Dresden, Sächsische Staatskapelle, Camille Saint-Saëns  –  Gustav Mahler, IOCO Kritik, 18.09.2019

saechs_staatskapelle.jpg

Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle – Sol Gabetta – Daniele Gatti   

Camille Saint-Saëns  –  Gustav Mahler

von Thomas Thielemann

Dem Komponisten Charles Camille Saint-Saëns (1835-1921) sagten Zeitgenossen nach, dass er von keiner Leidenschaft geplagt gewesen sei. Nichts habe die Klarheit seines Verstandes getrübt. Er wäre von Anfällen krankhafter Müdigkeit geplagt gewesen, verfügte aber andererseits über einen wunderlichen Humor und einen kapriziösen Geschmack für Parodien, Burlesken, Possenhaftem. Zugleich trieb ihn eine ruhelose erregte Laune durch die Welt, was ihn zu vielfältigen, zum Teil exotischen Kompositionen anregte, die sein vagabundierendes Denken über Epochen und Landschaften widerspiegelten. Seine Musik zeichnet sich besonders durch handwerkliche Meisterschaft, formale Strenge und Eleganz des Klanglichen aus.

Sächsische Staatskapelle Dresden – 2. Symphoniekonzert 2019/20

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert - hier : Sol Gabetta © Markenfotografie

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert – hier : Sol Gabetta © Markenfotografie

Sein Violoncello-Konzert a-Moll op. 33 von 1872 ist für jeden Solisten ein Paradestück und sehr beliebt. Statt der üblichen dreisätzigen Konzertform strukturierte Saint-Saëns seine Arbeit in einem Satz, der allerdings drei eng verbundene Ideen enthält. Im 2. Symphoniekonzert der Saison 2019/20 spielte die Capell-Virtuosin der laufenden Saison Sol Gabetta das Konzert mit der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Daniele Gatti. Beide haben als Gastmusiker schon des Öfteren im Semperbau mit großem Erfolg musiziert, so dass es keine Berührungsprobleme zu überwinden gab. Auch gehört Sol Gabetta inzwischen mit ihrem virtuosen kraftvollen Spiel und ihrer enormen Bühnenpräsenz zu den eindrucksvollsten Musikerinnen unserer Zeit. Mit einem Lächeln im Gesicht meisterte sie die enorm anspruchsvollen Schwierigkeiten  des Soloparts, insbesondere im letzten Abschnitt des Konzerts. Berückend bot sie auch die Kadenz im Menuett-Mittelteil. Dazu kam der warme Klang ihres Instruments, das 1730 in der Werkstatt des Cello-Spezialisten Matteo Goffriller in Venedig gebaut worden ist.

Das Familiengrab von Camille Saint-Saens in Paris © IOCO

Das Familiengrab von Camille Saint-Saens in Paris © IOCO

Daniele Gatti begnügte sich mit einer dienenden Rolle und ließ die Solistin überwiegend im dramatischen und musikalischen Vordergrund. Er führte die Musiker der Staatskapelle einfühlsam und flexibel, bot so die Gegenmelodien zurückhaltend.

Besondere Begeisterung entfachte die Zugabe der Solistin und des Orchesters mit Gabriel Faurés  „Plays Aprés un rêve“.

Nach der Pause folgte dann Gustav Mahlers fünfte Symphonie. Mit keiner seiner Kompositionen plagte sich Mahler mit der Instrumentierung so, wie bei diesem Werk. Nach den Symphonien zwei, bis vier war das nächste Werk dieser Gattung das erste ohne Einbeziehung der menschlichen Stimme. In den Sommerferien 1901 und 1902 konzipiert, 1903 erstmals instrumentiert, fand die Uraufführung 1904 statt. Die heute dargebotene Instrumentierung ist allerdings eine Mahler-Überarbeitung aus seinem Sterbejahr 1911.

Die Verwendung des Adagietto als Filmmusik in Viscontis  “Tod in Venedig“ hat massiv zur Popularität der Komposition beigetragen, so dass sie heute eine der beliebtesten und am häufigsten aufgeführte Symphonie Mahlers ist. Das Werk ist voll von Themen, Gegenthemen, schnellen Stimmungswechseln und hat einen gewaltigen Dynamikumfang. Gatti gelingt mit den Musikern aber auch ein Spiel mit Weichheit und Transparenz. Hervorragend werden die langen Passagen von den Blechbläsern der Kapelle freigelegt. Bei der Häufigkeit der unterschiedlichen Interpretationen war es für Gatti schwierig, Besonderheiten, die auch seinem Stil entsprechen, in der Darbietung unterzubringen. Die Anklänge an Bachs Polyphonie waren beeindruckend. Der erste Satz wurde an der Grenze des von Mahler gewünschten gemessenen Schrittes gespielt, bevor sein Dirigat Fahrt aufnahm. Der Wirkung des zweiten Satzes bekam, zumindest nach meinem Empfinden, die von Daniele Gatti vorgegeben Tempo- und Intensitätswechsel recht gut.

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert - hier : Daniele Gatti © Markenfotografie

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert – hier : Daniele Gatti © Markenfotografie

Das Scherzo, nach des Komponisten Einteilung bereits der II. Abteilung zugehörig, bot Daniele Gatti mit den verblassenden Erinnerungen des Lebens den Abschluss einer Entwicklung. Denn fast plötzlich ist das Adagietto als das Markenzeichen jeder Interpretation und als Ruhebereich von Mahlers „fünfter“ da. Gatti versuchte mit seinem Dirigat die Hörerwartungen gerade zu rücken, um beim Publikum die Kino-Assoziationen aus dem Kopf zu bekommen und so ein Abgleiten in die Liebeserklärung an Alma Schindler zu vermeiden. Dazu nutzte er die melodischen Wendungen an das Rückert-Lied „ Ich bin der Welt abhandengekommen“. Letztlich gestaltete Gatti, von den flexiblen Streichern des Orchesters unterstützt, ein Atemholen vor dem unmittelbar angeschlossenen Finale.

Zunächst finden Dirigent und Staatskapelle fast zögerlich den Bewegungsrhythmus mit seinen rudimentären Motiven. Dann aber ließ Daniele Gatti die Musik Mahlers für sich sprechen und führte zum jubelnden Finale. Frenetischer Beifall des doch recht erschöpften Publikums für das Gebotene.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Semperoper,  Eröffnungskonzert – Sächsische Staatskapelle Dresden, IOCO Kritik, 04.09.2019

saechs_staatskapelle.jpg

Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Eröffnungskonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden

 Ein Höllenritt mit Yuja Wang und Myung-Whun Chung 

von Thomas Thielemann

Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert d-Moll op. 30 gehört zu den Rekordhaltern berüchtigter Musikstücke. Unspielbar und Elefantenkonzert sind die häufigsten dem Werk angehängten Bezeichnungen. Mit dem Konzert wird ein Niveau der erforderlichen pianistischen Virtuosität erreicht, das in der Folge sinnvoll kaum steigerungsfähig ist. Im Klavierpart hat das Rach. 3 von den großen Klavierkonzerten die meisten Noten pro Sekunde. Unter dem Druck des technisch hochkomplizierten Werkes soll der durch eine schizoaffektive Störung vorgeschädigte  australische Pianist David Helfgott 1970 sogar den Verstand verloren haben. Inzwischen spielt er zwar das Konzert wieder. Mit einem über Helfgotts Comeback gedrehtem Film:„Shine-Der Weg ins Licht“ gelangte  das 3. Klavierkonzert in die Lichtspielhäuser der Welt und damit auch zu breiter Popularität.

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Der sechsunddreißig jährige Pianist Rachmaninow war 1909 zu einer Tournee in die Vereinigten Staaten eingeladen worden. Da sein 2. Klavierkonzert in den USA nur verhalten aufgenommen worden war, er aber auf einen finanziellen Erfolg des Gastspiels angewiesen war, beschloss er, mit einem neuen Konzert anzureisen. Im April 1909 verließ die Familie Dresden und zog sich auf das Familiengut der Rachmaninows Iwanowka zurück. Unter extremen Zeitdruck komponierte er sein d-Moll-Konzert, weil bereits im November Tourneebeginn vertraglich vereinbart war. Am 23. September war die Komposition soweit fertig, so dass der Komponist die Überfahrt nutzen konnte, auf einem stummen Klavier den Solopart des „Konzertes für einen Elefanten“ zu üben. Am 28. November 1909 fand dann in der Carnegie Hall die Uraufführung mit dem Solisten Rachmaninow und dem New York Symphony Orchestra  unter Walter Damrosch statt. Die Kritik bemängelte etwas ratlos, dass dem Konzert Rhythmus und harmonische Kontraste fehle. Erst die Aufführung des Konzertes mit dem New York Philharmonic unter Gustav Mahler  am 16. Januar 1910 brachte, allerdings nach intensiver Probenarbeit des Pianisten Rachmaninow, den Erfolg.

Im ersten Symphoniekonzert der Saison 2019/20  bot Yuja Wang das Konzert mit der Staatskapelle und deren ersten Gastdirigenten  Myung-Whun Chung. Die Pianistin haben wir inzwischen mehrfach als technisch auf höchstem Niveau agierende Virtuosin kennen gelernt. Aber mit philosophischem Tiefgang war sie zumindest mir bisher nicht aufgefallen. Mithin war sie mit ihrer extremen Leichtigkeit des Spieles und ihrer Intensität bei der Bewältigung des oft halsbrecherischen Tempos der Partitur die ideale Interpretin des Virtuosen-Stückes. Auch wenn sich gelegentlich der Eindruck einstellte, dass es sich beim Konzert um Kampfsport handele. Mit ihrer unwahrscheinlichen Technik jagte sie durch die schnellen Passagen des Konzerts und trieb das Orchester vor sich her.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Myung-Whun Chung  begleitete das ungestüme Klavierspiel mit den Musikern der Staatskapelle nuanciert, pünktlich und lebendig. Er rundete so die Interpretation in vollkommener Form ab und verschaffte uns damit einen lebendigen Saisonauftakt.

Im zweiten Konzert-Teil der Saisoneröffnung brachte Myung-Whun Chung mit der Staatskapelle die zweite Sinfonie von Johannes Brahms zu Gehör.

Während sich Johannes Brahms mit seiner ersten Symphonie von, der ersten Planung 1854 bis zur Uraufführung im November 1876, regelrecht herumgeplagt hatte, konzentriert sich, (zumindest nach unserem Wissen über die Arbeit an der zweiten Symphonie), die Entstehung auf das Jahr 1877. Weil Brahms keine Kompositionsskizzen hinterließ, ist die Entstehungsgeschichte nur von Briefen und Äußerungen des Komponisten abzuleiten. Danach entstand die Symphonie vor allem während eines Sommer-Aufenthalts im Juni 1877 in Pörtschach am Wörthersee. Im September begab sich Brahms anschließend, wie seit1865 in jedem Jahr, nach Lichtenthal bei Baden –Baden.

Dort hatte 1862 Clara Schumann ein Haus gekauft, um sich zwischen ihren anstrengenden Konzert-Tourneen, die üblicherweise vom Oktober bis zum Mai dauerten, zu erholen und sich mit ihrer Familie sowie Freunden zu treffen. Für Brahms war im Haus unter dem Dach eine Wohnung mit zwei Zimmern eingerichtet. Nach Berichten der Schumann-Töchter sei Brahms 1877 recht mürrisch gewesen, was auf seine unglückliche Situation in der Hausgemeinschaft zurückgeführt werden könnte. Er gehörte zwar wie selbstverständlich zur Familie, nahm aber keine eindeutige Stellung, weder als Ehemann noch als Sohn, ein. „Wir Kinder hatten Brahms  alle sehr gern, aber wir behandelten ihn wie einen, der eben da ist“, erinnert sich die Tochter Eugenie. Clara und Johannes musizieren zusammen, gehen spazieren und essen gemeinsam, fanden aber nicht mehr zueinander, nach dem sie beide bereits 1856 beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen.

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Am 24. September berichtet Clara Schumann, Brahms habe eine neue Symphonie fertig. Die Uraufführung des Werkes fand am 30. Dezember 1877 in Wien unter der Leitung von Hans Richter statt. Ab dem 10. Januar 1878 ging Brahms mit seiner Schöpfung von Leipzig auf eine erfolgreiche Tournee.

Die Symphonie D-Dur op. 73 wird häufig als heiter, natürlich und pastoral charakterisiert. Tiefere Analysen unterstellen aber Johannes Brahms eine ambivalente Haltung zur Naturpoesie. Er selbst berichtete von melancholischen Stimmungen, so dass der Begriff der „gebrochenen Idylle“ das Werk besser beschreibt. Auch zweifelt man inzwischen an, dass Brahms zunächst die Ecksätze und erst zum Schluss die Mittelsätze komponiert habe.

Intensiv führte Chung die Musiker im gesamten ersten Satz in einem großen Spannungsbogen durch die Partitur. Dabei entstand die Spannung vor allem durch ein ungewöhnlich strikt gleichmäßiges Tempo, ohne die kraftvolle Steigerung in der Durchführung des zweiten Themas zu vernachlässigen. Das Adagio non Troppo begann mit einer wehmütigen klangvollen Kantilene der wunderbaren Violoncelli-Gruppe der Staatskapelle. Chung formte in der Folge die brahmssche Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren als eine Naturidylle und bringt dabei die dunklen Farben und grüblerischen Momente auf das Eindrucksvollste zur Geltung.

Mit dem  dritten Satz „Allegro grazioso“ lockert Myung-Whun Chung die Bedeutungsschwere  der beiden ersten Sätze behutsam auf. Mit dem Finale betonte er aber wieder das brahmssche Grübeln und die Tiefsinnigkeit. Der Schluss wurde damit nicht zum Jubel, sondern eher zu einem fiebrigen Ausklang.

Wie schon so oft, begeisterte Myung-Whun Chungs Dirigat mit seiner Detailgenauigkeit, der Präzision und seiner Energie. Er hatte aber offenbar begriffen, dass nach dem Rachmaninow-Feuerwerk die Besucher eher etwas gedämpft waren und schickte sein Publikum mit einem fulminant vorgetragenen  „Ungarischen Tanz“ nach Hause.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Semperoper, Staatskapelle Dresden würdigt George Enescu, IOCO Kritik, 04.09.2019

semperoper_neu_2.jpg

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden würdigt George Enescu

Laura Aikin singt „Sept Chansons de Marot“

von Thomas Thielemann

Die Staatskapelle Dresden ist für den 9. September 2019 mit einem Konzert unter der Leitung seines Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung zum Enescu-Festival in Bukarest eingeladen. Die amerikanische Sopranistin Laura Aikin wird dort Georges Enescus „Sept Chansons de Clément Marot“ op. 15 für Singstimme und Kammerensemble“ vortragen.

Gewissermaßen als Generalprobe für das Rumänische Gastspiel hat man am 2.9.2019 in der Semperoper im zweiten Abendkonzert der Saisoneröffnung das Rachmaninow-Klavierkonzert durch den Enescu-Liederzyklus und die Ouvertüre zum Freischütz ersetzt.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Für viele Musikinteressierte gilt George Enescu (1881-1955) als der bedeutendste rumänische Komponist. Er war aber vor allem ein gefragter Geiger und Dirigent. Sein eher kleines kompositorisches Schaffen ist vor allem einem impressionistischen und folkloristisch geprägten Neoklassizismus zuzuordnen, nachdem seine frühen Kompositionen von Richard Wagner und Franzosen seiner Zeit beeinflusst waren.

Aus dem reichen Schaffen des französischen Lyrikers Clément Marot (1496-1544) wählte Enescu  1908 sieben  Gedichte in altfranzösischer Sprache aus, die das Liebesverlangen und die unerfüllte Liebe thematisierten. Der vom reformistischen Gedankengut Martin Luthers beeinflusste Marot lebte über längere Zeit am französischen  Hofe, war aber ob seiner spöttischen Zunge und einem recht lockeren Lebenswandel mehrfach in die Mühlen der Justiz geraten. Das offenbar 1526 entstandene „Ein Geschenk für Anne“ bezieht sich auf seine Verliebtheit in Anne d´Alencon, einer Nichte des damals bereits verstorbenen Herzogs von Alencon. Im zweiten Chanson „Du machst mich weg“ singt er: „mehr zu sterben als mein Denken zu ändern“. Das dritte Chanson „An die Damen, die zu faul sind an ihre Freier zu schreiben“ zitiert: „wenn du so rebellisch bist, Viel Glück, gute Nacht“. Die weiteren ausgewählten Dichtungen „Das Geschenk der Rose“, „Ein weißes Geschenk“, „Wechseln wir das Thema, es ist genug Liebesgesang“ und zur siebten „Der Mann des Leidens“.

Enescu fühlte sich Marot geistesverwandt, weil beide von unterschiedlichen Kulturen beeinflusst waren. Während Enescu von Einflüssen seiner Heimat Rumänien, von Wien und Paris geprägt war, inspirierten Marot italienische und französische Dichtungen seiner Zeit

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Die musikalischen Umsetzungen der Gedichte reichen vom einfachen bis zum aufrichtig impressionistischen Stil. Sie präsentieren die Entwicklung der Geschmacks- und Stilvaribilität Enescus in seinen späten Jugendjahren. Es wird vermutet, dass Enescu jede der Vertonungen einem Künstler oder einer Künstlerin seines Umgangs gewidmet habe. So sei „Ein weißes Geschenk“ der Sängerin Maggie Teyte von der Opera Comique, mit der Enescu 1906 eine Affäre hatte, zugedacht. Der mit einigem hintergründigen Humor bepackte Liederzyklus wurde 1908 in Paris uraufgeführt.

Mit ihrer anmutigen und beweglichen Sopranstimme bewegte sich Laura Aikin sicher durch die vielfältig strukturierten Texturen der doch unterschiedlichen Chanson-Vertonungen. Von rein und luftig reichten ihre Modulationen zu hart und kantig, aber immer mit klarem hellen Timbre. Fast mühelos meisterte Sie die Probleme des schwierigen Alt-Französisch. Ihre Interpretationen vereinigten Spritzigkeit mit Schwere und Reife. Sensibel und Eindrucksvoll wird der Gesang der Frau Aikin von einem Kammerensemble der Staatskapelle Dresden unter dem engagiert dirigierenden Myung-Whun Chung begleitet und unterstützt.

Staatskapelle Dresden / Laura Aikin und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Laura Aikin und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Die nicht häufig im Konzertsaal zu hörenden Chansons wurden trotz der hervorragenden Leistungen der Interpreten vom Abonnenten-Publikum nur mit freundlichem Beifall bedacht. Offenbar war das Werk nur wenigen Besuchern bekannt gewesen. Auch war im Saal eine Vielzahl von Plätzen frei geblieben

Eingerahmt wurden die sieben Chansons nach Clément Marot von Carl Maria von Webers Ouvertüre zur Oper Der Freischütz und der zweiten Symphonie D-Dur op. 13 von Johannes Brahms.

Auch der Brahms-Symphonie folgte nur ein begrenzter Applaus. Rechte Begeisterung regte bei den Konzertbesuchern erst ein Ungarischer Tanz als Zugabe des Orchesters.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Semperoper, Gustav-Mahler-Jugendorchester mit Herbert Blomstedt, IOCO Kritik, 03.09.2019

September 3, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, SemperOper

semperoper_neu_2.jpg

Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Das Gustav-Mahler-Jugendorchester – unter Herbert Blomstedt

– Junge Talente treffen auf Jahrzehnte Pulterfahrung –

von Thomas Thielemann

Nachdem 1976 das Jugendorchester der Europäischen Union seine Tätigkeit aufgenommen hatte, bemühte sich eine Gruppe um Claudio Abbado (1933-2014), das gemeinsame Musizieren auch jungen österreichischen Musikern mit Kollegen aus der Tschechoslowakei und Ungarn zu ermöglichen. Im Jahre 1978 wurde deshalb  das European Community Youth Orchestra gegründet, um freie Probespiele in Ländern des Ostblocks zu ermöglichen. 1986 formte Abbado aus der zunächst lockeren Vereinigung das Gustav Mahler Jugendorchester, das seit 1992 für junge Musiker bis zum 26. Lebensjahr aus ganz Europa zugänglich wurde. Damit war das einzige internationale Jugendorchester, das künstlerisch und organisatorisch unabhängig von öffentlichen, institutionellen sowie privatwirtschaftlichen Trägern tätig ist, entstanden. Seine Tätigkeit ist nicht gewinnorientiert und gilt heute als besondere Talentschmiede für europäische Orchestermusiker.

Alljährlich bewerben sich über 2000 Musiker, von denen die talentiertesten in die Orchesterprojekte, den Auftritten in renommierten Konzertsälen und führenden Festivals, einbezogen werden. Dann arbeiten sie mit den bedeutendsten Dirigenten und Solisten unserer Zeit zusammen und sammeln so Erfahrungen, die für ihre künftige Laufbahn als Profi-Musiker entscheidend werden können. Musiker der sächsischen Staatskapelle, so der 1. Konzertmeister Matthias Wollong, die Solooboistin Céline Moinet, der Solokontrabassist Petr Popelka und zwölf weitere jetzige Mitglieder sind über das Jugendorchester nach Dresden gekommen. Auch in der Dresdner Philharmonie sind acht „Ehemalige“ tätig.

Im sächsischen Konzertleben hat das Gustav-Mahler-Jugendorchester inzwischen

Semperoper / Gustav Mahler Jugendorchester mit Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Semperoper / Gustav Mahler Jugendorchester mit Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

einen festen Platz. Mit der Sächsischen Staatskapelle verbindet das Orchester  ein Kooperationsvertrag.

Das Konzert am 1. Semper 2019 im Semperbau war eine Hommage an ein Konzert vom 8. September 2010 mit dem gleichen Dirigenten Herbert Blomstedt, dem identischen Solisten Christian Gerhaher und einem vergleichbaren Programm: Lieder eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler und der 9. Symphonie von Anton Bruckner.

Nun traf wieder die jahrzehntelange Pulterfahrung auf den jungen Künstlernachwuchs. Auch einer der profiliertesten Lied- und Konzertsänger Christian Gerherhar gestaltete wieder einen Teil des Konzerts, diesmal am Beginn des Abends mit den „Rückert-Liedern“ von Gustav Mahler.

Friedrich Rückert (1788-1866) war als Sprachgelehrter, der sich mit über 40 Sprachen beschäftigt hatte, einer der Begründer der deutschen Orientalistik und ein unwahrscheinlich kreativer Dichter. Mit seinen Gedichten kompensierte er seine Gefühlswelt. Nach dem Scharlach-Tode zweier seiner Kinder zum Jahreswechsel 1833 zu 1834 hat er allein zur Bewältigung seines Schmerzes 426 Gedichte geschrieben, von den einige Gustav Mahler für seine Kindertotenlieder auswählte. Für seine Rückert-Lieder wählte Mahler fünf selbstständige Einzelwerke Rückerts, die Mahler offenbar besonders berührten. Neben „Blicke mir nicht in die Lieder“, „Ich atme einen Linden Duft“, „Um Mitternacht“ und „Liebst du um Schönheit“ beeindruckte ihn besonders „Ich bin der Welt abhanden gekommen“.

Christian Gerhaher sang mit klarem schlanken Bariton und vorbildlicher Textverständlichkeit in ruhigem Erzählton. Er konnte den jeweiligen Charakter der Lieder eindringlich verdeutlichen, auch mit zärtlicher Süße, wo es angebracht war. Dabei begeisterte vor allem seine natürliche Tongebung. Kein Forcieren, stattdessen Strahlkraft und subtile Schattierungen sowie Intellekt. Grandios seine Interpretation der Rückert´schen „Mitternacht“. Das erzeugte schon Schauer beim Hörenden.

Semperoper / Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Semperoper / Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Herbert Blomstedt begleitete mit dem Orchester zurückhaltend ohne Kontraste in idealer über die Jahre herausgebildeter Partnerschaft.

Anton Bruckner komponierte seine sechste Symphonie A-Dur (WAB 106) nach einer schöpferischen Pause von fünf Jahren 1879 bis 1881 unbeschwerter und weltlicher als die vorherigen. Der Komponist bezeichnete sie launig als seine „keckeste“ und war vom Ergebnis so befriedigt, dass er das Gefühl hatte, das Werk sei vollkommen. Er beließ seine Arbeit in der ursprünglichen Form, so dass erstmals von einer Bruckner-Symphonie keine Zweit- oder gar Drittfassung existiert. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass die Sechste sich erst spät im Konzertbetrieb etablieren konnte. Im Februar 1883 brachten die Wiener Philharmoniker nur die beiden Mittelsätze zur Aufführung. Auch Gustav Mahler hatte für die Gesamt-Erstaufführung 1899 die Instrumentierung stark verändert und das Werk gekürzt. Erst 1935 erklang unter Paul van Kempen die Komposition nach der von Robert Haas wieder rekonstruierten Original-Partitur. Aber erst durch die Aufnahme in Gesamteinspielungen und Bruckner-Zyklen hat sich die Sechste im Konzertbetrieb gleichberechtigt eingeführt.

Im zweiten Teil des Konzertes traf eine .jahrzehntelange Pulterfahrung auf den jungen Künstlernachwuchs. Bruckner-Dirigate mit Herbert Blomstedt haben wir mehrfach in den vergangenen Jahrzenten sowohl mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, als auch mit dem Gewandhausorchester Leipzig erleben dürfen. Da war der Vergleich seiner Dirigate der Spitzenorchester mit der Führung des Jugendorchesters durchaus aufschlussreich. Während Blomstedt die Profi-Klangkörper mit Gelassenheit führt und der Musik einen breiten Klang-Raum eröffnet, gab er dem Jugendorchester stärkere Impulse. Mit präziser, effektiver Zeichengebung hielt er die Fäden der musikalischen Entwicklung fest in der Hand und ließ seine Führung in den reichliche sechzig Minuten nicht für einen Augenblick schleifen.

Dies war auch bei den noch jungen Musikern notwendig. Denn während die Streicher auf hohem Niveau, mit Begeisterung und innerer Beteiligung musizierten, fehlte es bei den Bläsern an solistischen Initiativen. Insbesondere beim Adagio kamen die stark geforderten Hörner und Tuben an ihre technischen Grenzen. Dabei fing Blomstedt einiges dank seines gestalterischen Überblicks und seiner Präsenz als Interpret ab. Über Strecken wirkte dabei der greise Dirigent jugendlicher als eine Reihe der Orchestermusiker.

Bereits mit dem ersten Satz spürte man, wohin Blomstedt seine Musiker führen wollte. Ruhig lässt er Themen und Motivgruppen vorüberziehen. Auch mit der Durchführung spürt man, da dirigiert einer, der in der Tiefe seiner Seele Ruhe und Überblick schätzt. Sachlich bleibt auch der Satzschluss. Mit sachlicher Innigkeit wurden auch im Adagio die Bruckner-Themen miteinander verflochten. Nichts erhält den Eindruck von Sentimentalität oder gar Kitsch. Auch das Scherzo machte dem Dirigenten und den Musikern richtig Spaß, so dass Blomstedt das Orchester mit Freude in das Finale mit seinen Verzögerungen, Anspannungen sowie Entfesselungen regelrecht hineindrängen konnte.

Erwartungsgemäß wurde vor allem der in Dresden hochbeliebte und geschätzte Dirigent mit stehendem Applaus gefeiert. Aber auch das mit über einhundert Musikern stark besetzte Gustav-Mahler-Jugendorchester konnte sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen.

—| Pressemeldung Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Nächste Seite »