Dresden, Semperoper, 11. Saisonkonzert, A. Hadelich - T. Guggeis, IOCO
14. Juni 2026
Staatskapelle mit Werke von Beethoven und Dvořák unter Thomas Guggeis
Das großartige Debüt des Thomas Guggeis bei der Sächsischen Staatskapelle erlebten wir im November des Jahres 2019 mit Felix Mendelssohn Bartholdys 4. Symphonie A-Dur Italienische. Nach jahrelanger Abstinenz kehrte er in der Matinee des 11. Symphoniekonzerts nach Dresden zurück und stellte Ludwig van Beethovens D-Dur-Violinkonzert und Antonin Dvořáks Symphonie Nr. 7 d-Moll dem hiesigen Publikum vor.
Als Solist des Violinkonzertes op. 61 war Augustin Hadelich mit der legendären Guarneri Leduc ʼex Henryk Szeryngʼ nach Dresden gekommen. Die Violine aus dem Jahre 1744 gilt als die letzte Arbeit des Bartolomeo Giuseppe Guarneri „del Gesù“ (1698-1737). Es wird sogar vermutet, dass erst Guarneris aus Wien stammende Frau Katarina das Instrument nach dem Versterben des Cremonenser Meisters fertiggestellt habe.
Die bevorzugt von Simon Leduc (1742-1777) sowie Henryk Szeryng (1918-1988) fast zwanzig Jahre gespielte Guarneri füllte mit ihrer Fülle und einer dunklen, lebendigen, menschlichen Klangfarbe mühelos den Raum der Semperoper bis in den letzten Winkel.
Beethovens Violinkonzert meint man im Laufe der Jahrzehnte aus vielen Aufführungen zu kennen, so dass es für die Interpreten nicht einfach war, sich an berühmten Vorbildern messen zu lassen und doch einen eigenen Weg zu finden. Augustin Hadelich bot eine reife und außergewöhnlich durchdachte, eigenständige Interpretation seines Parts, als er fern jeder Routine die Violinstimme wie aus dem Augenblick heraus entwickelte. In Thomas Guggeis hatte Hadelich für seine Spielfreude und Leichtigkeit einen großartigen Partner gefunden, der Beethovens musikalischen Erzählfluss feinfühlig sowie nuanciert dem Geigenspiel anpasste. Nur zarte Farbtupfer der warm klingenden Holzflöten, Oboen und Fagotte gaben der Violine einen sanften Untergrund.
Bereits im Laufe der Orchesterexposition hatte sich der Solist in die musikalische Linie eingeschlichen und seinen berückend schönen Geigenton entwickelt. Vom ersten Moment an hielt er er die langen lyrischen Linien mit Anmut, formte sie mühelos und natürlich, um ein zartes geschmackvolles Klangfarbenspektrum zu erzeugen. Nichts wirkte deplatziert oder übertrieben, ohne die Darbietung in Routine verfallen zulassen. Er hielt seine Konzentration über die gesamte Länge des ersten Satzes aufrecht, wobei jede Geste und jeder Ausdruck wohlbestimmt schien. Thomas Guggeis erwies sich als intelligenter Begleiter, der das Orchester mit dem Solisten immer wieder präzise abstimmte. Unaufgeregt entwickelte er den für Beethoven ungewöhnlichen melodienreichen symphonischen Kopfsatz.
Die herausragende Leistung aller Beteiligten im zweiten Satz Larghetto war atemberaubend. Ineinandergreifende Streicherklänge gaben den Ton für ein leichtes geschmeidiges Spiel im luftigen Raum, dem die Oboen Klangfülle verschafften. Augustin Hadelichs Ausdruckskraft erreichte eine neue Dimension und er führte sein Instrument in strahlende kristallklare Höhen. Sein feinstes, zartes Pianissimo führte mit den fernen Hörnern zu einem atemberaubendem Klang.
Das Rondo-Finale begeisterte mit seinem schnellem Tempo, seiner Energie und der unbeschwerten Atmosphäre. Mitreißende Streicher, zwitschernde Holzbläser begeisterten und die Blechbläser schufen eine besondere Schärfe. Augustin Hadelich konterte dies mit einem Spiel voller dynamischer Wechsel, so dass eine echte Partnerschaft zwischen Solisten und dem Orchester zu einer beinah überschäumenden Freude führten
Beethovens Musik leuchten zu lassen war das Eine, sie tief empfinden zu lassen das Andere. Denn es waren die Kadenzen, wo sich die überragende Technik des brillanten Geigenspiels mit der geistige Durchdringung der Komposition zusammenfügten. In allen drei Sätzen reflektierten sie den jeweiligen Charakter der Musik und gingen über die Demonstration der Virtuosität Hadelichs hinaus. Die Kadenzen des ersten Satzes brachten eine Erweiterung und kreative Veränderungen als Wechselspiel der Motive. Die des zweiten Satzes erwies sich als emotional spannungsvolle Überleitung am Ende des Satzes und die des dritten als glanzvollen Höhepunkt im abschließendem Rondo.
Für den Applaus bedankte sich Augustin Hadelich mit einem virtuosem Arrangement der Toselli-Seranade.
Bedingt durch die Programmänderung hatte Thomas Guggeis nach der Pause die schwierige Aufgabe, dem überwältigenden Violinkonzert Beethovens die bescheidenere siebte Symphonie d-Moll op. 70 von Antonin Dvořák (1841-1904) folgen zu lassen.
Der Prager Orchester-Bratscher Dvořák hatte sich über Jahre bemüht, seine musikalischen Einfälle auch als Symphoniker einem breiteren Hörerkreis erschließen zu können. Vergeblich plagte er sich mit fünf Kompositionen ab, erfolgreiche symphonische Werke zu schaffen, bis ihm dann der ältere und erfolgreiche Johannes Brahms (1833-1897) mit dessen dritter Symphonie die richtigen Impulse zu einem ihm gemäßen Stil vermittelte.
Im Konzertsaal hat es Dvořáks d-Moll-Symphonie mit ihrer Strukturdichte und ihrem Vorwärtsdrängen nicht leicht, neben dem optimistischen Aufschwung anderer Repertoire werke zu bestehen. Unsere bisher interessanteste Begegnung mit Dvořáks Siebter hatte im Sommer des Jahres 2023 im Bad Kissinger Max-Littmann-Saal stattgefunden. Petr Altrichter, der Ur-böhmischste Dirigent, den man sich vorstellen kann, hatte mit der Tschechischen Philharmonie seine patriotische und kraftvolle Heimatverbundenheit mit einem unnachahmlichen Dirigierstil in die Interpretation gepackt.
Mit seiner präzisen Orchesterführung und deutlichen Ansprache an die Musiker der Sächsischen Staatskapelle holte Guggeis die Partitur in der Matinee aus ihrem volkstümlichen Umfeld, um sie dem breiteren Hörerkreis zugänglich zu machen. Luftig und kompakt entwickelte er das Allegro maestoso mit rhythmischer Finesse und Durchsichtigkeit. Nie ließ die Spannung nach und deutliche Konturen sowie klare Artikulationen bestimmten sein Dirigat.
Im Poco adagio gestalteten Dirigent und Orchester eine sorgfältige Balance zwischen den dramatischen Spannungsbögen und dem Ausleben der wunderbaren Melodik im Wechsel zwischen den glanzvollen Violinen und den hervorragenden Bläserstimmen.
Beinah ausgelassen erklang mit seinen lustig-schwingendem Thema das Scherzo. Die tänzerische Leichtigkeit gestaltete Guggeis mit einer begeisternden Detailtreue zu einer Besonderheit des Vormittags.
Zu einem triumphalen Finale gestaltete Guggeis den vierten Satz, indem er das Orchester die Dissonanzen unerbittlich ausspielen ließ, die Leidenschaft des Geschehens exakt kontrollierte und in vollem Klang die düstere Stimmung der Symphonie auflöste.