Dresden, Semperoper, Populär: Hohe Auslastung 92%, 290.000 Besucher, IOCO Aktuell, 19.07.2018

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

SEMPEROPER DRESDEN  –  IN ZAHLEN

2017/18 – Erfolgreiche Bilanz – Hohe Auslastung

Über 300 Vorstellungen mit acht Opernpremieren, davon drei in Semper Zwei, zwei Ballettpremieren, über 34 Repertoirestücke in allen Sparten, den »Belcanto-Tagen« und dem Dresdner »Ring-Zyklus« sowie 57 Konzerten der Sächsischen Staatskapelle Dresden allein in Dresden ließen die Semperoper auch in der Saison 2017/18 zu einem Anziehungspunkt für das internationale Publikum werden.

In ihren Kernbereichen Oper, Ballett und Konzerte der Staatskapelle konnte die Semperoper im Vergleich zur vorhergehenden Spielzeit die Auslastung um ca. 2 Prozent auf mehr als 92 Prozent steigern. Damit verzeichnen die Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um nahezu 3 Prozent auf über 290.000 Zuschauer. Mit der Auslastung von 92% zählt die Semperoper zu den erfolgreichsten Bühnen Deutschlands. Die Staatsoper Wien ist Auslastungs – Spitzenreiter aller europäischen Bühnen

Mit Beginn der neuen Spielzeit tritt Peter Theiler die Nachfolge von Wolfgang Rothe als Intendant der Semperoper Dresden an und beendet damit, hoffentlich, daß dort seit 2012 andauernde Führunschaos. Wolfgang Rothe, seit 2012 kommissarischer Intendant  und Kaufmännischer Geschäftsführer, wird dann als Kaufmännischer Geschäftsführer die Geschicke der Sächsischen Staatstheater (Staatsoper Dresden und Staatsschauspiel Dresden) weiterführen. Der international renommierte Christian Thielemann fungiert in Dresden weiterhin nur als Chefdirigent; mit reduziertem Verantwortungsspektrum. Auffälliges Organisationspezifikum der Semperoper bleibt also, daß dies große Haus die künstlerisch wie organisatorisch zentrale Position des Generalmusikdirektor (GMD) nicht besetzt; ein Organisationsmangel, welcher die Tätigkeit von Peter Theiler von Beginn an belasten dürfte.

Semperoper Dresden / Der Semperchor in der prachtvollen Semperoper © Danie Koch

Semperoper Dresden / Der Semperchor in der prachtvollen Semperoper © Danie Koch

Ausblick auf die Spielzeit 2018/19

Am 29. August 2018 startet die Semperoper Dresden mit dem 1. Symphoniekonzert in die neue Saison. Der neue Intendant Peter Theiler stellt am 22. September 2018 in der »Auftakt!«-Veranstaltung die Premieren und Highlights der Spielzeit 2018/19 vor. Den Premierenzyklus 2018/19 eröffnet als erste Premiere der neuen Saison am 29. September 2018 Moses und Aron von Arnold Schönberg in der Inszenierung von Calixto Bieito.

Hinweise zur Kassenöffnung in der Sommerpause

Während der Spielzeitpause bleibt die Theaterkasse der Schinkelwache vom 14. Juli bis zum 12. August 2018 geschlossen. Anfragen und Reservierungen können in diesem Zeitraum nicht entgegengenommen und bearbeitet werden. Über semperoper.de ist eine Kartenbuchung trotzdem jederzeit möglich. Ab dem 13. August 2018 stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Ticketanfragen, für Kauf und Reservierungen wieder zu den gewohnten Öffnungszeiten zur Verfügung: montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 17 Uhr (18. bis 25. August: samstags von 10 bis 13 Uhr) und an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 13 Uhr.   PMSO/VJ

—| IOCO Aktuell Semperoper Dresden |—

Baden bei Wien, Stadttheater Baden, Der Bettelstudent – Carl Millöcker, IOCO Kritik, 17.06.2018

Juli 18, 2018 by  
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Bühne Baden

Baden bei Wien Stadttheater © IOCO

Baden bei Wien – Das Stadttheater am Abend © IOCO – Kultur im Netz

DER BETTELSTUDENT  –  Carl Millöcker

– In der Sommerarena von Baden –

von Elisabeth König

Carl Millöcker Denkmal © IOCO

Carl Millöcker Denkmal © IOCO

Von Carl Millöcker in Baden bei Wien komponiert, kehrte der Bettelstudent in einer spritzigen und verjüngten Inszenierung an seinen Ursprungsort zurück und feierte am Samstag im Rahmen der Badener Sommerarena seine fulminante Premiere. Mit der von den Librettisten F. Zell und Richard Genée umgesetzten Geschichte Victorien Sardous (Les Noces de Fernande, dt. Fernandos Hochzeit) gelang dem 40jährigen Millöcker sein Durchbruch.

Die Handlung spielt im Krakau des Jahres 1704: Inmitten des polnischen Befreiungskrieges schmiedet der Gouverneur von Krakau, Oberst Ollendorf, Rachepläne gegen die Gräfinnen Nowalska, deren Tochter Laura ihm ihren Fächer ins Gesicht schlug, nachdem er sie auf die Schulter küsste. Hierzu holt er zwei inhaftierte Polen aus dem Gefängnis: Symon Rymanowicz, den Bettelstudenten, und Jan Janicki. Simon soll Laura als vorgeblicher Fürst Wybicki ehelichen, um sie gesellschaftlich zu blamieren. Simon und Laura verlieben sich unerwartet tatsächlich ineinander und so auch Lauras jüngere Schwester Bronislava in Jan, welcher sich schließlich als der polnische Volksheld Herzog Adam entpuppt. Die Liebe durchkreuzt Ollendorfs Pläne und ermöglicht nicht nur die Befreiung Polens, sondern auch ein Happy End in bester Operettentradition.

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent - hier :  Ensemble und Robert R. Herzl als Enterich © www.christian-husar.com

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent – hier : Ensemble und Robert R. Herzl als Enterich © www.christian-husar.com

Der Vorhang der Badener Sommerarena öffnet den Blick auf ein zeitloses Gefängnis, dessen Stacheldrahtzaun inmitten „traditioneller“ Kerkerfenster eine gewisse Tagesaktualität bot. Generell ist das Bühnenbild von Dietmar Solt ein gelungener Brückenschlag aus moderner und klassischer Ästhetik, dessen Zeitlosigkeit durch farbenprächtige Kostüme unterstrichen wird, und den Bogen spannt von der Zeit der Handlung bis in die Gegenwart.

Der moderne Blick auf diesen Operettenklassiker setzt sich auch konsequent in der Regie von Isabella Gregor fort, aus deren Feder auch die vorliegende Textfassung stammt. Frisch, humorvoll und mit einem klaren Bewusstsein für die ernsten Themen hinter dem Augenzwinkern nimmt die Regie Bezug auf die Tagespolitik – #metoo, bedingungslose Grundsicherung und Flüchtlingspolitik inbegriffen. Auch um Trump kam man im Couplet des Ollendorf nicht herum.

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent - hier : Johannes Terne als Onuphrie, Sylvia Rieser als Palmatica, Gräfin Nowalska, Regine Riel als Laura, Ilia Staple als Bronislawa © www.christian-husar.com

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent – hier : Johannes Terne als Onuphrie, Sylvia Rieser als Palmatica, Gräfin Nowalska, Regine Riel als Laura, Ilia Staple als Bronislawa © www.christian-husar.com

Die intensive Auseinandersetzung Isabella Gregors mit dem Werk führte zur Wiederentdeckung einer Arie der Laura aus Millöckers Urfassung des „Bettelstudenten“ in der Österreichischen Nationalbibliothek. Diese Arie erklang gestern erstmals wieder auf einer österreichischen Bühne in einem neuen Orchesterarrangement von Oliver Ostermann, der auch vom Dirigentenpult den Abend sehr harmonisch leitete. Mit frischen, knackigen Tempi und viel Feingefühl behielt er den Witz und Charme der Musik in jeder Minute aufrecht und sorgte gemeinsam mit dem Orchester der Bühne Baden für eine prickelnde Aufführung in dieser lauen Sommernacht.

Sängerisch bot der Abend viele schöne Momente. Regina Riel sang die Laura mit zarten Zwischentönen und einer wunderschönen Klarheit, die, wie vom künstlerischen Leiter Michael Lakner sehr treffend bezeichnet, an Gundula Janowitz erinnert und vermochte es, aus einem oftmals sperrigen Charakter eine charmesprühende Vollblutfrau zu machen. Als ihre Schwester Bronislawa bezauberte die Linzerin Ilia Staple mit glockenheller Stimme und unbändiger Lebhaftigkeit – und Hunger – das Publikum und ihren Jan Janicki. Sylvia Rieser spielte die herrische Mutter mit so viel Liebe für ihre Töchter, dass neben vielen Lachern auch das Mitgefühl des Publikums auf ihrer Seite blieben. Matjaž Stopinšek erlebte man im Hauptpart des Symon Rymanowicz mit großer Verve und schmelzigem Tenor. Sein Feuer wurde ausgeglichen durch Ricardo Frenzel Baudisch, der mit Eleganz und jugendlichem Charme den Jan Janicki gab. Jochen Schmeckenbecher verlieh dem Abend Staatsopernniveau. Sein Oberst Ollendorf erhob sich über dessen übliche Charakterisierung als komischer Aufschneider und verlieh ihm eine gefährliche Schärfe, deren genussvolle Bosheit in seinem Triumph des zweiten Aktes ihren Höhepunkt erreicht und ihn als Bösewicht des Stückes glaubhaft macht. Als kongeniales Offizierskleeblatt agierten Anton Graner (Major Wangenheim), Sebastian Huppmann (Rittmeister Henrici), Michael Fischer (Leutnant Schweinitz) und Thomas Malik (Kornett Richthofen). Aus der von der Regie perfekt durchgezogenen individualisierten Personenführung erwuchsen auch abseits der textuellen Witze viele humoristische Momente, die im Hintergrund der Handlung der Hauptfiguren den perfekten Rahmen gab.

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent - hier : Ensemble,  erhöht, Regina Riel als Laura, Jochen Schmeckenbecher als Ollendorf © www.christian-husar.com

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent – hier : Ensemble,  erhöht, Regina Riel als Laura, Jochen Schmeckenbecher als Ollendorf © www.christian-husar.com

Johannes Terne als Onuphrie zeigte in Baden, warum das Wiener Burgtheater zu den größten deutschsprachigen Theaterhäusern zählt und gab ein herzzerreißendes Faktotum – oder AIO (All-in-one), wie er es so schön formulierte. Robert R. Herzl als Enterich gab einen piratischen Gefängniswärter dessen Beweglichkeit und irrwitzigen Ticks das komische Charakterfach in seiner vollen Bandbreite ausschöpfte und damit für laute Lacher und frenetischen Beifall sorgte. Ihm zur Seite Justus Seeger (Puffke) und Mahdi Niakan (Piffke), als quicklebendiges Duo. Abwechselnd komisch-dümmlich und bauernschlau sorgten auch sie für viele Lacher.

Generell ist die Führung des Chors und des Ensembles durch die Regie lobend hervorzuheben. Auch die Choreografie von Michael Kropf trug ein wesentliches Teil zum Gelingen des Gesamtkonzepts bei. So tanzten nicht nur im Hintergrund Ballett und Chor, auch die Solisten schwangen fröhlich das Tanzbein.

Alles in allem bot die Sommerarena Baden einen vergnüglichen Operettenabend auf höchstem Niveau, und beweist, dass Operette immer noch sehr lebendig ist. Das Publikum zeigte sich gut unterhalten und dankte für den fantastischen Abend mit tosendem Applaus. Und sollten auch Kleinigkeiten dem Premierenfieber zum Opfer gefallen sein: Schwamm drüber, Schwamm drüber.

Der Bettelstududent in der Sommerarena von Baden bei Wien; weitere Vorstellungen 21.7.; 22.7.; 27.7; 2.8.; 3.8.; 9.8.; 10.8.2018 un mehr

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Ketzer, Hexen und Verdammte – Skulpturen – Rainer G. Schumacher, IOCO Aktuell, 16.07.2018

Juli 17, 2018 by  
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Ketzer, Hexen und Verdammte - Ausstellung in Telgte von Rainer G. Schumacher © Hanns Butterhof

Ketzer, Hexen und Verdammte – Ausstellung in Telgte von Rainer G. Schumacher ©  Hanns Butterhof

Kunst- und Heidegarten Lauheide

  Finissage für Ketzer, Hexen und Verdammte

Dienstschluss für Dante

Von Hanns Butterhof

Bis zum 21. Juli 2018 ist die Ausstellung Ketzer, Hexen und Verdammte mit Bildern und Skulpturen Rainer G. Schumachers im Kunst- und Heidegarten Lauheide 15 in Telgte noch zu sehen. Wenn sie dann endet, wird eine solch umfangreiche Ausstellung mit Werken des 1941 in Berlin geborenen, an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden ausgebildeten Sitte-Meisterschülers, der jetzt in Spanien lebt und arbeitet, in Deutschland kaum mehr zu sehen sein.

Die Arbeiten, über vierzig Skulpturen, sind aus der Auseinandersetzung des Künstlers mit der Divina Comedia Dantes (1265 – 1321) und dem Werk des Münsteraner Literaturwissenschaftlers Alwin Binder hervorgegangen, dem die Ausstellung gewidmet ist.

Schumachers Herangehen an die Divina Comedia ist alles andere als illustrativ. Vielmehr gestaltet er sehr aktuelle Figuren, belastet mit den Erfahrungen aus seiner eigenen Welt, für die sich als Bezugsgröße das Inferno am schlüssigsten angeboten hat.

Betritt man das Ausstellungsgelände, säumen 20 Skulpturen der Verdammten in Doppelreihe den Gartenweg. Sie wirken wie Ausgrabungen aus dem Höllentrichter, denen noch die Reste dieses Unortes anhaften.

Dante Skulptur von Rainer G. Schumacher © Hanns Butterhof

Dante Skulptur von Rainer G. Schumacher © Hanns Butterhof

Die weiteren Gestalten der Ketzer und Hexen beschwören eines der finstersten Kapitel der christlichen Religion und institutionalisierten Kirche herauf, die Dantes Welt ideologisch grundieren. Schumachers Kunstwerke beantworten keine Fragen, warum diese Schrecknisse möglich waren und in vielfältiger Gestalt weiter möglich sind. Die Skulpturen stellen diese Fragen aber buchstäblich den Betrachtern in den Weg.

Die Köpfe der Ketzer – Meister Eckhart ist dabei, Blaise Pascal und Benedictus de Spinoza – sind nicht als spiegelverkehrte Heiligenbilder und Märtyrer-Mahnmale mit Verklärungs-Gestus gedacht. Sie tragen als geschichtliche Gestalten unabhängigen Denkens die schmerzvollen Züge der Anstrengung ihrer aufrechten Haltung. Wie Ketzer wurden auch die Hexen laut Anordnung Papst Gregors IX. behandelt, nämlich gemartert und getötet. Ihre Skulpturen sind eine Mahnung an die menschliche Anfälligkeit für kleinmütigen Unverstand und ideologische Manipulation, die so viele Opfer gefordert haben und weiter fordern. Sie hat Schumacher in der Umarmung uneingeschränkter Sympathie gestaltet.

Rainer G. Schumacher Skulpture © Hanns Butterhof

Rainer G. Schumacher Skulpture © Hanns Butterhof

Die Ausstellung Ketzer, Hexen und Verdammte Rainer G. Schumachers ist in ihrer ästhetischen Ernsthaftigkeit ein Statement zur Skulptur der Zeit zwischen Kasseler documenta und Münsteraner skulptur projekte. Sie dokumentiert die Lebendigkeit des traditionellen Skulptur-Begriffs jenseits von kunstideologischem Dogmatismus und Spaßkultur mit Mitmach-Events. Die Ausstellung hat alle Aufmerksamkeit verdient, die ihr noch bis zum 21.7. gezollt werden kann. Dann ist Dienstschluss für Dante.

 

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Bielefeld, Theater Bielefeld, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 15.07.2018

Juli 15, 2018 by  
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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

DAS RHEINGOLD – Richard Wagner

– Lieblose Love-Parade –

Von Hanns Butterhof

Das Theater Bielefeld hat sich statt des ganzen Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner des Vorabends Das Rheingold angenommen und ist damit gleich bei der Götterdämmerung angekommen. In Mizgin Bilmens Inszenierung haben auch die  Götter der Liebe entsagt und sind nicht wert, gerettet zu werden. In den Mittelpunkt der Aufführung stellt Bilmen den leidenden Mensch.

 – Bielefelder Rheingold diagnostiziert den Untergang des Abendlandes –

Immer geschunden, fremdbestimmt und ausgebeutet ist der Mensch ohne Unterlass auf der Bühne des Theaters Bielefeld anwesend. Mizgin Bilmen hat ihm die Form einer Gruppe von Erdenwürmern gegeben. In schlammigen, schrundigen Ganzkörpertrikots (Kostüme: Alexander Djurkov Hotter) liegen sie schon zur Ouvertüre zum Rheingold auf dem Grund des Rheins. Hier wie überall ist der Mensch das eigentliche Gold, der Reichtum der Welt. Das wird deutlich, als Alberich (Yoshiaki Kimura), der von den Rheintöchtern (Nohad Becker, Hasti Molavian, Nienke Otten) geneckte und verschmähte Zwerg, aus einem dieser Erdlinge Goldstaub herauswühlt, bevor er ihn dann über die Schulter wirft und, der Liebe finster entsagend, zum Gewinn der Weltherrschaft aufbricht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier :  Im Mittelpunkt stehen die Erdling-Menschen © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Im Mittelpunkt stehen die Erdling-Menschen © Bettina Stoß

In seinem unterweltlichen Nifelheim sind diese Erdlinge dann zu einer Maschine geworden. Sie wird von Alberichs Bruder Mime (Lorin Wey) gewartet, ist zwar nicht selber aus Gold, produziert es aber wohl. Alberich beherrscht sie mit seinem inzwischen aus dem Rheingold geschmiedeten Ring, einem goldenen Schlagring. Auf seinen Wink hin malträtieren sie Mime, der einen Tarnhelm für sich statt für Alberich anfertigen wollte. Und sie machen, szenisch sehr überzeugend, Alberich unsichtbar und bilden die Schlange, in die er sich verwandelt. Wenn sie ihn ungeschützt lassen, als er die Gestalt einer Kröte annimmt, wird ihm das zum Verhängnis.

Später finden die Erdlinge – diesmal wieder unmittelbar als Nibelungengold – noch Verwendung dafür, die Göttin Freia (Melanie Kreuter) vor den Blicken der merkwürdig militärisch mit Gewehren ausstaffierten Riesen Fafner (Sebastian Pilgrim) und Fasolt (Moon Soo Park) zu verbergen. Nachdem Fafner seinen Bruder im Streit um das Gold erschossen hat, lässt er – ebenfalls merkwürdig – bis auf einen die Erdlinge liegen, aus denen dann die Götter wieder Goldstaub herauswühlen. Den schmieren sie sich selbstverliebt überall hin und bewerfen sich kindisch damit, um sich dann eines hübschen Goldregens aus dem Schnürboden zu erfreuen.

Das ist nicht alles ganz stimmig,  lässt aber vielfältige Assoziationen über den Wert des Menschen als Täter und Opfer in der Welt zu, bevor man sich den Tätern und der Welt des Rheingold zuwendet.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier : Goldregen fällt auf die Götter, Sarah Kuffner, Frank Dolphin Wong © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Goldregen fällt auf die Götter, Sarah Kuffner, Frank Dolphin Wong © Bettina Stoß

Dass Krieg in dieser Welt ist, illustriert eine immer schneller laufende Videoprojektion (Video: sputnic/Malte Jehmlich) mit Bombenexplosionen, Geschützfeuer, menschenfeindlicher Dürre und ertrunkenen Flüchtlingen bei der rasenden Fahrt Wotans (Frank Dolphin Wong) und seines Helfers Loge (Alexander Kaimbacher) in die Unterwelt Nibelheims, wo sie Alberich den Nibelungen-Goldschatz abluchsen wollen. Inwieweit sie alle Schuld an diesem Zustand der Welt tragen, sei es dadurch, dass Wotan einen Ast von der Weltesche abgebrochen oder  Alberich das Rheingold geraubt hat, wird nicht näher beleuchtet und kümmert sie auch nicht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier :  Wotan braucht Loges Rat, Frank Dolphin Wong, Alexander Kaimbacher © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Wotan braucht Loges Rat, Frank Dolphin Wong, Alexander Kaimbacher © Bettina Stoß

Auch in der Götterwelt hat weder die Liebe noch die Mitmenschlichkeit ihren Platz. Und so lieblos, wie die Götter miteinander umgehen, verfährt auch die Regie mit ihnen. Sie sind eindimensionale Charaktermasken, die mit ihrer Schutzburg Walhall das Elend der Welt von ihrer Spaßgesellschaft fernhalten wollen. In ihren weißen, pornochicken Fantasiekostümen sehen sie aus, als entstammten sie einem Themenwagen der Love-Parade. Sie sind recht eigentlich schon Personal der Götterdämmerung, gleichsam Gibichungen mit Wotan als einem vorweggenommenen Gunter. Er ist in seinem weißen Pelzfummel, der klunkerbesetzten Offiziers-Schirmmütze und dem wie eine Vorhangstange dünnen, mit traurigen Fransen besetzten Speer ein aufgeblasener, verantwortungsloser  Hohlkopf. Ohne seine hand- und kopfarbeitenden Helfer wie die Riesen und Loge bringt er nichts zustande. Seine Frau Fricka (Sarah Kuffner) – hohe weiße Stiefel, knappe Pants und Push-Ups – ist eine rechte Blondine. Sie hat außer den ehelichen Pflichten ihres Gatten und dem Geschmeide, das man aus dem Rheingold anfertigen könnte, nichts im Kopf. Ähnlich flach sind die restlichen Götter, Froh (Lianghua Gong) mit schmuckem Federkopfputz und Donner (Evgueniy Alexiev), dem zwar der Hammer fehlt, den aber die Hörner eines Schafbocks zieren. Kaum um ihrer selbst willen sorgen sich alle um Freia (Melanie Kreuter), trägt sie doch in einem Terrarium den Bonsai-Garten mit den Äpfeln auf ihrem Rücken, deren Verzehr den Göttern Kraft und Jugendlichkeit verleiht. Sie ist für sie so unentbehrlich wie Kokain für Investment-Banker oder Ecstasy für Discogänger. Walhall, eine kaltes, leeres Stahlgerüst eines Hochhauses in erheblicher Schieflage (Bühne: Cleo Niemeyer) ist jetzt schon dem Untergang geweiht, nur diesen Göttern dämmert das noch nicht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier  : Erda und Wotan, Katja Starke und Frank Dolphin Wong, © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Erda und Wotan, Katja Starke und Frank Dolphin Wong, © Bettina Stoß

Loge, der klarsichtige, aber allen Herren dienstbare Intellektuelle, sieht das Ende, das die eindrucksvoll aus der Masse der Erdlinge aufsteigende und ihnen eine Stimme gebende Erda (Katja Starke) den tauben Ohren der Götter prophezeit hatte. Wer mit den Göttern gemeint ist und wem die klare Botschaft gilt, macht die Regie am Ende mit einem bewährten Stilmittel deutlich: Zum Einzug der Götter in Walhall fährt eine Batterie starker Scheinwerfer herab und leuchtet schmerzlich ins Publikum – damit ihm vielleicht doch noch rechtzeitig ein Licht aufgeht.

Gesungen wird durchweg ordentlich, wenn auch nicht immer sehr textverständlich. Aus dem Ensemble ragen der darstellerisch und gesanglich äußerst bewegliche Tenor Alexander Kaimbacher, Sarah Kuffner mit klarem Sopran und Katja Starke mit vollem, geerdetem Mezzo heraus.

Alexander Kalajdzic dirigierte die etwas rauh klingenden Bielefelder Philharmoniker sängerfreundlich und flott, ohne mit großen Melodiebögen den Wagner-Sog zu entfalten, wohl ganz im Sinne der auf Einsicht statt auf Genuss zielenden, nur in Details differenzierten Regie Mizgin Bilmens.

Das Bielefelder Rheingold hat den Weg zur Götterdämmerung kurzgeschlossen, sich den Weg über den Hoffnungsträger Siegfried gespart und ist schlüssig auch zu dem Ergebnis gelangt, dass die Welt von uns Göttern nicht mehr zu retten ist und das weiße, männlich geprägte Abendland untergehen wird. Mit dieser Diagnose, die Wagners ästhetischer Komplexität nicht voll gerecht wird, steht das Bielefelder Rheingold  nicht allein.

Das Rheingold von Richard Wagner; besuchte Aufführung: 10.7.2018; zur Zeit sind keine weiteren Aufführungen geplant.

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