Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Essay zum Ring 10010110, IOCO
Bayreuth blickt mit „Ring 10010110“ auf 150 Jahre Festspielgeschichte – und lässt KI die Bilderwelten vergangener „Ring“-Inszenierungen neu formen. Ein faszinierendes Experiment über Erinnerung, Vergänglichkeit und die Macht einer Technologie, die selbst zum Ring werden könnte.
von Adelina Yefimenko
Immersive Bilderfluch(t), der KI-Ring als spannende Reise durch 150 Jahre Bayreuther Bühnenbild-Faszination. Aber: Wo ist der Ring?
Nach Bayreuth kommt man nicht nur, um den Traum der Musik Richard Wagners zu erleben. Bayreuth ist nicht nur ein besonderes Theater, sondern auch eine besondere Werkstatt. Hier wird ausprobiert, verworfen, erinnert, widersprochen. Hier kann man etwas über alte Traditionen lernen, über ästhetische Trendwechsel, über diverse Deutungen, über die Macht von Regie – und über die eigenen Erwartungen an die Kunst. Vielleicht ist der wichtigste Grund, warum ich jedes Jahr nach Bayreuth komme, dass ich mir nach jeder Festspielsaison eine persönliche Frage stelle: Was habe ich dieses Mal neu über Wagners Gesamtkunstwerk, über mich, über die Welt und über die Zeit, in der ich lebe, gelernt?

Die Frage, ob eine Inszenierung gut oder schlecht war, entsteht nie. Denn Kunst ist kein fertiges Objekt, das man mit einem Urteil abschließt. Und gerade bei Wagner scheint mir das Wort „Gesamtkunstwerk“ wichtiger denn je: Das ist nicht nur Musik, nicht nur Bühne, nicht nur Text und nicht nur Interpretation. Es entsteht immer wieder neu aus der Begegnung mit all diesen Künsten und aus der Begegnung mit dem Zuschauer. Wagners „Ring“ dieses Mal war und bleibt auch nicht nur ein Experiment.
Zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele ist es deshalb nicht überraschend, dass man sich ausgerechnet für ein Experiment mit künstlicher Intelligenz entschieden hat. Die Festspiele selbst nennen den neuen „Ring des Nibelungen“ als Experiment „Ring 10010110“ (binär steht 10010110 für die Zahl 150, die das 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele bedeutet). Die Autoren dieses Experiments – das Kuratoren- bzw. Kreativteam Marcus Lobbes (Leiter der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund) und Nils Corte (künstlerisch-technischer Konzeptionist) – stellen die 150-jährige Rezeptionsgeschichte in den Mittelpunkt der neuen Ring-Produktion. Die ursprüngliche Idee war: Die KI soll nicht einfach ein Bühnenbild liefern, sondern aus historischen Bildern, Dokumenten, Inszenierungen und Assoziationen eine ständig veränderliche visuelle Welt erzeugen.
Ich wage es nicht, dieses Experiment technisch zu bewerten. Ich bin keine Kennerin der KI und wäre vorsichtig damit, zu beurteilen, ob ein bestimmter Algorithmus gut oder schlecht arbeitet. Aber ich kann sagen, was ich gesehen und dabei empfunden habe. Die erste und vielleicht wichtigste Erfahrung war zunächst eine Irritation: der Ring ohne Ring, die Bühne ohne Rhein, ohne Wotans Walhall, ohne Nibelheim. Die Bühne war der Monitor des Erinnerns. Bilder kamen und verschwanden. Historische Aufnahmen, abstrakte Formen, Landschaften, Farben, Strukturen, Fragmente alter Bühnenbilder. Ein Bild ging in ein anderes über, wurde vergrößert, verformt, verfremdet und verschwand wieder. Eine Flut von Bildern. Und irgendwann beginnt man, diese Flut nicht mehr als Ersatz des Bühnenbilds wahrzunehmen, sondern als Reflektion unserer Gegenwart in der KI-Welt.

Faszinierend war, plötzlich alte Bühnenbilder wiederzuerkennen. Die Inszenierungen von Wieland und Wolfgang Wagner hat unsere Generation nicht mehr erlebt, aber man kennt natürlich viele aus Fotografien und Büchern über die Bayreuther Rezeptionsgeschichte. Aber nicht zu übersehen waren die Projektionen der Bühnenbilder von Patrice Chéreau, Harry Kupfer, Jürgen Flimm, Tankred Dorst, Frank Castorf und zum Schluss – Valentin Schwarz. Ich entdeckte sogar Bühnenbilder von Alfred Kirchner neu. Sein Bayreuther „Ring“ von 1994, mit Bühnenbild und Kostümen der Künstlerin rosalie (Gudrun Müller), war ästhetisch reduziert und wirkte stark durch Raum und Licht. Das war ein Gewinn dieser aktuellen Produktion. Die KI hat nicht nur alte Bühnenbilder verschiedener „Ring“-Inszenierungen gezeigt, die schnell verschwanden, sondern sie hauptsächlich in Erinnerung gerufen. Das hat auch den Wunsch ausgelöst, diese alten Inszenierungen wiederzusehen.
Die Frage nach der Deutung
Die Bayreuther Festspiele selbst führen diese unterschiedlichen „Ring“-Produktionen in ihrer historischen Dokumentation. Chéreaus „Ring“ von 1976, Kupfers von 1988, Kirchners von 1994, Flimms von 2000, Dorsts von 2006 und Castorfs von 2013 gehören zu dieser Geschichte. Jede dieser Regiearbeiten war eine Sicht auf Wagner: politisch, gesellschaftlich, psychologisch, mythisch, ästhetisch oder ethisch. Aber eben immer nur eine Sicht auf das Ganze. Das Werk selbst bleibt immer viel größer und darf immer wieder neu interpretiert werden. Denn alle Inhalte und Ideen Wagners „Ring“ sind allgegenwärtig. Sein Gesamtkunstwerk kann niemals vollendet werden und bleibt dauernd neu im Sinne von „Opera aperta – Das offene Kunstwerk“.
Die KI kann diese Geschichte nicht interpretieren, sie kann nur Bilder generieren, zeigen und transformieren. Gerade daraus erzeugt KI ihre eigentliche ästhetische Qualität. Ein Regisseur nimmt ein historisches Bild und sagt: „Ich erinnere mich an dieses Bild und dieses Bild inspiriert mich zu meinem Konzept.“ Die Maschine folgt ihrer Aufgabe und zeigt eine Reihe von Bildern – und auch andere, die ähnlich sind, so wie es ihr der Algorithmus, mit dem sie programmiert wird, vorschreibt. Damit wird klar: Dieses Experiment stellt keine Lesart des Rings dar. Das ist ein entscheidender Unterschied zu den anderen Regiearbeiten. Chéreaus Fabrikwelt war nicht einfach ein schönes industrielles Bild. Sie war eine Deutung des gesellschaftlichen Machtgefüges des „Ring“. Kupfers Bühnenwelt war nicht einfach ein beweglicher Raum. Sie war Teil einer psychologischen Lesart.
Castorfs Bilder waren nicht einfach Zitate von Ölindustrie, amerikanischer Geschichte und Popkultur. Sie waren Teil einer Regieidee über die Kapitalismuskritik. Die KI dagegen kann diese Bilder zitieren, überblenden, überlappen. Aber was diese Überblendung für unsere Wahrnehmung bedeutet, blieb für mich eine offene Frage. In den ersten Aufführungen war die Abfolge der Bilder teilweise so schnell, dass ich kaum Zeit hatte, etwas wahrzunehmen, bevor schon das nächste Bild erschien. Ein Bild entsteht und verschwindet sofort wieder. Eine Figur erschien – und löst sich auf. Eine Landschaft beginnt sich zu formen – und wird schon wieder von etwas anderem überflutet. Das Publikum hat diese Bildgeschwindigkeit zunächst als Überforderung empfunden. Später erkenne ich, dass das Wichtigste, was mich beeindruckt, die Vergänglichkeit war. Erda sagt zu Wotan: „Alles, was ist, endet. Ein düstrer Tag dämmert den Göttern: dir rat’ ich, meide den Ring!“

Und plötzlich schien mir dieser Satz über der gesamten Produktion zu stehen. Alles vergeht. Auch die Bilder. Auch die Inszenierungen. Auch die historischen Stile. Auch unsere Vorstellung davon, was Theater sein soll. Auch wir selbst.
„Langsam, KI, Langsam“
Ich habe den Ring III erlebt, wo das Team der KI anscheinend ein Prompt setzte: „Langsam, KI, langsam!“ Beim Ring III entstand durch die vier Teile der Tetralogie das Gefühl, dass auch die Maschine etwas vom Publikum gelernt hatte. Die Bilder wurden langsamer, wirkten ruhiger, konnten länger betrachtet werden. Oft entstanden die Momente von wirklicher Schönheit. Manche waren faszinierend, manche abstoßend, banal oder rätselhaft. Aber eine Bild-Koordination mit dem musikalischen Geschehen war nicht immer erkennbar. Vielleicht liegt hier die grundsätzliche Schwierigkeit des KI-Bühnenbildes: Musik ist die Kunst der Zeit. Ein musikalischer Augenblick lässt sich nicht anhalten. Wagner nimmt uns mit in einen Strom von Klang des kollektiven Erzählens. Ein Bild dagegen gehört der Kunst des Raumes: Wir können es betrachten, zurückkehren, verweilen, einen Moment länger bei ihm bleiben. Die KI-Bilder folgen jedoch ihrem eigenen fließenden Algorithmus und entwickeln sich in einer visuellen Zeit, die sich nicht notwendig mit der musikalischen Dramaturgie verbindet – während die Musik uns bereits weiterführt. So entstehen zwei Zeitströme auf derselben Bühne, die sich berühren, aber nicht unbedingt miteinander atmen.
Die hohe Geschwindigkeit der ersten Aufführungen war für mich nicht nur ästhetisch problematisch. Sie ließ mich auch darüber nachdenken, wie empfindlich unser menschliches Wahrnehmen gegenüber einer ständig beschleunigten Bilderwelt geworden ist. Die Reaktionen auf die Projektionen waren auch in der öffentlichen Kritik ein wesentlicher Punkt; besonders die teilweise Überlagerung der Sänger durch die Projektionen wurde mehrfach beanstandet.

Die Sänger hinter dem Schleier
Und dann sind da unsere hervorragenden Bayreuther Sänger. Ihre Figuren befanden sich in dieser Produktion hinter einem Schleier. Eine Gaze-Fläche trennte sie vom Zuschauerraum. Die Projektionen lagen über und hinter ihnen. Die leuchtenden Gestalten wurden zu einer Art Oberfläche, auf der die Maschine ihre Bilder ablegt. Die Kostüme von Pia Maria Mackert verstärken diesen Eindruck: transparente Stoffe, Drähte, Flügelchen, bizarre Formen, als wären sie bereits aus einer anderen Welt. Oder aus einer Welt, die erst noch entsteht. Für mich hatten sie manchmal etwas von Engeln des Todes unserer empirischen Welt, die aus einer virtuellen Welt gekommen und von der KI-Maschinerie beinahe zu „KI als Keine (Künstliche) Individuen“ zusammenkopiert wurden. Das war eines der stärksten und unheimlichsten Bilder dieses „Rings“. Denn irgendwann beginnt man zu ahnen: Womöglich ist die KI in diesem „Ring“ selbst zum Ring geworden. Zum Ring als Symbol der Macht, die uns verführt, fasziniert und verflucht. Eine gefühllose Macht, die Menschen selbst geschaffen haben, aber es nicht beherrschen, ihren Nutzen von ihrer Gefährlichkeit zu trennen. Und vielleicht ist das die unbeabsichtigte Stärke dieses Experiments. Wir erleben gerade eine rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Sie ist so schnell, dass wir nicht mehr folgen können. Wir wissen nicht, welche Möglichkeiten sie in wenigen Jahren besitzen wird. Wir wissen nicht, wie stark sie unsere Arbeit, unsere Wahrnehmung, unsere Kommunikation und unsere Vorstellung von Wirklichkeit verändern wird. Wir wissen nicht, wie diese Macht ohne Seele uns – Menschen – verändern wird.
In diesem Sinn scheint der KI-Ring in Bayreuth 2026 sehr gegenwärtig und zeitgemäß. Mit jedem Schritt der KI dürften wir tiefer und tiefer in die virtuelle Welt steigen. Vielleicht kommt eine Zeit, in der wir nicht mehr unterscheiden können, was tatsächlich geschehen ist und was nur erzeugt wurde, ob wir dann eine empirische oder eine virtuelle Wirklichkeit erleben. Die Bayreuther Bühne hat diese Gefahr nicht erklärt. Sie hat sie vorgeführt: Bilder entstehen, wir glauben, etwas erkannt zu haben, dann verändert es sich plötzlich und wir glauben, ein historisches Bühnenbild, das gleich verschwindet, wiederzuerkennen. Wir sehen einen Körper. Er wird von einer Projektion überlagert. Vielleicht steckt genau hier die gesellschaftspolitische Dimension dieser Produktion. Nicht darin, dass sie eine bestimmte politische Botschaft verkündet. Sondern darin, dass sie uns mit einer neuen Form von absoluter Macht konfrontiert.
Musik gegen die Bilderflut
Aber dann kommt die Idee der Erlösung – da ist die Musik. Christian Thielemann steht im Orchestergraben, die Sänger auf der Bühne: Michael Volle, Klaus Florian Vogt, Camilla Nylund, Mika Kares, und die Musik fließt zweifellos in einer anderen Zeitdimension als die Bilder. Das war sogar der schärfste Gegensatz zur KI. Während aus dem Orchestergraben, dessen Tiefe und Faszination ich dieses Jahr auch selbst erleben durfte, zu hören ist, wie das Orchester jedes Motiv aufbaut und entwickelt, während Thielemann diese musikalische Erzählung zwischen Vorahnung und Erinnerung hält und vertieft, bewegen sich die KI-Bilder zwischen Vergehen und Vergessen.

Zweifellos sind die Sänger in jeder Produktion wichtig, aber in diesem Zusammenhang noch wichtiger. Klaus Florian Vogt als Loge, Siegmund und Siegfried brachte seine charakteristische, helle, klar fokussierte Stimme in diese künstliche Bilderwelt. Für mich ist sein Loge eine exzellente Neuinterpretation des Feuergottes! Neben Vogt – Michael Volle als Wotan – der älteste und zentrale Star-Sänger in Bayreuth. Camilla Nylund sang sensibel, lyrisch, und verletzlich die Brünnhilde und Christa Mayer – überwältigend Erda. Gerhard Siegel zeigte den schlauen Mime. Jochen Schmeckenbecher als Alberich und Peter Rose als Fafner blieben etwas im Schatten ihrer vokalen Möglichkeiten. In der „Götterdämmerung“ traten Vogt und Nylund erneut in den Mittelpunkt; Mika Kares sang den brutalen Hagen, Michael Kupfer-Radecky den Gunther, Magdalena Hinterdobler die Gutrune und Christa Mayer die Waltraute. Dabei geschieht etwas Paradoxes. Je stärker die KI ihre Bilder produziert, desto deutlicher wird die Qualität der Sänger. Denn sie müssten gegen die Bilder bestehen und den Zuschauer vom digitalen Ereignis zum menschlichen Atem zurückholen. Auch ihre menschliche Entschlossenheit gegenüber der unendlichen KI-Bilder berührte sehr.
Fazit
Je länger ich über die Aufführung nachdenke, desto weniger interessiert mich die Frage, wie genau, nach welchen Vorgaben und mittels welcher Algorithmen die KI ihre Bilder erzeugte. Viel stärker beschäftigte mich das Gefühl der Vergänglichkeit. Die entstand nicht allein durch die Bilder der Bayreuther Inszenierungen über 150 Jahre. In die Bilderflut drängten sich immer wieder historische und politische Zeitzeugnisse – wie Quereinsteiger aus verschiedenen Epochen, die plötzlich in Wagners Welt auftauchten.
Neben immer wiederkehrenden Motiven – Gitter, Berghöhlen, Ruinen, die Weltscheibe, Weltraum, Wassertropfen, Bälle und geometrische Figuren – erschienen Gesichter und Gestalten aus unterschiedlichen Zeiten: König Ludwig II. von Bayern, Thomas Mann, Wieland und Wolfgang Wagner, Adolf Hitler, Boris Jelzin, Helmut Kohl, Ronald Reagan, Michail Gorbatschow, auch den Plakaten deutscher Einheit, Eurozeichen, Schengen und Klimaproteste und viele andere, die ich nicht identifizieren konnte.
Von vielen Wagner-Kennern wurde der neue „Ring“ sehr kritisch aufgenommen. Auch die öffentliche Kritik hat insbesondere die fehlende szenische Deutlichkeit, die Bilderflut und die teilweise Überlagerung der Sänger problematisiert. Aber ich möchte meine Erfahrung nicht auf dieses Urteil reduzieren. Die Frage zu diesem KI-Ring-Experiment mit dem Titel „Ring 10010110“ ist nicht, ob die KI „gut“ oder „schlecht“ ist, sondern ob wir bereit sind, eine neue Macht kennenzulernen und auszuprobieren, mit ihr umzugehen. Ich habe etwas anderes aus Bayreuth 2026 mitgenommen: dass die Macht nicht erst dann gefährlich wird, wenn sie uns beherrscht. Sie beginnt schon dort, wo sie uns fasziniert und wir ihr freiwillig folgen.

Ich habe auch gelernt, dass wir der KI gerade deshalb Grenzen setzen müssen. Wir müssen lernen, sie zu beherrschen und zu führen, bevor sie unsere Wahrnehmung, unsere Freiheit und unsere Kreativität abwürgt – bevor wir ihr immer mehr Arbeit überlassen und schließlich selbst verlernen, etwas zu wollen, zu tun und zu erschaffen. Dann würde uns ausgerechnet die Technologie, die uns Arbeit abnehmen und verbessern soll, unserer Freiheit berauben. Wagner hat uns ein anderes Credo hinterlassen: „Frei im Wollen! Frei im Thun! Frei im Genießen!“
Und dann taucht unversehens eine denkbare Antwort auf die Frage auf: „Wo ist der Ring?“ Wenn man KI in diesem „Ring 10010110“ als Ring – das Symbol der künftigen Weltmacht – wahrnimmt, steigt Erda aus ihrem Schlaf auf und warnt unsere Techno-Wotans: „Alles, was ist, endet … Dir rat’ ich: Meide den Ring!“