Paris, Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Décaméron - M. Franceschini, IOCO
13.06.1026
EIN MEISTERWERK ÜBER PEST UND WIDERSTANDSKRAFT…
Eine poetische Gerechtigkeit…
In diesem abgeschlossenen Rahmen spielen die Mittel eine völlig untergeordnete Rolle: Allein die Dringlichkeit des Schaffens zählt! Il Decamerone (1349/1353) von Giovanni Boccaccio (1313-1375), ein Meisterwerk des Mittelalters, war der erste große Bestseller der Populärliteratur, ein Wirbelwind aus derben, romantischen, grausamen und burlesken Geschichten, ein Welttheater, in dem Prinzen und Piraten, List und Begierde, Illusionen und Wahrheiten aufeinandertreffen.
Hier gibt es keine Rekonstruktion: Nur zehn Körper, die alles verkörpern! Diese Kreation bricht mit den Konventionen der Oper. Kein Orchester, keine Hierarchie der Disziplinen: In erster Linie ein theatralisches Fest, das die Grenzen zwischen Gesang, Sprache und Schauspiel aufhebt. Der italienische Komponist Matteo Francesschini (*1979) und die französische Regisseurin Caroline Leboutte (*1980) verleihen ihrem Werk eine kollektive Energie, getragen von einer organisierten Partitur, die die Grenzen zwischen den Stilen verwischt.
Geschichten zu erzählen ist bereits ein Akt des Widerstands; und zusammenzukommen bedeutet, sich für Hoffnung zu entscheiden Die Kammeroper Décaméron (2026) von Franceschini mit einem Libretto des italienischen Dramaturgen Stefano Simone Pintor (*1984) urteilt nicht, ergreift keine Partei. Es provoziert, unterhält, verstört mitunter; es feiert, was uns eint, und stellt infrage, was uns trennt. Und vor allem erinnert es uns an ein Wesentliches: Im Herzen des Aufruhrs liegt die wahre Rettung im Kollektiv!
Die Vergangenheit ist Gegenwart…
Zehn wohlhabende junge Leute isolieren sich vor einer Epidemie in einer Villa in den Hügeln der Toskana, und die Literatur wird dadurch aufgerüttelt… Obwohl der Versroman bereits existierte, begründet Boccaccio in einer Form der Zukunft den modernen westlichen Roman in Prosa.
Boccaccio, im deutschen auch als Boccace bekannt, gilt als einer der Begründer der italienischen Sprache. Während Dante Alighieri (1265-1321) sie vor allem in der Dichtung prägte, verwendete Boccaccio sie hauptsächlich in der Prosa und verfasste eine sehr berühmte Sammlung von Novellen: Il Decamerone, sein Hauptwerk, das er während des „Schwarzen Todes“ im Jahr 1348 schuf.

Als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns erhielt Boccaccio seine intellektuelle Ausbildung in Florenz und ab 1327 in Neapel, wo sein Vater von 1327 bis 1341 die Bank- und Handelsgesellschaft Bardi vertrat. Dort studierte er zunächst Kirchenrecht und las später, beeinflusst vom Hofe des Robert d’Anjou (1276-1343), die lateinischen Klassiker, die Ritterliteratur, Dante und Francesco Petrarca (1304-1374). In den Jahren 1341/42 kehrte er nach Florenz zurück, und seine Begegnung mit Petrarca im Jahr 1350 erwies sich als wegweisend. Zwischen den beiden entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die sich insbesondere in ihrem regen Briefwechsel zeigte. 1362 zog sich Boccaccio auf das Gut seines Vaters in Certaldo bei Florenz zurück und lebte fortan zurückgezogen. Er schrieb weiterhin, jedoch vermehrt auf Latein als in der Volkssprache.
Jeder Tag hat sein eigenes Thema…
Boccaccio schrieb umfangreich in einer Vielzahl von Genres: Zahlreiche Gedichte: La Caccia di Diana (1333/34), Filostrato (etwa 1335), Teseida (1339/41), L‘Amorosa Visione (etwa 1365), Romane: Il Filocolo (1336), Elegia di Madonna Fiammetto (1342/43), aber auch literarische Biografien, Abhandlungen, Sammlungen beispielhafter Lebensbeschreibungen, einen Kommentar zum Beispiel zu Dantes Divina Commedia (1307): Esposizione sopra la Comedia (XIV. Jahrhundert), usw. Sein berühmtestes Werk ist jedoch Il Decamerone – etymologisch: „Buch der zehn Tage“.
Dies ist eine Sammlung von 100 Kurzgeschichten, die etwa zwischen 1349 und 1351 in einem apokalyptischen Kontext entstanden, als der „Schwarze Tod“ über Europa fegte und fast ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte. Sieben junge Frauen und drei junge Männer aus der Florentiner Oberschicht flohen vor der Epidemie, die Florenz heimsuchte, und zogen sich in eine Villa in der idyllischen Landschaft nahe der toskanischen Stadt zurück, um der Pest zu entkommen. Zehn Tage lang erzählte jeder Teilnehmer zehn Geschichten. Jeder Tag war einem anderen Thema gewidmet. Das Werk umfasst somit 100 Kurzgeschichten, ein damals neues literarisches Genre.
Die Geschichten schöpfen aus lateinischer und toskanischer mündlicher Überlieferung, orientalischen Erzählungen, Exempla und Fabliaux. Boccaccio präsentiert Figuren, die der Realität seiner Zeit in all ihrer Vielfalt entstammen – Ritter, Kaufleute, Notare, Bankiers, Handwerker und das einfache Volk. Das Hauptthema dieser Geschichten ist die Liebe in all ihren Formen. Deshalb schildert Boccaccio mit Vorliebe die Welt der Frauen. Es ist zugleich eine Gesellschaftssatire, ein Werk, das oft dezidiert kirchenkritisch ist. Und er scheut sich auch nicht, seinen Protagonisten Dialoge in gesprochenem Toskanischen Dialekt in den Mund zu legen.

Abgeschottet fernab der Pest…
Iin der Einleitung zu diesem bahnbrechenden Werk beschrieb Boccaccio detailliert, bewegend und ergreifend die Ankunft des „Schwarzen Todes“ in Florenz im Jahr 1348, die Ohnmacht der Menschen angesichts der Geißel und die Flucht der Reichsten unter ihnen aus der Stadt.
Er schreibt: „Ich sage daher, dass seit der fruchtbaren Menschwerdung des Sohnes Gottes 1348 vergangen waren, als in der bedeutenden Stadt Florenz, der schönsten aller Städte Italiens, die tödliche Pest ausbrach […]. Und dort konnte ihr nichts entgegenwirken: Trotzt aller menschlichen Maßnahmen, wie der Säuberung der Stadt unter der Leitung der dafür eingesetzten Helfer, dem Verbot für Kranke, die Stadt zu betreten, und der zahlreichen Ratschläge zur Erhaltung der Gesundheit, trotz der demütigen Gebete, die fromme Menschen immer wieder in feierlichen Prozessionen und auf andere Weise zu Gott sprachen, begann sie gegen Ende des Frühlings jenes Jahres auf schreckliche und ungeheure Weise ihre schmerzhaften Auswirkungen zu zeigen. […] Zur Heilung dieser Krankheiten schien der Rat der Ärzte nutzlos, und auch die Kraft irgendeiner Medizin brachte keine Linderung […]“. Manche, die sich mit einer Grausameren, wenn auch vielleicht sichereren Wahl abgefunden hatten, behaupteten, es gäbe kein besseres, ja nicht einmal ein ebenso gutes Mittel gegen die Pest, als vor ihr zu fliehen; und von dieser Idee getrieben, kümmerten sich viele Männer und Frauen um nichts anderes als um sich selbst und verließen ihre eigene Stadt, ihre eigenen Häuser, ihre Güter, ihre Verwandten und ihren Besitz, um in anderen Gegenden oder zumindest in ihre eigene Heimat zurückzugehen.
Diese Möglichkeit, die Stadt zu verlassen und auf dem Land untergebracht zu werden, ist ein Privileg der Reichen, reserviert für Leute wie Boccaccio und die zehn jungen Geschichtenerzähler des Il Decamarone, die das Glück haben, eine Villa außerhalb von Florenz zu haben.
Mit dem Il Decamerone schuf Baccaccio das erste bedeutende Erzählwerk in volkssprachlicher Prosa. Der Erfolg war sofort da! Die Sammlung wurde in ganz Europa übersetzt. Boccaccio beeinflusste einige der größten Schriftsteller; darunter zum Beispiel: Geoffrey Chaucer (1343-1400), Jean de La Fontaine (1621-1695) und Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière (1622-1673). Seit 2011 wird in Frankreich jährlich der Boccaccio-Preis an einen Autor verliehen, der eine Sammlung von Kurzgeschichten in französischer Sprache veröffentlicht.

Die Aufführung im Athénée – Théâtre Louis-Jouvet am 13. Juni 2026:
Ein respektloser Roman in der Zeit des Schwarzen Todes…
Die Kammeroper Décaméron, eine Koproduktion der Opéra Grand Avignon und des Ircam-Centre Pompidou in Paris, wurde von dem berühmten Werk Boccaccios inspiriert und im Athénée – Théâtre Louis-Jouvet im Rahmen des Festival ManiFeste aufgeführt.
Ein gemischtes Bild! Weit entfernt von der Begeisterung der meisten Zuschauer verlässt man das Theater mit diesem gemischten Gefühl nach der zweistündigen Aufführung von Franceschinis Décaméron unter der Regie von Leboutte und hinterlässt ein verschwommenes und etwas chaotisches Bild eines nicht klassifizierbaren Werkes, das sich als Kammeroper ausgibt, letztendlich aber eher dem Musiktheater zuzuordnen ist.
Der Librettist Pintor wählte aus dem umfangreichen Werk des Florentiner Autors des 14. Jahrhunderts sieben der rund hundert Kurzgeschichten aus, stellte Verbindungen zwischen ihnen her, integrierte Elements aus den anderen und übertrug sie – mit unterschiedlichem Erfolg – in die Gegenwart. In den 1970er-Jahren verfolgte der berühmte italienische Filmregisseur Pier Paolo Pasolini (1922-1975) in seinem Film Il Decamerone (1971) einen ähnlichen Ansatz, blieb aber in der ursprünglichen Epoche und in Italien.
Il Decamerone oder „Das Buch der zehn Tage“ – altgriechisch – erzählt die Geschichte von sieben Frauen und drei Männern aus der Florentiner Oberschicht, die 1348 vor der Pest in einem Landhaus Zuflucht suchen. Diese zehn Tage der Isolation entfalten sich in zehn kurzen Erzählungen, die jeweils von den Protagonisten abwechselnd geschildert werden, sowie auch in den Genuss exquisiter Freuden – Mahlzeiten, Spiele, Tanz und anderes mehr. Der Prolog der hier präsentierten Bühnenfassung lässt Raum für Spekulationen, ebenso wie die Aussage der Regisseurin: Sind es zehn junge Menschen, hier Künstler, die nicht von der Pest, sondern vor Covid-19 fliehen, vor einer „chaotischen Welt, die zwischen Radikalismus und dem Streben nach kurzfristigen Vergnügungen schwankt?“ Was ihnen in diesem Kontext wichtig ist, ist der Erhalt des kreativen Schaffens, eine Haltung des Überlebens und des Widerstands in einer „Welt im Umbruch“… Ein Thema von brennender Aktualität! Es ist kein Landhaus, sondern der abgeschlossene Raum eines stillgelegten Theaters, den sie sich – abseits der Hauptgebäudes – ausgesucht haben, ein wenig wie eine menschliche Arche Noah. Dort, inmitten der zurückgelassenen Bühnenbilder, Kostüme und technischen Ausrüstungen, lassen sie ihrer Kreativität freien Lauf, während sich die Geschichten unaufhörlich entfalten. Sie erfinden ihre imaginären Orte und Figuren neu, indem sie verlassene Requisiten wiederverwenden und den Bühnenraum bis hin zum überdachten Orchestergraben zurückerobern. So erleben wir die Abfolge der Frauengeschichten: Zuerst die von Gismonde, der Tochter Tancredis, die sich vergiftet, indem sie das Herz ihres Verliebten isst – dessen Schlagen wir zu Beginn der Aufführung hören -, dann die der schwangeren Frau, die für tot gehalten, vergewaltigt und wieder zum Leben erweckt wird, die des jungen Liebhabers, der vom König von Aragon geheiratet wird, die der Frau, die einen Falken als Festmahl erhält und ihre Meinung über ihre Liebe ändert, die der Frau, die in eine Stute verwandelt wird und sich der Libido eines Priesters hingibt, die der Frau, die sich Liebhabern in verschiedenen erotischen Stellungen anbietet, bevor sie ganz unschuldig heiratet, und schließlich Griselda, die unter der perversen Misshandlung ihres Mannes leidet.

Zunächst einmal sei eine der herausragendsten Qualitäten der Produktion hervorgehoben: Ihr lebendiger Charakter, ihre unbeschwerte Frechheit, ihr rasantes Tempo, der fließende Übergang der Episoden mit seinen Bühnenbildwechseln und das starke Zusammengehörigkeitsgefühl, das das gesamte Team – sowohl auf als auch hinter der Bühne – allen voran die italienische Dirigentin Bianca Chillemi, die eine makellose musikalische Leitung übernimmt und prägt. Die Sänger sind zugleich Schauspieler, Musiker und Tänzer – allesamt unter der fachkundigen Regie von Leboutte, die mit einem charmanten und farbenfrohen Stil inszeniert. Die freizügigen Szenen mit sexuellen Anspielungen – Vergewaltigung, Geschlechtsverkehr, usw. – wirken nicht übermäßig schockierend, sondern werden mit viel Humor und Ironie inszeniert. Die Lichtgestaltung des französischen Lichtbildner Nicolas Olivier zeugt von virtuoser Meisterschaft.
Die letzte Episode, Griseldas Geschichte, ist jedoch unverhältnismäßig lang und belastet vielleicht das Ende des Buches erheblich mit ihrem unmissverständlichen Bezug zur MeToo-Bewegung und ihrer simplifizierenden Schwarz-Weiß-Darstellung. Jedoch Elena Caccamos nuancierte und berührende Darstellung der Rolle verdient aber viel Lob.

Es ist bedauerlich, dass das „Büchlein“ manchmal einen Ton und eine Ausdrucksweise verwendet, die zur Trivialität neigen – „eine schwierige Kunst, die man auf dem Bergrücken“ mit einer gewissen Weitsicht bewahren muss, während man gleichzeitig dem derben und volkstümlichen Geist von Boccaccios Text treu bleibt.
Und dann ist da noch die Musik von Franceschini. Sie wird live von einem Instrumentalquartett – Violine, Bratsche, Cello und Euphonium, später ersetzt durch eine Basstrompete – aufgeführt, ergänzt durch einen Keyboard und Elektronik, die als Klanglandschaften dienen und in Echtzeit mit Stimme und Instrumenten kombiniert werden. Wie die Aufführung selbst, strebt auch die Musik nach Hybridität: A-cappella-Gesänge, die angeblich die Einheit des Werkes wahren sollen, unpassenden und überflüssigen Fragmenten zeitgenössischer Musik, verschiedenen Entlehnungen – Dies Irae, Requiem – und Volksliedern in mehreren Sprachen: Französisch, Italienisch, Spanisch, Englisch und Latein – gegenüber. Doch das Ganze wird schnell eintönig! Die gekonnt eingesetzte Elektronik dient oft als Deckmantel für einen letztlich eher schwachen Kompositionsstil, der in rein akustischen Passagen deutlich zutage tritt. Die wiederholte Verwendung von Bord-Untönen und Ostinati, untermalt von den schwachen Beiträgen von Violine und Bratsche, wirkt mit der Zeit ermüdend. Hélène Escriva sticht mit ihrem Euphonium hervor, dem ein sehr gelungenes melodisches Solo zuteilwird. Abschließend sei nur die Qualität der Stimmen der Musiker gelobt, die sich ihren Part und ihrer Bühnenpräsenz mit großem Engagement widmen und in den Ensembles absolut überzeugend und ausgewogen zusammenwirken.
Nachdem der Vorhang gefallen ist, bleibt die Frage: Wenn es den sieben Frauen und drei Männern gelungen ist, eine Welt in der Welt zu erschaffen, haben sie am Ende in der „Wanderung der Schöpfung“ und ihrer Exzesse die Kunst gefunden?
Übrigens am Ende ist der Vorhang doch nicht wirklich gefallen, denn die Künstler sind von der Bühne in den Zuschauerraum gestiegen, um uns zu einem festlichen Cocktail à la Boccaccio einzuladen. Auch das gehört zur Kultur, nicht wahr?
Auskünfte und Karten: www.athenee-theatre.com Tel: +33/ (0)1 53 05 19 19