Rostock, Konzertkirche St. Nikolai, Kings`s Singers - Festspiele MV, IOCO
17. Juni 2026
Festspiele MV mit vokalem highlight
Rund 120 Konzerte an 71 Spielorten – die Festspiele MV überziehen das Land seit dem 16. Juni wieder mit ihrer jährlichen Folge der unterschiedlichsten Veranstaltungen, hinsichtlich derer es nur eines zu bedauern gibt: dass man sie nicht alle besuchen kann! Und zu verschmerzen wäre das nur, würde sich das Angebot im Befolgen traditioneller Vorstellungen von „Musikfesten“ erschöpfen. Das tut man eigentlich von Anfang an nicht, und zwar sehr bewusst.
Wenn deshalb schon seit langem von der „Festspielfamilie“ geredet wird, und das nicht nur vom Veranstalter, dann bezieht sich das auf ein Konzept, das Nachhaltigkeit vor bloßen, kurzzeitigen Erfolg setzt. Letzterer wäre schnell errungen, Ersterer musste unter dem Aspekt ständig variierter, innovativer Angebotsstrukturen erarbeitet werden; inbegriffen das geschickte Einbeziehen von – sagen wir es populär – Land und Leuten, den Mitwirkenden und den Organisatoren auch außerhalb des engeren Festspielteams.
Der Blick auf das diesjährige Sommerprogramm zeigt diese weiterhin befolgte Linie: alle Angebote dienen der engen Bindung zweier Partner, ja, Partner! aneinander: die Festspiele einerseits, das Publikum andererseits. Inzwischen weiß man beiderseits, dass da gegenseitig Verlass aufeinander ist! In diesem Jahr gibt es zudem den dezidierten Hinweis auf die Bedeutung „direkter Synchronisation“ . Will heißen: „2026 legt das Festival einen besonderen inhaltlichen Fokus auf Fragen, die uns unter den Nägeln brennen:Umwelt und Nachhaltigkeit, gesellschaftliches Miteinander und Gemeinschaft.“ Eine bessere Garantie für die Weiterführung einer bislang immer wieder beeindruckenden Erfolgsgeschichte ist kaum denkbar.
Was den Gedanken des Miteinanders betrifft, des durch gemeinsam gehörte und erlebte Musik bewirkten gemeinamen Empfindens einer oft zahlreichen Hörerschaft die sich ja zunächst gar nicht kennt (Synchronisation), so sind Erfolge schon hinsichtlich entsprechend ausgerichteter Programme und ausgesucht hoher künstlerischer Qualitässtandards eigentlich vorprogrammiert. Es schweißt buchstäblich zusammen, wenn – um ein Beispiel herauszugreifen - etwa das umständehalber um ein Mitglied reduzierte Vokalsextett „The Kings`s Singers“ in den Blickpunkt gerät.
Bleiben wir dabei: bei einem britischen solistischen Vokalensemble, das, gegründet 1968, längst zu den international herausragendsten Ensembles gehört. Inzwischen (personell sicher mehrfach) erneuert, lieferte es auch „nur“ zu fünft am 17. Juni in Rostocks gotischer Konzertkirche St. Nikolai höchst überzeugende Proben seines Könnens.
Das begann, weit zurückgehend und archaisch gregorianisch, bei Hildegard von Bingen, erfasste die expressiven Klangwelten englischer Meister des 16. Jahrhunderts (Thomas Tallis, William Byrd) und berührte kurz italienisch Grandioses von Claudio Monteverdi. Man machte - wir ordnen das Programm zwecks besserer Übersicht chronologisch - kurz Halt bei Felix Mendelssohn Bartholdy und Fanny Hensel, berührte chorisch-impressionistische Feingeister wie Claude Debussy und Maurice Ravel, um nach einer sehr kurzen, fetzig-neckischen Punktlandung bei Francois Poulenc dem sehr unterhaltsamen und chorisch so attraktiven wie speziellen Bereich von Jazz- und Pop-Arrangements ausgiebig zu frönen.
Was für ein Vergnügen! Und was für ein Klang von zwei Countertenören, einem Tenor, einem Bariton beziehungsweise einem Bariton/Bass. Fünf Herren, die den Riesenraum von St. Nikolai mühelos füllten und sich als Garanten für nobelste solistische Vokalkunst erwiesen. Beeindruckend der Umgang mit dem „Handwerkszeug“ Stimme, greif- und hörbar in einem alles vereinenden Verbund von gesangstechnisch höchsten Qualitäten und gestalterisch eindrucksvoller Variabilität; Sachkompetenz in Fragen der Aufführungspraxis, wie solche stilistissch weitgefächerten Programme das besonders nahelegen, inbegriffen.
Betörend die Stimmencharaktere, die sich zu fünft unglaublich zueinander passend vereinen, faszinierend ein chorischer Klang, der tonliche Klarheit und Geradlinigkeit, fast eine gewisse „Starre“, mit geschickt dosierter klanglicher Dynamisierung verbindet, ohne am geradezu süchtig machenden Reiz absolut perfekt scheinender Klanglichkeit „an sich“ Abstriche zuzulassen. Da geistern Klänge durch den Raum, die geeignet sind, an Sphärisches zu denken, die eine alte Motette, ein Madrigal, aber auch alles Spätere geradezu körperlich werden lassen und damit dann doch wieder ganz auf dem Boden des physisch „normalen“ Singens stehen.
Dies mit allen Mitteln und Möglichkeiten gestalterischer Raffinesse. Dies mit Lebendigkeit, Leichtfüßigkeit, Transparenz und so beeindruckender wie kaum auffallender Präzision, einer Intonation, die schon für sich fast wie ein eigenständiges sängerisches Merkmal erscheint, Homogenität, Expressivität und einer bei aller Durchorganisiertheit der Abläufe garantierten Dominanz des inspiriert Musikantischen.
Das alles passt bestens zur sogenannten „Alten“ Musik, kann aber auch Rock-, Pop- und Jazztitel zu wahren Edelsteinen klanglich höchst attraktiver Ausflüge in eben diese Bereiche werden lassen. Kein Problem für dieses Ensemble, den schlagenden Beweis dafür anzutreten.
Fazit: Die ganz hohe Schule professionellen Umgangs mit Stimme und Musikwerk. Geeignet, den Genuss hoher Gesangskunst (auch) als eine neue (Hör)Erfahrung zu erleben.