Stralsund, Theater Vorpommern, Dido and Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 17.10.2020

Oktober 17, 2020 by  
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Theater Vorpommern

Theater Stralsund © Vincent Leifer

Theater Stralsund © Vincent Leifer

 DIDO AND AENEAS  –  Henry Purcell

Ein starkes,  geschlossenes Ensemble entlässt das begeisterte Publikum nach viel zu kurzen 59 Minuten

von Thomas Kunzmann

Die Saison 20/21 sorgt an allen Theatern für erzwungene Überraschungen: reduzierte Platzkapazitäten in den Sälen einerseits, Abstandsregeln auf der Bühne und im Orchestergraben andererseits erzwingen Kreativität. Wohl kaum kein Theater in diesem Land, das die Saison nicht wieder und wieder umgeplant und auch die Stückauswahl den Bedingungen angepasst hat. Kleine Besetzungen im Klangkörper, oftmals Verzicht auf große Choropern und Werke, die eine Pause benötigen. Nicht zuletzt sind dadurch aber auch Experimente möglich, mit weniger großen Namen die Häuser zu füllen, bereits mit 20-30% Platzbelegung ist man letztlich „ausverkauft“. Krise als Chance – und das Publikum ist nach 6 Monaten ausgehungert.

Das Theater Vorpommern, Stralsund eröffnet seine Opern-Saison mit Dido and Aeneasvon Henry Purcell. Die äußerst kompakte Barockoper mit einer Spielzeit von knapp unter einer Stunde birgt dennoch alles, was Musiktheater benötigt: Machtkampf und humorvolle Einlagen, tragische Liebe und Intrige – bis hin zum herzerweichenden Tod. Gesungen wird auf Englisch, Übertitel werden eingeblendet, sind allerdings aufgrund der großartigen Textverständlichkeit kaum von Nöten. Bis zum Platz gilt Maskenpflicht, was allerdings auch größere Abstände zwischen den belegten Plätzen erfordert – die verfügbaren Karten schienen verkauft – zu Recht, wie sich zeigen sollte.

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Auf seiner Irrfahrt über das Mittelmeer trifft der trojanische Held Aeneas, Sohn der Venus, auf Dido, Gründerin von Karthago. Nicht nur, dass sich beide prompt ineinander verlieben – diese Verbindung käme ihren Reichen äußerst gelegen. Dido hat jedoch ihrem ermordeten Gatten ewige Treue über den Tod hinaus geschworen. Und auch die grundlos niederträchtigen Hexen Karthagos wünschen sich nichts sehnlicher, als das aufkeimende Glück zu zerstören und schicken Aeneas einen Geist in Gestalt des Merkur, der ihm von Jupiter die Nachricht überbringen soll, er möge auf die Liebe verzichten und umgehend abreisen. Als Aeneas von Dido Abschied nehmen will, vermutet Dido lediglich einen Vorwand. Um ihr das Gegenteil zu beweisen, riskiert Aeneas den Zorn der Götter und will bei ihr bleiben, doch es ist zu spät. Der Funke des Zweifels lässt sich in Dido nicht mehr löschen.

Den schlicht gehaltenen Bühnenraum überspannt eine Travers-Brücke mit beidseitig gewendelten Treppen. Die erhöhte Ebene vergrößert die Bühne abstandsgerecht, visualisiert aber auch den Einflusswunsch der Höflinge einerseits sowie den Machtwillen der Hexen andererseits. Während die erste Hexe von oben agierend die Fäden der Intrige zieht, bleiben Dido und Aeneas stets „bodenständig“ und auf Augenhöhe. Die fantasievollen Kostüme von Christopher Melching verführen rein optisch in eine märchenhafte Sagenwelt.

Zum ersten Highlight des Abends gerät Belindas optimistische Ermutigung „Shake the cloud from off your brow“, unterstützt vom kleinen, dennoch oratorienartig klingendem Chor. Dido behält ihre Schatten um die Augen. Ob es lediglich den Abstandsregeln geschuldet ist, die Annäherungen und Berührungen unmöglich machen, ob es Distanzwillen der Protagonisten ist – Nina-Maria Fischer als Dido bleibt nach außen kühl in Bewegung und klar im Klang, sodass erst ihr warm-weiches Lamento allen Gefühlen freien Lauf lässt. In ihrer Sterbearie „When I am laid in earth“, einer der berühmtesten Arien der Musikgeschichte, nimmt sie nicht nur Abschied von der Welt, ihr Klang umschließt sie wie ein unsichtbares Seidentuch, hüllt sich in den Raum ein und vermag, scheinbar mühelos, das Publikum auf ihren letzten Weg mitzunehmen. BelindasThanks to the lonesome Vales“ , Franziska Ringe, avanciert zum Ohrwurm des Abends.

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Bassbariton Maciej Kozlowski als Aeneas ist nicht der Hüne, den man als Trojas Kämpfer erwartet, aber der tapfere und mutige, sinnlich-verführerische Held, der in diese Rolle passt. Mit seinem schlanken, geradlinigen Ton voller Anmut, aber auch stählerner Entschlossenheit strahlt er noble Herrscherqualität aus. Diabolisch hingegen das Hexenensemble – nicht nur optisch irritierend; das boshafte Gelächter ob der geplanten Intrige lässt den bis dahin harmonieverwöhnten Zuhörer gehörig erschauern. Die bärtigen Widersacherinnen mögen dabei darauf zielen, dass Machtkampf eher männerdominiert ist. Dafür wird nicht nur für den Geist, sondern auch für die erste Hexe ein Countertenor eingesetzt, beides Gäste, die sich hervorragend in das Ensemble integrieren. Die Maske setzt dezent auf Film- und Promizitate, neben Conchita Wurst meint man auch Batmans Joker zu erkennen.

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Theater Vorpommern / Dido and Aeneas © Peter van Heesen

Typisch für die Barockoper spielt das kleine Orchester auf der Bühne, geleitet von GMD Florian Csizmadia am Cemballo des lustvoll aufspielenden Continuo, dessen Schwung das Orchester allerdings nicht immer mitnimmt. Gerade in der leichtfüßig federnden Rhythmik der Ouvertüre wäre noch Platz nach oben gewesen.

Die Regie von Dirk Löschner verzichtet auf skurrile Neuinterpretationen ebenso wie auf schwulstige Übertreibungen, ohne dabei altbacken zu wirken. Opernliebhaber traditioneller Aufführungen werden hier voll auf ihre Kosten kommen.

Ein in sich geschlossenes Ensemble entlässt nach viel zu kurzen 59 Minuten ein beseeltes Publikum, das die Darbietung mit einem tosenden Applaus belohnt, der die geringe Zuschauerzahl vergessen lässt. Stralsund setzt zum Saisonauftakt ein Achtungszeichen und zeigt, wie man auch unter schwierigen Umständen Opern attraktiv und fesselnd umsetzt

Musikalische Leitung – Florian Csizmadia, Inszenierung – Dirk Löschner, Bühne und Kostüme – Christopher Melching

Dido – Nina-Maria Fischer, Aeneas – Maciej Kozlowski, Belinda – Franziska Ringe, Zweite Vertraute – Adelya Zabarova, Zauberin – Konstantin Derri, Geist – Nils Wanderer, Erste Hexe – Linda Hwa, Zweite Hexe – Kristina Herbst

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Stralsund, Theater Vorpommern, Dido and Aeneas; die weiteren Termine 1.11. Greifswald; 29.11. Stralsund, 13.12. Greifswald; 29.12. Stralsund

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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch, IOCO Kritik, 08.10.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch

– Das Wunder von Wiesbaden –

von Ingrid Freiberg

Besser als mit den Worten von GMD Patrick Lange ist das Wunder von Wiesbaden in Corona-Zeiten nicht zu beschreiben: „Heute ist der Tag! Wir bringen tatsächlich unsere Lady Macbeth von Mzensk zur Premiere. Das Gefühl ist wirklich nicht zu beschreiben: Bis vor ein paar Tagen schien es sogar noch möglich, dass die ganze Produktion eingestellt wird. Die Umstände um die Produktion herum waren alles andere als leicht. Umso glücklicher bin ich jetzt, dass wir unsere phantastische Version unter der Regie des begnadeten Evgeny Titov in einem sensationellen Raum von Christian Schmidt, mit großartigen Kostümen der wunderbaren Andrea Schmidt-Futterer und einem Hammer-Licht von Oliver Porst spielen. Das Ganze mit einer wirklichen Traum-Besetzung an darstellendem Personal (u.a. einer grandiosen Cornelia Beskow, Andrey Valentiy, Beau Gibson und Timo Riihonen… und dem tollen Chor unter der Leitung unseres phantastischen Albert Horne! Auf unser Hessisches Staatsorchester bin ich sowas von stolz.

Wir sitzen aufgrund der Abstandsregeln hinter der Bühne. Unsere Schlagzeuger sind schlappe 21 m von mir entfernt. Und eine Bühnenmusik-Combo haben wir natürlich auch noch dabei. „Auf Schlag bzw. Vorausspiel“ ist angesagt. Ihr macht das super und gebt alles! Da das Bühnenbild vom Orchester getrennt ist, müssen wir den Ton in den Zuschauerraum übertragen. Das geht! Aber nur, weil wir unsere tolle Tonabteilung unter der Leitung von Stephan Cremer am Start haben. Danke an alle KollegInnen der Technik, die ihr das überhaupt möglich macht. Was für ein logistischer Aufwand das allein ist! Zum Schluss ein Riesen-Dankeschön an das ganze musikalische Team. Denn Teamarbeit war/ist hier wirklich sowas von gefordert. Ihr seid wirklich der Wahnsinn, und ohne euch wäre das nicht zu stemmen gewesen. Ein besonderes Dankeschön an die tollste und beste Assistentin Christina Domnick, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Sie dirigiert die Bühne auf Monitorsicht voraus – ansonsten würde es zeitlich nicht zusammengehen. Das funktioniert, weil wir jetzt seit über 12 Jahren zusammenarbeiten. Christina weiß mittlerweile schon vor mir, was ich denke… Danke, heute bist Du wirklich meine bessere Hälfte! Und ein großes Dankeschön auch an unsere Orchesterdirektorin Verena Rast und Clara Holzapfel vom Orchesterbüro, ohne die dieser Abend definitiv nicht hätte stattfinden können. Was haben wir die vergangenen Wochen gemeinsam durchgestanden! Danke, dass dieser Abend heute möglich ist. Was für ein Stück in was für einer Zeit!…“

Lady Macbeth von Mzensk – Dmtri Schostakowitsch
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Sexuelle Begierde, physische Gewalt, brutal ausgeleuchtete Mordsequenzen

Die Erzählung des russischen Dichters Nikolaj Leskow, der vor allem durch seine Legenden und Romane weiterlebt, zitiert beziehungsreich Shakespeare im Titel. Die Stellung der Frau in der nachrevolutionären Gesellschaft, nach Ablösung der patriarchalischen Systeme der Zarenzeit, war ein Thema, das auch die russischen Künstler seit den 1920er Jahren bewegte. So plante Dmitri Schostakowitsch seine auf Leskows Novelle basierende Oper als Auftakt zu einer Trilogie über die Befreiung der Frau. Von Anfang an standen sein Bemühen, Katerina Ismailowa als nahezu heldisches Opfer darzustellen, und Leskows Intentionen gegeneinander: Ich habe mich bemüht, Katerina als positive, das Mitgefühl des Zuschauers verdienende Person zu behandeln. Dieses Mitgefühl hervorzurufen, ist nicht so einfach. Sie verübt eine Reihe von Verbrechen, die mit Moral und Ethik nicht zu vereinbaren sind, so der Komponist. Leskow zeichnet sie als ein sehr wildes Weib, das Unschuldige mordet. Für Schostakowitsch hingegen ist sie eine kluge, schöne und begabte Frau. Durch Einschränkungen im barbarischen habgierigen Kaufmannsmilieu ist ihr Leben freudlos und düster. In seiner durch und durch unromantischen, nichts beschönigenden Schilderung des öden Lebens gelang dem Komponisten eine unerbittlich realistische Darstellung von sexueller Begierde, von physischer Gewalt, brutal ausgeleuchteten Mordsequenzen, Schlägereien und von grausamem Auspeitschen.

Die Oper wurde 1934 mit großem Erfolg am Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführt. Nachdem Stalin sein Missfallen geäußert hatte, begann eine Hetzkampagne gegen Schostakowitsch. Sie gipfelte mit einem „Chaos statt Musik“ überschriebenen Artikel in der Prawda. Hier wurde seine Musik als Getöse, Geknirsch, Gekreisch und Kakophonie abgeurteilt. 1978 nahm Mstilaw Rostropowitsch bei seiner Flucht in den Westen eine Partitur der Tragödien-Satire, wie Schostakowitsch seine Oper genannt hat, mit und dirigierte die erste Platteneinspielung mit Galina Wischneswskaja und Nicolai Gedda.

Meisterhaftes Regiedebüt

Die erste Operninszenierung von Evgeny Titov gelingt meisterhaft. Die bluttriefende Geschichte um unbefriedigte Leidenschaft, Ehebruch und Mord spielt in abstrahierender Überhöhung, ohne viel Illustration. Titov profiliert sich als detailgenauer Porträtist der menschlichen Niederträchtigkeit. Der Versuch der gescheiterten Selbstverwirklichung Katerinas, die im Verbrechen endet, ihr sexuelles Begehren, ihre Liebesbedürftigkeit wie auch Gemeinheit und Gewalt brechen krachend hervor. Die Vergewaltigung von Aksinja wird drastisch und gnadenlos ausgespielt. Die umstehenden Männer lassen ihre Hosen herunter und onanieren. Eine junge Arbeiterin (Meryem Sahin) geilt sich ungehemmt daran auf. Das Opfer wird nach der Vergewaltigung verrückt. Die Prügelszene ist nicht sichtbar und gerade deshalb primitiv animalisch. Kammerspielartig mit äußerst sensibler Personenregie gelingen Charakterporträts wie das des tyrannisch-geilen sadistischen Schwiegervaters Boris, der seine schwindende Libido beklagt, und machen die maßlose Wollust zwischen Katerina und Sergej so glaubhaft, dass es den Atem nimmt. Die Kirche wird persifliert: Der Pope ist ein Trunkenbold, der seine Hände nicht vom weiblichen Geschlecht lassen kann. Drastisch choreographierte Massenszenen wechseln mit berührend intimen Szenen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk - hier : Ensemble und Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk – hier : Ensemble und Chor © Karl und Monika Forster

Ausgereiftes Bühnenbild, subtile Kostüme

Das Bühnenbild von Christian Schmidt, ein schmutzig gekachelter Raum an eine heruntergekommene Badeanstalt erinnernd mit einer Dusche, ermöglicht das von Titov angestrebte derb-erotisch kriminalistische Schauerstück. Ausgereift die Nutzung der Dusche, zunächst einziges Requisit auf der Bühne. Aksinja reinigt sie, wird von dort weggezerrt und dann brutal vergewaltigt. Katerina und Sergej lieben sich in der dampfenden Dusche, wahrnehmbar in lasterhafter Anziehung. Boris streicht, kaum seinen Sexualtrieb beherrschend, um sie herum, als Katerina duscht, und wird vergiftet in der Dusche sterben. Sinowi wird dort von dem teuflischen Liebespaar getötet…. Der blutige Duschvorhang wird Brautschleier sein. Ebenso großartig das vielfach genutzte „Loch“: Zunächst ein von Katerina ausgehobener Graben, um zu Sergej zu kommen, dann ein Grab, wo der betrunkene Schäbige die Leichen findet, und letztendlich ein tiefer schwarzer See, in dem Sonjetka und Katerina versinken werden. Optisch dominiert eine große Suppenkanone mit vergifteter Hochzeitssuppe das Fest. Erdhügel mit Knochen übersät erschweren den Transport der Zwangsarbeiter. Ein Bühnenbild mit großem dramaturgischem Geschick! Subtil auch die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer: Die alabasterfarbene Haut, das rote Haar von Cornelia Beskow werden durch ein zartes Blümchenkleid unterstrichen und damit die Fremdheit in dieser schmutzigen Umgebung unterstrichen. Dieses Kleid wird später Sonjetka tragen, wenn sie Sergej im Lager verführt. Boris trägt einen purpurfarbenen Mantel als Symbol seiner Macht. Nachdem das Volk Sinowi den Schlafanzug ausgezogen hat, kleidet es ihn in einen biederen Anzug. Der Geliebte Sergej trägt ein Muskel-Macho-Hemdchen. Mit dem überdimensionalen Reifrock ihres prächtigen Hochzeitskleides versucht Katerina das Grab zu überdecken. Darunter versteckt sich Sergej, um seiner Verhaftung zu entgehen. Mit seiner Lichtgestaltung setzt Oliver Porst gekonnt Prioritäten durch Licht und Schatten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk - hier : Cornelia Besko und Aaron Cawley © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk – hier : Cornelia Besko und Aaron Cawley © Karl und Monika Forster

Das Ensemble – grandios besetzt bis in die kleinsten Nebenrollen

Das ganze Werk scheint sich im Kopf von Katerina Lwowna Ismailowa abzuspielen. Cornelia Beskow brilliert mit weiten Intervallsprüngen zwischen sehnsüchtig hoher Kopf- und leidenschaftlich tiefer Brust-Stimmlage, mit weichen Kantilenen, harten Staccato-Lachern als in sich zerrissene machtbesessene Frau. Die Isolation auf dem ehelichen Gut lässt sie aber auch wie ein Kanarienvogel im Käfig erscheinen, wie es Sergej formuliert. Sie spielt und singt nicht Katerina, sie verkörpert sie mit einer solchen Intensität, die glauben macht, ihre Gedanken lesen zu können. Sie durchdringt diese Gewaltpartie ohne jegliche Ermüdungserscheinungen körperlicher oder stimmlicher Art. Da kann man sich nur verneigen! Stimmlicher Glanzpunkt ist auch Andrey Valentiy. Sein Boris Timofejewitsch Ismailow ist ein scheußlicher Patriarch – gewalttätig, herrschsüchtig und sadistisch. Wenn er mit seinen Händen lüstern über den Badevorhang streicht “Heiße Nächte würde ich dir machen!“ und die Musik seine zwiespältigen Gefühle reflektiert, kann seine raumgreifende Stimme, die das Fürchten lehrt, überaus sensibel werden und seine illusionslose Resignation beschreiben. Valentiys Bühnenpräsenz ist aufsehenerregend! Beau Gibson ist der betrogene lendenschwache Ehemann Sinowi Borissowitsch Ismailow mit einer angebrachten Oberflächlichkeit, aber auch mit Seele in der Stimme. Die schwierige undankbare Aufgabe gestaltet er lyrisch sanft mit sicherem Gefühl für Nuancen und gestalterischem Feinschliff. Katerinas Liebhaber Sergej, gesungen von Aaron Cawley, wartet mit umfangreichem Register und kraftvoller Stimme auf. Er weiß animalisch breitbeinig als Schürzenjäger die Frauen zu umgarnen und zu missbrauchen. Liebender Hass und hassende Liebe verbindet ihn mit Katerina “Du hast mein Leben zerstört!” Mit hemdaufreißender Intensität und offensiver Gewalt ist er mit seinem enormen Potential stimmlich absolut souverän. Michelle Ryan, die brutal vergewaltigte Aksinja, überzeugt darstellerisch und gesanglich. Diese schwere Rolle verlangt ihr alles ab. Ihre differenzierte Körpersprache und ihre ausdrucksvolle Stimme, intensiv und eindringlich mit ausgezeichneter Gesangstechnik lässt staunen. Erik Biegel als Der Schäbige taumelt in abgerissenen Frauenkleidern dauertrunken über die Bühne. Der Fiesling ergötzt sich an den 500 Stockhieben und findet die stinkenden Leichen. Besser als von ihm ist dieser Typ kaum darzustellen. Timo Riihonen besticht mit seiner Bandbreite. Mit buffoneskem Witz und Selbstironie verkörpert er den Popen. „Wer ist schöner als die Sonne am Himmel?“ Schmierig begrapscht er Katerina, küsst ihre Hand. Die Verzweiflung des Alten Zwangsarbeiters steht im Kontrast zum frustrierten Sergeant. Diese kraftvolle, agile und farbenreiche Stimme kann Erstaunliches leisten. Ausgereift und originär füllt Riihonen die drei Rollen aus, ein prachtvoller Bass, imposant, sicher im Ton und angenehm im Klang. Die intrigante Sonjetka singt Fleuranne Brockway mit erotisch gefärbtem, dunklem Mezzosopran. Sie ist eine selbstbewusste, ordinäre Femme fatale. Mit ungewöhnlich kommunikativer Kraft umgarnt, beeinflusst sie Sergej. Bei ihr wird er zum Pantoffelhelden… Wenn man eine herausragende Sängerin wie Sharon Kempton in der kleinsten der Frauenrollen, der Zwangsarbeiterin im letzten Bild, besetzen kann, belegt es das Niveau der Aufführung.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk - hier : Cornelia Beskow als Katerina  © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk – hier : Cornelia Beskow als Katerina  © Karl und Monika Forster

Außergewöhnlich präsenter Chor, brodelndes Orchester

Der von Albert Horne beeindruckend einstudierte Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden erfüllt alle Kriterien der tragisch-satirischen Oper: starke Präsenz als aggressiver gewalttätiger Männerchor, als vulgäre Hochzeitsgesellschaft, als kraftlose Zwangsarbeiter „Wer hat die Meilen gezählt?” “Irgendwo im Wald liegt ein See. Das Wasser ist so schwer wie ihr Gewissen.“ Am Ende singt der Gefangenenchor „Unsere Gedanken sind freudlos, und die Wachen sind herzlos—“ – eine erstklassige Leistung!

GMD Patrick Lange und Co-Dirigentin Christina Domnick gelingt ein Geniestreich: Schostakowitschs Musik ist eine Collage aus verschiedensten musikalischen Strukturen, aus klassizistischen Formen wie der Passacaglia, aus Tänzen wie Walzer, Marsch, Polka, Galopp, aus sentimentalen Romanzen und knappen Songs oder grell dissonanten Orchesterkommentaren zum Stilprinzip. Eine Collage, ein durch Technik ermöglichtes Zusammenspiel lässt auch das Hessische Staatsorchester Wiesbaden mit der brodelnden Musik von Schostakowitsch glänzen. Es lässt es ordentlich krachen, kennt jedoch auch die dunklen Feinheiten dieser gewaltigen Partitur. Brillant werden die Instrumentations-Finessen, die Schärfen und Schönheiten dieser Musik zwischen Kirmes und Operette, zwischen Lyrik und Pathos herausgearbeitet. Weicher Streicherklang, wunderschöne Oboen- und Englischhorn-Soli und fantastische Bläser-Soli – die Posaune, die nach dem Liebesakt mit einem abwärts geseufzten Glissando Spannungsverlust signalisiert, wissen zu begeistern. Mit rhythmischer Energie wird das fatale Geschehen vorangetrieben, die symphonischen Zwischenspiele berühren ungemein.

  Groß, einhellig begeistert  – zum Ende der Jubel des Publikums

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Chemnitz, Theater Chemnitz, OPERNGALA – zur Saisoneröffnung, IOCO Aktuell, 07.10.2020

Oktober 7, 2020 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

OPERNGALA – Oper Chemnitz eröffnet die Spielzeit 2020/21 

Stimmenfest – mit ionisierten Luftmolekülen gegen Corona

von Thomas Thielemann

Der Technische Direktor der Theater Chemnitz, Raj Ullrich, ist ein höchst kreativer Mann. Als für das Opernhaus Chemnitz im vergangenen Frühjahr dem Opernhaus ein Reinigungsschrank angeliefert worden war, in dem die empfindlichen Kostüme mittels eines ionisierten Luftstroms gereinigt wer-den sollten, hatte er eine Rückfrage beim Hersteller des Gerätes. Da bereits absehbar war, dass Corona den Opernbetrieb erheblich einschränken werde, fragte Ullrich den Firmenchef Roland Krüger zunächst im Scherz, ob er nicht einen Schrank im Sortiment habe, in dem die gesamte Oper hineinpasse. Nach dem anfänglichen Gelächter kamen die Gesprächspartner ins Nachdenken. In der Folge entstand ein Konzept, wie man mit der Klimaanlage des Opernhauses negativ geladene Luftmoleküle im Zuschauerraum verteilen kann, die ihrerseits Viren, Bakterien, Gerüche und Feinstaubteilchen binden können. Die größere Masse der Moleküle lässt sie zu Boden sinken. Mit dem überschaubaren Aufwand von 30.000 € wurde die Anlage realisiert, mit der die teil-ionisierte Luft über die Rückenlehnen der 714 Besuchersessel in den Raum geblasen wird. Das führte zu einer deutlichen Verbesserung der Luftqualität auf der Bühne, im Orchestergraben und im Zuschauerraum, so dass sogar Hustenreize bei den Besuchern unterbleiben. Vor allem hofft das Haus, dass die Sars-CoV-2-Konzentration in der Raumluft so niedrig bleibt, dass die Gefahr einer Corona-Ansteckung über Aerosole weitgehend ausgeschlossen ist.

Theater Chemnitz / Willkommen zur Operngala © Theater Chemnitz

Theater Chemnitz / Willkommen zur Operngala © Theater Chemnitz

Zunächst erlaubte das Hygienekonzept die Nutzung von 390 der 714 Plätze für die Neueroberung des Saales am 3. Oktober 2020, gleichsam der „vierten Neueröffnung“ des traditionsreichen Opernhaus Chemnitz.

Am Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Stadt zu entscheiden, ob man den Wunsch nach einem großen Museum oder nach einem neuen Opernhaus erfüllen wolle. Gebaut wurde in der 200 000 Einwohner-Industriestadt Chemnitz dann beides.

Am 1. September 1909 wurde der Opernhaus-Neubau eröffnet. Im Jahre 1912 übernahm ein Anton Richard Tauber zunächst als Pächter, später als Intendant die Städtischen Bühnen. In seiner bis 1930 ausgedehnten Amtszeit ereignete sich eine Fülle bedeutender künstlerischer Ereignisse. Am Beginn seiner Amtszeit gab im Haus sein „legendärer“ Sohn Richard Tauber sein Debüt als Tamino, bevor er nach einem Engagement an der Semperoper seine Weltkarriere startete. Bereits 1913, einem Jahr vor dem Ablauf der 30-jährigen Schutzfrist des Bühnenweihfestspiels, inszenierte Anton Richard Tauber Wagners Parzifal, obwohl unsicher war, ob die Schutzfrist noch verlängert werde. Neben Wagner, Strauss, Mozart, Verdi und Bizet war Tauber stets um Neuaufführungen und hochrangige Gastkünstler bemüht. Dazu gehörten mehrfach Richard Strauss, Eugen d’Albert, Siegfried Wagner und Hans Pfitzner. Auch Gret Palucca und Mary Wigman gastierten und hinterließen Schüler, die dem Chemnitzer Ballettschaffen zu überregionalem Ansehen verhalfen.

Opernhaus Chemnitz / hier der Zuschauerraum © Dieter Wuschanski

Opernhaus Chemnitz / hier der Zuschauerraum © Dieter Wuschanski

Im August 1944 musste nach der Proklamierung des „totalen Krieges“ das Haus schließen. Der junge Rudolf Kempe, der mit seiner beherrschten Arbeitsweise bekannte war, wirkte bereits als 1. Kapellmeister am Theater Chemnitz.

Die massiven Bombenangriffe im Februar und März 1945 brachten dem Opernhaus schwere Beschädigungen. Vor allem brannte das Haus vollständig aus, so das Opern- und Konzertbetrieb auf fünf Ausweichspielstätten ausweichen mussten. Bereits am 16. Juni 1945 dirigierte der Generalmusikdirektor Kempe in der ersten künstlerischen Veranstaltung nach dem Kriegsende. Frühzeitig sammelten sich Musiker, Sänger, Schauspieler und Tänzer, so dass die Chemnitzer Theater als erste Bühne in der sowjetischen Besatzungszone einen regulären Spielbetrieb aufnehmen konnten.

Im Frühjahr 1946 begannen im Opernhaus Aufräumungsarbeiten. Der Neuausbau der erhaltenen Bausubstanz verbunden mit der Neugestaltung des Zuschauerraumes streckte sich bis zur Wiedereröffnung am 26. Mai 1951. Eine Vielzahl schöpferischer Theater- und Opernschaffende verschafften den Karl-Marx-Städter Bühnen den Ruf einer hervorragenden Kunstlandschaft. Über 30 Jahre prägte der Felsenstein-Schüler Carl Riha den Charakter der Oper Karl-Marx-Stadt. Von 1962 bis 1966 waren als Intendantin Christine Mielitz und als Oberspielleiter Harry Kupfer im Theater Chemnitz tätig.

Nachdem Gutachter erhebliche Mängel in der Statik der Bausubstanz des Gebäudes monierten und der technische Zustand nicht mehr einem modernen Opernhaus gerecht wurde, begannen 1985 die Planungen und 1988 die Auskernarbeiten. Als Interim-Spielstätte wurde der Luxor-Filmpalast mit genügend großem Orchester- und Bühnenraum ausgerüstet. Bis zum zweiten Halbjahr 1992 entstand in der denkmalgeschützten Hülle ein neues den modernen Ansprüchen entsprechendes Opernhaus.

Die Städtischen Theater Chemnitz gGmbH sind weltweit eines der wenigen Fünfsparten- Bühnenunternehmen. Die Oper, die Robert-Schumann-Philharmonie und das Ballett teilen sich das Opernhaus. Die Philharmonie konzertiert auch in der Stadthalle Chemnitz; Schauspiel sowie Figurentheater haben eigene Spielstätten.

FIDELIO –  Ludwig van Beethoven
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FIDELIO –  Ludwig van Beethoven

Der Spielplan 2020/21 der Opernsparte zeichnet sich durch außergewöhnliche Vielfalt und dem Konzept, Neues schaffen und Vergessenes wieder erwecken, aus. Wagnisse werden nicht um ihrer selbst eingegangen und das Publikum des Hauses nicht als Experimentierobjekt missbraucht.

In der merkbar angenehmen Atemluft erlebten Opernschaffende und das Chemnitzer Stammpublikum am 3. Oktober 2020 eine mit ihrer Leichtigkeit und Frische begeisternde Operngala. Abgesehen von den ersten beiden Reihen waren alle Zuschauerbereiche besetzt. Natürlich innerhalb der Reihen jeweils zwei freie Sitze zwischen Paaren, Einzelbesuchern und Familien. Bis zu vier Personen ohne Abstand waren auszumachen.
Zwischen den Sängern und den je nach Stück 28 bis 35 Musikern des auf der Bühne agierenden Orchesters waren die Abstände diszipliniert eingehalten.

Die engagiert spielenden Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie wurden abwechselnd vom routinierten Generalmusikdirektor der Theater Chemnitz, Guillermo Garcia Calvo, und dem noch lernenden, seit April 2020 engagierten Katalanen Diego Martin-Etxebarria dirigiert.

Das vom Generalintendanten der Theater Chemnitz hochinformativ und kurzweilig moderierte Programm entsprach den Grundsätzen des Hauses: Populäres und weniger Bekanntes sinnvoll zu mischen ohne zu überfordern. Da war eine Demonstration, über welches Sängerinnen- und Sängerpotential Chemnitz verfügt. Magnus Piontek, seit 2016 im Solisten-Ensemble sang einen repräsentativen Gremin aus Tschaikowskis Eugen Onegin und bestimmte weitgehend das Fidelio-Quartett mit seinem kraftvollen Bass. Mit zwei Kompositionen des Hausgottes Richard Wagner, der „Hallenarie“ aus Tannhäuser und „Wie muss ich doch beklagen“ aus des Meisters Jugendsünde Die Feen, erfreute mit ihrer wunderbaren Mittellage Maraike Schröter das Auditorium.

Seit 2019 ist die aus Georgien stammende vielseitige russische Sängerin Tatiana Larina im Hausen-semble beheimatet. Das „Ebben? Ni andrò Iontana“ aus Alfredo Catalanis Oper La Wally bot sie bewundernswert zart, aber auch hochdramatisch. Aus der Zarzuela, eine spanische Spielart der Opéra comique, El niño judio von Pablo Luna entwickelte Tatiana Larina ihr überschäumendes Temperament mit „ De España vengo“.
Als eine vielseitige Sängerin präsentierte sich die in Dresden ausgebildete und seit 2019 im Ensemble engagierte Marie Hänsel, wenn sie mit dem Haus-Bariton Andreas Beinhauer Mozarts „Reich mir die Hand, mein Leben“, mit Siyabonga Maqungo den Kusswalzer aus Luigi Arditis „Il bacio“ sang und auch beim Fidelio-Quartett ordentlich mithielt.

Die Winterreise – Franz Schubert
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Die Winterreise – Franz Schubert

Andreas Beinhauer, der uns mit seiner  Schuber-Interpretation der Winterreise (siehe youtube Video oben)  in Erinnerung bleiben wird, brillierte mit der Champagner-Arie aus dem Don Giovanni. Der aus Südafrika stammenden Siyabonga Maqungo war in der Spielzeit 2018/19 zum Ensemble der Oper Chemnitz gekommen. Dem Vernehmen nach, holt ihn aber Daniel Barenboim nach Berlin, nachdem er dort mit dem Fidelio-Jaquino, wie auch in Chemnitz, gefallen hatte.

Schiere Bewunderung beim Publikum erzeugte der Ensemble-Neuzugang Thomas Kiechle mit der Perlenfischer-Arie „Je crois entendre encore“ mit seinem hochkultivierten schönen Tenor. Die in Radebeul geborene Marlen Bieber aus dem neugegründeten Opernstudio lockerte die Stim-mung mit einer naturalistischen Darbietung des Schwips Liedes aus Johann Strauß’ Nacht in Venedig auf.

Als Gast war Stéphanie Müther nach Chemnitz gekommen. Eigentlich hatte sie uns versprochen, in den Oster- und Pfingstzyklen der diesjährigen Ring-Aufführungen jeweils alle vier „Brünnhilden“ zu singen. So konnte sie uns in der Operngala mit der Szene der Elvira aus Guiseppe Verdis Oper Ernani und im abschließendem Fidelio-Quartett ihr hervorragendes Können präsentieren. Mit Beethovens Komposition wurde die „Wiedereroberung des Opernhaus-Saales“ abgeschlossen. Selbst der außergewöhnlich lange Beifall konnte das Ensemble nicht zu einer Zugabe bewegen.

Mit seiner Operngala hat das Opernhaus Chemnitz seinen Ruf als sichere Stütze im Prozess der erfolgreichen Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europa 2025 gefestigt.

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Wien, Volksoper Wien, Sweet Charity – Musical von Cy Colemann, IOCO Kritik, 29.09.2020

September 30, 2020 by  
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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

Sweet Charity – Musical von Cy Coleman

 – Charity Hope Valentine – Tänzerin in einem Nachtclub – bleibt bei allen Enttäuschungen ein optimistisch frohes Wesen –

von Marcus Haimerl

Die erste Premiere der aktuellen Saison an der Wiener Volksoper galt dem eher selten gespielten Musical Sweet Charity von Cy Coleman. Grundlage des Buchs von Neil Simon bildete Federico Fellinis Meisterwerk Die Nächte der Cabiria aus dem Jahr 1957 über die Prostituierte Maria Ceccarelli (genannt Cabiria) die trotz ständiger Demütigungen und lebensbedrohlichen Situationen durch Männer nie die Hoffnung verliert. Wie könnte man eine Saison in Corona-Zeiten besser beginnen als mit einem Stück über eine optimistische in die Zukunft blickende Frau.

Für das Musical verlegten Cy Coleman und Neil Simon die eher tragische Handlung der Filmvorlage von Rom nach New York, wo Charity Hope Valentine als Tänzerin im Nachtclub-Milieu ihr bescheidenes Leben fristet. Sie trifft auf den Filmstar Vittorio Vidal und auf den ebenso biederen wie neurotischen Oscar Lindquist, mit dem sie beinahe ihr Glück findet. Auch wenn Charity am Ende wieder positiv in die Zukunft sieht, ist ihr dennoch kein Happy End vergönnt.

SWEET CHARITY – Musical von Cy Coleman
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Der Wiener Volksoper gelingt mit dem inhaltlich doch recht gewichtigen Stück eine perfekte Umsetzung mit der Neuübersetzung von Alexander Kuchinka. Regisseur Johannes von Matuschka setzt dabei auf eine Drehbühne, bestückt mit Leuchtbuchstaben, die an die Lichter einer Großstadt erinnern sollen und auch als Möbel (ein umgelegtes „H“ als Doppelbett oder ein aufgestelltes „E“ oder „C“ als Sitzgelegenheit) oder Spielfläche dienen. Gemeinsam mit den Kostümen von Tanja Liebermann erinnern manche Szenen in ihrer Skurrilität an weitere Filme Fellinis wie „8 ½“ oder Die Stadt der Frauen. In dem eher spartanischen Bühnenbild gelingen immer wieder starke Bilder und originelle Szenen, wie die Szene im Aufzug oder in der U-Bahn. Aber auch im tristen Umfeld des Nachtclubs wird der Fokus auf die Hauptfigur der Charity Hope Valentine gelenkt.

In der Titelpartie der Charity ist die herausragende Lisa Habermann mit ihrer stimmlichen und darstellerischen Leistung perfekt besetzt. Fast möchte man meinen, dass sie diese innige Liebende optimistische Charity nicht spielt, vielmehr ist Lisa Habermann diese Charity

SWEET CHARITY – in the making of the production
youtube Trailer Volksoper Wien
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Als ihre große Liebe Oscar Lindquist, für den sie sogar ihren Job im Nachtclub aufgibt, brilliert Peter Lesiak. Äußerst glaubhaft gelingt ihm die Wandlung seines Charakters durch Charitys positiven Einfluss vom schüchternen Tollpatsch zum innigen Liebhaber, der am Ende an Charitys Vergangenheit doch verzweifelt. Eine ebenso großartige Leistung auch von Axel Herrig als italienischer Schauspieler Vittorio Vidal zwischen Charity und Ursula March (Ines Hengl-Pirker). Ein besonders beeindruckender und skurriler Auftritt ist jener von Drew Sarich als Daddy Brubeck als Oberhaupt der neuen „Puls des Lebens-Kirche“. Eine ebenso herausragende Leistung erlebt man von Julia Koci und Caroline Frank als Nickie und Helene, zwei Kolleginnen Charitys aus dem Nachtclub.

Möchte man auch kleinen Partien Format verleihen, braucht es den großartigen Christian Graf, dem ebendies bei der Partie des Geschäftsführers des Fandango-Ballhaus mehr als gelungen ist und bei dem Song „Ich heul auf jeder Hochzeit“ (I Love To Cry At Weddings) zur Höchstform aufläuft. Auch Jakob Semotan, Oliver Liebl, Kudra Owens und der Rest des Ensembles wissen das Publikum zu überzeugen.

Lorenz C. Aichner und dem hervorragenden Orchester der Wiener Volksoper gelingt eine optimale und brillante Umsetzung von Cy Colemans Musik. Der Jubel des Publikums am Ende beweist, dass die Volksoper Wien auch in der Sparte Musical internationalen Vergleichen durchaus standhalten kann.

Sweet Charity an der Volksoper Wien; die nächsten Vorstellungen 30.09.; 12.10.; 18.10.; 23.10.; 28.10.; 27.11.; 30.11.; 4.12.; 7.12.; 12.12.2020

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