Mannheim, Rosengarten, 6. AKADEMIEKONZERT – Nil Venditti, IOCO

Lebensfreude pur im Akademiekonzert: Nil Venditti entfacht mit Rossini, Weber und Beethoven ein elektrisierendes Klangfest. Antonia Zimmermann glänzt im Fagottkonzert, das Nationaltheater-Orchester begeistert mit Energie, Präzision und tänzerischem Überschwang.

Mannheim, Rosengarten, 6. AKADEMIEKONZERT – Nil Venditti, IOCO
Der Rosengarten von Mannheim, Spielstätte der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

von Uschi Reifenberg

NIL VENDITTI, Dirigentin
ANTONIA ZIMMERMANN, Fagott
NATIONALTHEATER-ORCHESTER

Gioachino Rossini (1792-1868)
Ouvertüre aus Semiramide

Carl Maria von Weber (1786-1826)
Konzert für Fagott und Orchester F-Dur op. 75

Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Lebensfreude pur

Die Begeisterung am Ende dieses außergewöhnlichen 6. Akademiekonzerts war förmlich mit Händen zu greifen, die Reaktionen des Publikums ausnahmslos begeistert bis enthusiastisch: Frenetischer Applaus, lautstarker Jubel, „Super, Wahnsinn, großartig …“ tönte es von allen Seiten. Nicht nur die Besucher waren mitgerissen, auch den Musikern auf der Bühne war die Freude am eigenen Spiel anzusehen. Das klassische Programm mit Werken von Rossini, Beethoven und Weber war derart frisch, lebendig und inspirierend zu erleben und versetzte Jung und Alt in einen euphorischen Gleichklang. Das lag an der hinreißenden italienisch-türkischen Gast-Dirigentin Nil Venditti. Diese junge Frau ist ein Ausbund an Temperament und Charisma, ihre ansteckende Musizierfreude und Energie fluteten nach wenigen Takten den Saal und zogen Orchester, Solistin und Publikum in ihren Bann. Ein nahbarer weiblicher Pultstar mit authentischer Natürlichkeit, Charme und Witz, der sich auch mal in den hinteren Teil des Orchesters einreiht und von dort den Applaus entgegennimmt. Atemlos lauschte man diesem elektrisierenden Dirigat, das keinen Zweifel lässt und mit jeder Note zum Ausdruck bringt: Diese Musik ist essenziell, unsterblich, sie macht glücklich. Ich zeige es Euch!

Nil Venditti, geboren 1994 in Perugia, ist eine italienisch-türkische Dirigentin und zählt zu den spannendsten Persönlichkeiten ihrer Generation. Die Zeitschrift Scherzo lobte kürzlich ihren Magnetismus, ihr Charisma und ihre Führungsqualitäten. Ihre Dirigierausbildung absolvierte sie an der Zürcher Hochschule der Künste bei Johannes Schlaefli, sowie bei einer Dirigierakademie bei Paavo Järvi. Außerdem studierte sie Violoncello bei Francesco Pepicelli. Die Saison 2025/26 gehört zu den bisher ereignisreichsten ihrer Laufbahn und führt sie zu Engagements rund um den Globus, mit Schwerpunkt im Vereinigten Königreich. Dort arbeitet sie mit dem BBC National Orchestra of Wales, dem Royal Philharmonic Orchestra u. a. Nil Venditti steht am Pult des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin, des Beethoven Orchesters Bonn, des Orchestre Symphonique de Québec, des Bilbao Orchestra und des Tampere Philharmonic Orchestra. Höhepunkte vergangener Spielzeiten waren Debüts beim Finnish Radio Symphony Orchestra, Auftritte bei den BBC Proms, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Venditti verbindet eine starke Affinität zum klassischen/frühromantischen Repertoire mit einem besonderen Interesse für türkische und italienische Komponist:innen. Sie leitet auch zahlreiche Opern mit einer Bandbreite von Mozarts „Cosi fan tutte“ bis Peter Maxwell Davies’ „The Lighthouse“. Im Sommer 2026 dirigiert sie „Macbeth“ an der Longborough Festival Opera. Seit der Saison 2024/25 ist sie Principal Guest Conductor der Royal Northern Sinfonia.

Nil Venditti, Dirigentin © Alessandro Bertani

Als spritziger Aperitif versetzte Rossinis Ouvertüre zur Oper „Semiramide“ in Champagnerlaune, deren unterschiedliche Themen von Nil Venditti in opernhafter Theatralik aufbereitet werden: Ein Paukenwirbel lenkt auf das Hornquartett mit seinem lyrischen Thema, das immer wieder von Crescendi gestört wird – und sich deshalb wohl noch einfinden musste –, dann von verschiedenen Holzbläsern klangschön aufgegriffen wird. Ein virtuoser Reigen, der mit Kantilenen, Streicher- Pizzicati, Bläsersoli temporeich vorbeizieht. Volltönende Posaunen, feine Themen der Piccoloflöte runden das kontrastreiche Klangbild ab. Nil Vendetti durchlebt jede einzelne „Szene“ dieses Konzertstücks und gestaltet es mit tänzerischem Schwung und idiomatischer Italianitá. Das Fagott stand als Soloinstrument des Abends im Zentrum mit Carl Maria von Webers bedeutendem Konzert für Fagott und Orchester in F-Dur, das nun zum ersten Mal in einem Akademiekonzert zu hören war. Solistin war Antonia Zimmermann, die als erste Solofagottistin des Nationaltheaterorchesters für diesen Auftritt die Seiten gewechselt hatte. Eine glanzvolle Interpretation und ein Beweis für die hochkarätigen Orchestersolist:innen des NTO. Festlich, marschartig, erklingt das konzertante Thema des Orchestervorspiels mit seiner hellen Klangfarbe, vom Soloinstrument harmonisch weitergeführt. Antonia Zimmermann lässt das Fagott in allen Registern facettenreich aufleuchten und entlockt dem Instrument eine reiche Farbvielfalt, changierend zwischen romantischer Sanglichkeit und federnd punktiertem Rhythmus. Dieser formt das Hauptthema des ersten Satzes, von der Fagottistin elegant und mit Leichtigkeit dargeboten. Der riesige Tonumfang des Instruments mit seinen bruchlosen Registerwechseln klingt in der Bassregion mit sonorer Wärme, in der tenoralen Lage spannt Antonia Zimmermann lange ausdrucksvolle Bögen, die besonders im langsamen 2. Satz wunderbar aufblühen. Einfühlsam reagiert Nil Venditti auf feine agogische Nuancen der Solistin. Es entspinnt sich ein inniger Dialog, in welchem sich die Flöte zum Fagott gesellt, Instrumente sich verschränken, Solistin und Orchester wie selbstverständlich gemeinsam atmen. Im letzten Satz kann das Fagott noch einmal zeigen, was geht: In tänzerisch-fröhlicher Ausgelassenheit reihen sich schnelle, präzise Läufe, weite Sprünge, Koloraturen, witzige Staccato-Motive, die das Fagott als virtuoses Melodieinstrument auszeichnen.

Antonia Zimmermann, Fagott © Franziska Gilli

Als Überraschungszugabe gesellte sich aus dem Orchester der Fagottist Eberhard Steinbrecher zu Antonia Zimmermann, und beide Künstler gaben mit Rossinis „Hit“ aus dem „Barbier“ „Una voce poco fa“ ein humorvolles Duett zum Besten. Eine Freude! Beethovens 7. Sinfonie ist – wie jede seiner Sinfonien – ein eigener Kosmos, aus dessen Geist Heiterkeit, Rhythmus und unbändige tänzerische Kraft sprechen, ein Statement Beethovens, das die lebensbejahende Seite des Schicksals feiert, die aber niemals frei von Tragik sein kann. Eine „Apotheose des Tanzes“, dünkte Wagner die 7. Sinfonie, durchpulst von einer immanenten Bewegungsenergie, die sich am Ende zu einem rauschhaft-dionysischen Finalsatz steigert. Die Uraufführung 1813 wurde einer der größten Erfolge Beethovens, im Kontext der napoleonischen Eroberungskriege wurde das Werk als Replik auf dessen Niederlage interpretiert, als ein Werk der Freiheit und der Hoffnung. Die 7. Sinfonie ist Nil Venditti auf den Leib geschrieben, ihre energetische, bewegungsoffensive Herangehensweise übt eine fast physische Wirkung auf das Publikum aus und zieht tief hinein in Beethovens wirbelnden Drive. Auf gleichbleibend hohem Erregungsniveau offenbart sie den emotionalen und geistigen Gehalt dieser Musik, die Ambivalenz zwischen Leichtigkeit des Seins, Bedrohlichkeit und trauermarschartiger Düsterkeit. Schon die langsame Einleitung eröffnet die Szene freudig erwartungsvoll, hell und federnd, mit ihren akzentuierten Akkorden, den melodischen Holzbläser-Themen, Staccato-Skalen. Spannend gestaltet wird der Übergang zum Vivace, wenn nun das Hauptthema im elastischen, punktierten Sechs-Achtel-Takt zum eigentlichen Motor des Geschehens wird. Deutlich werden die dynamischen Kontraste und harmonischen Wechsel herausgearbeitet: jubilierend strahlende Aufschwünge über omnipräsent verlaufendem Puls. Wunderschön die Engführung in der Durchführung mit den wechselnden Holzbläsermotiven! Nil Venditti schließt den 2. Satz ohne Pause an. Das populäre Moll-Thema, das vielfach in Film und Fernsehen zitiert wird, bildet das emotionale Zentrum und ist überschrieben mit „Allegretto“. Es erinnert mit seinem schreitenden Rhythmus in den tiefen Streichern an einen Trauermarsch und führt in seiner Abkehr vom extrovertierten Gestus in düstere Seelenbereiche. Die Dirigentin spürt detailliert den Farbwechseln nach, phrasiert sensibel, nimmt das Tempo fließend. Die Klangfarben hellen auf, im Dur-Mittelteil mit seinem warmen Thema blitzt Beethovens idealistisch-humanistische Weltanschauung auf, ein tief berührender Abschnitt. Das „Presto“ des 3. Satzes knüpft an den ersten Satz an und sprudelt mit überschäumender Energie dahin, tanzend, leichtfüßig, heiter.

Nil Vendittis Freude am Tänzerischen reißt alle mit, das präzise, witzige Staccatissimo der Holzbläser wird abgelöst von einem großlinigen, kantablen Trio-Teil, gipfelnd in einem strahlenden Höhepunkt, bis das rhythmisch packende Thema wieder die Führung übernimmt. Der Finalsatz erweist sich mit seinem konvulsivischen, dahinjagenden Drive als obsessive „Sturmszene“.  Der gegenläufige Akzent im kreisenden Thema verstärkt den Vorwärtsdrang, von der Pauke gestützt. Dennoch hält die Dirigentin, auch in den ausufernden Fortissimo-Abschnitten, strukturiert die Kontrolle. Die fließenden Linienverläufe bilden großangelegte Spannungskurven, immer wieder neu beginnend, eine mitreißende Sturmmusik, die – bis an die Grenzen gehend – in einer fulminanten „Apotheose des Tanzes“ mündet.

Erhebend!

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