Stralsund, Theater, The Shining - Paul Moravec, IOCO

Stralsund, Theater, The Shining - Paul Moravec, IOCO
Theater Vorpommern_The Shining, Ensemble (c) Peter van Heesen

 

Abgründe eines amerikanischen Familiendramas

Oper „The Shining“ von Paul Moravec in Stralsund

 

 

 

von Ekkehard Ochs

 

Am Anfang steht ein furchteinflößend dicker Roman von Erfolgsautor Stephen King ( „The Shining“, 1977), dem 1980 eine inzwischen Kultstatus besitzende, vom Buchautor aber als zu weit weg vom Roman kritisierte (Horror-)Verfilmung durch Stanley Kubrick folgte. Viel später, 2009, beauftragte die Minnesota Opera/USA  den Komponisten Paul Moravec, für dieses Haus eine Oper zu schreiben. Die Wahl fiel auf Kings „The Shining“.

Für das Libretto konnte  der erfolgreiche Theaterautor Mark Campbell gewonnen werden. Die Uraufführung erfolgte am 7. Mai 2016 in Saint Paul/Minnesota. Die Europäische Erstaufführung hatte sich am 9. Mai 2026 das Staatstheater Regensburg gesichert, und  das Theater Vorpommern folgte nur wenig später mit seiner Premiere des Werkes am 29. Mai 2026 in Stralsund. Bleiben wir bei dieser Aufführung!

Zu erleben ist die zwangsläufig höchst komprimierte Musiktheater-Fassung eines Familiendramas, das unterschiedliche Lesarten beziehungsweise Akzentsetzungen zulässt. Für Stephen King hatte die Verfilmung - was vom Medium her gesehen nicht verwundert – zu sehr Aspekte des Gruseligen, des Horrors, des Psychopathischen betont. Im Hinblick auf die Oper war das wohl weniger zu befürchten, denn eine entsprechende Bearbeitungsanfrage des Komponisten beantwortete King sofort und positiv. Das Ergebnis hat ihm Recht gegeben, auch wenn durchaus jetzt noch unterschiedliche Akzente gesetzt werden können: Das Favorisieren, vielleicht gar Veräußerlichen  einer tatsächlich ins Pathologische abdriftenden Vorstellungswelt („The Shining“) oder das Drama einer psychisch-physisch Grenzwertigem ausgesetzten Familie.

Das eine tun und das andere nicht ganz lassen. In Stralsund setzt man bewusst auf im Individuellen begründete Verhaltensweisen. Letztere haben in zunehmend dramatischer werdenden psychischen Ausnahmesituationen für die Hauptperson des Lehrers und Schriftstellers Jack Torrance verheerende, letztlich das Leben kostende Folgen. Für die übrige Familie sind diese  allerdings kaum wenier gravierend.

Die Handlung in Kurzform. Jack Torrance, ehemals Lehrer, jetzt Schriftsteller, seine Frau Wendy und Sohn Danny, fünfjährig und mit (problematischer) Hellsichtigkeit („Shining“) begabt, brauchen dringend Ruhe, um ein schwierig gewordenes, stressiges Familienleben wieder in den Griff und speziell ihre Ehe wieder in die richtige Balance zu bringen. Da bietet sich die Möglichkeit, in den abgelegenen Bergen Colorados das Amt eines Winter-Hauswarts im Hotel „Overlook“ zu übernehmen; ohne Gäste und Personal.

Das erscheint zunächst als glückliche Lösung, ist aber nur der Vorhof zu einer psychischen „Hölle“, die vor allem Jack heimsucht: mentale Leere, Ängste und zunehmende Wahnvorstellungen bedrängen ihn in Form verlebendigter Erinnerungen an die eigene Kindheit und – einer aufgefundenen Dokumentation zu verdanken – an die teils kriminelle und blutrünstige Geschichte des Hotels selbst. Realität und Fantasie geraten aneinander und im Wirbel wahnhaft auftauchender irrealer Szenen durcheinander. Jack verliert jede Kontrolle über sich selbst, verhält sich auch der Familie gegenüber gewalttätig und erliegt letzten Endes seiner Krankheit. Frau und Sohn – er wird nicht als „krank“ eingestuft – haben die Chance, an anderem Ort ein neues Leben zu beginnen. Diesbezüglich gibt es im Werk die Person Dick Hallorans, der als Hotelkoch ebenfalls „Hellsichtigkeit“ besitzt und  als moralische Instanz am Anfang wie am Ende des Werkes Hoffnung auf ein gutes Ende zu verbreiten sucht: „Alles wird gut.“

Theater Vorpommern, The Shining_ Antje Bornemeier, Maciej Kozłowski, Linda Hwa (c) Peter van Heesen

Soweit das Handlungsgerüst. Nicht verloren geht dabei der Eindruck, dass es im Werk nicht vordergründig um einen möglichst hohen Gruselfaktor geht; eher um psychische Ausnahmesituationen als natürlich bühnenattraktiv (und mit großem Personalaufwand ) darstellbare Bewährungsproben für eine tief sitzende und echte Liebesbeziehung zwischen Jack und Wendy; als Tragödie leider ohne gemeinsame Zukunft. Das Spannende und Theaterattraktive am Werk ist vor allem die Art, woran sich die innerfamiliären Beziehungen entzünden und die Weise, wie es dargestellt wird: die außergewöhnliche Situation, dass ein geschlossener Raum, ein Gebäude, nämlich das Hotel „Overlook“, zum entscheidenden Handlungsakteur wird.

Seine turbulente und beängstigend gewalttätige Geschichte wird zur drastisch handelnden „Person“ oder zumindest von den Betroffenen als solche empfunden. Wendy spricht es aus, wenn sie während verstörend wahnhaft fortgeschrittener Handlung herausschreit, nicht der Vater sei es, der da aus dem unaussprechlichen Grauen spreche, sondern das Hotel selbst. Und: man habe den Eindruck – so Dramaturgin Katja Pfeifer, die vielen obskuren Gäste der Vergangenheit hätten das Hotel wohl gar nicht verlassen. Und Jack erlebe gerade das auf höchst belastende Weise. Was für eine Situation!

Genau das hatte Librettist Campbell beabsichtigt. In einem Interview (Programmheft) spricht er vom Entschluss, „eine klaustrophobische Atmosphäre zu wahren und den Großteil der Handlung auf das Innere des Overlook zu beschränken.“ Und dann: „Als ich über die `Erscheinungen` im Hotel nachdachte, wurde mir klar, dass sie alle Jacks Gedanken entspringen. Das Hotel ist nicht verflucht. Jack ist es. Und er erlaubt diesen Visionen in seinem Gehirn, die Oberhand zu gewinnen...“ Für   einen wahren Musikdramatiker ist das  d e r  Stoff. Und Paul Moravec ist ein solcher! „The Shining“ ist erst seine zweite Oper. Aber sie ist der überzeugende  Beweis für eine brillant orchestrierte und überaus differenzierte Aussagefähigkeit des Autors.

Theater Vorpommern, The Shining_ Linda Hwa, Antje Bornemeier (C) Peter van Heesen

Auch ohne zunächst nach Konzepten zu fragen: diese Musik wirkt ungeheur direkt. Sie greift zu, lässt nicht wieder los, sie changiert zwischen klarer Tonalität und ihrem freien, davon losgelösten Handhaben, sie besitzt dramatische Wucht, spielt virtuos mit Ingredienzien der großen hochdramatischen Oper und ihren weitausschwingenden leidenschaftlichen Kantilenen. Und sie kennt viele charakterisierende Zwischentöne für spezielle, unheimliche, wenn man so will: gruselige Situationen, scheut auch keine Anleihen an deutlichere, gelegentlich illustrativer „Bildhaftigkeit“. Eine farbige Palette von beeindruckender Vielfalt und Eindringlichkeit

Der Komponist selbst spricht (im Programmheft) von Leitmotiven und „zwei kontrastierenden Klangwelten“ : die realistische der Familie Torrance einerseits, die des „imaginären Universums der Erscheinungen“ andererseits. Beide sind zunächst getrennt, beginnen  sich aber bald gegeneitig zu überlagern und enden als „ein drittes, beängstigend zweideutiges Amalgam.“ Oder, anders ausgedrückt: „Neben der komplexen Leitmotiv-Struktur der musikalischen Welt lassen sich die emotionalen Zustände der Figuren im Allgemeinen in zwei Kategorien unterteilen: eine tonal-harmonische für das psychisch Gleichgewicht sowie eine nicht-tonale Struktur für psychische Ausnahmezustände und schließlich für den völligen Wahnsinn.“ Solcherart kenntnisreich (und kompetent!) gerüstet, wären Missverständnisse ausgeschlossen. Aber das wären sie angesichts einer ungemein affektiv „redenden“ Musik wohl auch sonst! 

Womit wir bei der Aufführung selbst wären. Wie oben angedeutet, liegt der Schwerpunkt der Inszenierung von Operndirektorin Aurelia Eggers auf den Beziehungen innerhalb der kleinen Familie Torrance. Was den üppig ausgestatteten und phantasievoll ausgespielten Szenen mit den vielen unterschiedlichen „Erscheinungen“ nichts von ihrer handlungsbestimmenden Bedeutung nimmt. Gleichwohl bleiben diese stets verhältnismäßig im Bezug auf das eigentliche menschliche Drama, erklären und begründen daraus resultierende Verhaltensweisen und erdrücken dieses nicht durch besonders spektakuläre Darstellungen.

Das Ganze spielt sich sehr praktikabel innerhalb eines Wohnraumes ab, der sich mit Hintergrundausblick auf eine attraktive Landschaft im Staate Colorado, verschiebbaren Wänden, ein- und ausfahrbaren Küchen- oder Wohnaccessoires als Ort bestimmter Solo-oder Ensembleszenen anbietet (Bühne und Video Marion Andrea Menziger). Für die diversen Erscheinungen hat man nicht an Ausstattungsvielfalt gespart (Kostüme Ariane Salzbrunn), was im Zusammenhang mit variabler, bewegter Personenführung hier unabdingbar scheint (Dramaturgie Katja Pfeifer). Da gelingt vieles, das unter die Haut geht; nicht zuletzt, weil die Musik in der Gänze fast einem permanenten Gefühlsausbruch gleicht, wenig distanzlos erscheint und insgesamt von starker Suggestivkraft ist.

Theater Vorpommern, The Shining, Maciej Kozłowski (C) Peter van Heesen

Hier wäre der Ort, auf das Philharmonische Orchester Vorpommern zu verweisen. Unter der Leitung  Alexander Mayers, 1. Kapellmeister und Stellvertreter des GMD am Theater Vorpommern, lässt es keine Möglichkeit aus, Moravec` ungemein „farbig“ schillernde und nicht selten atemlos pulsierende Partitur auf ebensolche Weise umzusetzen. Stilistisch geht es um hier sehr überzeugend präsentierte Ausdrucksweisen, die schon mal unbekümmert an die Traditionen großer europäisch spätromantischer Oper erinnern; ohne dass je das Gefühl aufkommt, man erfreue sich lediglich an Altbekanntem. Nein, Moravec spricht eine eigene, eine packende Sprache, und das Philharmonische Orchester Vorpommern hat gerade das glänzend umgesetzt.           

 

Das trifft in denkbar hohem Maße auch auf das Solistenensemble zu. Es meistert souverän eine schwierige Partitur und hat keine Mühe, mit Kraft und stimmlichem Glanz, leidenschaftlicher Verve und hochemotionaler, sehr differenzierter Gestaltungskraft nicht alltäglichen Befindlichkeiten überzeugend Ausdruck zu verleihen. Dies mit  eher von deklamierendem „Reden“ bestimmten Parlieren, dem Verständigen über reale Normalitäten, und melodisch wie harmonisch kontrastgeschärft angelegten, teils ausladenden Riesenpartien oder angstvoll fast gestammelt für jene psychisch grenzwertigen Momente, denen man sich – als  bestürzend gefühlshaft - schon mal ergriffen ausgeliefert fühlen kann. Da hat man wohl den Komponisten wörtlich genommen. Der hat es dezidiert darauf angelegt (Programmheft), das Nervensystem der Zuschauer, „das Unterbewusstsein des Geistes“ direkt anzusprechen. Und was seine Sicht auf das Medium  Oper als „Verschmelzung des Rationalen mit dem Irrationalen, des Realen mit dem Surrealen, des Normalen mit dem Paranormalen“ betrifft, so hat (auch) das Sängerensemble jene Gratwanderungen erfolgreich bewältigt.

Die Besetzungsliste weist 13 Personen aus, allen voran und in großen Rollen Maciej Kozłowski als Schriftsteller Jack Torrance und Antje Bornemeier als seine Frau Wendy.  Linda Hwan (Theaterchor) besetzt die Sprecher-Rolle (!) des Sohnes Danny, dann, wieder singend, Thomas Rettensteiner (Jacks Vater Mark), Jovan Koščica (Koch Dick Hallorann), Sotiris Charalampous  in verschiedenen Rollen sowie Semjon Bulinsky, Lisa Henningsohn, Sina Puffay/Helene Kerst, Kaho Yamashita und Hanqi Jiao (Theaterchor), Alexandru Constantinescu und David Grant. Den Opernchor (Kinderchor inklusive) hat Jörg Pitschmann einstudiert. Und von Alexander Mayer als souveränem klanglichen Entfesselungskünstler im Orchestergraben kann als Gesamtleiter nur Bestes berichtet werden.

Der in persona anwesende Komponist dürfte seine Freude an dieser Inszenierung und an dieser Preniere gehabt haben. Das Publikum jedenfalls war begeistert!

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