Hamburg, Allee-Theater, "Die Entführung aus dem Serail", W.A. Mozart, IOCO
19. September 2026 Premiere
Mit einer Neuinszenierung von Mozarts heiterem Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ ist das Hamburger Allee-Theater in die neue Opern-Saison 2026-27 gestartet.
Das Allee-Theater im Stadtteil Altona hat mittlerweile eine lange Tradition. Es beherbergt sowohl das Theater für Kinder, als auch die im Jahre 1996 ins Leben gerufene Hamburger Kammeroper, die in dieser Spielzeit ihr 30jähriges Bestehen feiert.
Gegründet wurde das Kindertheater im Jahre 1968 von Uwe Deeken, der die Chance nutzte, ein ehemaliges Kino an der Max-Brauer-Alle zu erwerben, dieses zu einem kleinen Theater mit ca. 200 Plätzen umzubauen und hier fortan Stücke für die ganz junge Generation wie „Pippi Langstrumpf“, „Ronja Räubertochter“, „Pinocchio“, oder Märchen wie „Der Froschkönig“, „Hänsel und Gretel“, „Dornröschen“ oder „Das tapfere Schneiderlein“ aufzuführen.

Gegen Ende der 1970er Jahre hatten Uwe Deeken und seine Ehefrau, die Bühnen- und Kostümbildnerin Barbara Hass die Idee, das Kindertheater in ein „Musiktheater für Kinder“ zu erweitern, und so wurde ein kleiner Orchestergraben für bis zu sieben Musiker eingebaut. Fortan wurden neben den Märchenproduktionen auch kindgerecht inszenierte kleinere Musikwerke wie „Die kleine Zauberflöte“, „Karneval der Tiere“ oder „Peter und der Wolf“ in den Spielplan des Theaters für Kinder aufgenommen. Auch wurde eine gekürzte kindgerechte Fassung von Wagners „Ring“ entwickelt und in zwei Teilen unter den Titeln „Der Raub des Rheingolds“ und „Siegfrieds Kampf“ erfolgreich aufgeführt, welche sogar Mitglieder der Bayreuther Wagner-Familie nach Hamburg lockte und das Allee-Theater mit einem Besuch dieser Vorstellungen beehrte.
Nicht zuletzt aufgrund ihrer Erfolge mit den Musikproduktionen für Kinder ging das Ehepaar Deeken mit dem Gedanken schwanger, in ihrem schönen kleinen Allee-Theater auch Musiktheater für Erwachsene anzubieten, und so wurde schließlich im Jahre 1996 die Hamburger Kammeroper geboren.
Die jetzt beginnende neue Spielzeit 2026-27 markiert – wie bereits oben erwähnt – das 30jährige Jubiläum der Kammeroper, deren Ziel es war, dem Hamburger Publikum auch selten gespielte oder unbekanntere Werke der Opernliteratur zu bieten. Opern wie „Zaza“ von Leoncavallo, „Der Blitz“ von Halévy, „Das Liebesverbot“ von Richard Wagner, „Adina“ von Rossini, „Orlando furioso“ von Vivaldi, „Das Medium“ von Menotti, oder „I due Figaro“ von Mercadente findet man höchst selten in den Spielplänen deutscher Opernhäuser – in der Hamburger Kammeroper waren diese Opern zu erleben und wurden vom hiesigen Publikum begeistert aufgenommen.
Seit 2017 leitet Marius Adam die Geschicke des Allee-Theaters. Er ist selbst Musiker, Sänger, Komponist, Regisseur, und eben auch ein erfolgreicher Intendant des Allee-Theaters. Unter seiner Führung ist das Haus zu neuen Höhenflügen aufgestiegen, was die Auslastungszahlen und das treue Stammpublikum immer wieder aufs Neue beweisen.

Marius Adam führt auch selbst Regie in seiner Eröffnungspremiere von Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Für seine Inszenierung hat er die Oper bearbeitet, auf etwa 90 Minuten gekürzt und sich eine veränderte, spannende, aber natürlich auch originelle und detailverliebte Handlung ausgedacht, die dem Verständnis besonders auch des jüngeren Publikums durchaus entgegenkommt. Den Text hat er teilweise umgeschrieben, so daß dieser zu der von ihm konzipierten Handlung paßt. Auch für die geschmackvollen hellen Kostümentwürfe der Protagonisten zeichnet er verantwortlich.
Mit ihrem herrlich anzuschauenden, paradiesisch wirkendem Bühnenbild – blaues Meer, Kokospalmen, silberne Muscheln, ein Mosaikbrunnen – hat sich Kathrin Kegler wieder einmal selbst übertroffen.
In Marius Adams Inszenierung gehen die beiden jungen Paare – Belmonte und Konstanze sowie Pedrillo und Blonde – gemeinsam mit ihrer Segelyacht auf große Fahrt, geraten jedoch in einen heftigen Sturm und erleiden Schiffbruch. Konstanze, Pedrillo und Blonde können sich dank ihrer Rettungswesten auf eine ihnen unbekannte Insel retten, während Belmonte und die havarierte Segelyacht zunächst verschollen bleibt. Auf dieser geheimnisvollen Insel begegnen sie Osmin, der ein kleines Krokodil an der Leine führt und der hier offenbar das Sagen hat, der stets für Ordnung sorgt und für alles eine passende Regel hat. Und wenn es gerade keine Regel für eine neue Situation gibt, dann erfindet er schnell eine, und die Ordnung ist wieder hergestellt. Daß er jetzt jedoch drei völlig fremden Personen gegenübersteht, paßt so gar nicht in sein Konzept.

Der Herrscher dieser Insel ist Scheich Selim (Till Bockholt in dieser Sprechrolle), der stets ein kleines Äffchen mit großen Ohren als Handpuppe mit sich führt und der den drei fremden Eindringlingen mit Freundlichkeit begegnet.
Auch Belmonte hat es noch irgendwie geschafft, mit seiner havarierten Yacht auf dieser Insel zu stranden, und er macht sich sorgenvoll auf die Suche nach seinen Freunden. Natürlich begegnet auch er als erstes dem Osmin, und es kommt im Laufe der weiteren Handlung zu vielen vergnüglichen Vorfällen – ähnlich wie im Original – zwischen Osmin und Blondchen, zwischen Osmin und Pedrillo, und auch hier ist Scheich Selim fasziniert von Konstanze, die jedoch unerschütterlich zu ihrem Belmonte steht. Scheich Selim hat am Ende ein Einsehen und verzichtet schweren Herzens auf Konstanze. Auch Osmin hat gelernt, daß es im Leben neben Ordnung und Regeln auch wichtig ist, ein gutes Herz zu zeigen. Am Ende hat Scheich Selim dafür gesorgt, daß die Segelyacht wieder flott gemacht wurde, und so können die vier Freunde nach all den erlebten Abenteuern ihre Heimreise antreten.

Den Sängerinnen und Sängern merkte man in jeder Phase an, wie sie sich mit Lust, Freude und Engagement in ihre Partien stürzten und in ihren – leicht gekürzten – Arien, den Duetten und Ensembles glänzen konnten, Es gab einige neue Gesichter im Ensemble der Kammeroper: Natalie Suleika Helgert sang eine anrührende Konstanze mit sicheren Koloraturen und war eine aparte Erscheinung mit ihren langen dunklen Haaren und in ihrer prächtigen weißen Robe.
Ihr Belmonte war der lyrische Tenor Gennardii Merezhko, der sich anfänglich nach leichten Intonationstrübungen während der ersten Arie merklich steigern konnte und darstellerisch als besorgter Freund überzeugte.
Simon Thorbjörnsen sang den Osmin mit angenehm klingenden Bass-Bariton und konnte sich mit Witz und Komik in seinen Szenen mit Pedrillo und besonders auch mit dem energischen Blondchen voll entfalten, als er beispielsweise im gestreiften Badeanzug mit ihr in den kleinen Brunnen stieg und die beiden sich vergnügten.

Viktoriia Shipunova war dieses Blondchen im weißem Kleid, die mit ihrem klangschönen lyrischen Sopran und mit agiler, lebhafter Darstellung glänzte. Ein Pedrillo mit langen Rasta-Locken war Ignacio Munoz, der seine Partie buffonesk anlegte, spielfreudig und wendig, was seine Wirkung aufs Publikum auch nicht verfehlte.
Musikalisch wurde der Abend geleitet von der Pianistin Makiko Eguchi. Sie begleitete die Sänger höchst aufmerksam, und es war wieder einmal überraschend und interessant zu erleben, wie authentisch auch diese Komposition Mozarts nur mit Klavier, Geige und Flöte klang.
Das begeisterte Premierenpublikum hatte großen Spaß an dieser Inszenierung und sparte nicht mit lang anhaltendem donnernden Applaus für alle Mitwirkenden.