Ulrichshusen, Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, Mythos Orchester, IOCO
Natürlich wissen Sie es, lieber Leser: Mit einer vollständigen Bewegung um die eigene Achse hat man sich um 360°gedreht. Der Vorteil: die Möglichkeit eines kompletten Rundumblicks. Er erlaubt sonst nicht realisierbare (Aus)Sichten und damit viele neue Eindrücke. An solche Erfahrungen müssen sich die Veranstalter und Programmplaner der Festspiele MV erinnert haben, als sie vor Jahren in Ulrichshusen eine Veranstaltungsposition namens „360°“ in ihrem Festspielprogramm etablierten. Das Vorhaben: einen bestimmten thematischen Schwerpunkt komprimiert an zwei Tagen von verschiedenen Seiten aus zu beleuchten; man kann auch sagen: „rundum“ zu betrachten, und damit möglichst viel Sachkenntnis möglichst differenziert zu vermitteln.Und das sowohl verbal wie musikalisch in unterschiedlichen Formaten. Bewusst eingeplant ist dabei die nicht selten ausgesprochen unterhaltsame und damit besonders attraktive, auch sinnvolle Einbeziehung des Publikums. Inzwischen ist dieses „Produkt“ außerordentlich beliebt, ja geradezu ein Knüller, mit dem man mühelos in täglich drei oder auch vier Veranstaltungen eine große Hörerschaft zu begeistern vermag.
So auch in diesem Jahr. Am 15. und 16. August hieß das Thema „360° - Mythos Orchester“.

Ein kühnes Unterfangen, die vielhundertjährige Geschichte des instrumentalen Ensemblemusizierens auf zeitlich engstem Raum vorzustellen zu wollen. Denn nichts weniger war die erklärte Absicht. Der reale Ablauf zeigte dann aber, dass die Programmplaner natürlich wussten, worauf sie sich einließen. Kluge Beschränkung war also angesagt. Und für deren Ergebnisse durften die Festspiele dann nach dem rauschenden Finale rechtens den mit viel Verständnis und Herzblut gespendeten Beifall einer wieder restlos begeisterten Hörerschaft für sich reklamieren!
Die Grundlage: mit Schloss-Saal, Remise und Konzertscheune gab es in drei verschiedenen Räumen zwei Gesprächsrunden, ein Speed Dating, eine Offene Probe (Registerprobe) und drei Sinfonie-Konzerte, also insgesamt sieben Veranstaltungen.
Für die hinsichtlich nicht alltäglicher Informationen wichtigen Gesprächsrunden konnten ausgewiesene Fachvertreter gewonnen werden. So gab es den Auftakt unter dem Thema „Wer spielt die erste Geige?“ mit dem Dirigenten Cornelius Meister, mit Matthias Schorn, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, Matthias Ilkenhans, Orchestermanager der NDR Radiophilharmonie, zwei Mitgliedern der NDR Radiophilharmonie und der an beiden Tagen sehr aktiven Moderatorin Friederike Westerhaus. In einer zweiten Gesprächsrunde agierten der junge Komponist Leon Kropp
(Hochschule für Musik und Theater Rostock), Prof. Susanne Keuchel, Musik- und Kulturwissenschaftlerin, Lorenz Blaumer, Musiker und Künstlerischer Manager des Stegreiforchesters (Berlin) sowie Julia Sinnhöfer, Programmverantwortliche der Festspiele MV, erneut Matthias Ilkenhans und Friederike Westerhaus. Das Motto hier: „Das Konzert der Zukunft“.
Eine Sonderform des verbalen Austauschs – nunmehr dezidiert unter Einbeziehung des Publikums - gab es im Rahmen eines Speed-Datings, einer Gesprächsrunde, in der an sechs jeweils im 10-Minuten-Rhythmus zu wechselnden Diskussionsorten sechs Protagonisten direkt befragt werden konnten (Matthias Schorn, Cornelius Meister, Matthias Ilkenhans, der Konzertmeister des Orchesters, ein Orchesterwart und die Chefin des Orchesterbüros).

Unmöglich und wenig sinnvoll, hier auf Einzelheiten der thematisch unterschiedlich angelegten Gesprächsrunden einzugehen. Das unter solchen Umständen Erwartbare aber wurde geboten: Etwa ausgewählte musikgeschichtliche Informationen zur Entwicklung instrumentalen Ensemblemusizierens (seit Monteverdi), die moderierend vor jedem der Konzerte und verschriftlicht in lesenswerten Beiträgen beider Tages-Programmhefte erweitert und vertieft wurden. Dazu Ausführungen zu Besetzungsfragen, Organisationsstrukturen, Programmplanungen, Finanzierungen und Arbeitsbedingungen, zu Proben-, Aufführungs- und Konzertreise-timings, über Umgangsformen, Streitschlichtungen, Orchesterräte und vieles andere mehr. Auch über die Zukunft der Orchesterlandschaft wurde diskutiert und analysiert, wurden Defizite benannt, Vorschläge gemacht und Erfahrungen vorgestellt. Hier kamen die vielleicht wichtigsten Probleme zur Sprache. Etwa die zur musikalischen Bildung (Schule, Musikschule) unter dem Aspekt künftiger Konzertbesucher (Altersstruktur) zum Stellenwert Neuer Musik sowie zu Fragen nach der Zukunftsfähigkeit tradierter Darbietungsformen und der Notwendigkeit, sich in dieser Hinsicht – Digitalisierung, Einbeziehung von KI? - vielfältigen neuen Möglichkeiten zu öffnen; Letzteres vor allem unter dem Aspekt, möglichst viele attraktive Zugangswege zum Publikum zu nutzen, auszubauen, neu zu finden.
Deutlich wurde, dass mit einer solchen Diskussion Grundsätzliches zur Debatte stand. Und wenn es in Ulrichshusen auch keine Anzeichen einer Untergangsstimmung gab, dann aber doch der deutliche Eindruck hochsensibilisierten Problembewusstseins: Allerdings auch – und das durchgängig – der sichtbare Wille, Schwierigkeiten initiativ anzugehen!
Was den praktischen Teil des Ulrichshusener Wochenendes betraf, so hatte der Veranstalter mit der NDR-Radiophilharmonie (Hannover) und dem Dirigenten Cornelius Meister das sprichwörtliche glückliche Händchen gehabt. Gleich drei Konzerte waren zu absolvieren, eine nicht alltägliche Marathonstrecke, die von Monteverdi bis zur Uraufführung eines Auftragswerkes der Festspiele MV reichte. Dabei berücksichtigte die Programmauswahl (samt Einführungen) wichtige Entwicklungsetappen orchestraler Musik. Im ersten Konzert etwa Monteverdis Sonata sopra Sancta Maria ora pro nobis („Marienvesper“), Mozarts Konzert A-Dur für Klarinette und Orchester KV 622 und Dvořáks Sinfonie Nr. 6 D-Dur op. 60. Im zweiten dann die Zeitspanne von Wagner (Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“) bis in unsere Gegenwart. Und die war mit gleich vier Beispielen vertreten.
David Philip Heftis (*1975) Changements (Stimmungsbilder), ein 14-Minuten-Stück, konnte mit einer sehr abwechslungs- und kontrastreichen Anlage für sich einnehmen. Geräuschkomplexe, prägnant Figuratives, Wechsel von Ruhe und Bewegung, Verhaltenes, Explosives und instrumentatorisch Vielschichtiges verrieten ein stilistisch modernes, aber nicht radikales, zudem spannungsreiches und die Neugier aufrecht erhaltendesVorstellungsvermögen hinsichtlich variabler Stimmungen.
Unsuk Chin (*1961) brauchte mit ihrem 2020 zum Beethoven-Jahr komponierten Stück Subito con Forza nur 5 Minuten, um mit einer Beethoven-hommage (originell verfremdete Zitate) vorwiegend klangwuchtig und virtuos aufregend die sicherlich beabsichtigte Wirkung einer sehr subjektiven Sicht zum Wiener Klassiker zu demonstrieren.

Kaum begonnen und schon vorbei: Olga Neuwirth (*1968), die grande dame unter den deutschen Komponistinnen, überraschte mit only an end: ein Wettbewerbsbeitrag, der laut Ausschreibung nur 1 Minute dauern durfte. Das reichte ihr, um mit überfallartiger Wucht und klanggeballten, in sich brodelnden geräuschhaften Klangwänden sehr expressiv zu fesseln. Gewusst wie!
Dann die erwähnte Uraufführung. Ihr Autor: Leon Kropp, nach dem Studium der Musiktheorie (Master) zur Zeit Kompositionsstudent im 4. Studienjahr an der Hochschule für Musik und Theater Rostock; neuerdings auch als Lehrender für Musiktheorie an dieser Einrichtung tätig.
Sein Brief Radiance – uraufgeführt als Auftragswerk der Festspiele MV - verpflichtet sich thematisch einem (nicht wörtlich übersetzten) „Aufflammen“, wobei sicher „Kürze“ (7 Minuten) und „Strahlen“ mitgedacht worden sind. Kropp verarbeitet die Erfahrungen seines Musiktheorie-Studiums als Form des Weiterdenkens hin zu kompositorischen Strukturen. Im Programmheft bemüht er gedanklich weitreichende, vorliegendes Werk sicher zunächst nur peripher betreffende Überlegungen. Von Spannungsfeldern, analytischer Konstruktion und ihren Spezifika klanglicher Wahrnehmung kann man aber schon sprechen. Erkennbar ist motivische Arbeit (nicht im klassischen Sinne), lineares Denken, Orientieren auf Klangfarbe, figurale Bewegtheit und „stehende“ Flächen. Atonalität ist vorherrschend, und dennoch sind tradierte Parameter im Metrisch-Rhythmischen wie Harmonischen, Intervallischen und Melodischen erkennbar; allerdings angesiedelt zwischen Verfremdung und Neudeutung, als individuell geprägte Übertragung eines bestimmten Konzeptes in zeitgenössischen Kontext. Im Konzertsaal kam das gut an; der Auftraggeber dürfte zufrieden gewesen sein.
Für den dann sehr entspannten Ausklang des musikalisch ereignisreichen Vormittagskonzertes hatte der Veranstalter Filmmusik Erich Wolfgang Korngolds bestimmt (Die Abenteuer des Robin Hood). Die Suite frönt dem puren Wohlklang zwischen melodienseeligem Schmelz, gefälliger Beliebigkeit und teils fetzigem Radau. Filmmusik aus einer lange vergangenen Epoche, seinerzeit hochgehandelt (Oscar!), heute als in dezidiert sinfonischer Tradition stehend mit nicht weniger, aber wohl eher historischem Interesse betrachtet. Die passende Zugabe: Schostakowitschs Tahiti-Trott, die Transkription des Foxtrotts Tea for Two von Vincent Youmans (1928).
„Mitten im Klang“ lautete das Motto des Abschlusskonzertes. Die Besonderheit bestand in der Vermischung von Orchester und Publikum. Ulrichhusens große Konzertscheune erwuchs auf den ersten Blick zu einer orchestral ungewohnt groß und großflächig besetztenArena. Das Anliegen und der Reiz: dem Konzertbesucher die Möglichkeit zu geben, inmitten eines Orchesters mehrmals die Plätze zu wechseln und ein Werk auf diese Weise ganz neu hören zu können. Und das klappte – bestens organisiert – wie am Schnürchen. Zudem war die Atmosphäre unterhaltsam locker, von Neugier geprägt und am Schluss geradezu fröhlich; ein Orcherster und sein Publikum, hörend, parlierend auf Augenhöhe. Auch so kann Musik richtig Spaß machen, zumal mit einem Orchster der Sonderklasse und einem Programm, das vielen Wünschen entgegengekommen sein dürfte: insgeamt 8 Sätze aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Suiten Nr.1 op. 46 und Nr. 2 op. 55. Geschickt und absichtsvoll die Abfolge: drei Publikumspositionen zu je vier Sätzen, wobei nach Positionswechsel des Publikums die letzten beiden wiederholt wurden, um auf nun neuer Position eine weitere, neue Hör-Möglichkeit erkunden zu können.
Wer das Wochenende komplett besucht hatte, dem wird Vieles im Gedächtnis geblieben sein. Dabei dürften hinsichtlich der Gesprächsrunden die jeweils individuell wichtigen „Ergebnisse“ sehr unterschiedlich ausgefallen sein; je nach eigenem Erfahrungs- und Kenntnisstand. Etwas anders als erwartet, verlief zumindest für den Berichterstatter die Öffentliche (Stimmgruppen)Probe – hier der tiefen Streicher. Denn geprobt wurde wenig, durchaus interessant be- und gesprochen aber viel. Später war beim Speed-Dating vom Konzertmeister des Orchester zu erfahren, dass Stimmgruppenproben schon länger außer Gebrauch geraten wären...
Den stärksten Eindruck hinterließen natürlich die drei Konzerte. Und das ohne Abstriche: ein erstaunlich stilsicher musizierter Monteverdi mit teils traditionellem, teils historischem Instrumentarium (Trompeten, Theorbe, Cembalo) und hörbar präsentiert in Kenntnis historisch informierter Aufführungspraxis, ein Mozart-Konzert mit dem Klarinettisten Matthias Schorn, das man sich besser geblasen nicht vorstellen kann und ein hinreißender Dvořák von ungemein differenzierter, vom ersten bis zum letzten Ton faszinierender Ausstrahlung. Dazu ein wahrer „Gänsehaut“-Wagner, Korngolds sinfonisch leichtgewichtig unterhaltsame Film-„Szenerien“ und so ambitioniert wie überzeugend präsentierte Zeitgenossen. Von den klanglich fast schon süchtig machenden, atmosphärischen Ohrwurm-Stimmungsbildern eines Grieg ganz zu schweigen.
Orchester und Dirigent in Bestform, Musik in ihren schönsten Erscheinungsformen – was wollte man mehr! Insofern leisteten die Festspiele MV mit diesem besonders kommunikativen Format einen Beitrag zu jenem großen Thema, das letztlich Gegenstand aller Debatten war.