Mannheim, OPAL, Oper am Luisenpark, DIE ZAUBERFLÖTE – W. A. Mozart, IOCO

Mozarts „Zauberflöte“ begeistert im Mannheimer OPAL als fantasievolle Graphic Novel im Pop-Art-Stil. Cordula Däuper verbindet Humor, Gesellschaftskritik und starke Bilder zu einem mitreißenden Opernerlebnis mit hervorragendem Ensemble, Chor und Orchester.

Mannheim, OPAL, Oper am Luisenpark, DIE ZAUBERFLÖTE – W. A. Mozart, IOCO
OPAL-Oper am Luisenpark © Uschi Reifenberg

von Uschi Reifenberg

Die Zauberflöte als Familienspaß mit Gesellschaftskritik

Am Ende sitzen die Protagonisten in schönster Eintracht zusammen, als wenn nichts gewesen wäre: Die Königin der Nacht schüttelt Sarastro die Hand, der – allem aufgesetzten Pomp entkleidet – kahlköpfig und erschöpft im Sessel hängt. Papageno und Papagena haben zwecks Familienplanung („Pa-Pa-Pa …“) schon mal ein Aufgebot an Kinderwagen bereitgestellt und Pamina und Tamino sitzen verliebt am Bühnenrand. Ende gut, alles gut? „Zwei Monate zuvor“ (Regietext) war die Aufregung allerdings noch groß …

Vor dem OPAL drängen sich Menschenmassen allen Alters, der „Mannheimer Sommer“ zeigt sich mit fantasievoll-bunten Aufbauten, Buden, Bühne und kunstvoll gestalteten grünen Inseln von seiner schönsten Seite, den das Publikum trotz der Gluthitze in vollen Zügen auskostet.

Diese farbenfrohe, fröhliche und einladende Szenerie scheint sich in der Neuinszenierung der „Zauberflöte“ von Regisseurin Cordula Däuper und ihrem fabelhaften Regieteam auf der Opernbühne des OPAL fortzusetzen, wo man unerwartet in eine faszinierende surreale Welt hineingezogen wird.

Die Inszenierung kommt als Graphic -Novel im Pop-Art-Stil daher und begeistert mit viel Ironie, Humor, Klamauk und einer gehörigen Portion Kritik an patriarchalen Strukturen. Sie beweist, dass Stereotype wie Gut und Böse nicht immer eindeutig zu definieren sind, ebenso wie die Frage, was es heißt, „ein Mensch zu sein“. Cordula Däupers Interpretation bewegt sich virtuos im Spannungsfeld zwischen comicartiger „Überzeichnung“ und den philosophischen Themen des Werks: der Suche nach Wahrheit, Humanität und Liebe. Neben den Abläufen auf der Bühne wird die Handlung live mit digitalen Animationen der Videokünstlerin Sofiia Melnyk bereichert, die auf einer Projektionsfläche zum Leben erweckt werden. Es verschmelzen Bühnenrealität und animierte Comic-Ebene. Die Sängerinnen und Sänger interagieren gekonnt mit der Bühnen- und „Zeichenwelt“. Filmische Leichtigkeit korrespondiert mit einer witzigen und lebendigen Personenregie. An den opulenten und fantasievollen Kostümen von Sophie du Vinage kann man sich gar nicht sattsehen, beeindruckend ebenfalls die Lichtregie von Damian Chmielarz.

Herrlich schrill ausstaffiert ist das Damentrio, das zuerst als Reinigungstruppe mit Besen und Wischmopp, später militant mit Motorsäge und Spaten über die Bühne fegt. Zinzi Frohwein, Shachar Lavi und Rommie Rochell agieren umwerfend komisch, singen tadellos und vereinigen ihre individuellen Stimmfarben in schönster Harmonie.

Während der Ouvertüre ist der Entstehungsprozess von Sarastros Schloss mitzuerleben, das in kräftigen weißen Strichen auf schwarzem Hintergrund gezeichnet wird. Das fertige Produkt kann sich sehen lassen: Bühnenbildner Friedrich Eggert hat ein Märchenschloss mit Zinnen und Erkern geschaffen, das auf einer Drehbühne platziert ist und vielfältige Perspektiven eröffnet.

Es tummelt sich allerlei skurriles Getier: Tamino wird von einer riesigen Schlange bedroht, die sich windend ringelt und deren Kopf als veritables dreidimensionales Requisit polternd zu Boden fällt, ein riesiger Löwe verwandelt sich sekundenschnell in ein zahmes Kätzchen. Die Zauberflöte erscheint zunächst als animiertes Bild, wird dann aber als physisches Modell von Tamino zum Klingen gebracht.

Rommie Rochell (3. Dame), Estelle Kruger (Königin der Nacht) © Christian Kleiner

Cordula Däuper fokussiert eine feministische Perspektive: Die Handlung wird aus der Sicht Paminas erzählt. Man erlebt zunächst einen typischen Teenager, der in einem Mädchenzimmer von Sarastros Schloss eingesperrt ist und versucht, mit seinen Gefühlen klarzukommen. Sie schreibt Tagebuch, dem sie ihre Gedanken und innersten Gefühle anvertraut, die sogleich als Texte und Animationen auf die Bühne projiziert werden. Wenn Papageno seiner Sehnsucht Ausdruck verleiht, „alle Mädchen bei sich einzusperren“, liest man Paminas Antwort: „Einsperren? Das geht gar nicht!“ Überzeugend wird ihre Identitätsfindung gezeigt als Entwicklung von der unsicheren Pubertierenden zur selbstbewussten Frau, die sich aus der Umklammerung ihrer Mutter löst, die Krise von Taminos Schweigen überwindet und diesen sicher durch Sarastros Prüfungen führt. Sie durchschaut Sarastros heuchlerische Haltung, entscheidet sich für einen eigenständigen Weg und für die Liebe.

Yaara Attias ist eine quirlige, hippe Pamina, mit Wuschelfrisur und schrillen, angesagten Klamotten. Ihre Sopranstimme leuchtet warm in allen Lagen. Weich und präzise fließen die Koloraturen im Duett mit Papageno, fein phrasiert und höhensicher, findet sie in ihrer Arie: “Ach, ich fühl’s“ zu tiefem Ernst und Welt-Abschiedsschmerz.

Tamino erscheint als halbseidener Prinz mit Krone und Harlekin-Kostüm und bekommt von der Königin der Nacht einen rosa Brustpanzer verpasst mit der Aufschrift: Mann. Er soll ihre Tochter gefälligst retten, was nicht so einfach gelingt, denn er ist alles andere als ein strahlender Held. Pamina dürfte später dafür sorgen, dass auch er seine männlichen Qualitäten zu entfalten lernt. Rafael Helbig-Kostkas verfügt über einen idealen Mozart-Tenor mit zartem Schmelz und stabiler Höhe. Die Bildnis-Arie besticht durch Ausgeglichenheit, Legatokultur und feine diminuendi in der hohen Lage und harmoniert hier bestens mit dem Orchester, das der Dirigent Janis Liepinš wunderbar mit Helbig-Kostkas Stimme verschmelzen lässt.

Die Königin der Nacht, gezeichnet als oszillierende Figur zwischen Mutterrolle und Herrscheranspruch, ist frei von jeglicher Dämonie. Estelle Kruger singt sie beeindruckend, ihre beiden großen Arien werden höchsten Ansprüchen gerecht. Zu ihrer zweiten Arie „Der Hölle Rache“ wird sie eingeflogen und landet auf dem Dach des Schlosses. Ein toller Effekt, der ihre präzisen Triolen, brillanten Koloraturen samt hohen f‘s, die sie schwindelfrei darbietet, optimal unterstreicht. Eine großartige Leistung!

Rafael Helbig-Kostka (Tamino) © Christian Kleiner

Ihr Kontrahent Sarastro wird als ambivalente Figur gezeigt, die vordergründig den weisen Herrscher mit humanistischem Anspruch mimt, ihre vermeintlich hehren Ziele der Aufklärung aber mit üblen Machtmitteln durchsetzt. Im zweiten Akt sieht man die Innenseite seiner Burg, die sich als Gefängnishof mit Foltersymbolen entpuppt, in welchem der arme Monostatos beinahe am Galgen gelandet wäre. Sarastro tritt pompös mit gelber Haartracht, Strahlenkranz à la Freiheitsstatue und Sonnenbrille auf, ein autoritärer Patriarch, der vielfältige (aktuelle) Diktatoren- Attribute in sich vereint. Seine Gefolgsleute erscheinen wie geklonte Schergen, die ebenfalls blondbezopften uniformierten Damen schwenken begeistert ihre Fähnchen und singen: „Es lebe Sarastro!Sung Ha verleiht dem Repräsentanten der Weisheit und Wahrheit viel Würde und Überlegenheit, er lässt seinen edlen Bass warm und volltönend strömen, ebenmäßig und ausdrucksstark ließ er die „Hallenarie“ zu einem besonderen Höhepunkt werden.

Papageno ist zu Recht eine der beliebtesten Figuren der gesamten Opernliteratur. Als lustiger, bodenständiger Genussmensch mit dem Herz am rechten Fleck ist er der Sympathieträger schlechthin. Er freut sich an gutem Essen und der Natur und mag es unkompliziert. Zu seinem Glück fehlt ihm lediglich noch die richtige Frau, die er in Papagena dann auch findet. Mozart hat ihm mit „Der Vogelfänger bin ich, ja“ eine der populärsten Arien auf den Leib geschrieben. Joachim Goltz ist als Papageno eine Luxusbesetzung. Sein Gammel-Look mit Feder-Rock, Langhaarfrisur und Baseballkappe gibt ihm eine poppige Ausstrahlung, in unbändiger Spielfreude kokettiert er als Naturbursche mit seiner Ungebundenheit. Nuancenreich, kultiviert und mühelos gestaltet Goltz die Arien und Duette und lässt seinen üppigen Bariton in allen dynamischen Stärkegraden wunderbar aufblühen.

Raphael Wittmer überzeugte als „ausgestopfter“ Aufseher Monostatos, der von der Regisseurin als weißer Mann in schwarzer Uniform gezeigt wurde. Sozial ausgegrenzt und unglücklich in Pamina verliebt, ist er eine tragische Figur. Wittmer gab seiner schönen Tenorstimme eine charakteristische und facettenreiche Färbung und punktete mit bewegender Darstellung. Anrührend, wenn er Pamina mit einem Blumenstrauß „überraschen“ will, aber kläglich scheitert.

Astrid Kessler (1. Dame), Rafael Helbig-Kostka (Tamino), Ruth Häde (2. Dame), Rommie Rochell (3. Dame), Ilya Lapich (Papageno) © Christian Kleiner

Hervorragend ebenfalls das restliche Ensemble: Jejy Nam als feinstimmige, liebreizende  Papagena, KS Thomas Jesatko als bravuröser Sprecher/Priester sowie Zweiter Geharnischter, Sung Min Song als kraftvoller Erster Geharnischter. Ganz besonders gefielen die drei jugendlichen Knaben Paul Wittmann, Oskari Lehtola und David Weigold, die in coolen Kostümen beeindruckend sangen und agierten. Sie werden von Anke-Christine Kober ausgebildet.

Der Dirigent Janis Liepinš sorgte mit dem Nationaltheater Orchester für einen leichtgewichtigen, lebendigen und vorwiegend kammermusikalischen Mozart-Klang, lediglich einige Präzisionsprobleme zu Beginn trübten den Eindruck. Das Fugato der Geharnischten-Szene überzeugte mit Dramatik und pathetischer Strenge. Ausgezeichnet sang der Chor unter der Leitung von Alistair Liley.

Langanhaltender, begeisterter Applaus, viele Bravorufe für eine mitreißende Aufführung.