Dresden, Semperoper, Die Zauberflöte – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 04.11.2020

November 3, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden

Die Zauberflöte  –  Wolfgang Amadeus Mozart

– Der kindliche Tamino betrachtet sein Erwachsenwerden –

von Thomas Thielemann

Mit einer Presse-Aussendung hatte die Semperoper am 30. September 2020 mitgeteilt, dass in Anbetracht des begrenzten Corona-Infektionsgeschehens im Bundesland Sachsen ab dem November die in adaptierten Fassungen angebotenen Opern- und Ballettvorstellungen zwar unter Berücksichtigung geltender Hygiene-Maßnahmen, aber in nahezu voller Länge zur Aufführung kommen werden. Dazu sollten ein erweitertes Sitzplatzangebot, Pausen sowie die Öffnung des Garderobenservices und der gastronomischen Einrichtungen einen weiteren Schritt in Richtung einer Normalität erbringen.

Den Auftakt dieser lang erwarteter Entwicklung könnte am 1. November 2020  die Premiere der Inszenierung Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte von Josef Ernst Köpplinger in der vollen Länge bieten. Nun hatte sich seit der ersten Oktober-Dekade das Infektionsgeschehen auch im Freistaat derart rasant entwickelt, dass inzwischen auch in Sachsen der „Wellenbrecher-Lock Down“ zu praktizieren ist. Damit wurde für die Premiere die Besucherzahl wieder mit 331 Personen begrenzt und die Aufführungsdauer von 180 auf 125 Minuten eingedampft. Auch erfolgte die Aufführung ohne Pause sowie ohne die sonstigen angekündigten Verbesserungen.

Die Zauberflöte – making of mit Regisseur Köpplinger
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Es blieb zum Glück die Verortung der etwas mehr als dreißig Orchestermusiker der Staatskapelle mit dem musikalischen Leiter Omer Meir Wellber im Graben, so dass ein „normaler Klangeindruck“ gesichert blieb.

Wolfgang Amadeus Mozarts bekannteste Oper Die Zauberflöte wird oft als eine Mischung von Opera Seria, Opera Buffa und Singspiel abqualifiziert. Tatsächlich hat der Librettist und Theaterpraktiker Emanuel Schikaneder (1751-1812) dem Komponisten mehr als eine grobe Mischung aus Zaubermärchen, Maschinentheater sowie volkstümlicher Komödie, die er mit den Mysterien der Freimaurer anreicherte, vorgegeben. Natürlich bat der Theaterdirektor Schikaneder das befreundete Musikgenie Mozart vor allem um die Komposition eines erfolgversprechenden Beitrags für die finanzielle Sanierung seines Vorstadttheater auf der Wieden. Da das Theater mit dem Singspiel Oberon von Paul Wranitzki (1756-1808) bereits im Jahre 1790 großen Erfolg gehabt hatte, schlug Schikaneder dem Freund vor, den vergleichbaren Quellen, den Märchen der Sammlung des Christoph Martin Wieland (1733-1813) Dschinnistan zu folgen. Ausgewählt wurde das Werk Lulu oder Die Zauberflöte des Wieland-Schwiegersohns August Jacob Liebeskind (1758-1793). Verwoben wurde diese Vorlage mit Motiven der gleichfalls in der Sammlung enthaltenen Märchen von Friedrich Hildebrand von Einsiedel (1750-1828) Das Labyrinth und Die klugen Knaben sowie mit weiteren zeitgenössischen Werken unter anderem von Matthias Claudius (1740-1815).

Die Sammlungen sind vor allem in den 1780er Jahren in Weimar im Umfeld von Goethe und Herder, als Wieland von der Herzogin Anna Amalia als Erzieher ihrer Söhne nach Weimar berufen worden war, entstanden. Mit den literarischen Vorlagen waren der Zauberflöte bereits sozialethische Grundsätze von Schönheit, Weisheit und Stärke vorgegeben. Als „Freimaurer“ kombinierten die Schöpfer des Werkes deren Gedanken der Einheit von Humanität, Liebe, Bildung und Pathos. Des Weiteren sind Anklänge der Bewegung des fiktiven Christian Rosencreutzer, der mit einer kontinuierlichen Reformierung von Wissenschaft, Ethik und Glaube der Entfremdung zwischen Wissenschaft und Christlicher Kultur vorbeugen wollte, in das Libretto eingeflossen. In den Text sind leider auch Aspekte von Frauenfeindlichkeit und Rassismus eingegangen.

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

In seiner Inszenierung übertrug Josef E. Köpplinger den Kindern, diese massiven Vorgaben mit ihrer Sicht auf die Entwicklung der Hauptfiguren zu reflektieren. Das sorgfältig vorbereitete Konzept konnte in der gekürzten Fassung nach meinem Empfinden vollständig umgesetzt werden. Der jugendliche Tamino gerät in die „Wildnis des Lebens“, verstrickt sich, gerät in die Gefahren einer Schlange, der drei Damen der Königin der Nacht und wehrt sich.

Das Folgende geschieht in seiner Fantasie: auf der Bühne ist immer etwas los. Köpplinger gelingt dank seine Einfälle und der glänzenden Personenführung ein abwechslungsreiches Spektakel. Es wechseln Anleihen bei den Symbolisten mit mystischen Aspekten. Nicht alles ist neu, wäre auch bei der Fülle von Inszenierungen der Oper verwunderlich, ist aber immer gekonnt, unterhaltsam und logisch in das Bühnengeschehen eingebaut. Die schlüssige Entwicklung der Tamina vom aufmüpfigen Teenager zur Tamino-Gefährtin und des Tamino vom naiven, von der Königin manipulierten, Knaben zum Kandidaten der Sarastro-Nachfolge war schlüssig eingebunden. Logisch dass sich am Schluss das Paar nicht in die frauenfeindliche starre Männergesellschaft einbinden lässt und fröhlich in eine selbstgestaltete Zukunft abgeht. Ohne erhobenen Zeigefinger postuliert Köpplinger unsere modernen Auffassungen zum Verhältnis der menschlichen Gesellschaft zur Natur, schon weil diese Gedanken der Rosenkreuzer-Bewegung im Libretto Schikaneders angelegt sind.

Die Zauberflöte – making of mit Pamina und Tamino
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Musiziert und gesungen wurde auf hohem und höchstem Niveau. Mit seiner musikalischen Leitung gelang es Omer Meir Wellber der Mozart-Komposition eine besondere Intensität abzugewinnen. Sein faszinierender Ansatz war kraftvoll und dynamisch, die Tempi ausgewogen, ohne in sterilen Perfektionismus zu verfallen. Sein hervorragend gutes Verhältnis zu der hervorragenden Musiker-Besetzung der Staatskapelle blieb deutlich spürbar. Auch standen Wellber überwiegend großartige Sängerinnen und Sänger zur Verfügung, die er auf das Vollkommenste einzubinden verstand. Allen voran, der in seiner Heimatstadt lange vermisste René Pape, der als der Sarastro unserer Tage gilt. Dem Sarastro, den er seit 1988 im Repertoire hat, gab er Kraft seiner wundervollen Bassstimme Prägnanz und milde Autorität, aber eben auch Statik.

Dieser über dreißigjähriger Rollenpraxis stand das Rollendebüt von Nikola Hillebrand in der dem Sarastro ambivalenten Rolle der Königin der Nacht. Die Sängerin vom Mannheimer Nationaltheater, inzwischen zum Semper Ensemble gewechselt, brillierte mit einem hell strahlenden Sopran und sicherer differenzierter Gestaltung der Partie, während das Paar Pamina und Tamino mit jugendlicher Frische aufwartete. Die 2015 aus Finnland ins Hausensemble gekommene Tuuli Takala kam, nach ihrem Berliner Ausflug als Königin der Nacht, mit der Pamina sowohl im Gesang, als auch der Darstellung mit ihrer Natürlichkeit als rebellierender Teenager und andererseits mit ergreifender menschlichen Tiefe hervorragend zurecht.

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

Dem Tamino hatte die Regie den größten Spannungsbogen der Entwicklung vom Knaben zum würdigen Beinah-Nachfolger des Sarasto zugeordnet. Der amerikanische im Hausensemble Tenor Joseph Dennis aus dem Hausensemble, eigentlich erst in der Zweitbesetzung als Tamino vorgesehen, überzeugte mit positiver rustikaler Ausstrahlung.
Das Buffo-Paar Papagena und Papageno war den Ensemblemitgliedern Katerina von Bennigsen und Sebastian Wartig anvertraut worden. Dem komödiantischen Talent der Sopranistin blieben nur die Szenen mit dem „alten Weib“ und das Pa-Pa-pa-Duett, während Sebastian Wartig seinem „Affen ordentlich Zucker“ geben konnte. Auch mit seinem Gesang wusste er zu begeistern.

Als besonders widerwärtiges Trio die Damen der Königin, aber mit hervorragender Gesangskultur, boten die Sopranistinnen des Ensembles Roxana Incontrera und Stepanka Pucalkova sowie die Mezzosopranistin Christa Mayer ihre Auftritte. Archaisch hingegen die Beiträge der Geharnischten von Jürgen Müller und Matthias Henneberg. Statisch wie von der Regie angelegt, kamen die Priester Mateusz Hoedt und Gerald Hupach mit beeindruckenden Stimmen über die Bühne. Dazu wirkte auch prachtvoll der auf vierundzwanzig Sänger ausgedünnte Chor. Von Simon Espers Monostatus-Texten waren nur Teile den Streichungen entgangen. Vollständig hingegen konnten die drei routinierten Knabensoprane vom Tölzer Knabenchor in die Handlung eingreifen.

Mit der begeistert aufgenommenen Inszenierung von Josef E Köpplinger erhält das nicht gering an den Erfordernissen der Besucher der Stadt orientiertem Repertoire der Semperoper eine prachtvolle Ergänzung. Dabei wäre zu überlegen, ob nicht auch, wenn die Corona-Einschränkungen abgeklungen sein sollten, die gestraffte Fassung des Premierenabends den Erfordernissen des geringer opern-affinen Teiles des Publikums besser entgegenkommt.

Die Zauberflöte an der Semperoper; die nächsten Termine 4.12.; 12.12.2020; 2.1.2021 14.00; 2.1.19.00; .31.1.2021; 4.2. und mehr

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Semper Essenz: Madama Butterfly, IOCO Kritik, 27.08.2020-

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Madama Butterfly – Giacomo Puccini

Butterfly – Konzertante Höhepunkte in der Semperoper

von Thomas Thielemann

Die Plätze im Mittelbereich der siebten Reihe der Semperoper in einer Butterfly-Premiere sind eigentlich ein Traum. Kaum Direktschall des Orchesterklangs aus dem Graben, dafür die volle Re-flexdröhnung von der Decke, gemischt mit den feinzilesierten Brechungen von den Rängen, geben eine vollkommene Basis für den horizontal einströmenden Gesang von der Bühne.

Die Corona-Umstände verweigerten uns allerdings das Bühnenbild des Japaner Keno Tamara und des Polen Boris Kullick, sowie die Inszenierung des japanischen Regisseurs Amen Miyamoto mit dem angekündigten ost-westlichen Blick auf die tragische Liebesgeschichte zwischen der Japanerin Cio-Cio-San und dem Amerikaner Pinkerton.

Semperoper / Madama Butterfly - hier : Hrachuhí Bassénz als Cio Cio San  und Christa Mayer als Suzuki © Klaus Gigga

Semperoper / Madama Butterfly – hier : Hrachuhí Bassénz als Cio Cio San  und Christa Mayer als Suzuki © Klaus Gigga

Für die konzertante Aufführung der musikalischen Höhepunkte des Puccini-Werkes hatte die volle Graben-Musikerbesetzung auf der Bühne Platz genommen und versorgte das Parkett-Publikum mit der vollen Intensität einer hervorragend musizierenden Staatskapelle. Der musikalische Leiter des Abends Giampaolo Bisanti dirigierte mit Körpereinsatz und Leidenschaft, die man von einem italienischen Puccini-Spezialisten erwartete. Puccinis farbenreiche Komposition erklang mit Klarheit und phantastischer Prägnanz.

Für die Gesangs-Solisten war es schwierig, sich im Rampenbereich gegen den oft recht heftigen Orchesterklang zu behaupten. Die Armenierin Hrachuhi Bassénz als Cio-Cio-San, die Moskauerin Anna Kundriashova als Kate Pinkerton, der Grieche Alexandros Stavrakakis als Onkel Bonze und der Amerikaner Aaron Pegram als Goro hatten, wegen der im April ausgefallenen Premiere, ihre Rollen-Debüts erst im September am besuchten Abend.

Semperoper / Madama Butterfly - hier :  Hrachuhí Bassénz, Sächsische Staatskapelle Dresden unter der ML von Giampaolo Bisanti © Klaus Gigga

Semperoper / Madama Butterfly – hier : Hrachuhí Bassénz, Sächsische Staatskapelle Dresden unter der ML von Giampaolo Bisanti © Klaus Gigga

Musikalisch war an diesem Abend Belcanto vom Feinsten zu erleben. Hrachuhi Basénz begeisterte als Butterfly mit großen dramatischen Bögen, exzellenter Pianokultur und souveränem Forte. Ihr immer sauber geführter, gut gestützter Sopran kippte auch bei den dramatischen Erkenntnissen des Scheiterns nicht ins Schrille. Eher hatte man den Eindruck, dass ihrer Figur vom Beginn an bewusst war, dass das Geschehen nicht gut gehen kann. Am Schluss erhält sie mehr Bewunderung als Anteilnahme.

Der warme Mezzo der erfahrenen Christa Mayers als die besorgte Suzuki harmonierte auf das Wunderbarste mit der Stimme der Titelheldin. Mit der gewohnten Souveränität erfüllte sie ihre Aufgabe ohne Fehl und Tadel.

Der einzige Gastsänger des Abends war Jonathan Tetelmann. Er ist in Chile geboren, in den USA aufgewachsen und ausgebildet. Mit seinem bemerkenswert glasklaren Tenor sang er mit mühelosen Höhen den nicht unbedingt sympathischen Pinkerton.

Semperoper Dresden / Madama Butterfly - hier :  Jonathan Tetelmann als Pinkerton © Klaus Gigga

Semperoper Dresden / Madama Butterfly – hier : Jonathan Tetelmann als Pinkerton © Klaus Gigga

Alexandro Stavrakakis sang aus der Proszeniumsloge heraus den Onkel Bonze. Mit seinem kraftvollen Bass verfluchte er Cio-Cio-San wegen ihres Konfessionswechsels auf das eindrucksvollste. Gut gefielen der quirlige Goro von Aaron Pegram und der amerikanische Konsul von Christoph Pohl mit Stimme und Auftreten. Etwas blass hingegen erwies sich Anna Kudriashova-Stepanets vom jungen Ensemble des Hauses. War es ihre Nervosität oder war ihre Aufgabe so angelegt, dass sie unmotiviert von der Bühne verschwand und dann so zurückhaltend agierte, dass man ihr nicht abnahm, wie sie einer Mutter den Sohn entziehen konnte.

Die als Butterfly-Freundinnen agierenden sechs Damen des Staatsopernchores behaupteten sich mit ihrem wunderbaren Gesang gegenüber dem mächtigen Orchestersturm.

Nun kann ich bezüglich des unausgewogenen Klangbildes nur für den von mir bevorzugten vorderen und mittleren Parkettbereich sprechen. Aber bei der zurückhaltender eingerichteten Don-Carlo-Einrichtung von Johannes Wulff-Woesten war auch für diesen Bereich voller Operngenuss möglich gewesen. Wie sich die Orchester-Sänger-Konstellation in den höheren Rängen anhörte, kann ich leider nicht beurteilen. Aber dort habe ich bei früheren Opernaufführungen im Semperbau den Klangbrei beklagen müssen.

Madama Butterfly – Semper Essenz; die weiteren Vorstellungen am 2.10.; 11.10.; 23.10.;2020; alle Vorstellunen sind ausverkauft; Restkarten möglich

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Sir András Schiff – Capell Virtuos und ein Bösendorfer, IOCO Kritik, 14.09.2020

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Sir András Schiff – Capell-Virtuos der Saison 2020/21 in Dresden

– beeindruckt das Publikum der Staatskapelle – ehrt Peter Schreier –

von Thomas Thielemann

Der Capell-Virtuos der Sächsischen Staatskapelle der Saison 2020/21 Sir András Schiff ist nicht nur einer der herausragenden Pianisten unserer Zeit, sondern auch ein streitbarer Mann. Nicht nur, dass der 1953 in Budapest geborene und inzwischen vorwiegend in Italien lebende Künstler, im Jahre 2000 seine Teilnahme an der Feldkircher Schubertiade wegen der Beteiligung der FPÖ an der österreichischen Bundesregierung absagte und in Ungarn wegen der Politik Viktor Orbáns nicht mehr konzertiert. András Schiff formuliert seine Meinung deutlich und pointiert, sowohl im politischen als auch im künstlerischen Kontext. Er kann darüber hinaus durchaus Konzertbesucher-Gruppen „die Beurteilungskompetenz“ absprechen, sich mit Musikerkollegen anlegen, das Regietheater verteufeln und die besondere Eignung der doch allgemein anerkannten Flügel des Marktführers Steinway & Sons für eine Wiedergabe der Musik von Franz Schubert in Frage stellen. Nach Schiffs Auffassung, repräsentieren die Flügel des Wiener Instrumentenbauers Bösendorfer des weicheren melancholischeren Tonbildes wegen, die zentraleuropäischen Musiktraditionen am deutlichsten.

Semperoper Dresden / Sir Andras Schiff @ Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sir Andras Schiff @ Matthias Creutziger

Aus diesem Grunde musiziert Schiff trotz des logistischen Aufwandes auf seinen Konzertreisen mit seinem Bösendorfer Konzertflügel, Modell 280VC Vienna Concert..
András Schiff ist ein begeisterter Kammermusiker, obwohl er auch als Dirigent und Konzertsolist wirkt. Er selbst bezeichnete sich als „Stänker der Gründlichkeit“.
Sein Rezital eröffnete András Schiff mit einer kurzen Erinnerung an seinen langjährigen Freund Peter Schreier und ehrte den im vergangenen Jahr Verstorbenen mit Johann Sebastian Bachs „Capriccio über die Abreise des sehr geschätzten Bruders“ B-Dur (BWV 992).

Das ausgeschriebene Programm begann mit der g-Moll-Klaviersonate Hoboken-Verzeichnis XVI:44 von Joseph Haydn (1732-1809). Diese Sonate entstand vermutlich zwischen 1768 und 1773, als Haydn Erster Kapellmeister der ungarischen Magnaten Familie Esterhazy war. Die Musikkenner-Fürsten Paul Anton und später vor allem Nikolaus I. gaben dem Mittdreißiger Raum für seine künstlerische Entwicklung unter anderem durch ständigen Zugang zum eigenen kleinen Orchester, sowie ausführliche Gespräche über die Hauskonzerte. Die zweisätzige Sonate gehört zu den ersten Klavierwerken, die Haydn nicht mehr als etwas anspruchslose „Divertimenti“ einordnete.

Bereits mit dem Moderato-Kopfsatz beeindruckte Schiff durch die zurückhaltende Trauer, die Melancholie und die feinen melodischen Linien seines Spiels. Im Allegretto bestätigt er die Haydnische Vorliebe für harmonische Überraschungen und nutzt die Vorgaben des Komponisten, diese mit Humor zu intonieren.

Im Mittelteil seines Dresdner Rezitals stellte der Capell-Virtuos den Werken des Lehrers Haydn eine Komposition seines Schülers Ludwig van Beethoven (1770-1827), die Klaviersonate Nr. 21 C-Dur op. 53Waldstein -, gegenüber. Mit der Entwicklung neuer Techniken hatte Beethoven mit seiner 1804 dem Grafen Waldstein gewidmeten Sonate eine Wende in der Entwicklung der Klaviermusik eingeleitet und ein neues Verständnis geschaffen, was Klavierspiel letztlich leisten kann. Entstanden ist die heute gültige Fassung der Sonate nicht in einem einzigen Zug. Beethoven nahm mehrfach Änderungen vor. So hat er den ursprünglichen Mittelsatz, der vermutlich von Josephine Brunswick inspiriert gewesen war, als selbstständiges „Andante favori“ ausgegliedert und durch das recht kurze „Introduzione, Adagio molto“ ersetzt.

 Semperoper Dresden / Sir Andras Schiff und sein Boesendorfer Konzertflügel © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sir Andras Schiff und sein Boesendorfer Konzertflügel © Matthias Creutziger

Begeisternd meistert der Pianist die schwierigen Orchestereffekte mit seiner unwahrscheinlichen Virtuosität. András Schiff beeindruckte mit seinem glasklaren, an Varianten reichem Anschlag und nahm sich genau die Zeit, um den Akkorden die Möglichkeit zur Nachwirkung zu geben. Da wurden Nebenstimmen und Schattierungen hörbar, die ansonsten, insbesondere in den Ecksätzen, oft untergehen. Jede Note schien deutlich markiert und die Relationen der Ecksätze zum Mittelsatz stimmten an jeder Stelle.
Mit der Klaviersonate G-Dur, D 894 von Franz Schubert  konnte der Capell-Virtuos die Besonderheiten seines Bösendorfer Konzertflügels im letzten Teil des Rezitals nachdrücklich zur Geltung bringen.

Obwohl die musikwissenschaftliche Forschung im Lied-Schaffen Schuberts bedeutsamsten Beitrag zur europäischen Musikgeschichte sieht, hat er doch in seinem kurzen Leben Außerordentliches in allen musikalischen Gattungen seiner Zeit komponiert. Die Sonate in G-Dur, die oft als „Fantasie“ benannt wird, hat Franz Schubert (1797-1828) im Jahre 1826 im Alter von 29 Jahren als sein perfektestes Klavierwerk fertig gestellt, auch wenn sie im Kammermusik-Betrieb oft im Schatten seiner letzten drei Klaviersonaten D958 bis 960 steht.

Mit seiner Klarheit und Transparenz des Spiels, dem kaum spürbaren Wechsel der Stimmungen bot uns Schiff ein außergewöhnliches Hörerlebnis. Mit dem Schubert-adäquaten warmen Klang des Bösendorfers konnte Schiff eine erstaunliche Klangfarbenvielfalt und fast unwirkliche Differenzierungen im oberen Pianissimo-Bereich der Komposition Schuberts schaffen.

Mit stehenden Ovationen wurde Sir András Schiff vom ausgedünnten Publikum begeistert gefeiert. Der Pianist bedankte sich bei den Besuchern mit zwei Zugaben.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Saisoneröffnung mit Mahler Jugendorchester, IOCO Kritik, 31.08.2020

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Gustav Mahler Jugendorchester  –  Othmar Schoeck, Franz Schubert

von Thomas Thielemann

Ungeachtet der erheblichen Einschränkungen des Kulturlebens, wurde die Dresdner Gepflogenheit, die Saison in der Dresdner Semperoper mit dem Gustav Mahler Jugendorchester zu eröffnen, auch für die Spielzeit 2020/21 beibehalten. Begreiflicherweise waren erhebliche Programm- und Besetzungsänderungen erforderlich, um trotzdem ein niveauvolles Konzert zu bieten. In erster Linie waren die Kooperationsbeziehungen zur Sächsischen Staatskapelle mit dem Einsatz von 26 Kapellmitgliedern und Akademisten zu konkretisierten. Auch gelang es, für die Begleitung der Darbietung von Othmar Schoecks Liederfolge Elegie, den durch frühere Zusammenarbeit dem Jugendorchester den verbundenen Bariton Christian Gerhaher zu gewinnen.

Der Schweizer Komponist und Dirigent Othmar Schoeck (1886-1957) ist unter anderem bei Max Reger in Leipzig ausgebildet worden. In Dresden brachte er seine wichtigsten Bühnenwerke Penthesilea 1927 und Massimilla Doni 1937 zur Uraufführung.

 Semperoper Dresden / hier Dirigent Duncan Ward und Christian Gerhaher © Oliver Killig

Semperoper Dresden / hier Dirigent Duncan Ward und Christian Gerhaher © Oliver Killig

Schoeck wird vor allem als einer der bedeutendsten Liedkomponisten des 20. Jahrhunderts geschätzt. Sein 1923 geschaffenes Opus 36 Elegie entstand in einer Zeit seines tiefen Liebeskummers zunächst mit Texten von Nikolaus Lenau (1802-1850). Den düsteren Lenau-Liedern fügte er später Kompositionen nach Gedichten von Joseph von Eichendorff (1788-1857) zu, um den Zyklus etwas „aufzuhellen“. Mit der Naturverbundenheit und Melancholie fühlte sich der Komponist auf das innigste verbunden. Mit der durchdachten Instrumentierung und dem Einsatz der Stimme erzeugt Schoeck beim Publikum bewegende Stimmungen, vorausgesetzt die Zuhörer lassen sich auf das Fehlen spektakulärer Momente ein. Schoeck zwingt den Sänger geradezu zur Bescheidenheit und fordert vom Auditorium einen gewissen intellektuellen Einsatz, so dass sich die Elegie den meisten Konzertbesuchern bei der ersten Begegnung wohl kaum erschlossen hat. Deshalb empfand ich die Wahl des fast einstündigen Werkes für ein Jugendorchester-Konzertes etwas gewagt.

 Semperoper Dresden / hier : Christian Gerhaher © Oliver Killig

Semperoper Dresden / hier : Christian Gerhaher © Oliver Killig

So einfühlsam, fantasieintensiv und zugleich energievoll wie von Christian Gerhaher, hört man die Lieder selten. Mit betont heller Stimmführung vermied er das Deklamierende und sang nuancenreich und fantasievoll. Die begrenzte Orchesterbegleitung, Flöte, Englischhorn, zwei Klarinetten, Horn, Schlagzeug, Klavier und Streicher, erlaubte ihm, die Melancholie der Komposition voll zur Geltung zu bringen. Das Verträumte, die Innenschau und ruhige Trauer liegt Gerhaher, wobei er durchaus auch dramatisch mit strahlender Stimme auffahren kann. Obwohl die Gedichte von Lenau und Eichendorff nicht unmittelbar zusammenhängen, gelang es dem Dirigenten Duncan Ward mit dem Kammerensemble, eine wirklich konkrete Abfolge der psychischen Zustände des Erzählenden zu schaffen.

Sanft, mit Eichendorffs „Wehmut“ eröffnet, folgt Nikolaus Lenaus deprimierender „Liebesfrühling“. Mit „Stille Sicherheit“ und „Frage nicht“ taucht mehrfach auf, warum die Liebe zerbrochen sei. Dazu treten mit „Warnung und Wunsch“ Gedanken auf ein mögliches Handeln zum Retten der Beziehung auf, flackern mit LenausWaldgang“ und „An den Wind“ Hoffnungen. Ein ständiger Wechsel zwischen Rückbesinnungen, Niedergeschlagenheiten, angedachten Aktivitäten und Hoffnungen bis sich der Protagonist sich im „Der Einsame“ (nach Eichendorffs Der Einsiedler) in sein Schicksal fügt.

Der britische Dirigent Duncan Ward (geboren 1989) wollte ursprünglich sein Debüt bei der Staatskapelle im März diesen Jahres geben. Nun konnte er den Dresdnern zeigen, wie exponiert und brillant er mit einem reduzierten Orchester prachtvolle Wirkungen erreichen kann.

Semperoper Drseden / hier : Gustav Mahler Jugendorchester und Dirigent Duncan Ward © Oliver Killig

Semperoper Drseden / hier : Gustav Mahler Jugendorchester und Dirigent Duncan Ward © Oliver Killig

Auch mit Schuberts 5. Symphonie bot Ward im zweiten Konzert-Teil feine Nuancen und Transparenz. Franz Schubert (1797-1828) komponierte die D-Dur-Symphonie im Herbst des Jahres 1816, nach dem etwas missglückten Versuch, sich mit einer c-Moll-Symphonie Beethoven zu nähern. Der 19-jährige Schubert begriff offenbar selbst, dass er mit seiner Vierten statt einer tragischen, eine pathetische Komposition geschaffen hatte. Mit seiner Fünften schuf er mit einem ganz eigenen Tonfall und ihrer unbeschwerten Melodik sein bekanntestes kleines Orchesterwerk. Jugendliche Unbekümmertheit kombiniert mit künstlerischer Reife lassen das Werk gleichberechtigt zwischen Mozart, Haydn und Mendelssohn stehen. Duncan Ward gewinnt mit der sparsamen Orchesterbesetzung einen beeindruckenden Klangreichtum, bewegliche Transparenz sowie feine Nuancen und gibt damit dieser Musik ihre Jugendlichkeit zurück. Besonders gefiel, wie Ward mit seinem körperbetonten Dirigat das Menuetto zur Geltung bringen konnte.

Ich hätte für den Programmgestalter keinen Vorschlag, welche Musik er der hochemotionalen Elegie-Interpretation Christian Gerherhars ohne Pause hätte folgen lassen können, ohne deren Wirkung zu beeinträchtigen. Für mich war der Wechsel von der Nachwirkung der Elegie ohne Pause zu Schuberts fröhlicher Musik äußerst problematisch und ich habe in meinen Empfindungen den Hauptanteil des Schubertschen Allegro noch bei Schoeck zugebracht.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

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