Dresden, Kulturpalast, Dresdner Musikfestspiele 2019, IOCO Kritik, 21.05.2019

Mai 21, 2019 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

 Dresdner Musikfestspielen 2019 – WDR Sinfonieorchester

Drei Komponisten – Drei Kontinente

von Thomas Thielemann

Das Orchester des Westdeutschen Rundfunks war mit seinem neuen Chefdirigenten Cristian Macelaru in diesem Jahr zum ersten Mal Gast der Dresdner Musikfestspiele.

Cristian Macelaru, 1980  im rumänischen Timisoara geboren, ist erst seit vergleichsweise kurzer Zeit auf den etablierten Konzertpodien präsent. Wir lernten ihn 2017 bei  seiner Zusammenarbeit mit der Staatskapelle Weimar und Andrei Ionita als nahezu Unbekannten kennen. Bei den Dresdner Musikfestspielen 2019 stellte er sich zunächst mit einer europäische Erstaufführung und einer Neuschöpfung vor.

Die amerikanische Komponistin Gabriella Smith (*1991) hatte ihm ihre Partitur „Field Guide“ für eine europäische Erstaufführung in die Tasche gesteckt. Als Einstimmung für eine originelle Neukomposition war dieser letztlich realistische „Gang über ein von Insekten und Vögeln bewohntes Feld“ auch gut ausgewählt.

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der "Drei Kontinente" - hier : WDR Sinfonieorchester © Oliver Killing

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der „Drei Kontinente“ – hier : WDR Sinfonieorchester © Oliver Killing

Als Intendant der Dresdner Musikfestspiele und solistisch Tätiger hatte Jan Vogler drei kreative in unserer Zeit und in der Gesellschaft verortete Tonschöpfer unterschiedlicher  Kontinente gebeten, ihm ein unsere Welt möglichst umspannendes Werk für sein Cello mit Orchester zu gestalten. Der chinesische Komponist Zhou Long (*1953 in Peking), der Deutsche Allrounder Sven Helbig  (*1968 in Eisenhüttenstadt) und der US-amerikanische Arrangeur und Komponist Nico Myhly (*1981) wagten die Schritte auf den Weg, eigenständige Kultur mit dem  weltumspannenden Kontext zu verbinden. Dabei war von vornherein vereinbart worden, dass weitgehend unabhängig gearbeitet wird. Die vier Protagonisten erläuterten, dass jedem Teil ein Zeitrahmen etwa zehn Minuten zukommen solle. Des Weiteren wurde die thematische Richtung der Beiträge vereinbart. Dabei sollten Humor und Leichtigkeit im Vordergrund stehen. Nach Aussage der vier hat es in der Folgezeit nur geringe Kommunikationen gegeben.

Der im Programm ausgedruckte Titel Drei Kontinente sei ein Arbeitstitel und werde konkretisiert, falls sich das „Produkt“ etabliere.

Im Konzert wurde, abweichend von der Programmheft Ankündigung, als Auftakt der von Zhou Long geschaffene Satz gespielt, der sich an einem alten chinesischen Gedicht über acht leicht angetrunkene Poeten orientiert hat. Schlaginstrumente charakterisieren die zunehmende Trunkenheit. Das Solocello übernimmt die Funktion und den Geist der alten siebensaitigen Zitter „Gugin“. Bläser und dunkle Streicher betonen den melancholischen  Grundton.

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der "Drei Kontinente" - hier :  mit Zhou Long   © Oliver Killing

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der „Drei Kontinente“ – hier : mit Zhou Long   © Oliver Killing

Betont langsam folgte dann der europäische als Aria benannte Beitrag von Sven Helbig. Sehr melodisch und die Themen kaum abschließend, lässt der Komponist selbst das Cello im Ungefähren stehen.

Erst das abschließende Scherzo von Nico Muhly lässt dann Tonsequenzen auf und ab schwellen, etwas amerikanisch hetzend, mehrfach wiederholend. Mit Querverweisungen auf amerikanische Kulturen nahm dann Muhly das Orchester zurück und gibt Jan Vogler Freiraum, in einer Art Kadenz sein Können zu zeigen, um dann zu einem furiosen Abschluss des Gesamtproduktes zu kommen.

Das Publikum spendete überwiegend freundlichen Beifall. Euphorische Kundgebungen blieben begrenzt. Insgesamt mithin ein interessantes und nicht misslungenes Experiment, zu dessen Wirkung das Orchester und Cristian Macelaru mit geduldiger und kreativer Probenarbeit vermutlich beigetragen hat.

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der "Drei Kontinente"  - hier :  mit Cristian Macelaru © Oliver Killing

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der „Drei Kontinente“ – hier : mit Cristian Macelaru © Oliver Killing

Dass Macelaru mit der noch jungen Partnerschaft zum WDR-Orchester gleich mit Beethovens massiver Es-Dur-Sinfonie außer Haus ging, hatte ich zunächst als problematisch angesehen. Aber der Erfolg des zweiten Konzertteils hat das Wagnis bestätigt. Wir konnten einen qualifizierten Klangkörper hören, der sich offenbar bereits in der ersten gemeinsamen Saison mit dem noch hoffentlich langjährigen Chefdirigenten bestens versteht und uns damit eine wunderbare „Sinfonia eroica“ verschaffte. Der Dirigent war allerdings mit seinen Kräften am Ende, so dass er die vom Gastorchester zu erbringende Zugabe wegließ und auch den ihm zugedachten Beifall abbrach.

Die Qualifizierung der Musiker ist für ein so am Rande des Musikbetriebs agierendes Orchester außergewöhnlich hoch und das Klangbild geschlossen, wenn vielleicht auch noch nicht ausgereift. Letzteres kann an der Vielfalt der bespielten Säle liegen. Die Musiker folgen exakt den gut akzentuierten Ansagen des Chefs. Derzeit noch zu bereitwillig, denn wenn Macelaru Lautstärke anzeigt, wird auch ordentlich draufgehauen. Hier fehlen noch Differenzierungen und Zwischentöne. Aber so etwas kann man sich in Dresden durchaus abschauen. Wir schauen zumindest interessiert, wie sich das WDR-Rundfunkorchester unter dem bisher unterschätzten Rumänen entwickeln werde.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Dresden, Semperoper Ballett, COW – Alexander Ekman, IOCO Kritik, 13.04.2019

April 13, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

COW –  Ballett von Alexander Ekman

– Wenn ihr nicht werdet wie die Kühe… –

von Thomas Thielemann

Eine Kuh, die stundenlang genussvoll das im Magen fermentierte Raufutter wiederkäut und wie nebenbei ihre sonstigen Grundbedürfnisse befriedigt, ist ein Symbol der inneren Ruhe. Zudem wird dabei eiweißarmes Futter in hochwertiges Fleisch und fettreiche Milch umgewandelt.

Mit der Intensivtierhaltung, unabhängig ob zur Mast oder zur Milcherzeugung, verweigert der Mensch den Rindern diese Grundbedürfnisse. Damit die Tiere nicht die Einstreu fressen, werden sie auf Gummimatten gehalten. Mit Hochenergie-Futter wird den Tieren sogar das Wiederkäuen zunehmend abgewöhnt.

 COW – Ballett von Alexander Ekman
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Diese Dramatik einer Nutztiergattung ist der eigentliche Hintergrund des Ballettabends COW in der Semperoper. Vier Kreative, an der Spitze der schwedische Choreograf Alexander Ekman hatten mit elf Szenen den Charakter dieser Lebewesen, wie „ein Symbol des Seins12.März 2016 auf die Bühne  der Semperoper gebracht. Für diese Choreographie wurde Alexander Ekman 2016 mit dem deutschen Theaterpreis „Faust“  ausgezeichnet.

Der Komponist Mikael Karlsson steuerte eine Musik bei, die vom Bundes- Jugendorchester  eingespielt, elektronisch verfremdet und neu gemischt wurde. Eine mehrere Minuten dauernde Abfolge  von „Kuh-Mooings“ erzeugt dabei eine Atmosphäre, die den Tänzern ihre Einsätze und welche Rhythmen sie halten sollen vorgeben. Die Tänzer ergänzen die Musik, indem sie sprechen, schreien und Skyler Maxey-Wert, begleitet von Caroline Beach, am Ende sogar ein Lied „Nothing Moves a Cow“ zu Gehör bringt.

Die Kostüme hat der skandinavische Modedesigner Henrik Vibskov von bizarr bis elegant den Szenen angepasst. Da sind hautfarbene enge Kostüme, schwarze Anzüge und weite weiße Röcke ergänzt durch verrückte Hüte bunt gemischt.

Ekmans dritter Partner war der amerikanische Multimedia-Experte T.M. Rives. Er dokumentierte zunächst die Entstehung des Balletts, wie die Protagonisten auf Weiden sowie in Kuhställen Milieustudien machten und sich der Tänzer Christian Bauch auf allen Vieren mit scheinbar stumpfsinnigen Gesichtsausdruck durch Betriebsräume des Semperbaus oder  Bereiche der Dresdner Innenstadt bewegt.

Semperoper Dresden / COW - Ballett von Alexander Ekmann - hier : Alice Mariani, Gareth Haw, Johannes Schmidt © T.M. Rives

Semperoper Dresden / COW – Ballett von Alexander Ekmann – hier : Alice Mariani, Gareth Haw, Johannes Schmidt © T.M. Rives

Der Einsatz von lebenden Kühen auf der Bühne war Ekman abgelehnt worden, da die Gefahr unkontrollierten Laufens und die Absonderung von Kuhpasteten höchst wahrscheinlich geworden wären, so dass lebendgroße Plastikkühe zum Einsatz kamen.

Der Ballettabend COW besteht aus elf Szenen in denen Solos, Pas de Deux und Gruppentänze abwechseln oder auch nur bewegte Tücher. Dabei werden menschliche Verhaltensformen in vielfältiger Weise tänzerisch dargestellt und von Plastik-Kühen, eine hängt ständig über der Szene, oder dem Christian Bauch, auf allen Vieren kommentiert. Da ist viel Gesellschaftskritik im Spiel, wenn Gruppenzwang, Gruppeninstinkt, das Verhalten gegenüber Individualisten und Außenseitern, das Helfen bei individuellen Schwächen sowie das Aufgehen von Paarbeziehungen in der Gruppe kommentiert werden. In der Szene „Stampede“ wird das Verhalten von Menschen  unter den Bedingungen einer Kuhstall-Unterbringung thematisiert.  Die Szene „Hufe“, bei der den Tänzern Holzklötze unter den Schuhen zur Erzeugung von Knallgeräuschen angebracht sind, glaube ich als Militär-Persiflage erkannt zu haben.

 COW – Ballett von Alexander Ekman
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Die beiden Eckszenen haben einen gewissen Schlüsselcharakter, wenn am Beginn als „Regel“ die gesellschaftliche Tretmühle im Broterwerb, den Familienbeziehungen, den alltäglichen Abläufen bis fortlaufendes Anrennen an eine Wand dargestellt und nahtlos in eine Gruppe weidender Kühe überführt wird. Mit der abschließenden Szene „Räume“ wird mit der Aufteilung der Bühnenfläche in Parzellen und deren Ausgestaltung  mit Hausrat, Gartengerät und Picknick in spießige Bereiche gesellschaftliches Umfeld persifliert.

Der zunächst als „Kuh“ das Geschehen beobachtende Christian Bauch richtet sich auf und verlässt aufrecht die Bühne. Getanzt wird auf hohem Niveau.

Wir haben seit dem Premierenabend am 12.März 2016 den immer weiter entwickelten Ballett-Abend zum dritten Mal erlebt; dabei immer neue Details entdeckt und immer wieder neu fasziniert.

Das Anliegen des Ballettabends  ist einfach zu erfassen, aber ob die Folgerung, “so wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in das Himmelreich“ wird beim Publikum kaum durchschlagen. Da ist wohl eher die Parallele zur Massentierhaltung wahrscheinlich.

Begeisterter Jubel der überwiegend jungen Besucher im fast ausverkauften Semperbau.

COW – Ballett an der Semperoper, die folgende Vorstellung dieser Spielzeit: 17. April 2019

—| IOCO Kritik Sächsische Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Platée – Jean Philippe Rameau, IOCO Kritik, 10.04.2019

April 10, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Platée – Jean Philippe Rameau – Premiere

– Höllenfahrt eines Transvestiten –

von Thomas Thielemann

Gäbe es eine Repertoire-Gerechtigkeit, so müsste der Jean Philippe Rameau (1683-1764) in den Statistiken ähnlich häufig aufgelistet sein, wie die beiden anderen Komponisten-Giganten die in den 1680er Jahren geborenen: Johann Sebastian Bach (1685-1750) und Georg Friedrich Händel (1685-1759). Dabei hat er neben Motetten, Kantaten, viel Instrumentalmusik und Opern auch als Musiktheoretiker erhebliches geleistet. Mit seiner Treatise of Harmony  ist er der Erfinder der Harmonie-Lehre.

Rolando Villazón inszeniert Platée an der Semperoper

Platée – The Making of … Rolando Villazon
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Zögerlich werden seine Opern erst im letzten Jahrzehnt wieder in Deutschland in die Spielpläne aufgenommen. Die Semperoper engagierte nun den Rolando Villazón, um die wahrscheinlich gelungenste Komposition RameausPlatée- Ballet bouffon in einem Prolog und drei Akten von Adrien-Joseph Le Valois d´Orville“ zu inszenieren. Wegen der „Ballett-Oper“, in der Gesang und Tanz fast gleichberechtigt nebeneinander stehen, brachte Villazón den französischen Choreographen Philippe Giraudeau und zur Komplettierung der Opulenz den Lichtdesigner Davy Cunningham mit nach Dresden.

Der Stoff der Handlung basiert auf einer spätantiken Überlieferung des Pausanias aus der Zeit um 170 n. Chr. und beschreibt einen Spaß, den sich die olympischen Götter mit der liebesverrückten Nymphe Platea gemacht haben sollen. Diese hässliche Kröte hält sich für unwiderstehlich und will sich in eine Liaison mit dem „Allerhöchsten“ einlassen, der aber nicht als Stier oder Schwan sondern als Einhorn bzw. Eule erscheint. Aus dieser Überlieferung entwarf der Maler, Dramatiker und Schauspieler Jaques Bureau (1657-1745) einen Operntext und verkaufte ihn aus Gründen der Geldnot an Rameau. Der ließ den Entwurf vom Amateur-Librettisten Le Valois d´Orville komplettieren. Rameau schuf eine Opernmusik, die von abgrundtiefer Tragik bis zu ausgelassener Albernheit einen Spannungsbogen der Darstellung menschlicher Gemütszustände auslotet.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Iulia Maria Dan (Thalie /Clarine), Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Iulia Maria Dan (Thalie /Clarine), Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Einsame Solokantilenen, prächtige Ensemble- und Chorszenen sind durch zahlreiche Ballette verbunden. Dabei entlockt er dem barocken Orchester immer neue Klangfarben und Tänze von überwältigender rhythmischer Vielfalt: Um des Jupiters Gattin von ihrer Eifersucht zu kurieren wird ihr vorgegaukelt, dass Jupiter beabsichtige, die im sumpfigen Reich der Frösche beheimatete hässliche Wassernymphe Platée zu heiraten. Nun hält sich die Nixe für unwiderstehlich, träumt von einer Zukunft als Göttergattin, wird aber letztlich verspottet und gedemütigt.

Für die Hochzeit des Dauphins mit der spanischen Infantin gedacht, fand der Stoff bei einer Aufführung vor einem Teil der Hofgesellschaft nur begrenzte Gegenliebe, schon weil die Prinzessin absolut keine Schönheit war und Imitationen der Stimmen von Kuckuck und Esel kaum für eine Huldigung am Versailler Hof Ludwig XV. geeignet waren. Eine öffentliche Aufführung erfolgte am 9. Februar 1649 an der Pariser Opera.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Andreas Wolf als Jupiter, Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Andreas Wolf als Jupiter, Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Rolando Villazóns Inszenierung ist so, wie wir ihn kennen: locker, schräg und ordentlich durchgedreht. Dazu eignete sich der Handlungsbereich in der Welt der Götter und der Nymphen. Die Handlung, von Haus aus verfremdet, bedient so ziemlich jedes Vorurteil und charakterisiert so menschliches Verhalten, ohne erhobenen Zeigefinger. Es gelingt so der Regie, das schwierige Thema des Mobbings locker auf die Bühne zu bringen. Denn letztlich ist Platée eine als Komödie verkleidete Tragödie. Und so vermischt Villazón auch die antagonistischen Götter, Amour als Gott der Liebe mit dem Gott der Satire Momus.

Die Tänze, in der französischen Oper eigentlich Einlagen, sind gut in die Handlung verknüpft, so als Fantasie-Gebilde der Titelrolle, während Platée mit Puppen spielt. Sie bringen das Geschehen voran, schaffen einen Fluss von Gesang und Tanz.

Platée – The Making of … Dirigent Paul Agnew
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Die weibliche Titelrolle hatte der Komponist einem hohen Tenor zugeschrieben. Das entsprach durchaus der üblichen Opernpraxis der Zeit. Villazón zeichnet Platée konsequent ohne Wenn und Aber als Transvestiten. Er zeigt seine Verwandlung vom Mann zu einer selbstbewussten Frau, die eben nur im Körper eines Mannes versteckt ist. Ihre Fähigkeit zur Fantasie ermöglicht das zu akzeptieren, was aber ihre Mitwelt nicht so anzunehmen bereit ist. Die Regie überlässt dem Zuschauer die Entscheidung, ist Platée verrückt weil sie Frau im Körper eines Mannes ist? Oder ist die Gesellschaft verrückt, weil sie damit ein Problem hat?  Die Lockerheit und das Komische der Inszenierung verleitet zum Lachen über Platée, aber es ist ein grausames Lachen.

Die Bühne, hervorragend zweckmäßig von Harald Thor entworfen, ist ständig voller Menschen: Zwischen den Sängern, den Ballett-Tänzern und den Hauptfiguren kann sich der Zuschauer kaum langweilen. Dazu passten die wunderbar schrägen Kostüme von Susanne Hubrich Die musikalische Leitung war dem Spezialisten für die französische Barockmusik Paul Agnew übertragen worden, der selbst mehrfach als Platée auf der Bühne gestanden hat.

Den Musikern der Staatskapelle gelingt, obwohl die Barockmusik nicht zur Kernkompetenz des Orchesters gehört, eine Wiedergabe auf höchstem Niveau. Das Orchester hat Rameau im Jahre 1769 zum letzten Mal gespielt. Aber den Profis werden dem tänzerischen Ungestüm der Musik und dem barocken Klangbild in jedem Moment gerecht.

Die weibliche Titelrolle hatte der bereits als Platée erfahrene Philippe Talbot (Foto) übernommen. Seine Stimme war nicht ausgesprochen farbenreich, aber seine schauspielerischen Leistungen ließen seinen begrenzten Gesang vergessen. Neben ihm mit gesunder Kompaktheit und unverstellter Direktheit als König der Götter Jupiter der Bass-Bariton Andreas Wolf (Foto). Dazu seine Gattin Juno lyrisch mit leuchtendem Sopran Ute Selbig. Die Muse der Komödie Thalie und die Magd der Platée bot die rumänische Sopranistin Iulia Maria Dan (Foto) mit wunderschöner samtiger Stimme ungewöhnlich durchsetzungsfähig.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Ensemble © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Ensemble © Ludwig Olah

Im Prolog agierte als Erfinder der Komödie Thespis und im Spiel als Bote-Gott Mercure mit skurriler Liebenswürdigkeit, umwerfendem Charme, sängerisch und schauspielerisch glanzvoll der englische Tenor Mark Milhofer. Einen fast magisch-hemmungslosen Auftritt als Gott der Satire Momus schafft mit dem Wenigen, was er zu singen hat, der Ensemble-Bassbariton Sebastian Wartig.

Mit immens spielerischem Einsatz und einem fast protzenden prächtigen Bariton verkörperte Giorgio Caoduro den König der Berge Cithéron und im Vorspiel einen Satyr, neben ihm mit gesunder Kompaktheit und unverstellter Direktheit der König der Götter Jupiter, der Bass-Bariton Andreas Wolf. Einen zauberhaften Amor konnten wir von der Sopranistin des Jungen Ensembles Tania Lorenzo erleben.

Die erfahrene Interpretin des Barockrepertoires Inga Kalna beherrschte als die lebenslustige La Folie mit überwältigender Stimme und lasziver Darstellung die Bühne. Zudem war der allgegenwärtige Staatsopernchor, fantastisch geleitet von Cornelius Volke, egal ob als ein Chor von Fröschen oder kontrapunktisch, immer beeindruckend.

In der Pause sah man einige ratlose Gesichter; es blieben im zweiten und dritten Akt einige Plätze frei. Zum Schluss gab es einhelligen Jubel für Regieteam, Sänger-Darsteller und Tänzer/innen.

Platée an der Semperoper; die folgenden Termine dieser Spielzeit 11.4.; 16.4.; 23.4.; 29.4.2019

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Dresden, Semperoper, Die verkaufte Braut – Bedrich Smetana, IOCO Kritik, 14.03.2019

März 14, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Die verkaufte Braut  –  Bedrich Smetana

 Mariame Clément inszeniert – Die Emanzipation der Marie ging unter

von Thomas Thielemann

Der  Librettist der Oper Die verkaufte Braut, Karel Sabina (1813-1877), war ein glühender Patriot und radikaldemokratischer Journalist. Wegen seiner exponierten Teilnahme an den 1848er Aufständen war er nach deren Scheitern zum Tode verurteilt und später zu lebenslangem Kerker begnadigt worden. Nach vorzeitiger Entlassung, ständig unter Polizeiaufsicht, hatte er in seiner bittersten finanziellen Not den Erpressungen der k.u.k.-Polizei nachgegeben und sich als Informant anwerben lassen.

Ein fröhliches Bühnenwerk mit einem tragischen Hintergrund

Der Schriftsteller Max Brod (1884-1968) hat durch Aktenstudium nachgewiesen, dass Sabinakein einziges wirklich belangreiches Faktum aus dem Schatze seines unbegrenzten Wissens um Personen und Handlungen der tschechischen Unabhängigkeitsbewegung preisgegeben hat“. Von Max Brod stammt auch die zunächst verblüffende, letztlich aber naheliegende Hypothese, Sabinas Selbstverteidigung seines Verrat sei im Libretto, das er 1864 für den Musikkritiker und Dirigenten Bedrich Smetana (1824-1884) geschrieben hat, bereits vorgezeichnet und gerechtfertigt gewesen: „Jenik verkauft seine Braut, aber liefert sie nicht“

Making-of Die verkaufte Braut
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„Denk nur nach, o Marenka, denk genau“ wendet sich „Jenik-Sabina“ in Brods Version durch das Libretto an die Nation, „wie kann man glauben, dass ich dich verkauft hab, o Geliebte“ an das Publikum. Damit gibt er einen deutlichen Hinweis, wie seine nutzlosen Berichte an den Prager Polizeirat  Javurek-Kezal zu verstehen seien. Selbst Hinweise auf Sabrinas ständige Geldnot finden sich im Libretto, denn Jenik trachtet mit seiner Finte, den Brauteltern aus den Schulden zu helfen. Letztlich zahlte ihm Smetana ganze 20 Gulden für das Opernlibretto. Für eine Arbeit, die ein Welterfolg werden sollte.

Als 1872 Sabina enttarnt worden war, verhinderte die verschlüsselte Selbstverteidigung seine allgemeine Ächtung nicht, schadete aber keineswegs dem Erfolg der Oper, dass ihr Libretto von einem „Verräter“ stammte.

Semperoper Dresden / Die verkaufte Braut - hier : Hrachuhí Bassenz als Marie, Pavol Breslik als Hans © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die verkaufte Braut – hier : Hrachuhí Bassenz als Marie, Pavol Breslik als Hans © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Folge ich den Gedanken  des Max Brod, so erhält auch die Aversion der Mariame Clément gegen eine Fokussierung der Inszenierung der Oper auf das Folkloristische ihre Berechtigung. Den breiten Erfolg und seine Benennung als die „tschechische Nationaloper“ verdankt das Werk aber zweifelsfrei dem farbigen Chorgesang, den rasanten Volkstänzen und den einprägsamen Charakterisierungen des Bedrich Smetana. Als er die Oper komponierte, konnte er kaum von den Gewissensqualen seines Librettisten wissen. Selbst in der Gegenwart muss man noch graben, um auf den vermutlichen Ursprung des Sujets zu stoßen: dass sich hinter der Fröhlichkeit des Bühnengeschehens eine individuelle Tragödie verbirgt.

Die erste Fassung des Werkes von 1866, ein zweiaktiges Singspiel mit gesprochenen Dialogen hatte zunächst wenig Erfolg. 1871 auf drei Akte und mit Rezitativen erweitert, erlangte die Oper 1893 mit der Übersetzung von Max Kalbeck ihren internationalen Durchbruch in Berlin und Wien.

Dass die Vorstellungen in den deutschen Häusern abweichend von den sonstigen Üblichkeiten nicht in der Originalsprache gesungen werden, ist dem Sprachrhythmus des Tschechischen mit seiner starken Betonung der ersten Silben geschuldet. Erst Leos Janacek hat seinen Opern mit, von der griechischen Tragödie abgeleiteten Versformen, den natürlichen Sprachrhythmus der tschechischen Sprache verschafft.

Die Dresdner Inszenierung wird mit einer bühnenwirksamen Übersetzung  des 1913 in Böhmen geborenen Musikwissenschaftlers Kurt Honolka dargeboten. Offensichtlich sind in diese Fassung auch Eingriffe des Felsenstein-Assistenten Carl Riha (1923-2012) und Winfried Höntsch eingeflossen, denn beide haben von den 1950er bis zu den 1980er Jahren den sächsischen Opernbetrieb wesentlich beeinflusst, wenn nicht sogar bestimmt.

Semperoper Dresden / Die verkaufte Braut - hier : Tänzerinnen und Tänzer © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die verkaufte Braut – hier : Tänzerinnen und Tänzer © Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Die Regisseurin Mariame Clément hatte die Handlung aus der Zeit um 1865 in die 1980er Jahre verschoben, eigentlich, um der starken Frauenfigur der Marie mehr Möglichkeiten ihrer Entfaltung zu bieten. Spürbar wurde das aber kaum. Die  Personenführung der Protagonisten bewies das handwerkliche Können der Regie, selbst wenn einige für die Handlung wesentliche Szenen etwas zu beiläufig über die Rampe kamen. Vor allem die Sprachverständlichkeit der Sänger war richtig in Ordnung. Die vielleicht bedeutsamen Hintergrundaktivitäten und die Lichteffekte erreichten ihre Wirkung kaum. Trotzdem war die Inszenierung kein großer Wurf, eine vertane Chance das Anliegen der Frau Clément bühnenwirksam umzusetzen.

War man durch das Bühnengeschehen doch etwas irritiert, so bestand mit der  musikalischen Umsetzung die Gefahr, dass für einen großen Teil der Premierengäste das Gebotene zu einer Folge von Darbietungen eines Wunschkonzertes wurde. Reihte sich doch Ohrwurm und Bekanntes, nur von den Rezitativen unterbrochen, aneinander. Folglich wurde auch mehrfach der Handlungsfaden durch allerdings müden Szenenbeifall unterbrochen.

Für die  musikalische Leitung der Premiere war Tomáš Netopil gewonnen worden. Der in Mähren geborene, damit mit der böhmischen Musik bestens vertraute, ist auch mit  den Musikern der Staatskapelle seit langem verbunden. Noch mit der Ouvertüre begann den Abend mit einem ordentlichen Tempo ohne dabei  die wunderbaren Details der Komposition zu unterschlagen. Die musikalische Gestaltung des szenischen gelang ihm ebenso „böhmisch“ im besten Sinne, ohne das folkloristische übertreiben. Schließlich befanden wir uns im Opernhaus und nicht auf einem Volksfest. Den Melodien verschafft er ausreichend Raum, nahm sich ausreichend Zeit und führte das Orchester Sänger-freundlich. Damit gingen aber im Verlaufe der Vorstellung die Frische, das Flotte der Melodien verloren. Irgendwie erkannten wir unsere Staatskapellen-Musiker nicht wieder.

Making-of Die verkaufte Braut
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Für die musikalische Umsetzung standen  Tomáš Netopil für nahezu alle Rollen recht gute Sänger zur Verfügung: Mit Spannung war das Rollendebüt der armenischen Ensemble-Sopranistin Hrachuhi Bassénz erwartet, die mit ihrem jugendlich-farbenreichen Gesang bezauberte. Das  der Marie von der Regie verordnete Selbstbewusstsein konnte ihre Darstellung nicht vermitteln. Letzlich begrenzte sie ihre Emanzipation, indem sie den Blaumann mehrfach mit einer Kellnernerinnentracht wechselte und einen kaum wahrnehmbaren Schwangerschaftstest vornahm. Dabei gestaltete sie Maries große Arie, in der sie sich von ihrem Liebestraum verabschiedet, zu einem der emotionalen Höhepunkte des Abends.

Ihr zur Seite,  der  aufschneiderische Heiratsvermittler Kezal Tijl Faveyts, ein Hausdebütant. Mit seiner hervorragenden Bühnenpräsenz, dem markanten, gut fokussiertem Bass und seiner vorgetäuschten Freundlichkeit wurde er zum  Schwergewicht der Aufführung. Pavol Breslik als  Hans, Tenor, gut aussehend und schlau bot eigentlich vom Beginn an den Traum-Schwiegersohn. Aber es dauerte bis zum dritten Akt, bevor das auch die etwas dümmlichen Brauteltern  begreifen konnten. Breslik singt unangestrengt, leicht und verführerisch, aber nicht überragend.

Der stotternde  Wenzel, berührend, mit schönem Tenor und engagiertem Spiel von Benjamin Bruns verkörpert, gehört zweifelsfrei zu den Pluspunkten der Aufführung. Stimmlich und darstellerisch überzeugend gut  besetzt waren die Brauteltern  Sabine Brohm als Ludmila und Matthias Henneberg als Kruschina. Dazu das finanziell besser ausgestattete etwas arrogante „Elternpaar“ des künftigen Gatten, der körperlich und gesanglich auftrumpfende Tilmann Rönnebeck als Micha und seine gesanglich zurückhaltende Ehefrau Michal Doron als Hata.

Zu einem musikalischen Glanzpunkt hatte sich das konsequent verdichtete Sextett im dritten Akt gestaltet. Etwas herausragend die Tänzerin Esmeralda der Tahnee Niboro und der komödiantische Chao Deng als Indianer. Ordentlich auch Barry Coleman vom „Jungen Ensemble“, der mit leichtem kultiviertem Tenor den Zirkusdirektor verkörperte.

Nicht zu vergessen, die in bester Volkstümlichkeit vom exzellenten Chor und dem hinreißenden Ballett abgerundeten Szenen. Hier hatten Mathieu Guilhaumon als Choreograf und Cornelius Volke mit dem Chor eine hervorragende Arbeit geleistet. Das Bühnenbild und die Kostüme  von Julia Hansen passten ordentlich zum Regiekonzept.

Es wurde freundlich Beifall gespendet und auch von mehreren Stellen kräftig, nicht unberechtigt, „Buh“ gerufen.

Die verkaufte Braut an der Semperoper Dresden; die weiteren Termine 16.3.; 22.3.; 25.3.; 25.4.; 28.4.; 2.5.2019 und mehr

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