Die tote Stadt

Die tote Stadt ist Erich Wolfgang Korngolds spätromantische Oper von 1920 über den Witwer Paul, der in Brügge seiner toten Frau Marie nachtrauert. In der Tänzerin Marietta glaubt er die Verstorbene wiederzuerkennen. In einem Traum erwürgt er sie – und findet danach den Weg zurück ins Leben. Das Werk gilt als Wunderwerk eines 23-jährigen Komponisten.

Fakten zu „Die tote Stadt“

KomponistErich Wolfgang Korngold (1897–1957)
LibrettoPaul Schott (Pseudonym für Erich Wolfgang Korngold und seinen Vater Julius Korngold), nach dem Roman „Bruges-la-Morte“ (1892) von Georges Rodenbach
Uraufführung4. Dezember 1920, zeitgleiche Doppel-Uraufführung am Stadttheater Hamburg (Egon Pollak) und am Stadttheater Köln (Otto Klemperer)
SpracheDeutsch
Aufbau3 Bilder
Spieldauerca. 2 Std. 20 Min.
GattungOper in drei Bildern
BedeutungDer weltweite Welterfolg eines 23-jährigen Komponisten und ein Hauptwerk der spätromantischen Oper, das nach der NS-Verfemung wiederentdeckt wurde.

Handlung

1. Bild – Die Tempelszene der Erinnerung

In Brügge bewahrt Paul (Tenor) seit dem Tod seiner Frau Marie ein Zimmer als Heiligtum der Erinnerung. Eine geflochtene Locke der Toten, ihr Bild und Reliquien machen die Wohnung zu einem Mausoleum, das seine Haushälterin Brigitta (Mezzosopran/Alt) fromm pflegt. Pauls Freund Frank (Bariton) sorgt sich um die krankhafte Trauer. Aufgewühlt berichtet Paul, er habe auf der Straße eine Frau getroffen, die Marie zum Verwechseln gleicht. Es ist die Tänzerin Marietta (Sopran), die er in die Wohnung gebeten hat. Ihre Lebenslust, ihr Lied und ihr Tanz mit der Laute betören ihn, doch zugleich erschrickt er, weil sie die Züge der Verstorbenen trägt. Als Marietta gegangen ist, scheint Maries Bild lebendig zu werden. Hier beginnt der Übergang von der Wirklichkeit in Pauls Traumvision: Was nun folgt, spielt sich allein in seinem Inneren ab, ohne dass Paul – und zunächst auch der Zuschauer – die Grenze klar erkennt.

2. Bild – Marietta und die tote Stadt

In der Traumwelt sucht Paul (Tenor) nachts an einem Kanal Mariettas Haus auf. Quälend ringt er zwischen der Treue zur toten Marie und dem Begehren nach der lebenden Tänzerin. Brigitta (Mezzosopran/Alt) hat das Haus verlassen und ist in einen Orden eingetreten, weil sie Pauls Hinwendung zu Marietta als Verrat empfindet. Auch Frank (Bariton) erscheint nun als Pauls Nebenbuhler, der selbst um Marietta wirbt. Die Schauspielertruppe Mariettas feiert ein ausgelassenes Fest; ihr Kollege Fritz, der Pierrot (Bariton), besingt wehmütig vergangenes Glück. Marietta (Sopran) durchschaut, dass Paul in ihr nur das Abbild einer Toten liebt, und beschließt trotzig, die Rivalin zu besiegen. Sie spielt mit den Schauspielern eine Wiederauferstehungsszene aus Meyerbeers „Robert le diable“. Provoziert von dieser Gotteslästerung gerät Paul außer sich. Er nimmt Marietta mit in sein Haus, fest entschlossen, sie zur Frau zu nehmen.

3. Bild – Traum und Erwachen

Noch im Traum erwacht Paul (Tenor) in seiner Wohnung, wo Marietta (Sopran) die Nacht verbracht hat. Im Tageslicht zieht eine fromme Prozession vorüber; Paul sinkt vor der Reliquie auf die Knie, während Marietta seine religiöse Schwärmerei und den Marienkult verhöhnt. Im Streit ergreift sie die geflochtene Haarlocke der toten Marie und tanzt damit provozierend durchs Zimmer. Außer sich vor Wut und Eifersucht erwürgt Paul die Tänzerin mit eben dieser Locke der Verstorbenen. In diesem Augenblick endet die Vision. Paul erwacht: Marietta lebt, sie kehrt nur kurz zurück, um einen vergessenen Schirm zu holen, und geht endgültig. Brigitta (Mezzosopran/Alt) und Frank (Bariton) treten hinzu. Paul begreift, dass der Traum ihn von seiner krankhaften Trauer befreit hat. Er nimmt Abschied von der toten Marie und von Brügge, der „toten Stadt“, und entschließt sich, ins Leben zurückzukehren.

Rollen & Stimmfächer

RolleStimmfachBedeutung
PaulTenorWitwer in Brügge; verfällt der Trauer um seine tote Frau Marie und der Tänzerin Marietta – eine extrem fordernde, hochdramatische Heldentenorpartie
Marietta / Erscheinung der MarieSopranLebenslustige Tänzerin, die Pauls verstorbener Frau gleicht; in einer Doppelrolle zugleich die Erscheinung der toten Marie
Frank / Fritz (Pierrot)BaritonPauls Freund und im Traum sein Nebenbuhler; in der Festszene zugleich der Pierrot Fritz mit dem berühmten Tanzlied
BrigittaMezzosopran / AltPauls fromme Haushälterin; pflegt das Andenken an Marie und verlässt das Haus aus Protest gegen Marietta
Juliette, Lucienne, Gaston, Victorin, Graf AlbertSopran, Mezzosopran, Tenor, BuffoMitglieder von Mariettas Schauspielertruppe in der Festszene des zweiten Bildes

Berühmte Arien

ArieStimmeSzene
„Glück, das mir verblieb (Mariettas Lied / Lautenlied)“Marietta (Sopran) und Paul (Tenor)1. Bild; Mariettas wehmütiges Lied zur Laute, das in ein Duett mit Paul übergeht – die berühmteste Nummer der Oper und ein Konzertschlager.
„Mein Sehnen, mein Wähnen (Pierrots Tanzlied)“Fritz / Pierrot (Bariton)2. Bild; das sehnsuchtsvolle Tanzlied des Pierrot über vergangenes Glück, eine Perle des lyrischen Baritonrepertoires.

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

Die tote Stadt handelt von Trauer, die nicht loslassen kann. Paul hat seine Wohnung zum Tempel seiner toten Frau gemacht und klammert sich an Reliquien, statt weiterzuleben. In der Tänzerin Marietta begegnet ihm das Leben selbst – doch er liebt in ihr nur das Abbild der Verstorbenen. Der zentrale Traum, in dem er Marietta erwürgt, ist kein realer Mord, sondern eine innere Befreiung: Paul tötet im Traum sein eigenes Festhalten an der Toten. Erwacht erkennt er, dass die Toten nicht zurückzuholen sind. Die Oper endet versöhnlich mit dem Entschluss, die „tote Stadt“ Brügge und die Trauer zu verlassen.

Historischer Hintergrund

Erich Wolfgang Korngold galt als musikalisches Wunderkind; Mahler und Strauss bestaunten den Knaben. Die tote Stadt vollendete er mit nur 23 Jahren, das Libretto schrieb er gemeinsam mit seinem Vater, dem mächtigen Wiener Kritiker Julius Korngold, unter dem Pseudonym Paul Schott. Vorlage war Georges Rodenbachs symbolistischer Roman „Bruges-la-Morte“ von 1892. Die zeitgleiche Doppel-Uraufführung am 4. Dezember 1920 in Hamburg und Köln – in Köln unter Otto Klemperer – wurde zum Sensationserfolg. Innerhalb weniger Jahre ging das Werk um die Welt, von Wien bis zur New Yorker Metropolitan Opera, und zählte zu den meistgespielten Opern der 1920er Jahre.

Warum Experten es wichtig finden

Die tote Stadt ist das zentrale Zeugnis von Korngolds Frühreife und ein Höhepunkt der spätromantischen Oper, der die üppige Klangsprache von Strauss und Puccini ins 20. Jahrhundert verlängert. Als Jude wurde Korngold von den Nationalsozialisten verfemt; er emigrierte nach Hollywood und wurde dort Mitbegründer der sinfonischen Filmmusik. Seine Opern verschwanden von den Spielplänen und galten als unzeitgemäß. Erst seit den 1970er Jahren – maßgeblich durch die Leinsdorf-Einspielung – wird Die tote Stadt wiederentdeckt und gehört heute zum festen Repertoire. Sie steht exemplarisch für die Rückgewinnung der von den Nazis vertriebenen und verschwiegenen Komponisten.

Aufführungsnoten

Regie-Ansätze

Inszenierungen kreisen meist um die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum: Brügge erscheint als melancholische Totenstadt, Pauls Wohnung als Mausoleum der Erinnerung. Regisseure nutzen die Doppelrolle Marietta/Marie, um Pauls Psyche sichtbar zu machen, und deuten die Oper häufig als Studie über pathologische Trauer und Verdrängung.

Bekannte Aufnahmen & Produktionen

Maßstäbe setzte die Studioeinspielung unter Erich Leinsdorf (1975) mit Carol Neblett und René Kollo, die wesentlich zur Wiederentdeckung beitrug. Geschätzt sind zudem die Aufnahmen unter Donald Runnicles sowie Mitschnitte mit Torsten Kerl und Jonas Kaufmann in der Partie des Paul.

Was zwischen Inszenierungen variiert

Variabel sind die Behandlung der Traumvision – mal klar als Traum markiert, mal bewusst mehrdeutig –, die optische Verschmelzung von Marietta und Marie sowie die Frage, wie versöhnlich oder verstörend der Schluss gespielt wird.

„Die tote Stadt“ bei IOCO

Häufige Fragen

Wer hat „Die tote Stadt“ komponiert?

„Die tote Stadt“ stammt von Erich Wolfgang Korngold. Uraufführung: 4. Dezember 1920, zeitgleiche Doppel-Uraufführung am Stadttheater Hamburg (Egon Pollak) und am Stadttheater Köln (Otto Klemperer).

Wovon handelt „Die tote Stadt“?

Die tote Stadt ist Erich Wolfgang Korngolds spätromantische Oper von 1920 über den Witwer Paul, der in Brügge seiner toten Frau Marie nachtrauert. In der Tänzerin Marietta glaubt er die Verstorbene wiederzuerkennen. In einem Traum erwürgt er sie – und findet danach den Weg zurück ins Leben. Das Werk gilt als Wunderwerk eines 23-jährigen Komponisten.

Welche berühmten Arien gibt es in „Die tote Stadt“?

Zu den bekanntesten Arien zählen „Glück, das mir verblieb (Mariettas Lied / Lautenlied)“, „Mein Sehnen, mein Wähnen (Pierrots Tanzlied)“.

Welche Stimmfächer singen die Hauptrollen in „Die tote Stadt“?

Paul (Tenor), Marietta / Erscheinung der Marie (Sopran).

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