Dresden, Semperoper, Un ballo in maschera - G. Verdi, IOCO

Dresden, Semperoper, Un ballo in maschera - G. Verdi, IOCO
Yulia Matochkina (Ulrica), Nicole Car (Amelia), Vladyslav Buialskyi (Samuel), Tilmann Rönnebeck (Tom), Germán Enrique Alcántara (Renato), Komparsen; Semperoper Dresden copyright Jochen Quast

 

Leben und sterben lassen: „Un ballo in maschera“ in Dresden

Der immer auf der Suche nach geeigneten Stoffen für seine Libretti und Schauspiele unterwegs gewesene französische Schriftsteller Eugènie Scribe (1791-1861) griff im Jahre 1833 die Umstände um das Attentat schwedischer Adliger bei einem Maskenball im Stockholmer Opernhaus, an dessen Folgen der König  Gustav III. einige Tage später verstarb, auf. Scribe fügte dem Geschehen noch eine Dreiecksgeschichte hinzu und  ließ den König bereits auf dem Ball sterben. Scribes Libretto wurde zunächst von Daniel-Françis-Esprit Auber (1782-1871) und auch von anderen Komponisten vertont, sowie seine Texte von unterschiedlichen  Schriftstellern mehrfach, allerdings  ohne nachhaltige Erfolge, überarbeitet. Erst als sich der italienische Theaterautor und Freund Verdis Antonio Somma (1809-1864) des Sujets annahm und die Handlung mit klug verteilten Szenewechseln folgerichtiger aufbaute, erlaubten Verdi seine durchgebildete Ensembletechnik in der Komposition zu realisieren. Mit Sommas  psychologisch feinfühlig entwickelten Gestalten konnte Verdi seine Kunst der charakterisierenden Stimmenführung zur Geltung bringen.

Mein erster Opernbesuch um das Jahr 1954 im Leipziger Haus Drei Linden, ein Nachbar hatte mich als Ersatz für seine erkrankte Frau eingeladen, war eine Maskenball-Aufführung mit dieser Libretto-Fassung. Die Aufführung war in deutscher Sprache und drehte sich um einen für sein großzügiges Mäzenatentum für Oper sowie Musik bekannten schwedischen König, der Freude an extravaganten Verkleidungen und Maskenbällen hatte. Leider sind unsere gesamten Programmhefte und Aufzeichnungen unserer frühen Zeit Opfer des Elbhochwassers des Jahres 2013 geworden, so dass ich mich nur an die Leistungen des Tenors, möglicherweise   war es Ernst Gruber (1918-1979), erinnern kann.

Francesco Meli (Riccardo); Semperoper Dresden copyright Jochen Quast

Die instabilen Verhältnisse des Italiens zur Entstehungszeit der Komposition ließen aber die Darstellung eines Königsmords auf der Opernbühne nicht zu, so dass der Handlungsort, mehrfach verändert, letztlich in die nordamerikanische Kolonie Massachusetts verlegt, der König zum Gouverneur von Boston und die adligen Verschwörer ausgetauscht wurden. Damit erhielt das Werk den heute üblichen Titel Un ballo in maschera.

Diese Fassung des Sujets gestaltete auch die inszenierende  Sängerin Angela Denoke mit ihrem Team Fabio Totaldo, Okarina Peter und Timo Dentler in einer packenten Inszenierung für die Bühne der Semperoper. Angela Denoke erzählte die Geschichte  von Riccardo, dem Gouverneur von Boston, seiner verbotenen Liebe zu Amelia und dem tragischen Verrat seines engsten Vertrauten Renato als großes Gesellschaftspanorama. Zwischen Ballsaal und Orakel, zwischen leidenschaftlichen Liebesduetten und düsteren Prophezeiungen war ein opulentes Musiktheater entstanden, das sich bewusst einer eindeutigen Zuordnung entzog.

Unter einem den Bühnenraum überspannende Sternenringbestimmten drei miteinander verschlungene Drehbühnenringe die Spielfläche. Jeder dieser Aktionsräume war einer der Hauptfiguren zugeordnet

 

, wo sich die Protagonisten gegenseitig besuchen konnten oder aufgesucht wurden. Natürlich standen die Bereiche auch für die glanzvoll inszenierten Chorszenen zur Verfügung. Fabio Antocis Lichtgestaltung sorgte in allen Phasen der Aufführung, dass der aufwendige Bühnenaufbau auch optisch zur Wirkung kam. Mit seiner faszinierenden Vielgestaltigkeit einer Gesellschaftskomödie, eines düsteren Verschwörungsdramas sowie einer Liebesgeschichte wechselte das Bühnengeschehen mühelos zwischen überschäumender Lebenslust und tödlicher Tragik.

Der Chefdirigent der Semperoper Daniele Gatti hatte die Musikalische Leitung der Umsetzung des Konzepts der Angela Denoke übernommen. Gatti schuf gemeinsam mit der Sächsischen Staatskapelle nicht nur eine glatte Verdi-Begleitung für sich produzierende Sänger und Chöre, sondern gestaltete das Operndrama im Orchesterraum  und aus der Musik heraus. Stets war aber eine emotionale Verbindung zwischen dem Dirigenten und dem Bühnengeschehen zu spüren.

 Es war beeindruckend, wie Gatti die Kontraste in Verdis Partitur geschärft, dabei  zugleich aufgefächert und zugespitzt hatte. Faszinierend,  wie orchestrale Ausbrüche neben den gefühlvollen Phasen der Dreiecksgeschichte und der Verschwörung erklangen, wie mühelos überschäumende Lebenslust und tödliche Tragik wechselten. Dabei formte er mit dem Orchester vom zarten Liebesgeständnis sowie der Gleichzeitigkeit von Ballmusik und Unheil ankündigenden  Klängen außergewöhnliche Tonbilder.

 

 

Der Gouverneur Riccardo  des Italienische Tenors Francesco Melli war mit den Möglichkeiten seiner prachtvollen Stimme eine Idealbesetzung, auch um den zwiespältigen Charakter des Amtsträgers zu gestalten. Das Staatsmännische lag seinem Riccardo nicht. Er lebt ganz aus dem Augenblick, verdrängt die Morddrohungen  mit Lachen und schob moralische Skrupel zur Seite. Als selbstverliebter Möchtegern eines Barockkönigs trieb er seine Spielchen mit dem Pagen Oscar und brachte  Amelia in ihre schwierige Lage.  Er suchte zwar den Ausweg aus der vertrackten Dreiecks-Situation, aber zu spät.

Sein Instrument der Verführung war eine mit einer Mischung von lyrischen und dramatischen Elementen ausgerüstete betörende Stimme.

 

Mit einem großen und dunkelglühendem Gesang gestaltete die australischen Sängerin  Nicole Car die Rolle der Amelia. Sie präsentierte nicht nur eine außergewöhnlich schöne und wandlungsfähige Stimme, sondern tauchte auch mit ihrer Darstellung perfekt in ihre Rolle ein.  Mit dramatisch orientiertem Sopran und extravertiertem Temperament realisierte sie das zwiegespaltene ihrer Figur zwischen Pflicht und Neigung. Besonders beeindruckend  waren ihr schönes Piano und ihr überwältigender stimmlicher Höhenflug über dem entfesselten Chor in den Schlusstakten des Abends.

 

Dem Renato des Baritons Ludovico Ravizza gelangen seine Auftritte mit überzeugendem Spiel und hervorragender Stimmkraft, zupackend und warm. Mit einem dunklen Timbre, das die tragische Entwicklung im Voraus ahnen ließ, realisierte er die Wandlung vom Freund zum Feind Riccardos, sowie die spätere Erkenntnis, dass er einem Irrtum unterlegen gewesen war.

 

Der frische , helle und sehr hohe Sopran Rosali Cids meisterte grandios die zahlreichen Koloraturen und passte hervorragend zur Hosenrolle des quecksilbrigen Pagen Oscar.

Rosalia Cid (Oscar), Nicole Car (Amelia); Semperoper Dresden copyright Jochen Quast

 

Zu einer besonders interessanten Mittlerin zwischen dem Diesseits und dem Jenseits gestaltete die frisch zum Ensemble gekommene russische Mezzo-Sopranistin  Yulia Matochkina die Rolle der Wahrsagerin Ulrika. Alle Höhen und Tiefen der Beschwörung des Herren der Unterwelt kostete sie mit dunklem Feuer aus. Sie fand für die Gegensätze  ihrer Texte unterschiedliche Stimmfarben und brachte auch darstellerisch einiges auf die Bühne.

 

 

Das komische Element der Inszenierung fand sich unverhofft in den beiden Verschwörern Tom von Tilmann Rönnebeck und Samuel von Vladyslav Buialsky.

Auch gab es mit kurzen Auftritten von Meinhardt Möbius einen Diener und mit Frank Blümel einen höchst ehrenwerten Richter in der Aufführung.

Mit dem Vorbildfun des Renatos, dem Grafen   Akarström ists nach dem Attentat wesentlch härter vefahren worden. Nach harter Folter wurde der Attentäter auf das grausamste hingerichtet.                                                                                           

Die Mehrheit des Publikums feierte Ensemble und Regieteam ausdauernd, zurecht? Mit Lust hat es den Maskentanz in den Untergang mitgetanzt.  

 

 

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