Hamburg, Elbphilharmonie, 5 Seasons - L. Gurvitch/E. Revazov/IOCO

Hamburg, Elbphilharmonie, 5 Seasons - L. Gurvitch/E. Revazov/IOCO
Ensemble (c) Shendl Copitman

Anastasiia Ashirova

Die Uraufführung von „5 Seasons“ in der Elbphilharmonie

 

Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und Pianisten Leon Gurvitch und dem Ersten Solisten des Hamburg Ballett sowie Choreografen Edvin Revazov ging in die nächste Runde.

 

 

Nach den vielbeachteten Produktionen „Kintsugi“ und „Silentium“ stieß ihr neues gemeinsames Werk bereits im Vorfeld auf großes Interesse: Beide Vorstellungen waren restlos ausverkauft.

 

Am 6. Juni feierte das Ballett „5 Seasons“ seine Uraufführung in der Elbphilharmonie – aufgeführt vom Hamburger Kammerballett, internationalen Solistinnen und Solisten sowie dem Leon Gurvitch Ensemble.

Ensemble (c) Shendl Copitman

 

Das Hamburger Kammerballett wurde im Sommer 2022 von Edvin Revazov und Isabelle Rohlfs gegründet, um jungen ukrainischen Tänzerinnen und Tänzern die Möglichkeit zu geben, ihre professionelle Laufbahn trotz des Krieges fortzusetzen. Inzwischen vereint die Compagnie Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine und Deutschland. Für die neue Produktion holte Revazov hochkarätige Verstärkung auf die Bühne: Neben Solistinnen und Solisten des Hamburg Ballett standen Erste Solisten der Mailänder Scala, des Wiener Staatsballetts und der Semperoper Dresden auf der Bühne. Ein derartiges Ensemble in einem unabhängigen Projekt zu erleben, ist für das Hamburger Kulturleben außergewöhnlich. Die Verbindung aus technischer Präzision, musikalischer Sensibilität und großer Bühnenpräsenz verlieh Revazovs Choreografie eine beeindruckende visuelle Kraft.

 

Dem Werk liegt ein klar erkennbares philosophisches Konzept zugrunde. Schon der Titel „5 Seasons“ spielt bewusst mit der Tradition der berühmten „ Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi oder Piazzolla. Die fünfte Jahreszeit ist hier weit mehr als ein Spiel mit dem Kalender: Sie erscheint zugleich als „Altweibersommer“ und als Metapher für die Unberechenbarkeit der menschlichen Seele. Für mich erzählte dieses Ballett weniger vom Wechsel der Natur als vom vielschichtigen Spektrum menschlicher Emotionen. Jeder Abschnitt spiegelte einen eigenen seelischen Zustand wider – besonders eindrucksvoll geschah dies in den Pas de deux.

Ensemble (c) Shendl Copitman

 

Der Erste Solist des Wiener Staatsballetts Alessandro Frola und die Erste Solistin des Hamburg Ballett Anna Laudere ließen den „Frühling“ mit zarter Zurückhaltung und vorsichtiger Annäherung entstehen; ihre ineinander verschlungenen Hände wirkten wie der abschließende Pinselstrich eines Gemäldes. Die Ersten Solisten der Semperoper Dresden, Hyo-Jung Kang und Jun Xia, überzeugten im „Sommer“ durch enorme Ausdruckskraft und ließen die Musik zwischen leidenschaftlicher Hingabe und schmerzlicher Enttäuschung oszillieren. Besonders bewegend geriet jedoch der „Herbst“.

 

Die melancholische und zugleich aufregende Klangwelt erhielt durch die Primaballerina Martina Arduino und den Ersten Solotänzer Marco Agostino von der Mailänder Scala eine außergewöhnliche körperliche Präsenz. Sie illustrierten die Musik nicht, sondern übersetzten sie in Bewegung. Jede Hebung, jede Geste schien unmittelbar aus den Klängen hervorzuwachsen.

 

Die legendäre Silvia Azzoni, die seit 1993 dem Hamburg Ballett angehört, verkörperte schließlich Hoffnung und innere Ruhe – als würde sich nach allen inneren Stürmen langsam wieder Licht zeigen. Revazovs Choreografie verbindet neoklassische Klarheit mit moderner Expressivität und eröffnet den Tänzerinnen und Tänzern einen Raum, in dem sich Emotionen unmittelbar körperlich entfalten können.

 

Das Herzstück des Abends blieb jedoch die Musik. Das Leon Gurvitch Ensemble überzeugte mit einem warmen, dichten und zugleich äußerst differenzierten Klang. Sämtliche Musik des Balletts stammt aus der Feder Leon Gurvitchs, der selbst zu einem zentralen Bestandteil der Aufführung wurde. Vom Flügel aus leitete er das Ensemble, während er gleichzeitig den anspruchsvollen Solopart spielte. Seine Musik entfaltete sich in melancholischen Streicherlandschaften, steigerte sich zu kraftvollen rhythmischen Passagen, überraschte mit folkloristischen Anklängen und fand immer wieder zu Momenten großer Ruhe zurück.

 

Die Verbindung von Konzertflügel, Streichern und Tanz wirkte dabei so organisch, dass man zeitweise den Eindruck gewann, die Bewegungen der Tänzer entstünden unmittelbar aus der Musik.

Ensemble (c) Shendl Copitman

 

Mit „5 Seasons“ ist Leon Gurvitch und Edvin Revazov eine Produktion gelungen, die musikalische Raffinesse und choreografische Ausdruckskraft auf bemerkenswerte Weise miteinander verbindet. Während der Vorstellung war im Saal immer wieder leises Staunen und begeistertes Flüstern zu hören. Am Ende dankte das Publikum den Künstlerinnen und Künstlern mit lang anhaltenden Standing Ovations und wollte sie erst nach mehreren Vorhängen von der Bühne entlassen.

 

 

Wer Leon Gurvitch live erleben möchte, hat dazu am 27. September im Hamburger Club Docks Gelegenheit dazu.

 

Dort präsentiert der Pianist und Komponist ein völlig anderes Konzertprogramm – „Piano unplugged Vol. 2“. Edvin Revazov wiederum wird in der Spielzeit 2026/2027 erstmals als Gastchoreograf für die Hauptcompagnie des Hamburg Ballett arbeiten. Die Uraufführung seines neuen Balletts „Neue Welten“ ist für den 5. Dezember geplant.

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