Halfing, Immling-Festival, LUCIA DI LAMMERMOOR – Gaetano Donizetti, IOCO
Zum 30-jährigen Jubiläum präsentiert das Immling-Festival mit Donizettis Lucia di Lammermoor eine musikalisch und szenisch eindrucksvolle Produktion. Herausragend: Inna Fedorii in der Titelrolle, deren berührende Wahnsinnsszene zum bewegenden Höhepunkt des Opernabends wird.
von Daniela Zimmermann
Im Rahmen des Immling-Festivals, das in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert, stand Gaetano Donizettis Lucia di Lammermoor auf dem Spielplan. Drei Jahrzehnte Immling – das ist eine wahrhaft sagenhafte Erfolgsgeschichte. Sie ist geprägt von kreativem Wagemut, schöpferischer Kraft und unermüdlichem Einsatz von Können, Fleiß und der Bereitschaft, immer neue Wege zu gehen. Doch über allem steht die große Liebe zur Musik. Aus kleinen mutigen Anfängen ist im Laufe der Jahre ein außerordentlicher Spielort entstanden, der weit über die Region hinausstrahlt. Inmitten der idyllischen Landschaft des Chiemgaus verbindet Immling musikalische Qualität mit besonderer Nähe zu den Künstlerinnen und Künstlern sowie mit einer Atmosphäre, die jeden Opernbesuch zu einem ganz eigenen Erlebnis macht.
Die Oper Lucia di Lammermoor wurde 1835 im Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführt. Die Handlung geht auf den Roman Die Braut von Lammermoor des schottischen Schriftstellers Sir Walter Scott zurück. Das Libretto schrieb Salvatore Cammarano. Die nebelverhangenen schottischen Highlands bilden die düstere Kulisse für eine Geschichte über Familienfehde, Machtkämpfe, Intrigen und Gewalt. Im Mittelpunkt steht Lucia, die zwischen der Liebe zu Edgardo und den politischen Interessen ihrer Familie zerrieben wird. Die Oper erzählt damit nicht nur von einer tragischen großen Liebe, sondern auch von einer Gesellschaft, in der Männer über das Schicksal von Frauen bestimmen und persönliche Gefühle den eigenen Machtinteressen untergeordnet werden. Lucia ist eine Ashton und gehört zu einer einflussreichen schottischen Adelsfamilie, die mit der Familie Ravenswood verfeindet ist. Jedoch und ausgerechnet mit Edgardo von Ravenswood verbindet Lucia eine heimliche, große Liebe, und beide hoffen auf eine gemeinsame, glückliche Zukunft.

Lucias Bruder Enrico Ashton lehnt diese Verbindung strikt ab, er verfolgt eigene politische und familiäre Ziele. Um den Einfluss der Familie zu vergrößern, zwingt er Lucia zur Heirat mit Arturo Bucklaw. Mit einer gefälschten Nachricht täuscht er sie und lässt Lucia glauben, Edgardo habe sie verlassen und liebt eine andere Frau. Zerrissen zwischen ihrer Liebe zu Edgardo und dem Druck ihrer Familie gibt Lucia schließlich der erzwungenen Hochzeit nach. Doch die seelische Belastung zerstört sie. In der Hochzeitsnacht tötet sie ihren ungeliebten Ehemann Arturo und erscheint danach verstört und dem Wahnsinn verfallen vor der Hochzeitsgesellschaft. In der berühmten Wahnsinnsszene, der berühmten Arie der Lucia, zeigt sich ihre völlige Loslösung von der Realität. Sie glaubt weiterhin mit Edgardo verbunden zu sein und erlebt eine Traumwelt zwischen Erinnerung, Hoffnung und Wahn. Die zarte, ungewöhnliche Klangfarbe der Glasharfe, die sie dabei musikalisch begleitet, verstärkt die Atmosphäre des Unwirklichen und Zerbrechlichen. Ihr schwebender, sphärischer Klang machen Lucias Wahnvorstellungen noch eindringlicher und unterstreicht die Brutalität ihres Schicksals. Als Edgardo von ihrem Tod erfährt, nimmt auch er sich das Leben. Die Oper endet als eine Tragödie über eine Liebe, die an Machtinteressen, Täuschung und an den gesellschaftlichen Zwängen einer von Männern bestimmten Welt zerbricht.
Ella Marchment ist hier die Regisseurin. Für das Bühnenbild ist Philomena Strack verantwortlich, das Videodesign stammt von Maximilian Ulrich. Das Bühnenbild ist von hohen grauen Mauern mit zahlreichen Türen geprägt. Sie wirken wie ein Labyrinth, aus dem es für Lucia kein Entrinnen gibt. Das Videodesign ergänzt die kargen Mauern mit eindrucksvollen Naturaufnahmen. Nebelverhangene Landschaften und Wälder, die an die schottischen Highlands erinnern. Rechts und links zwei Treppen führen zu einer Bühnenbreiten Empore und räumt dem Volk, dem Chor eine intensive Teilnahme ein. Ein zentrales Gestaltungsmittel der Inszenierung ist die Symbolik der Farben. Rot und weiß ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Abend.

Weiß steht für Lucias Unschuld, ihrer Machtlosigkeit. Rot dagegen ist die Farbe der Macht, der Gewalt und des Blutes. Enrico schwingt den roten Gürtel als Ausdruck von Macht gegen seine Schwester, Enrico trägt einen roten Mantel und Arturo ist ganz in Rot (Kostümbild: Sascha Thomsen). Macht und Blut als ständige Erinnerung an die Brutalität der Handlung sind allgegenwärtig. Edgardo trägt als Einziger kein rot. Er verkörpert die reine Liebe zu Lucia ohne jegliche Machtinteressen. Zur erzwungenen Hochzeit trägt auch Lucia eine rote Perücke. Damit wird deutlich, dass sie dem System der Gewalt nicht entkommen konnte. Das rot wird zum Zeichen dafür, das Macht und Blut ihr Schicksal bestimmen.
Die Besetzung überzeugt durchweg mit hoher stimmlicher Qualität. Inna Fedorii, begeistert in der Titelrolle der Lucia mit einem lupenreinen, klaren natürlich wirkenden Sopran und gestaltet die großen Liebesszenen ebenso eindrucksvoll wie das bewegende Finale. Den bewegendsten Moment der Oper bildet die Wahnsinnsszene. Hier verschmelzen Donizettis Musik, die mystischen Klänge der Glasharfe und die herausragende Interpretation Inna Fedoriis zum ergreifenden Höhepunkt des Abends. Mühelos meistert sie die anspruchsvolle Wahnsinnsszene und verleiht ihr mit berührender Zerbrechlichkeit und brillanten Höhen eine außergewöhnliche Intensität. In ihrem silbern glitzernden Kleid wirkt sie dabei entrückt, was die Unwirklichkeit dieser Schlüsselrolle unterstreicht. Carlo Raffaelli überzeugt mit einem innigen ausdrucksvollen Tenor und gestaltet die großen Liebesszenen ebenso eindrucksvoll wie das Finale. Baurzahn Anderzhanov als Raimondo verleiht seiner Rolle mit einem sonoren Bassbariton Autorität und Würde. Alexey Bogdanchikov beeindruckt als Lord Enrico Ashton mit einem gut geführten Bariton, der die Dominanz und Rücksichtslosigkeit der Figur eindrucksvoll widerspiegelt. Gunnar Björn Jónsson rundet mit seinem lyrischen Tenor als Lord Arturo Bucklaw das Ensemble überzeugend ab.

Der wundervolle Festivalchor Immling (Einstudierung: Cornelia von Kerssenbrock) und das Festivalorchester Immling tragen wesentlich zur Gestaltung des Abends bei. Unter der Leitung des jungen Dirigenten Sergi Roca Bru verbindet sich die orchestrale Farbigkeit von Donizettis Musik mit der stimmlichen Gestaltung der Solisten zu einem bewegenden und eindrucksvollen Opernerlebnis.
Mit dieser musikalisch wie szenisch überzeugenden Lucia di Lammermoor beweist das Immling-Festival einmal mehr, dass große Oper nicht allein an den renommiertesten Häusern entsteht, sondern überall dort, wo Leidenschaft, künstlerische Qualität und Liebe zur Musik aufeinandertreffen.