola Zarić gibt dem Kottingbrunner Abend seine eigene musikalische Sprache.
Getragen wird diese ungewöhnliche Carmen-Fassung von einem Ensemble, das Lipgens' genauer Personenführung mit großer Geschlossenheit folgt. Im Zentrum stehen naturgemäß Selina Ströbele als Carmen und Max G. Fischnaller als Don José. Beide tragen entscheidend dazu bei, dass die wechselvolle Beziehung zwischen diesen beiden Menschen über den gesamten Abend glaubhaft bleibt.
Selina Ströbele zeichnet Carmen als selbstbewusste, temperamentvolle junge Frau, die ihre Freiheit nicht nur einfordert, sondern mit großer Konsequenz lebt. Ihre Carmen weiß um ihre Wirkung, lässt sich jedoch niemals auf die Rolle der bloßen Verführerin reduzieren. Ströbele verbindet Wildheit und Lebenslust mit bemerkenswerter Entschlossenheit und macht zugleich deutlich, dass diese Frau die Regeln jener rauen Welt kennt, in der sie sich bewegt. Je näher das Ende rückt, desto stärker tritt ihre Unbeirrbarkeit hervor. Carmen kennt die Gefahr, in der sie sich befindet, und weiß durch die Karten schließlich auch, wohin ihr Weg führen wird. Dennoch ist sie nicht bereit, ihre Freiheit gegen Sicherheit einzutauschen. Darin liegt die Stärke von Ströbeles Darstellung: Ihre Carmen fordert nicht ihren Tod heraus, sondern weigert sich bis zuletzt, aus Angst vor José auf ihr Recht auf Selbstbestimmung zu verzichten.

Max G. Fischnaller gelingt als Don José eine besonders eindrucksvolle Wandlung. Zu Beginn begegnet uns ein gutmütiger, beinahe liebenswerter junger Soldat, bei dem wenig darauf hindeutet, wohin ihn seine Begegnung mit Carmen führen wird. Fischnaller vollzieht den Weg zum Deserteur und Verbrecher ebenso glaubhaft wie die immer stärker werdende emotionale Abhängigkeit von Carmen. Aus Verliebtheit wird Leidenschaft, aus Leidenschaft Eifersucht und schließlich ein Besitzanspruch, der keine Zurückweisung mehr erträgt. Dabei vermeidet Fischnaller jede plakative Dämonisierung. Mit klarer, ausgezeichnet verständlicher Sprache und sorgfältiger Betonung gibt er José auch in längeren Passagen große Unmittelbarkeit. Er nimmt die Figur als Menschen ernst, ohne deren Handeln zu beschönigen, und macht erschreckend nachvollziehbar, wie weit sich dieser José vom jungen Soldaten des Beginns entfernt.
Ströbele und Fischnaller profitieren dabei erheblich voneinander. Zwischen ihrer Carmen und seinem José stimmt die Chemie: Die anfängliche Faszination ist ebenso glaubhaft wie die allmähliche Verschiebung des Kräfteverhältnisses. Was zunächst von Begehren und gegenseitiger Anziehung bestimmt ist, wird zunehmend enger und bedrohlicher, bis für Carmen nur noch die endgültige Zurückweisung bleibt. Dadurch erhält die letzte Begegnung der beiden jene emotionale Wucht, die den Abend trotz des längst bekannten Ausgangs mit großer Beklemmung enden lässt.
Eine besondere Stellung innerhalb des Ensembles nimmt Heinz Scharb als Prosper ein. Mit unaufdringlicher Präsenz und großer Natürlichkeit führt er durch den Abend und bewältigt den ständigen Wechsel zwischen Erzählen und unmittelbarem Spiel ausgesprochen souverän. Dabei bleibt Prosper stets mehr als eine vermittelnde Instanz: Scharb gibt ihm Persönlichkeit, Humor und Anteilnahme und trägt viel dazu bei, dass die unterschiedlichen Ebenen des Abends selbstverständlich ineinandergreifen.
Auch die weiteren Rollen fügen sich überzeugend in das Gesamtbild ein. Johanna Bruckner gibt Micaëla jene Ruhe und Bodenständigkeit, die sie als Gegenbild zu Carmens Welt benötigt, während Konstantin Weissenböck mit Morales und Paolo mehrere Aufgaben übernimmt und als Escamillo schließlich jene Figur verkörpert, die untrennbar mit Bizets Oper verbunden ist. Sein Auftritt setzt einen bewusst anderen Akzent und bringt mit dem bekannten Torero-Motiv einen weiteren musikalischen Gruß an Bizet in den Abend.
Viel zum lebendigen Gesamtbild tragen auch jene Darstellerinnen und Darsteller bei, die in mehreren kleineren Rollen zu erleben sind. Martina Gutmann als Nonne, Manuela und Juanita, Walter Tlapak als Zuniga und Engländer, Martin Hauer als Lillas Pastia und Garcia sowie Franz Zimmermann als Dancairo, Arzt und Gast stehen gemeinsam mit Lilly Künzel als Alicia und Mädchen, Walburg Weissenböck als Oma und Vorarbeiterin, Astrid Krizanic-Fallmann als Antonia und Gast, Ingrid Spörker als Frasquita, Enisa Meindl als Mercedes und Simon Malleczek als Remendado und Longa für ein Ensemble, in dem professionelle Schauspieler und engagierte Laiendarsteller harmonisch zusammenspielen. Auch die Mitwirkenden ohne professionelle Bühnenerfahrung stehen mit beachtlicher Sicherheit auf der Bühne. Vor allem in den größeren Szenen – in der Schenke bei Lillas Pastia ebenso wie unter den Schmugglern – entsteht daraus ein lebendiges und glaubwürdiges Miteinander.

Am Ende steht eine „Carmen“, die ihren eigenen Weg zwischen Mérimée und Bizet gefunden hat und daraus ihre besondere Wirkung bezieht. Schauspiel, Musik und Erzählung verbinden sich zu einem Abend, dessen Spannung bis zur letzten Begegnung zwischen Carmen und Don José trägt und trotz des wohlbekannten Ausgangs beklemmend berührt. Der herzliche und begeisterte Applaus zeigte, dass diese ungewöhnliche „Carmen“ auch beim Kottingbrunner Publikum angekommen ist. Zugleich erinnert das Septembertheater daran, welchen Stellenwert die Kulturszene Kottingbrunn für das kulturelle Leben der Region besitzt. Hier entsteht mit großem Engagement anspruchsvolles Theater, das professionelle Künstler und ambitionierte Laiendarsteller zusammenführt und sein Publikum erreicht. Dass dies abseits der großen Theaterzentren mit solcher Kontinuität möglich ist, macht den besonderen Wert dieser Kulturszene aus.