Dresden, Sächsische Staatskapelle, Gedenken an die Zerstörung Dresdens – Konzert, IOCO Kritik, 22.02.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper Dresden / © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / © Matthias Creutziger

Gedenken an die Zerstörung von Dresden

Sächsische Staatskapelle Dresden – Christoph Eschenbach

von Thomas Thielemann

Die Konzerte der Sächsischen Staatskapelle „Zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945“ sind für den Autor und seine Familie stets schwierige Termine: Meine Frau, damals eine Sechsjährige, musste an jenem Abend mit Mutter, Großmutter und ihrer jüngeren Schwester durch das brennende Dresden laufen; zuvor waren sie „ausgebombt“ worden.

Als wir 2009 nach Sachsen zurückgekommen waren, war Dresden wegen seines Kulturangebots und seiner Umgebung der Wohnort unserer Wahl. Die  Rückkehr in ihre Geburtsstadt legten bei meiner Frau jedoch verschüttet geglaubte Kindheitserinnerungen frei.

Die Stadt befand sich  im Landtags-Wahlkampf. Vor allem NPD-Plakate beherrschten das Stadtbild. Vor allem thematisierte die rechte Szene die nach wie vor unbekannte Zahl der Opfer der Luftangriffe und nutzte das zu Provokationen. Der über ideologische Parteigrenzen reichende, von der damaligen Oberbürgermeisterin Helma Orosch organisierte Widerstand gegen den Missbrauch der Erinnerungskultur, half uns, diese kritischen Tage zu überstehen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Christoph Eschenbach zum Gedenkkonzert 13. Februar 1945 © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Christoph Eschenbach zum Gedenkkonzert 13. Februar 1945 © Matthias Creutziger

Bei den Menschen der Stadt ist die Erinnerung an den 13. Februar 1945 tief verwurzelt, da wohl jede in der Innenstadt angesiedelte Familie von den Terror-Angriffen in irgend einer Form betroffen war. Auch wenn die Zeitzeugen zunehmend versterben, werden jene, die den Anblick des zerstörten Schlosses, die Ruine der Frauenkirche noch erlebt hatten, die Erinnerung an diesen Bombenterror bewahren.

Auch bleibt die Vermutung, dass der Stadt das Schicksal von Hiroshima gedroht hätte, wenn die Atombombe früher zur Verfügung gewesen wäre, im Gedächtnis der Menschen.


Aus diesem Dresdener Trauma heraus war es wertvoll, daß die Sächsische Staatskapelle  für das Gedenk-Konzert 2019  Antonin Dvoráks Stabat mater op. 58 gewählt und Christoph Eschenbach, von Kriegswirren auch hart getroffen, eingeladen hatte.

Das  Stabat mater, exakt Stabat mater dolorosa (lat: es stand die Mutter schmerzerfüllt) ist ein mittelalterliches Gedicht, das die Mutter Jesu in ihrem Schmerz um den gekreuzigten Sohn zum zentralen Inhalt hat. Der Text beruht auf einer Weissagung des Propheten Simeon gegenüber der Mutter Maria:Deine Seele wird ein Schwert durchdringen“ und wird häufig dem Jacopone di Todi (1230 bis  1306) zugeschrieben. Aber auch eine Autorenschaft des Papstes Innozenz III. ist nicht ausgeschlossen.

Nach meinen Recherchen sind die Texte zwischen 1480 und 2008 61-mal für zum Teil sehr persönliche Kompositionen genutzt worden. Darunter sind Arbeiten so bedeutender Musiker wie die Scarlatti, Pergolesi, Vivaldi, Haydn, Rossini, Liszt,  Schubert, Penderecki und Pärt. Die möglicherweise am häufigste aufgeführte und eingespielte Vertonung ist die 1876 bis 1877 unter dem Eindruck der Verluste seiner drei Kinder entstandene Komposition Dvoráks Opus 86.

Er hatte die Textbearbeitung auf Basis einer kritischen Sichtung der Handschrift-Überlieferungen von Clemens Blume und Henry M. Bannister des  Gedichtes für vier Solisten, Chor und Orchester eingerichtet. Vom mittelalterlichen Original übernahm der Komponist die Struktur der zehn Strophen. Jede dieser Strophen hat eine eigene thematische Basis und ist seinerseits in Teile zu je drei Zeilen gegliedert. Dvorák verzichtete auf eine Aufteilung des Chores in zwei Halbchöre. Der Dialogcharakter war von ihm den Solisten übertragen worden.

Mit der Staatskapelle, dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden und der Sopranistin Venera Gimadieva, der Altistin Elisabeth Kulman, dem Tenor Pavol Breslik und dem Bassisten René Pape stand dem Christoph Eschenbach für seine Interpretation ein hochkarätiges Ensemble zur Verfügung.

Das Orchester bildete mit seinem faszinierenden warmen dunklen Klang das Rückgrat der Aufführung. Dabei entwickelte Christoph Eschenbach seine Orchesterführung zunächst aus der Stille, im lyrischen ergreifend und in den Steigerungen packend. Das auf das Detail konzentrierte Dirigat führte dabei den Chor und die Solisten beeindruckend zusammen.

Der besonders ausgedehnte Eröffnungssatz erzeugte bereits eine Stimmung eindringlicher Trauer,  unterbrochen von flüchtigen Momenten der Wut und des Trotzes. Diese Ausbrüche des Chores und des Orchesters beruhigte Pavol Breslik mit schönen Phrasierungen und makelloser Höhe bis die übrigen Solisten die Melodie aufnahmen. Venera Gimadieva, Elisabeth Kulman, Pavol Breslik und René Pape gelang, jede feine Schattierung der Partitur in Intensität umzusetzen. Sehnsüchtiges Pianissimo wurde klangfarbenreich und brillant wie das mächtige Forte textdeutlich umgesetzt.

Staatskapelle Dresden / Christoph Eschenbach und die Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Christoph Eschenbach und die Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Die acht folgenden Strophen mit ihren eigenen Themenstellungen boten ob der zwei-Dreizeilenstruktur reichliche Gelegenheiten zu Wiederholungen innerhalb der Sätze sowie zu brillanten Einzelleistungen der Solisten und des Chores. So gehörte der von Mozarts Requiem inspirierte vierte Vers „Fac, ut ardeat cor meum“ (Mach, dass brenne mein Herz) neben den Chorstimmen vor allem  dem warm-eindringlichen und würdevoll-expressiven Bass des René Pape.

Zu den vielen Höhepunkten gehörte auch  das „Fac me vere Tecum Flere“(Lass mich wahrhaft mit dir weinen), das Pavol Breslik vom schlichten Beginn zu einem wilden Aufbegehren steigerte und mit den Männerstimmen des Chores in der Folge wieder zur Ruhe abmildern ließ. Beeindruckend war das von den Frauenstimmen in den höchsten Lagen fein und wendig dargebotene  „Virgo virginum praeclara“ (Jungfrau, der Jungfrauen strahlendste). Das Duett „Fac, ut portem Christi mortem“ (Lass mich tragen Christi Tod), meisterlich gesungen von der russischen Koloratursopranistin Venera Gimadieva und dem Tenor Pavol Breslik, erzeugte nicht zuletzt ob der begleitenden Holzbläser eine warme beruhigende Atmosphäre.

Leidenschaftlich auch die Interpretation des Inflammatus et accensus (Entflammt und entzündet), das von Elisabeth Kulman höchst emotional vorgetragen worden war. Der Staatsopernchor (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen), eigentlich ständig präsent, beeindruckte insbesondere bei den sensiblen a capella-Stellen.

Christoph Eschenbach gelang es bis zum Schluss, die gelegentlich süßlichen Melodien nicht ins Gefühlige abdriften zu lassen. So ließ er nach dem machtvoll gesteigerten Amen im Finale, das Ausklingen zugleich innig als auch erdennah spielen.

Trotz der Monumentalität der Komposition gelang damit Christoph Eschenbach eine sanfte demutsvolle Aufführung, so dass er seine ergriffenen Hörer regelrecht getröstet entließ.

Bei den Salzburger Osterfestspielen 2019 wird das Konzert jeweils am 16. und 19. April 2019 zur Aufführung gebracht.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Bremen, Theater Bremen, Lulu – Alban Berg, IOCO Kritik, 22.02.2019

Februar 22, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Bremen

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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Lulu – Alban Berg

– LULU – Eine Lebenskurve von extremer Steilheit in beiden Richtungen –

von Michael Stange

 Alban Berg © IOCO

Alban Berg © IOCO

Alban Bergs Oper Lulu fußt auf den Tragödien von Frank Wedekind, Erdgeist und Die Büchse der Pandora, welche dieser 1892 begann und trotz vernichtender Gesellschaftskritik 1898 / 1902  uraufführte, veröffentlichte.

Schonungslos stellt es die seelenlose Realität der Jahrhundertwende dar. Dramatik, Gewalt und sexuelle Phantasien sind die wirkungsvollen Zutaten dieses Vorläufers der literarischen „Neuen Sachlichkeit“. Kern des Stückes sind Lulu und ein Reigen an Männern, die unter anderem durch ausschweifendes sexuelles Verhalten ihre charakterliche Zügellosigkeit offenbaren. Wichtige Anregungen verdankt das Stück auch Sigmund Freud und seinen Feststellungen zum Unbewussten und dem Verhalten des Individuums.

1937, knapp vierzig Jahre nach der Uraufführung von Wedekinds Tragödie Erdgeist folgte die Premiere von Alban Bergs unvollendeter Oper Lulu. Seine Komposition komplexer Zwölftonreihen zeichnet in Verbindung mit Wedekinds dramatischem Werk  die  erschütternde Wucht der Oper.

Lulu  –  Alban Berg
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Revolutionär und zugleich immer noch hochaktuell ist die Entlarvung der bürgerlichen Scheinmoral. Lulu ist eine von ihrer radikalen und triebhaften Umwelt zerstörte Frau. Ihr Schicksal endet aber für Alle fatal. Auf dieser nach Wedekind „Lebenskurve von extremer Steilheit in beiden Richtungen“ drängen alle Personen des Stücks in eine Katastrophe. Bergs Lulu spannt auch den Bogen zwischen den Machtfantasien der Wilhelminischen Jahre und ihren faschistischen Spiegelbildern in den dreißiger Jahren, als Militarismus, Säbelrasseln, gesellschaftliche Unterdrückung und koloniale Ausbeutung die Welt prägten.

Regisseur Štorman beleuchtet die Figuren der Oper einschließlich der lesbischen Gräfin Geschwitz als Einheit beim Missbrauch von Lulu. Lulu ist Opfer und Sinnbild der Verrohung, des Abgrundes und des Todes. Lulu begeht einen Mord, flüchtet, prostituiert sich und entgeht dem Mordversuch Jack the Rippers und steuert einem ungewissen Ende zu. Das Bühnenbild des 1 Aktes ist ein dreidimensionales begehbares kaleidoskopartiges Spiegelkabinett vor schwarzem Hintergrund. Hier ist nicht Lulu die Hauptperson sondern alle Akteure werden im Spiegel reflektiert, strahlen zurück oder verirren sich im Raum. Dieses Kaleidoskop zerfällt schon im 2. Akt und ist zum Schluss des 3 Aktes verschwunden. Alle Personen sind als Spiegelbilder Schöns kostümiert. Nach dem Tod Schöns erscheint Lulu in einem Cat-Woman gleichen Latexkostüm und nimmt nach der Flucht die Fäden in die Hand. Bilderreigen, Kostüme und oft pantomimische Bewegungen erinnern an Fritz Lang Filme wie M oder Dr. Mabuse.

Dadurch ist Marco Štorman ein Gesellschaftsdrama von Unterdrückung und Ausbeutung gelungen. Gerade der Verzicht der Darstellung von Gewalt und Mord macht die Inszenierung umso beklemmender. Lulus Drama wird dadurch das Drama der Gewalt in der Gesellschaft und in jedem Einzelnen. Äußerlich unversehrt steht sie am Ende an der Seite der Bühne. Dadurch sind die Wiederholung und Fortsetzung von Gewalt und Qual nicht ausgeschlossen.

Theater Bremen / LULU  - hier:  Marysol Schalit als Lulu, Claudio Otelli als Dr. Schoen © Joerg Landsberg

Theater Bremen / LULU – hier: Marysol Schalit als Lulu, Claudio Otelli als Dr. Schoen © Joerg Landsberg

Das Theater Bremen hat für den von Berg nicht vollendeten 3. Akt nicht die bekannte ergänzte Fassung gewählt, sondern dafür Detlef Heusinger einen Kompositionsauftrag erteilt. Er holte für den dritten Akt das SWR Experimentalstudio auf die Bühne und erweiterte das Orchester um eine Bühenmusik. Diese bestand u. a. aus einem Theremin. Das Instrument, wird berührungslos berührungslos über Handbewegungen gespielt und erzeugt eine Vielzahl von Tonhöhen und Dynamiken, die mit mechanische Instrumente nicht erreichen. Hinzu kamen E-Gitarre, Synthesizer und Hammondorgel. Das Klangbild der Oper wird dadurch tonal geändert und wirkt sirrender, packender moderner und noch rauschender und intensiver.

Hartmut Keil versteht es, die Musik Bergs mit fein abgestuften Dynamiken und wo nötig mit dramatischem Applomb zur Geltung zu bringen. Den Sängerinnen und Sängern ist er ein musikalisch zugewandter, wissender Partner. Seine Lesart und sein interpretatorisches Feingefühl machten die Oper zu einem orchestral differenziert leuchtenden packenden musikalischen Drama mit peitschender emotionaler Wucht.

Marysol Schalit gehört seit 2011 zum Ensemble des Theater Bremen und hat zuletzt als Marcelline in Fidelio Glänzendes geleistet. Marysol Schalit vereint atemberaubende Gesangstechnik, eine von weitem Atem getragene leuchtende Stimme, dramatische Wucht und phänomenale Spielfreude. Ihre darstellerische Eindringlichkeit als Lulu paarte sie mit einer anrührend kindlichen Zerbrechlichkeit. Stimmlich ist sie eine ideale Titelheldin. Ihr an sich warmes Timbre hellte sie gleichsam mädchenhaft auf, gelangte aber auch zu raubtierhafter Gefährlichkeit. Gesanglich gelang ihr ein herausragendes Rollendebut mit berückend, leuchtendem Ton und staunenswerten Koloraturen. Die mörderische Partie der Lulu brachte sie so stupend auf die Bühne des Theater Bremen.

Claudio Otelli war ein packender Dr. Schön und Jack the Ripper. Sein klangschöner dramatischer Bariton füllte die Partie mit stimmlicher Glut, dramatischem Feuer und verzehrender Kraft. Erschütternd stellt er die Selbstvernichtung und den Abstieg Schöns dar und lotete die Partie prächtig mit seinem farbenreich Bariton aus.

Theater Bremen / LULU - hier :  Marysol Schalit als Lulu, Birger Radde © Joerg Landsberg

Theater Bremen / LULU – hier : Marysol Schalit als Lulu, Birger Radde © Joerg Landsberg

Chris Lysack sang trotz Indisposition einen höhensicheren, lustvollen Alwa mit unglaublicher Strahlkraft und faszinierender Bühnenpräsenz. Birger Radde war ein mächtig auftrumpfender lustvoller Tierbändiger und Athlet mit italienischem Heldenbariton. Nathalie Mittelbach als Gräfin Geschwitz verkörperte einen gutvoller und gefährlichen Vamp mit bestrickendem Mezzosopran. Christian-Andreas Engelhardt war Prinz, Kammerdiener und Marquis mit großem heldentenoralen Applomb. Stephen Clark gab Theaterdirektor und Bankier mit profundem und rundem Bass. Hyojong Kim war tenoral herausragender geschmeidig klangvoller Maler und Prinz von Uahubee.

Lulu im Theater Bremen ist packend mitreißendes Musiktheater. Das Ensemble verfügt über erfahrene und wohl disponierte Sänger/Innen, welche ihre anspruchsvollen Partien mit Sicherheit und dramatischer Intensität durchschreiten. Nie geraten sie an stimmliche oder darstellerische Grenzen. Das hervorragende Ensemble bewältigte Lulu – eine schwer zu inszenierende  moderne Oper – so mit scheinbarer Leichtigkeit. Die Bremer Philharmoniker machten mit Spielfreude und Durchleuchtung der packenden Partitur unter der Leitung von Hartmut Keils die Komposition Alban Bergs in selten gehörtem Maß durchhör- und erlebbar.

Lulu am Theater Bremen; weitere Termine am 28.02., 02.03., 24.03. und 07.04.2019.

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—

Berlin, Friedrichstadt-Palast Berlin, VIVID Grand Show – Die Androidin R’eye, 22.02.2019

Friedrichstadt-Palast Berlin © Bernd Brundert

Friedrichstadt-Palast Berlin © Bernd Brundert

Friedrichstadt-Palast Berlin

Friedrichstadt-Palast  Berlin – Show-Palast der Moderne

Deutschlands meist besuchte Bühne

Der Friedrichstadt-Palast ist einzigartig: in seinem Programm und seinen Ausmaßen. Die große Tradition der Berliner Showunterhaltung wird hier hochmodern fortgeführt. Seine Größendimensionen sind unerreicht: Auf der größten Theaterbühne der Welt spielen hier die weltweit größten Ensuite-Shows. Die wechselvolle Theatergeschichte des legendären Palastes reicht zurück bis 1919, als Max Reinhardt das Große Schauspielhaus, ab 1. November 1947 Friedrichstadt-Palast genannt, eröffnete. Seit 1984 steht er als gigantischer Neubau an der Friedrichstraße 107 in Berlin-Mitte, inmitten des Theaterviertels East End.

Friedrichstadt-Palast Berlin / Der Zuschauerraum für 1.900 Besucher © Winiarski

Friedrichstadt-Palast Berlin / Der Zuschauerraum für 1.900 Besucher © Winiarski

Das gewaltige Gebäude ist der letzte Prachtbau, der am 27. April 1984 in der DDR errichtet wurde, und damit ein herausragendes architektonisches Zeitzeugnis der deutsch-deutschen Teilung. Nach dem Mauerfall schaffte es der Palast, sich als erste Adresse für aufwändige und spektakuläre Show-Unterhaltung im wiedervereinigten Deutschland zu etablieren. Nach umfassenden Investitionen in Millionenhöhe ist der Palast nach wie vor der größte und modernste Show-Palast in Europa. Auf 1.900 Plätzen besuchen über 700.000 Besuchern jedes Jahr die Revueshows des Hauses.

VIVID Grand Show – Eine Liebeserklärung an das Leben

Premiere 27.9.2018 – Spieldauer: Herbst 2019

Ein gigantischer Farbenrausch, der „berühmteste Hutmacher der Welt Philip Treacy (The Times) und das mit zwölf Millionen Euro höchste Produktionsbudget. All das und noch vieles mehr ist die VIVID Grand Show.

VIVID Grand Show – Friedrichstadt-Palast Berlin
youtube Video des Friedrichstadt-Palast Berlin
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In der VIVID Grand Show wird die junge R’eye in eine Androidin – halb Mensch, halb Maschine – transformiert. Fremdsteuerung bestimmt ihr Dasein, doch die Sehnsucht nach Freiheit bleibt lebendig. Eines Tages tanzt sie aus der Reihe. Mit strahlenden Augen sieht sie die Welt neu, die überwältigende Schönheit der Dinge, die wir oft übersehen. Auf Deutsch bedeutet vivid farbenfroh, leuchtend, lebendig. Das im Shownamen VIVID hervorgehobene Kürzel ID bezeichnet im Englischen die menschliche Identität (identity), die R’eye so sehr zu finden hofft.

IOCO wird zu dieser Show in Kürze berichten

Mit der Autorin und Regisseurin Krista Monson verantwortet erstmals in knapp einhundert Jahren Bühnengeschichte eine Frau Buch und Regie einer Grand Show am Palast. Sie trug als Artistic Director zum langanhaltenden Erfolg der Show ‚O‘ des Cirque du Soleil in Las Vegas bei und wirkte für den kanadischen Unterhaltungsriesen auch in Mailand, Los Angeles, Macau, New York, Orlando und Tokio.

Friedrichstadt-Palast Berln / VIVID Grand Show © Brinkhoff  Moegenburg

Friedrichstadt-Palast Berln / VIVID Grand Show © Brinkhoff Moegenburg

Philip Treacy arbeitete für Armani, Alexander McQueen, Karl Lagerfeld, Ralph Lauren und Valentino. Er entwarf Hutdesigns für ‚Harry Potter‘ und ‚Sex and the City‘, wurde fünf Mal als britischer Accessoire-Designer des Jahres ausgezeichnet, Queen Elizabeth verlieh ihm den ‚Order of the British Empire‘.   Unter der Direktion von Philip Treacy zeichnet der in Paris lebende Modeschöpfer, Illustrator und Art-Director Stefano Canulli für das extravagante Kostümdesign verantwortlich.

In der VIVID Grand Show spielt Andreas Bieber den Entertainer. Im Mittelpunkt steht die junge Androidin R’eye. Die Rolle wird verkörpert von Devi-Ananda Dahm. Die Preisträgerin des Bundeswettbewerbs Gesang beeindruckte sowohl am Theater des Westens als auch in Aufführungen an der Neuköllner Oper oder am Renaissance Theater Berlin. Als Androidonna, Königin der Androiden, wird Glacéia Henderson auf der größten Theaterbühne der Welt zu erleben sein. Die Mezzosopranistin überzeugte schon an der Anchorage Opera und Opera Fairbanks und begeisterte als Schauspielerin in Theaterstücken.

Zum internationalen Komponist*innen-Team zählen Arne Schumann und Josef Bach, welche die Original-Soundtracks der ersten deutschen Amazon-Serienproduktion ‚You Are Wanted‘ und der Filmkomödie Der Nanny von und mit Matthias Schweighöfer schrieben. Ebenso ist die Berliner Songwriterin Jasmin Shakeri an Bord, die u.a. vierfach mit Platin ausgezeichnet wurde für Andreas Bouranis‘ Album ‚Hey‘. 

Das Sounddesign gestaltete Cedric Beatty, zu dessen größten Erfolgen die Grammy-Nominierung für das Live-Album ‚World Tour‘ des Jazzpianisten Joe Zawinul zählte. Er arbeitete für und mit den Rolling Stones, Lou Reed, Keith Richards, BB King und Donna Summer. Das Bühnenbild hat der Amerikaner Michael Cotten entworfen, der Shows für Weltstars wie Bette Midler, Miley Cyrus, Shania Twain, Phil Collins und Katy Perry kreierte. Cotten verlieh der ‚HIStory World Tour‘ von Michael Jackson, dem Super Bowl sowie den Olympischen Spielen in Atlanta seine visuelle Magie.

—| Pressemeldung Friedrichstadt-Palast Berlin |—

 

München, Münchner Kammerspiele, Das Feld – Lesung von Robert Seethaler, IOCO Kritik, 17.02.2019

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Robert Seethaler liest aus dem  Roman – Das Feld

– Die Melancholie des Abgelebten –

von Hans-Günter Melchior

Robert Seethaler ist ein sehr sympathischer Mann. Groß und schüchtern oder ein wenig mit der Schüchternheit kokettierend betritt er die Bühne der Münchner Kammerspiele und ringt ein wenig um Fassung. Es ist so, als wolle er den Zuhörern, darunter offenbar richtige Fans von ihm, versichern: nehmt mich und das was folgt, nicht allzu ernst.

Hier in den Münchner Kammerspielen hat er vor vielen Jahren gerade von der Schauspielakademie kommend an einem Hintereingang seine Bewerbungsunterlagen abgegeben – „vielleicht war es der Pförtner, der sie entgegennahm“ – und nie wieder etwas gehört. „Und jetzt bin ich hier“, sagt er voller Verwunderung über seine Karriere, an einem Podium sitzend und die Manuskriptseiten ordnend wie nach den Worten suchend, die er bereits geschrieben hat.

Er wird die Hörer nicht überfordern, „nichts Schlimmeres als zu lange Lesungen“, sagt er im Verlaufe der ca. 1 ¼ Stunden, Martin Wuttke hat in Berlin aus Seethalers inzwischen auch verfilmtem Erfolgsroman Der Trafikant in Berlin gelesen, brillant, wie Seethaler versichert, „aber 3 Stunden!“. Das wird jetzt nicht passieren.

Einen Roman nennt er sein Buch Das Feld (Hanser, 239 S.), das in Wahrheit eine Geschichtensammlung ist, die strukturell locker zusammengehalten von der Fiktion, dass ein Mann in mittleren Jahren auf einer Bank im Friedhof einer kleinen Stadt (Paulstadt) sitzt und sich ausmalt „wie es wäre, wenn jede der Stimmen (Anm.: der Toten, die aus den Gräbern heraus reden) noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter scih gebracht hatte.“

Eine schöne, eine wunderbare Idee. Von hier aus öffnet sich ein Kosmos des kleinen Lebens, das nicht mehr sein will als ein anständiges und erträgliches Überleben. Alle Geschichten sind milde ironisch eingefasst von der leisen Melancholie der Vergänglichkeit. Seethaler ist ein Meister dieses Zwischenspiels –, es ist eben so und es ist nicht anders, was will man machen, so klingt die lyrische Melodie aus den Lebenserzählungen der Gestorbenen, dass man manchmal nicht weiß, ob man eine Träne verdrücken oder lächeln soll über diese aus den Schatten ins Licht und wieder in die Schatten torkelnden toten Lebendigen. Keine Hallen sind diese Gräber, kein Pathos tönt aus ihnen. Stille Kämmerlein, Bibliotheken der Selbstbesinnung, der Selbstironie und des Bedauerns über verpasste Gelegenheiten  vielmehr, von Seethalers literarischem Kaminfeuer geheizt.

In der Erzählung Hanna Heim hält der Ehemann die verkrüppelte Hand seiner sterbenden Frau. Sie erinnert sich, wie sie ihm an ihrem ersten Tag als Lehrerin in einer fremden Schule begegnete und ein Leben lang bei ihm blieb. “Du warst kein schöner Mann, aber du warst mein Mann.“ Er sitzt an ihrem Bett. Legt schließlich ihre Hand auf dem Kissen ab. „Habe ich dir gesagt, dass ich dich liebe? Erinnerst du dich?“  Das sind ihre letzten Worte.

Ein Meisterstück. Allein diese Erzählung ist die Lektüre des Buches wert.

Münchner Kammerspiele / Robert Seethaler © Urban Zintel

Münchner Kammerspiele / Robert Seethaler © Urban Zintel

In der Erzählung Herm Leydicke erteilt der Tote dem Zuhörer Ratschläge für das richtige Leben. Sie sind voll zarter Resignation, die an keiner Stelle in eine Verzweiflung mündet. Ratschläge die Frauen, Gott („Vermutlich gibt es keinen Gott“), die Mutter und die Liebe betreffend, humorvoll und voller Bescheidenheit im bescheidenen Leben sich bescheidend.

Anrührend die Geschichte Susan Tessler. Zwei alte Damen im Heim, kurz hintereinander sterbend. Sie kommen sich in den letzten Wochen ihres Lebens so nahe wie sich Menschen nur nahe kommen können. Hervorragend wie es Seethaler gelingt, die Seelenschwingungen in Sprache umzusetzen. Wie er aus Hinwendung Zuneigung, ja Liebe macht. Die Worte gehen vom Kopf ins Herz.

Muss so Literatur sein? Vielleicht –, nein sicher. Kunst ist immer doppelbödig, untergründig und im Glücksfall eine einzige Schwingung.

Seethalers mit Abstand bestes Werk. Lebensweise und unprätentiös. Sprachlich gekonnt die Abgründe streifend, ohne die Farben zu dick aufzutragen –, eine Kunst, die sich wie alle echte Kunst auf dem Weg macht, ohne jemals anzukommen, eine Suche ohne letztes Finden, die sich gerade in dieser Beschränkung vollendet, in dem Wissen nämlich, nicht mehr sein zu können als dies: Ahnung.

Ein großes Buch. Besser als seine Vorgänger. Ein Angekommensein. Werden doch manchmal in den gefeierten Romanen Der Trafikant und Die weiteren Aussichten die recht jungen und unbedarften Protagonisten nach dem Geschmack des Rezensenten mit allzu altklugen Tiefeneinsichten befrachtet.

Aus diesem Werk lesend könnte man dem Autor indessen stundenlang zuhören. Ein bedauerndes „Ooh, wie schade“, erklingt im gut besetzten Theater, als Seethaler die Lesung kurzerhand beendet. Ein kluger Entschluss, bevor die von ihm in Schwingung versetzten Seelenregungen sich zu überlagern und undeutlich zu werden drohen.

Ein kurzer, großer Abend

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

 

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