Kulturpolitik in Zeiten von Corona – Prof. Ullrich Mehlich – IOCO Interview – Teil 1, 13.01.2021

Januar 13, 2021 by  
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Corona & Kulturpolitik © Süddeutsche Zeitung / Max-Planck-Geselschaft

Corona & Kulturpolitik © Süddeutsche Zeitung / Max-Planck-Geselschaft

Kulturpolitik in Zeiten der Coronakrise

 Prioritäten der Regierung – das Recht der Bürger zum Widerstand – im Rahmen von Recht und Verfassung

Oxana Arkaeva spricht mit Prof. Ullrich Mehlich, Professor an der Hochschule für Verwaltung Kehl, über die Staatsgewalt zum Kulturgeschehen in den Zeiten von Corona 

Interview Teil 1: Staatsgewalt, Einzigartigkeit der deutschen Verwaltungssystems, Überforderung der Gesundheitsämter, Relevanz und Anordnung der Kultur in der kommunalen Verwaltung und das Ermessenshandeln der Regierung.

Interview Teil 2 – Folgt am 20.01.2021 – Über die (Un-)Möglichkeit einer Umwandlung der freiwilligen Kulturabgeben in Pflichtabgaben, Verletzung der Grundrechte, den Staat als Kultur-Schulmeister, den Erfolg einer Verfassungsklage in München, die Theatern als Bildungsstätte, und Prognose für die kommenden Monate

Die Autorin des Interviews legt großen Wert auf die originäre, authentische Art und Still im sprachlichen Ausdrucks der Interviewpartner*in. Daher sind stilistische und sprachliche Besonderheiten möglich.


Professor Ullrich Mehlich, Professor an der Hochschule für Verwaltung Kehl © Hochschule für Verwaltung Kehl

Professor Ullrich Mehlich, Professor an der Hochschule für Verwaltung Kehl © Hochschule für Verwaltung Kehl

Interview Teil 1:  Professor Ullrich Mehlich – im Gespräch mit  Oxana Arkaeva

  1. Lieber Herr Professor Mehlich, aus Sicht eines Verwalters, eines Juristen: Was passiert gerade in Deutschland,  ausgelöst durch die Corona-Pandemie ?

Wenn Sie mich vor einem Jahr gefragt hätte, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass wir eine solche Situation jemals in diesem Land bekommen würden. Wir haben seit Kriegsende beziehungsweise seit Entstehen der Bundesrepublik Deutschland noch niemals eine solche starke Einschränkung der Freiheitsrechte der Menschen gehabt, und Ich hoffe, dass mir das auch nie mehr in Zukunft erleben werden. Die Freiheitsrechte sind in einem Maße eingeschränkt worden, durch die Kontaktbeschränkungen und sonstigen Maßnahmen, die eben von der Regierung veranlasst worden sind, wie noch nie zuvor. Wahrscheinlich werden diese Beschränkungen, die in den verschiedensten Bereichen eine Rolle spielen, gerade im Bereich der Kultur, noch einen längeren Zeitraum aufrechterhalten bleiben müssen.

Oxana Arkaeva, Autorin © Oxana Arkaeva

Oxana Arkaeva, Autorin © Oxana Arkaeva

  1. 2. Sie beteuern immer wieder das Rechts- und Verwaltungssystem in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern einzigartig sind. Können Sie uns diese Einzigartigkeit erklären? Hat sich diese Einzigartigkeit unter Pandemie bewähren können?

Wir in der Bundesrepublik Deutschland haben ein sogenanntes föderatives System des anders wie in den allermeisten anderen europäischen Staaten zum Beispiel Frankreich welches zentral von Paris aus regiert wird bei uns haben in erster Linie die Länder besagen insbesondere in der Exekutive in der Verwaltung und das führt eben dazu oder führte dazu wie wir es ja gesehen haben dass wir sehr unterschiedliche Regelungen in den einzelnen Bundesländern haben also kein einheitliches Bild aber das ist in unserem System so angelegt Wir haben in den letzten 60 Jahren mit diesem föderativen System Im Vergleich zu vielen anderen Mitgliedstaaten der EU sehr gut gelebt die Hauptarbeit wird bei den Ländern insbesondere in der Verwaltung bei den Ländern weil die natürlich auch näher dran sind an den lebenssachverhalten im Umkehrschluss führt das natürlich dazu, dass wir diese Vielfalt haben diese Uneinheitlichkeit und gerade in Zeiten von Corona hört man ja jetzt die entsprechenden Stimmen dass es vielleicht sinnvoll gewesen wäre das mehr zentral vom Bund aus geregelt worden wäre.

  1. Wir hören immer wieder über aktuelle Überforderung der Ämter, insbesondere der Gesundheitsämter. Warum ist es so? Wie kam es dazu?

Den Gesundheitsämtern waren in der Vergangenheit in der Verwaltung so ein bisschen, das Stiefkind. Es ist ja auch nicht allzu viel passiert: die großen Säuchen waren besiegt. in den letzten Jahren, ab Mitte der 90er Jahre, stieg wieder die Bedeutung der Gesundheitsämter, die im Übrigen personell in der Regel nicht besonders gut ausgestattet waren. In dem wieder viele Krankheiten, Epidemien, wie der Tuberkulöse oder ähnliches, wo man eigentlich dachte, dass sie ausgestorben sind, immer wieder zurückgekommen, stieg so langsam die Bedeutung der Gesundheitsämter wieder an. Der Personalbestand blieb aber weitestgehend gleich. Und jetzt kann man wirklich sagen, dass sieht man ja jeden Tag, dass die sie in der Verwaltung die Hauptlast tragen; eben tatsächlich überfordert sind. Die Nichtverfolgung funktioniert nicht mehr. Infektionszahlen sind zu hoch. Nach dieser Pandemie werden wir darüber nachdenken müssen diesen Teil der Verwaltung auf jeden Fall personell und finanziell zu verstärken. Die Gesundheitsämter sind am nächsten dran. Sie improvisieren größtenteils und Ich bin wirklich gespannt, wenn jetzt diese Impfzeiten losgehen, wie sich dann das personell hinbekommen. Das wird die größte Herausforderung werden für die Verwaltungen, insbesondere für die Gesundheitsämter, diese Impfstrategien umzusetzen.

Vor einer Woche haben wir über die Situation in Kehl mit den Besuchern, Käufern aus Frankreich gesprochen.

  1. Was meinen Sie, wird es zu den Einschränkungen im Grenzverkehr, zu der Grenzschließungen kommen?

Ich bin mir sicher, dass es kommen wird. Ich sehe es von zwei Seiten. ich wohne unten an der Grenze zur Schweiz und arbeite an der Grenze zu Frankreich. ich erlebe diesen Grenzverkehr und wenn die Zahlen sich weiter so entwickeln beziehungsweise nicht rapide nach unten gehen in diesen Lockdown, da bin ich mir sicher, dass es im Januar verschärfte Grenzkontrollen stattfinden werden, wenn nicht sogar Grenzschließungen. Wahrscheinlich zur Schweiz und zu Frankreich, davon gehe ich aus.  Mit Ausnahmen für die Menschen, die beruflich zwingend die Grenze überschreiten müssen. Ich weiß auch nicht wer vor den Deutschen mit der Grenzschließungen zuerst anfängt, die Schweizer oder die Franzosen, aber ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Monat Einschränkungen im Grenzverkehr haben werden.


Corona und die Relevanz der Kultur – Oxana Arkaeva im Gespräch mit  Ullrich Mehlich
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  1. Wo ist sie in der Verwaltung, in der kommunalen Verwaltung angeordnet oder angesiedelt?

Die gesamte Kultur wird rechtlich oder insbesondere kommunalrechtlich, im Bereich der sogenannten freiwilligen Aufgaben der Gemeinden angesiedelt. Das ist immer schon so gewesen. Man muss aber hinzufügen, dass in Deutschland, insbesondere in Süddeutschland, haben die Gemeinde, aufgrund der verfassungsrechtlichen Situation, eine extrem starke Position. Unser Grundgesetz geht davon aus, dass die Gemeinden einen Großteil der gesamten Aufgaben selbst erfüllen können. Sogenannte kommunale Selbstverwaltungsgarantie und sich der Staat nur dann in die Sachen einmischt, die unbedingt einer staatlichen Regulierung bedürfen. Also ein Süddeutsche oder ein deutscher Bürgermeister und Gemeinderat hat gegenüber allen anderen in den europäischen Mitgliedstaaten eine viel stärkere Position. Weil er viel mehr rechtliche Gestaltungsräume hat. So unterscheiden wir bei den Aufgaben der Gemeinden zwischen pflichtaufgaben. Das sind die Aufgaben, die der Staat den Gemeinden übertragen hat, wie zum Beispiel, der Straßenbau, Polizeirecht, Gefahrabwehr und ähnliches, und den freiwilligen Aufgaben, wo die Gemeinde an keine Weisungen gebunden ist und mehr oder weniger politisch selber entscheiden kann, wie, mit welchen Mitteln, mit welchem Aufwand welchen Ressourcen sie diese Aufgaben erfüllen wird. Es sind natürlich politische Entscheidungen auf kommunaler Ebene und da gibt es sehr große Unterschiede. Eine Gemeinde legt deutlich mehr Wert auf Kultur, der andere ist der Straßenbau wichtiger. Das sind wirklich politische Entscheidung, wo die Gemeinden selbstständig ihre Prioritäten einsetzen können.

  1. Können wir auch über eine gewisse Relevanz bestimmter Aufgaben sprechen?

Das kann man sehr wohl. Es gibt eine gewisse Rangordnung der Rechtsgüter, die vom Staat geschützt werden sollen. Da steht ganz oben, das wurde vom Bundesverfassungsgericht schon in jahrzehntelanger Rechtsprechung immer so entschieden, der Schutz von Leib, Leben und Gesundheit. Und dann gibt es eine gewisse Rangfolge nach unten hin und, natürlich es ist eine politische Entscheidung. aber gegenüber den Lebensschutz, und Infektionsschutz, ist ja im weitesten Sinne Lebensschutz, ist es natürlich schon so, dass die Kultur, so wichtig sie auch ist diesbezüglich nachrangig. An welcher Stelle genau sie steht, das kann man nicht sagen, aber wenn die Abwägung stattfindet die Einschränkung der Kultur zugunsten des Gesundheitsschutzes ansetzen, dann ist es in der Regel von unserer Rechtsordnung auch so gewollt.

  1. Nun, wir reden nicht nur über Kultur. Wir reden über Tourismus, Sport, Gastronomie. Heißt es, wenn wir über Relevanz der Kultur sprechen, ist sie unter diesen Bedingungen nicht relevant genug? Kann man es so verstehen?

Da wo kann man das tatsächlich verstehen, dass sie so von der Wertigkeit her im Moment auf jeden Fall deutlich hintenanstehen müssen. Es geht ja nicht nur um Kultur, die gesamte Gastronomie der gesamte Tourismus des sind natürlich Berufszweige die jetzt ein massives Sonderopfer tragen und da kann man sich nun wirklich Gedanken darüber machen ob es wird viele Gastronomen es wird viele Kulturschaffende finanziell ruiniere wenn dieser Zustand eben so weitergeht sieht unsere Welt hinterher in diesen Bereichen wahrscheinlich deutlich anders aus jetzt man kann sich wirklich die Frage stellen ob die Maßnahmen zum Beispiel offenlassen von Schulen und Kitas ja die natürlich diesen Bereich das politisch bevorzugt ne ob diese Entscheidung richtig war und auch nicht dadurch eben der andere Bereich der durch die Kontaktbeschränkungen massiv betroffen wird nicht im Boot verhältnismäßiger Weise benachteiligt worden ist dann kann man die Frage kann man sich sehr wohl Stellen auf diese Prioritätenverteilung wie von der Politik so der ganz offen gesagt ne um die Kitas und Schulen offen zu lassen müssen anderswo müssen anderswo Kontakte beschränkt werden hat auch umgekehrt machen können das war aber wohl politisch nicht opportun.

  1. Ist das hier die besagte Ermessenshandeln, von dem Sie immer wieder sprechen?

Natürlich hat die Politik das Entscheidungsermessen. Sie kann verschiedene Alternative prüfen, bewerten und dann entsprechend abwägen: die Rechtsgüter. Die Bildung ist ein ganz wichtiges Gut. Schule, Kitas gehen vor dem, ich sags mal so dem Freizeitvergnügen oder wie auch immer man das zusammenfassen will. Das war eine Entscheidung die durchaus, meines Erachtens, politisch möglich ist. Inwiefern sie auf Dauer rechtlich in dieser Form durchzuhalten ist, dass wird man sehen. Dafür haben wir auch den Rechtsweg. Ich habe mich schon beim ersten Lockdown sehr gewundert, wie wenig die Verwaltungsgerichte sich eingemischt haben. Das werden wir beim zweiten Lockdown anders erleben.

Zurück zu der Thematik der freiwilligen Abgaben für die Kultur. Vor paar Tagen habe ich von einem Kollegen gehört, dass nach der Wende, in Sachsen, diese freiwilligen Abgaben für die Kultur in einem Gesetz als nicht mehr freiwillige Abgaben festgehalten werden.

Interview Teil 2 – Folgt am 20.01.2021 – Über die (Un-)Möglichkeit einer Umwandlung der freiwilligen Kulturabgeben in Pflichtabgaben, Verletzung der Grundrechte, den Staat als Kultur-Schulmeister, den Erfolg einer Verfassungsklage in München, die Theatern als Bildungsstätte, und Prognose für die kommenden Monate.

—| IOCO Interview |—

La Tragédie de Salomé – Florent Schmitt – NAXOS, IOCO CD-Rezension, 10.01.2021

Januar 10, 2021 by  
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Florent Schmitt - La Tragédie de Salomé - CD © NAXOS

Florent Schmitt – La Tragédie de Salomé – CD © NAXOS

La Tragédie de Salomé – Florent Schmitt

NAXOS – DDD, 2019/2020 – Bestellnr  10308223 – erschienen 13.11.2020

Florent Schmitt: La Tragédie de Salomé – Symphonic Poem, Op. 50 (1910), Musique sur l’eau (version for voice and orchestra), Op. 33 (1898), Oriane et le Prince d’Amour – Suite, Op. 83bis (1934-1937), Légende (version for violin and orchestra), Op. 66 (1918), Susan Platts (Mezzosopran), Nikki Chooi (Violine), Women’s Choir of Buffalo, Buffalo Philharmonic Orchestra, JoAnn Falletta. Naxos 8.574138, 2020.

von  Julian Führer

Der französische Richard Strauss? Meisterliche Klangfarben-Malereien von Florent Schmitt  – auf NAXOS – CD

Florent Schmitt um 1900 © Wikipedia

Florent Schmitt um 1900 © Wikipedia

Florent Schmitt (1870-1958) hat in seinem langen Leben ein vielfältiges Werk hinterlassen. Nach dem Studium am Konservatorium in Paris, unter anderem beim das Werk Richard Wagners verehrenden Albert Lavignac und dann bei Jules Massenet und Gabriel Fauré, wurde er im Jahr 1900 Preisträger des prestigeträchtigen Prix de Rome, den vor ihm Georges Bizet, Camille Saint-Saëns, Jules Massenet, Claude Debussy und Paul Dukas gewonnen hatten. Abgesehen von der Oper hat er die meisten musikalischen Genres der Zeit mit eigenen Kompositionen bedient. Eine Aufnahme aus Buffalo ruft nun einigermaßen Bekanntes in Erinnerung, wartet aber auch mit zwei Ersteinspielungen auf.

Die symphonische Dichtung La Tragédie de Salomé Opus 50 gehört zu Schmitts bekannteren Werken. Ganz im Geist des Fin de siècle, als Salome ein bevorzugtes Thema der Künste war (man denke nur an Oscar Wilde und Richard Strauss), komponierte Schmitt 1907 ein umfangreiches Werk für kleines Orchester, das er 1910 im Umfang reduzierte, aber für großes Orchester umarbeitete. Die Skandaloper von Richard Strauss war Ende 1905 uraufgeführt worden und hatte rasch Berühmtheit erlangt; Schmitt scheint die Partitur gekannt zu haben (er hatte Strauss selbst bereits 1899 getroffen), zumindest lassen einige Klangfarben und die Mischung von scharfer Rhythmik und orientalisierendem Gestus dies vermuten. Gewidmet wurde diese Partitur allerdings Igor Stravinsky, der 1910 in Paris war. Die textliche Grundlage für das Tongedicht lieferte Robert d’Humières. Das Orchester nun ist spätromantisch-breit besetzt, das Englischhorn übernimmt eine wichtige Funktion, gerade in der Einleitung (Prélude). Schmitt beherrscht die Kunst, ein sehr großes Orchester im stetigen Wechsel der Klangfarben über weite Strecken so zurückhaltend zu instrumentieren, dass dem Hörer ein Breitwandpianissimo aufgefächert wird, insgesamt schwerer als bei Debussy, doch unverkennbar französisch, mit vielen Dämpfern in den Streichern und rhythmischen Reizen (Triolen, 32tel-Verzierungen, Wechsel in den 5/4-Takt). Die auf das Prélude folgende Danse des Perles illustriert, wie erst Herodias und dann Salome selbst sich schmücken und diese dann ihren ersten Tanz vollführt. Noch mehr als im Prélude werden die Harfen eingesetzt, ein Glockenspiel kommt dazu. Die Streicher treiben die Bewegung an, in der Tanzpassage steht das Schlagwerk mehr im Vordergrund.

La Tragédie de Salomé von Florent Schmitt – hier mit dem Orchestre de Paris
youtube Florent Schmitt
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Der folgende zweite Teil der Klangdichtung wird wieder langsam eingeleitet. Florent Schmitt fordert hier den Einsatz eines Sarrusophons, eines Rohrblattinstruments, das in der französischen Militärmusik vereinzelt Verwendung findet und Eigenschaften eines tiefen Holzblasinstruments mit denen eines mittleren Blechs vermischt (Schmitt hatte seinen Wehrdienst unter anderem in einer Musikkompanie abgeleistet). Dieses Sarrusophon alterniert hier mit der Bassklarinette. Im folgenden, Les enchantements de la mer betitelten Abschnitt erinnern die Flöten sehr an Debussy, abermals werden oft die Harfen eingesetzt, und zwischen Oboe und Horn entspinnt sich ein Dialog, während Herodes, so der Begleittext, auf das wabernde Meer schaut und sich im Dunst langsam die Silhouette der Salome abhebt… An dieser Stelle hat Schmitt Vokalisen komponiert, erst solistisch (Susan Platts), dann von insgesamt sechs Chordamen. Die Farben sind üppig, die Stimmen berückend, die Stimmung schwül – und dann folgt die Danse des éclairs, notiert „avec frénésie“. Gemäß der Vorgabe von d’Humières ist die Szenerie nur durch Blitze ab und an erhellt, schemenhaft erkennt man die nackt tanzende Salome, den gierigen Tetrarchen Herodes und Johannes den Täufer,dessen abgeschlagener Kopf dann Salome auf dem Tablett dargeboten wird. Passagen mit scharfer Rhythmik wechseln auch hier wieder mit leisen Passagen, in denen Bratsche und Oboe solistisch auftreten, während gedämpfte Violinen und gestopfte Hörner begleiten – es wäre wahrlich sehr erstaunlich, wenn sich Schmitt hier nicht von Salomes Tanz bei Richard Strauss hätte inspirieren lassen. Diese Szene mündet in die Danse de l’effroi (den Tanz des Grauens), der eine sich gegen Salome entfesselnde Natur evoziert und der Igor Stravinsky bis hin zur Musik von Le Sacre du Printemps beeinflusste. Strauss und Schmitt sind sich zeitlich, vom Thema und von den Kompositionstechniken her sehr nahe.

Florent Schmitt - La Tragédie de Salomé - CD © NAXOS

Florent Schmitt – La Tragédie de Salomé – CD © NAXOS

Auf der CD folgt die Musique sur l’eau Opus 33 in der erstmalig aufgenommenen Fassung für Gesang und Orchester von 1898. Der Text ist ein Gedicht des symbolistischen Dichters Albert Samain, der auch Vorlagen für Camille Saint-Saëns und Gabriel Fauré geliefert hat – „Oh, écoute la symphonie / Rien n’est doux comme une agonie / Dans la musique indéfinie / Qu’exhale un lointain vaporeux“. Als Musikkritiker hat sich Florent Schmitt mitunter über solche Dünste lustiggemacht, er war auch mit Erik Satie befreundet, aber als Komponist war ihm derlei doch nicht fremd, wie deutlich zu hören ist; doch verrät die Faktur auch den Könner, wie in einem Orchesterlied von Richard Strauss wird die Stimme von Harfen umgarnt, und ein breiter Streicherapparat wird soweit gezügelt, dass der Teppich zwar sehr warm, aber noch nicht zu dick ist. Susan Platts als Solistin artikuliert den französischen Text sehr klar und formt die Töne so, dass das Hören wirklich ein ästhetisches Vergnügen bereitet.

Schmitt war produktiv, lange nach den bislang besprochenen Stücken schrieb er 1934-1937 eine Ballettmusik Oriane et le Prince d’Amour Opus 83, aus der er die Suite Opus 83bis formte. Bemerkenswert, wie sich Schmitt selbst treu blieb, seine Kompositionen blieben vom parfümierten spätromantischen Klangideal geprägt, raffiniert sind sie auf jeden Fall: die ruhigen Rahmenteile (jeweils „Calme“ überschrieben) variieren Orientalismen wie die Salome-Dichtung, während die mittleren Passagen (die schmachtende Danse d’Amour und vor allem die Danse des Mongols) doch eigene Farben entwickeln. In der Behandlung des Schlagwerks und den rhythmisch stärker akzentuierten Passagen ist Stravinskys Einfluss doch zu ahnen (vor allem aus Petruschka), doch bestünde auch bei einer musikalischen Blindprobe kaum ein Zweifel, dass es sich um durch und durch französische Ballettmusik handelt.

Abschließend ist die Légende Opus 66 von 1918 zu hören in der hier erstmalig eingespielten Fassung für Violine und Orchester. Die erste Fassung war ein Auftragswerk von Elise Hall aus Boston, die sich Kompositionen für Altsaxophon gewünscht hatte – Debussy komponierte eine Rhapsodie für sie, Schmitt die technisch deutlich anspruchsvollere Légende, von der er dann noch Fassungen für Bratsche und für Violine herstellte. Nikki Chooi präsentiert den Solopart mustergültig, während das begleitende Orchester eher ruhig bleibt. Auffallend sind einige Passagen für die Flöten sowie Schmitts auf dieser CD immer wieder durchscheinende Vorliebe für die Harfe. Ein Interview mit Nikki Chooi und anderen Musikern über die verschiedenen Fassungen und ihre jeweiligen Charakteristika ist in diesem link – HIER ! _ hier zu finden:

Das Buffalo Philharmonic Orchestra ist ein Klangkörper, der die zahlreichen von Florent Schmitt in der Partitur vorgenommenen Anweisungen zu Tempi und Dynamik stets flexibel umsetzt. JoAnn Falletta als Dirigentin hat hier hörbar gute und gründliche Arbeit geleistet. Die Aufnahmequalität ist beispielhaft, und die Kommentare im Booklet (in englischer und französischer Sprache beigegeben) von Edward Yadzinski setzen Maßstäbe. Dem Label Naxos ist zu danken, dass solche Aufnahmen zur Verfügung stehen, und es ist zu wünschen, dass dieser Komponist, dem eine eigene Website gewidmet ist, www.florentschmitt.com  als Vertreter der französischen Spätromantik wieder etwas bekannter wird.

—| IOCO CD-Rezension |—

Bury St Edmunds, St Edmundsbury Cathedral, 2021 New Year greetings – Johann Sebastian Bach, IOCO Aktuell,

Januar 4, 2021 by  
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St Edmundsbury Cathedral in Bury St Edmund © St Edmundsbury Cathedral / Ph Banks

St Edmundsbury Cathedral in Bury St Edmund © St Edmundsbury Cathedral / Ph Banks

2021 New Year greetings –  from St. Edmundsbury Cathedral, England

for IOCO – for the Marienbasilika of Kevelaer – for all Mankind

von Janet Banks (IOCO correspondent UK)

St Edmundsbury Cathedral, in the town of Bury St Edmunds (one of 42 Cathedrals in England) is in the heart of the East of England, and serves the English County of Suffolk, home to one of England’s major container ports (Felixstowe), not far from Cambridge. Our Cathedral in Bury St. Edmunds is proud to be linked as Partnerstadt / Twin Town with the German Marienbasilika of Our Lady in Kevelaer, and despite the current distress of Brexit we remain determined to maintain our good relationships with our European friends and families. The Cathedral h at Bury St Edmunds was built in 1539, and completed with the construction of the tower in 2000 as a millennium project, partly funded by the EU. Situated next to the Abbey of Saint Edmund (closed and destroyed during the English Protestant Reformation, which took place early in the 16th century under King Henry VIII) music is central to our life, and we have kept alive this strong musical heritage even during the pandemic: Choral Evensong (similar to Vespers in Germany) is sung on most days of the week, maintaining a prayerful link with the monastic Benedictine tradition of former years. This daily rhythm of prayer is the heartbeat of the Cathedral community here, as we welcome visitors and pilgrims from all over the world. During the Covid pandemic we have provided on-line a short musical reflection each day and the organ piece. In the following you will hear one of these reflections, a composition of Johann Sebastian Bach.

J S Bach : BWV 615 – Das alte Jahr vergangen ist, BWV 614 & In dir ist Freude
youtube Kanal – St Edmundsbury Cathedral
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Ben Banks and the Tower of London © Ben Banks

Ben Banks and the Tower of London © Ben Banks

Ben Banks, Organ Scholar in the University of Oxford and member of the Royal College of Organists, is playing for  IOCO Kultur Community and  the Marienbasilika of Kevelaer  the hymns  Das alte Jahr vergangen ist, BWV 614 & In dir ist Freude, BWV 615 at St. Edmunsbury Cathedral. Ben Banks performs on the organ of the Cathedral in Bury St Edmunds, in the grounds of the ancient Benedictine Abbey and Pilgrimage place of St Edmund. A flagship organ built in 2010 by Harrisons of Durham (one of England’s premier organ builders), it has four manuals, 59 speaking stops and over 3,500 pipes.

The New Year hymn, “Das alte Jahr vergangen ist,” (The old year now hath passed away) and „In dir ist Freude“ (In thee is gladness) are the texts for the two JS Bach Chorales for New Year’s Eve and New Year’s Day.

Johann Sebastian Bach in Leipzig © IOCO - H Gallée

Johann Sebastian Bach in Leipzig © IOCO – H Gallée

Bachs New Year hymn, Das alte Jahr vergangen ist” (The old year now hath passed away) and „In dir ist Freude“ (In thee is gladness) are the texts for the two JS Bach Chorales for New Year’s Eve and New ,Year’s Day. The hymns are  taken from Johann Sebastian Bach´s Orgelbüchlein.

The Orgelbüchlein comprises a collection of forty-five chorales, BWV 599-644,  which Bach composed in the years 1712 to 1717.  During his second, almost ten year long employment from 1708 until 1717 in the service of the Weimar dukes, he worked as the court organist at the castle church, the so-called Himmelsburg, then castle of the count Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (1662 – 1728).

In this second Weimar period Bach composed a large part of his organ oeuvre. With his promotion to Concert Master (Konzertmeister) in 1714, his very rich oeuvre of cantatas began to evolve, which later became an important foundation for his work in Leipzig as the Thomas Cantor. In Weimar over 30 cantatas were composed, along with many works for harpsichord solo (including the Chromatic Fantasy and Fugue for example), but also early versions of the Brandenburg Concertos and parts of the epoch-making partitas for violin solo (e.g. the famous “Chaconne” from the Partita in D minor).

St Edmundsbury Cathedral –  more YouTube videos –  click HERE!

As we reflect on the challenges and blessings of 2020, the strangest of covid-pandemic years, may we find strength, joy and peace in the year ahead. 
Performed on the organ of the Cathedral in Bury St Edmunds, the Cathedral of Suffolk in East Anglia, in the grounds of the ancient Benedictine Abbey and Pilgrimage place of St Edmund. A flagship organ built in 2010 by Harrisons of Durham (one of England’s premier organ builders), it has four manuals, 59 speaking stops and over 3,500 pipes.

Organ at St Edmundsbury Cathedral in Bury St Edmund © St Edmundsbury Cathedral / Ph Banks

Organ at St Edmundsbury Cathedral in Bury St Edmund © St Edmundsbury Cathedral / Ph Banks

—| IOCO Kritik St Edmundsbury Cathedral |—

BLAUBART oder der Schlüssel zur Verdammnis, IOCO-Serie, Teil 4, 19.12.2020

Dezember 19, 2020 by  
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 Charles Perrault Versailles - 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

Charles Perrault Versailles – 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

BLAUBART oder der SCHLÜSSEL ZUR VERDAMMNIS

Blaubart – La BarbeBleue ::: Peter M. Peters    führt IOCO-Leser in vier Folgen durch die Geschichte, die Geheimnisse, die Mythen um eine Phantasiefigur

Bereits bei IOCO erschienen:

Teil 1: Blaubart und die unerfüllte Liebe – link HIER
Teil 2: Freier Lauf für die Fantasie …..link HIER
Teil 3: Der Schlüssel zum Geheimnis – link HIER

von Peter M. Peters

 Teil 4 –  Der Schlüssel zum Geheimnis

Bertrand und Jaubert (1935)

Für den Zeichentrickfilm Féérie (Verzauberung – mit animierter Skulptur) von René Bertrand (1877-1969) komponierte Maurice Jaubert (1900-1940) die Musik für eine kleine Filmoper nach der Fabel von PerraultBlaubart ist die Nummer 49 in seinem Werkkatalog und die Dauer ist nicht länger als dreizehn Minuten. Dieser kleine Film, der in Farbe mit einem für die damalige Zeit raffinierten Verfahren (Gasparcolor) gedreht wurde, ist ein reines Meisterwerk. Wir können dort alles finden: Frische, Humor, Talent natürlich und dann auch eine Loyalität zu Perrault, die nie erdrückend wirkt. Es ist der Geist der Fabel, der durch diese stilisierten Charaktere in diesen geschickt kolorierten Bildern erscheint. Neben den technischen Fähigkeiten, die durch die Animation der kleinen Figuren dargestellt wird, ist eine perfekte Harmonie zwischen der Musik – sehr oft gesungen – und dem Bild, die unsere Aufmerksamkeit erweckt. Hier gibt es eine sehr subtile Parodie auf die Oper, vor allem ein wunderschönes italienischen Trio, das den dramatischsten Moment darstellt. Die einzige bemerkenswerte Ergänzung der Fabel besteht darin, die Hauptfigur zu einem Haudegen zu machen und hier gegen die Sarazene kämpft. Beim ersten flüchtigen Hinhören glaubt man (er komponierte bereits eine burleske Fantasie zu Le Chaperon rouge), Jaubert hat sich beim Komponieren an der Musik von Offenbach inspiriert. Aber das Ende ist nur teilweise glücklich: Blaubart wird getötet und seine ehemaligen Frauen beleben sich nicht durch Magie!

Herzog Blaubarts Burg – Bela Bartok – London Philharmonic – Adam Fischer
youtube Trailer Dence Deca
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Blaubart  – Camillo Togni (1977)

Lassen Sie uns darauf hinweisen, dass diese zeitgenössische Oper Blaubart von Camillo Togni (1922-1993) am 11. November 1977 am Teatro alla Scala in Mailand aufgeführt wurde, nachdem die Uraufführung in der vorangegangenen Saison am Teatro La Fenice in Venedig stattgefunden hatte, unter der musikalischen Leitung von Zoltán Peskó (1937-2020), Regie Francesca Siciliani. Dieses etwa eine halbe Stunde dauernde Werk adaptiert im ersten Teil des Abends, vor Herzog Blaubart’s Burg von Bartók, einen hervorragende poetischen Text von Georg Trakl (1887-1914), der in den frühen Jahren des 20. Jahrhundert verfasst wurde. In drei Szenen, denen ein Prolog vorausgeht, erzählt es von der Hochzeit des Blaubart mit Elisabeth, einem seiner Opfer. Kritiker hatten die große Verfeinerung dieser Komposition unterstrichen, die von Arnold Schönberg (1874-1951) beeinflusst wurde. Man schrieb folgendes: „…einer Wärme des Ausdrucks, einer Eleganz, die durch ein bemerkenswertes Maß an Stil gekennzeichnet ist. Hauptsächlich in den Momenten der Kammermusik, die das Meer des großen Orchesters durchscheinen ließ.“ (Rezension veröffentlicht im Corriere della Sera, am 13. November 1978). Nach unserer Kenntnis ist dies die letzte Adaption vom Mythos Blaubart für eine lyrische Szene. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es morgen andere geben wird, weil die Fabel von Perrault mehr als andere die Privilegien der Zeitlosigkeit genießt. Auch schon allein deshalb, weil ihr Thema auf eine ständige Frage nach dem Sein reagiert. Der Mensch berührt mit seiner großen komplexen Beziehung von Liebe und Besitz, Verbot und Tod einen nie versiegenden Drang nach Macht.

Béla Bartók in 1927 © Wikimedia Commons

Béla Bartók in 1927 © Wikimedia Commons

Freiheit oder Tod …: Optimismus oder Pessimismus

Mit den wenigen Worten des Grand Siècle hat Charles Perrault mit Blaubart die Spannung erfunden: Seine pudrige Sonne und ihr grünes Gras (Absolute Klischees).  Auf nur zwei Seiten wird Terror und Angst beschrieben und seitdem verfolgt Schwester Anne unsere Träume; ist sie in unserem kollektiven Gedächtnis; sollten wir nicht bemerken, dass diese Braut nicht einmal einen Namen hatte. So repräsentierte Schwester Anne also alle verwirrten Frauen. Indem wir die Gegebenheiten ändern, bekommen alle Frauen eine eigene Identität: Stellen wir uns vor Blaubart und Dalila, Blaubart und Carmen oder Cunégonde … Zu Beginn unseres Jahrhundert im Abstand von zehn Jahren, ließen ihn zwei bedeutende Dramatiker Ariane und dann Judith heiraten. Ovid (43 v. J.C.- 17 oder 18 v. J.C.) erzählte uns prosaisch, wie Ariane das Labyrinth vereitelt hatte, indem sie Theseus einen Faden anvertraute. Maeterlinck konnte sich 1901 nicht mehr mit solchen archaischen Wahrheiten zufrieden geben. In seinen Augen musste Ariane die weiblichen Fähigkeiten symbolisieren den Zauber zu brechen, wie bedrohlich er auch sein mag. Vor allem dachte er daran, den Ruhm des Pelléas et Mélisande (1902) von Claude Debussy (1862-1918) zu reduzieren. Und so versuchte er dem schon sehr berühmten Edvard Grieg (1843-1907) sein Libretto anzubieten, dass schon einige Theater ablehnten. Es wird also Ariane et Barbe-Bleue, das der Musiker nicht wollte… Neben Ovid weiß Maeterlinck durch Apuleius (125-170), dass es Psyche verboten war, ihren Geliebten zu kennen. Dieser Mythos des mysteriösen Liebhabers nimmt verschiedene Formen an und führt insbesondere zu Lohengrin (1850) von Richard Wagner (1813-1883): Über das Maeterlinck, obwohl nur wenige französische Musiker dieses Werk wirklich mochten, meditieren musste. Muss Blaubart‘s Vergangenheit die eines Mörders sein? Je weniger Blaubart schuldig sein wird, desto mehr wächst seine Frau in die Indiskretion. Es bleibt zu hinterfragen, ob ein unbändiger Wunsch alles zu wissen, böse oder gut ist!   Zwei Optionen stehen sich gegenüber:  Optimismus  versus  Pessimismus!

Ariane et Barbe-Bleue – Paul Dukas –  2008 Oper Frankfurt
youtube Trailer Sandra Leupold
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 Die Optimistische Option –  auf der Bühne

1907:  Ariane et Barbe-Bleue von Paul DukasOpéra Comique Paris 

Für Maeterlinck ist Ariane diejenige, die das mentale Labyrinth von Blaubart entwirrt, sie ist die triumphale Ungestümheit, der Geist der Eroberung, die Hoffnung, die Freiheit. Die Rolle von Blaubart ist auf wenige Worte reduziert. Wir wissen, dass er ein großer Herr ist und das er von seinem Volk gehasst wird, auch wird er schrecklichen Verbrechens verdächtigt. Sollte man seiner neuen Frau irgendeine Aufklärung oder Erläuterung verbieten? „Ich werde nach der verbotenen Tür suchen“, antwortet sie. „Alles, was erlaubt ist, wird uns nichts lehren.(…) Hier ist die Bedrohung! Öffne die letzte Tür!“ Durch ihre Intervention kann sie ihrem Ehemann helfen, seine Probleme zu lösen und ihn zu retten: Sie erinnern an eine Allegorie der entstehenden Psychoanalyse, aber Maeterlinck war sich dessen noch nicht bewusst und er wagte sich auch nicht bis zum Äußersten. Im dritten Akt fühlt sie sich verlegen vor einem Blaubart, der besiegt wurde von seinem Volk. Um den Anschein einer tieferen „Dramaturgie“ zu vermitteln stimmt Maeterlinck einen Lobgesang an das ewige Weibliche an (sein Vie des abeilles geht auf dasselbe Jahr zurück, 1901), indem er seine Heldin einem unsteten schöpferischen Zufall überlässt. So muss sie weiter ziehen und überlässt den „Arbeiterinnen“ ihrem Schicksal, die es vorziehen, in diesem gotischen „Bienenstock“ zu arbeiten: so wird sie vielleicht einem anderen Volk die ersehnte Hoffnung auf Frieden und die Kraft für Freiheitausbrüche bringen.

Le Château de Barbe-Bleue – Extrait  – Ekaterina Gubanova, John Relyea
youtube Trailer Opéra national de Paris
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 Die Pessimistische Option –  auf der Bühne

1918:  Herzog Blaubart’s Burg – Béla Bartók, Béla Baláz  Königliche Oper Budapest

Der Expressionismus zündete die Überreste der Symbolik an. Die Psychoanalyse hat die Gedanken der Menschen erfasst, insbesondere in Mitteleuropa. Auch hier ein Stück, das für die Bedürfnisse einer kurzen Oper in einem Akt, das sowohl üppig als auch sparsam sein soll und auch enger zusammenfassend wirkt: nur zwei Sänger in der Distribution. Blaubart steht nun einer Frau gegenüber, die sich ihrer erotischer Ausstrahlung bewusst ist, die ihr Unbewusstes leuchten lässt. Sie ist möglicherweise genauso schuldig wie Blaubart von dem Moment an, indem sie vermutet, d.h. als sie es „begriffen“ hat. Verlieren wir uns nicht in biblischen Konnotationen von Judith, sondern behalten wir die Idee einer Heldin im Kopf. Einer Heldin die bereit ist alles zu tun um sich selbst zu erhalten, einschließlich Mord, der sie auf gleiche Höhe mit ihrem Ehemann stellt. Blaubart erwählt also nicht eine neue Eroberung, sondern sucht ein vermutlich unerreichbares Gleichgewicht. So ist es letztlich nicht überraschend, dass Blaubart zunehmend seine Pracht verliert und verleitet wird, sein wahres „Ich“ zu offenbaren: so ist Blaubart tatsächlich von Beginn an verloren!

Zum Ende deckt Librettist Béla Baláz seine Karten auf: Die drei vorherigen Frauen symbolisieren seinen Morgen, seinen Mittag, seine Dämmerung. Judith kommt aus der Nacht zu ihm: Es ist ihr eigener Tod! Die Originalität von Balázs ist, dass Judith ihren eigenen Tod ignoriert. Sie ist der Tod! Auch sie schreitet mit Angst und Terror voran und als Blaubart sie beleuchtet, um sie mit den prächtigsten Juwelen aus seinem blutigen Palast zu schmücken, ist sie terrorisiert und will fliehen. Aber dann lässt sie sich in dunkles Unterbewusstsein sinken und teilt mit den anderen Todesopfern ein Dasein in dieser geisterhaft mentalen Grotte. Hier ist das Sein nur ein ruheloses Spiel der dunklen Mächte! Und Bartók, ein hervorragender Komplize solcher Absichten, schlägt zusätzlich vor, dass eine solches Drama auf unbestimmte Zeit von vorne beginnt: Die letzten melodischen Akkorde kehren ohne Modulation oder Bruch genau dort zurück, wo die Musik begonnen hat. Der Kreis ist geschlossen: der Tod kann unbewusst woanders hingehen, um anderen Menschen mit der vollen Wahrheit zu konfrontieren.       PMP-20/11/20-4/4

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