Minden, Stadttheater, Die Meistersinger von Nürnberg - R. Wagner, IOCO

Minden, Stadttheater, Die Meistersinger von Nürnberg - R. Wagner, IOCO
Simon Bailey © Bettina Stöß

11.08.2026 

 

Seit 2002 schreiben der Richard-Wagner-Verband Minden, das Stadttheater und die Nordwestdeutschen Philharmonie unter Frank Beermann Operngeschichte.

Das Stadttheater Minden mit seinen 535 Plätzen, das im Stil des friderizianischen Barocks erbaut wurde, ist auch der Wagner-Tradition verpflichtet. Maßgeblich initiiert wurde dies vom Wagner-Verband Minden unter seiner Vorsitzenden Dr. Jutta Hering-Winckler. Trotz des begrenzten Bühnenraums wurden bisher „Der fliegende Holländer“, „Tannhäuser“, „Lohengrin“, „Tristan und Isolde“, der vollständige „Ring des Nibelungen“ und zuletzt „Parsifal“ auf die Bühne gebracht. So wurde Minden zu einer privat initiierten und finanzierten Wagner-Spielstätte mit überregionaler Strahlkraft.

Mit den „Meistersingern von Nürnberg“ wird nun der Kreis geschlossen und das fehlende Werk des „Bayreuther Kanons“ aufgeführt.

Wagners männliche Protagonisten sind der ungestüme Ritter Walther von Stolzing, der kluge Schuster Hans Sachs und der regelverliebte Stadtschreiber Beckmesser. Stolzing ist in Eva verliebt. Um sie heiraten zu können, muss er Meistersinger werden. Als dies krachend an den strengen Regeln der Meistersinger-Zunft scheitert, will er Eva entführen. Dies verhindert Sachs. Beim Wettsingen um Eva kommt Beckmesser, der Nebenbuhler Walthers, völlig aus dem Konzept. Nun darf Walther sein Lied vortragen, triumphiert auf ganzer Linie und gewinnt die Hand der Braut und die Herzen der Zuhörer. Wagner greift im Werk zu vielschichtiger Komik, die vom wichtigtuerischen Lehrbuben David über den spießigen Beckmesser bis zum cholerischen Ausbruch der Bevölkerung in der Prügelszene reicht. Tiefsinniger Ironie paart sich mit handfester, fast slapstickartiger Komik. Wortspielereien und absurde Situationen prägen das Werk. Die Streitereien im Finale des 1. Aktes und die Prügelei des 2. Aktes wirken wie eine Realsatire der heutigen Zeit.

Simon Bailey © Bettina Stöß

Jakob Peters-Messers Inszenierung greift den Geist vielschichtig auf. Das Bühnenbild besteht aus Holztischen, Hockern, Stühlen, Vorhängen und Videoinstallationen, die den jeweiligen Handlungstrang oder die Emotionen der Protagonisten ausleuchten. Das Orchester sitzt auf der Bühne, der Chor auf der Empore, und die Sänger agieren davor. In Minden werden die Meistersinger zu einer Art Kammerspiel, weil die Intimität des Raumes gleichsam zu einer Interaktion zwischen Bühne und Publikum durch den nahtlosen Übergang zwischen Zuschauerraum und Bühne führt. Die Logen sind Teil des Bühnenraums; in eine ragt eine Leiter hinein, und zwei Vorhänge werden unter anderem als Verstecke genutzt. Die Protagonisten sind in Streetwear gekleidet, und mittelalterliche Kleidungsstücke wie Lederwesten, Halskrausen und Jacken werden wie Requisiten genutzt. So werden die Epochen miteinander verwoben.

 

Die Personenführung ist ausgefeilt und die Interaktion geschickt aufeinander abgestimmt. Peters-Messer lässt die Figuren aufeinander reagieren und unterstreicht mit kleinen Gesten Geschehen und Text. Auch große Gesten wie das Erscheinen der Meister als Spukgestalten in Walthers Wahnszene im 2. Akt und Beckmessers Wahnvorstellungen im 3. Akt gelingen blendend. Höhepunkt ist Davids Jagd nach Beckmesser im Finale des 2. Aktes. Sie geht durch das ganze Theater und auch dadurch wird der anarchische Ausbruch des boshaften Spotts Wagners über seine Mitmenschen blendend illustriert.

Simon Bailey © Bettina Stöß

Jeder Charakter ist intensiv ausgearbeitet. Sachs agiert zutiefst involviert – stimmlich wie darstellerisch. Er ist kein distanzierter Weiser, sondern ein Mann, der mit jeder Faser im Geschehen steckt: mal beobachtend, mal eingreifend, immer emotional präsent. Stets wird spürbar, wie sehr ihn das, was um ihn herum passiert, persönlich interessiert und berührt. Seine Zurückhaltung ist nie Gleichgültigkeit, sondern konzentrierte Anteilnahme. David wird ausgesprochen humorvoll und zugleich schlitzohrig gezeichnet. Er ist kein bloßer Lehrbursche, sondern ein gewitzter, fast frecher Kommentator des Geschehens. Seine Sprüche setzt er mit trockenem Timing und körperlicher Komik; wenn er Beckmesser am Ende durch das gesamte Theater jagt, wirkt das wie die logische Eskalation eines durchtriebenen Jungen, der die Regeln des Spiels längst durchschaut hat und sie nun mit kindlichem Vergnügen außer Kraft setzt. Magdalene ist komisch im besten Sinne – nicht karikiert, sondern mit warmer, etwas unbeholfener Direktheit. Sie wirkt wie jemand, der die Situation ständig etwas zu ernst und gleichzeitig etwas zu leichtsinnig nimmt. Ihre Szenen mit David und Eva haben einen beiläufigen, fast alltäglichen Humor, der an die Ironie von Hans Sachs heranreicht. Eva und Walther treten auftrumpfend und selbstbewusst auf. Sie sind zupackende Charaktere, die wissen, was sie wollen, und dies auch zeigen.

Ensemble © Bettina Stöß

Zusätzliche Videoinstallationen illustrieren Handlung und Seelenzustand der Protagonisten. Im ersten Akt werden die handschriftlichen Regeln der Meisterkunst an die Wand projiziert, die bei Walthers Gesang zerfließen. Dies illustriert anschaulich den Widerstand gegen die Reform von Regeln. Sehr stark auch, wie Sachs das "ungenau" auf Beckmessers Tafel in "neu" verwandelt. Im zweiten Akt erscheint bei Sachs’ Fliedermonolog eine Videoinstallation in fliederfarbenem Lila; bei der Prügelszene wird sie nach den Kerzen feuerrot und nach dem Ende der Gewalt wird das Bild schwarz-weiß. Der dritte Akt beginnt mit dem auf der Bühne schlafenden Sachs und verwelkten Herbstblättern.

Ensemble © Bettina Stöß

Porträts von Zeitgenossen schaffen eine Verbindung zu den Zuschauern. Zu erkennen sind Jutta Hering-Winckler, die Leiterin des Stadttheaters Andrea Kraudelat und Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe. Auch die Porta Westfalica findet ihren Platz unter der Empore. Die Videoinstallation und Lichtregie tragen immens zur packenden Atmosphäre der Inszenierung bei.

Alle Sänger sind ungemein textdeutlich, stimmlich ausgezeichnet und exzellent studiert.

Simon Bailey als Hans Sachs ist fulminant. Für den britischen Bassbariton war es das Rollendebüt. Nach seinen Wotan- und Wanderer-Interpretationen gibt er einen ergreifenden, sensiblen, aber auch unglaublich kraftvollen Hans Sachs, der nie mit dem Atem spart. Er singt die Rolle mit nobler Präsenz, menschlicher Größe und immenser stimmlicher und interpretatorischer Souveränität. Bailey gestaltet die Figur als weisen, verletzlichen Vermittler zwischen Tradition und Aufbruch, textverständlich und mit phantastischer Phrasierungskunst. Seine Gestaltung erinnerte an große Vorgänger wie James Morris und Thomas Stewart.

Simon Bailey, Emma McNairy, Jussi Myllys © Bettina Stöß

Jussi Myllys kehrt als Walther von Stolzing nach Minden zurück. 2023 hatte der Finne hier sein gefeiertes Parsifal-Debüt gegeben. Er paarte lyrischen Schmelz mit feinem dunklem Timbre und verfügte bis zum Preislied über unerschöpflichen Elan. Beeindruckend auch die strahlende Höhe und die große gestalterische Wandlungsfähigkeit. Eine beeindruckende Leistung.

Kathrin Göring sang die Magdalene. Sie ist am längsten am Mindener Wagner-Geschehen beteiligt. Als Fricka und Waltraute im Ring hatte die Leipziger Mezzosopranistin mit reicher Stimme und intensivem Spiel überzeugt. Mit Wärme, Präsenz, Humor und prächtigem Gesang ist sie eine phantastische Internpretin.

Emma McNairy debütiert als Eva. Mit schlankem, tragfähigem, ausdrucksstarkem Sopran überzeugte sie sowohl in den lyrischen Passagen durch Wärme und Empathie als auch in den großen Ausbrüchen durch starke Farben und stimmliche Kraft.

Stephen Chambers war ein urkomischer David mit enormer Präsenz und klangvollem lyrisch-dramatischem Tenor.

Ensemble © Christian Becker

Christoph Seidl war ein wuchtiger, würdiger Pogner mit mächtigem, klangvollem Bass und großer Sonorität.

Michael Borth als Beckmesser machte den Beckmesser mit kernigem und klangvollem Bariton durch seine enorme Stimmschönheit und mächtige Attacke in den hohen Lagen zu einem gefährlichen Gegner von Hans Sachs. Nach seinem Sieg im ersten Akt war nicht ausgemacht, dass es 2:1 gegen Sachs ausging.

Frank Beermann ist seit der ersten Produktion 2002 der musikalische Garant des Mindener Wagner-Projekts. Über ein Vierteljahrhundert hat er die Nordwestdeutsche Philharmonie zu einem hochsensiblen Wagner-Orchester geformt, das in dem kleinen Haus mit seiner speziellen Aufstellung (häufig hinter oder seitlich der Szene) eine seltene Transparenz und kammermusikalische Durchhörbarkeit entwickelt. Beermann dirigiert nicht spektakulär, sondern mit tiefer Werkkenntnis und dramatischem Instinkt. Er lässt die großen Bögen atmen, hält die Tempi flexibel und sorgt dafür, dass die Sänger trotz der engen räumlichen Verhältnisse nie zugedeckt werden. Gerade in den „Meistersingern“ zeigt sich seine Stärke: die Balance zwischen festlicher Klangfülle und intimer Textdeutlichkeit, zwischen den strengen Meisterregeln und dem freien Fluss der Inspiration. Die Nordwestdeutsche Philharmonie folgt ihm mit großer Präzision und Engagement.

Der Chor coruso e. V. beweist beeindruckende Präsenz und klangliche Homogenität.

Peters-Messers „Meistersinger“ sind die spannendsten und gesanglich besten Meistersinger, die ich bisher gesehen habe. Die Intensität des Ensembles, seine Energie und die genau an den Absichten Wagners orientierte Inszenierung bringen die Intentionen Wagners in packender Weise auf die Bühne.

Eine grandiose Aufführung. Nun bleibt zu hoffen, dass auch der „Rienzi“ nach Minden findet.

 

Tickets & Termine

Aufführungen
im Stadttheater Minden

Freitag, 18. September 2026, 17.00 Uhr

Sonntag, 20. September 2026, 16.00 Uhr

Freitag, 25. September 2026, 17.00 Uhr

Sonntag, 27. September 2026, 16.00 Uhr

 

Tickets https://stadttheater-minden.eventim-inhouse.de/webshop/webticket/eventlist

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