Bayreuth, Bayreuther Festspiele, BRÜNNHILDE BRENNT – Bernhard Lang, IOCO
Bei den Bayreuther Festspielen erlebt Bernhard Langs „Brünnhilde brennt“ seine konzertante Uraufführung. Das Werk spielt mit Wagner, „Ring“ und Theaterbetrieb – humorvoll und musikalisch vielschichtig, mit einer herausragenden Catherine Foster als Hermine/Brünnhilde.
von Karin Hasenstein
Bayreuther Festspiele 2026
Brünnhilde brennt - Ein musikalisches Spiel mit dem Feuer
Oper in zwei Akten von Bernhard Lang (Musik) und Michael Sturminger (Text)
Uraufführung/ Auftragswerk der Bayreuther Festspiele und der Oper Dortmund
Konzertante Uraufführung am 03.08.2026, Friedrichsforum, Bayreuth
Jonathan Stockhammer
Musikalische Leitung
Catherine Foster
Hermine, Sängerin der Brünnhilde
Sooyeon Lee
Erste Dramaturgin/ Helmwige/ Woglinde
Tanja Christine Kuhn
Zweite Dramaturgin/ Waltraute/ Wellgunde
Nefeli Kotseli
Dritte Dramaturgin/ Schwertleite/ Erda/ Flosshilde
Joachim Goltz
Richard Wagner/ Regisseur
Mandla Mndebele
Sänger des Wotan
Ks. Morgan Moody
Sänger des Alberich
Sungho Kim
Sänger des Siegfried
Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker
Ermöglicht durch die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V.
Gefördert vom Fonds Neues Musiktheater
Gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem NRW KULTURsekretariat
Über das Werk
Durch das von dem Intendanten der Dortmunder Oper Heribert Germeshausen ins Leben gerufene Festivalformat „Wagner-Kosmos“ hat sich die Oper Dortmund in den vergangenen Jahren einen hervorragenden Ruf erworben. Als die Bayreuther Festspiele mit dem Vorschlag der Zusammenarbeit und dem Wunsch, eine neue Oper in Auftrag zu geben, an ihn herantraten, war das eine besondere Auszeichnung für das Opernhaus. Die Uraufführung im Jubiläumsjahr der 150. Bayreuther Festspiele sollte natürlich einen erkennbaren Bezug zu Richard Wagner und seinem Schaffen aufweisen. Als zentrale Figur wurde Brünnhilde gefunden, die wie keine andere als moderne Schlüsselfigur aus der Ring-Tetralogie hervortritt. Sie stellt sich gegen ihren Vater und wird am Ende zur geheimen Heldin des gesamten Zyklus. Als Komponist wurde Bernhard Lang gewonnen, der bereits 2021 mit seiner Uraufführung „Der Hetzer“ mit dem Theater Dortmund zusammengearbeitet hat. Das Libretto stammt von Michael Sturminger, mit dem Lang bereits seit Jahren zusammenarbeitet. Nach der konzertanten Uraufführung am 03.08.2026 im Bayreuther Friedrichsforum wird „Brünnhilde brennt“ in der kommenden Spielzeit 2026/2027 am Opernhaus Dortmund ihre szenische Premiere erleben. Das Stück wird dort als Teil des „Wagner-Kosmos“ zu erleben sein. „Brünnhilde brennt“ wird dann den Auftakt zu den „Neuen Meisterwerken“ bilden, einer Tetralogie aus vier unterschiedlichen Uraufführungen. Der Regisseur wird Neil Barry Moss sein, der ebenso für die Neuinszenierung von Wagners „Tannhäuser“ verantwortlich sein wird.
Die Handlung
1. Akt
Die Sängerin Hermine erwacht schweißgebadet aus einem Albtraum. Sie befindet sich in ihrem etwas schmucklosen Bayreuther Hotelzimmer. Morgen wird sie ihr Debüt als Brünnhilde auf dem Grünen Hügel geben. Kann sie den hohen Erwartungen standhalten oder wird ihr szenisches Alter Ego Brünnhilde an ihrem Tun zugrunde gehen? Als sie in Panik die Flucht ergreifen will, steht sie plötzlich auf der Opernbühne. Drei Dramaturginnen versperren ihr den Weg und Wotan selbst fordert sie auf, ihre Rolle als Brünnhilde weiterzuspielen und sich wieder schlafenzulegen. Sodann befindet sie sich in einem venezianischen Palazzo. Dort begegnet sie Richard Wagner, der sein neukomponiertes Brünnhildidyll dirigiert. Sie nimmt ihr Bühnen-Schicksal an und schläft wieder ein. Siegfried küsst die Schlafende wach und überreicht ihr den Nibelungen-Ring. Dieser entgleitet seinen Händen und fällt in die Unterbühne. Richard Wagner, nun der Regisseur, unterbricht die Szene, woraufhin alle Sänger aus ihren Rollen fallen. Die Kollegen Wotan und Alberich treten hinzu. Alberich tröstet Hermine/Brünnhilde, es sei doch nur ein billiges Plastik-Requisit. Hermine bemerkt, dass sie unter diesen Bedingungen nicht weiterproben kann, und die Situation eskaliert. Hermine erwacht erneut in ihrem Hotelbett und Richard Wagner besucht sie und schenkt ihr einen Ring als Zeichen seiner Bewunderung für ihr Schaffen. Brünnhildes Schwester Waltraute entdeckt den Ring und warnt Brünnhilde vor dessen Fluch. Gemeinsam mit zwei weiteren Walküren versucht Waltraute, ihr den Ring zu entreißen. Brünnhilde flieht, verfolgt von weiteren Bühnengestalten. Sie entfesselt die Macht des Rings und entledigt sich ihrer Verfolger. Alberich steigt finster lachend aus der Unterbühne empor, den verlorenen Plastik-Ring in den Händen, seine Allmacht für sich beanspruchend.
2. Akt
Erneut erwacht Brünnhilde in ihrem Hotelzimmer, doch der Albtraum endet nicht, im Gegenteil: Sie hat ihre Stimme verloren! Mutter Erda muss helfen. Sie singt Hermine in den Schlaf und beruhigt sie. Dann platzt Wotan in die Szene. Er verlangt von Erda, dass sie Brünnhilde gefügig machen soll, ihre Rolle weiterzuspielen. Wotan ist erzürnt, als Erda sich weigert und einfach von dannen zieht. Brünnhilde/Hermine erwacht und stellt sich Wotan entgegen. Er betäubt sie daraufhin, zieht ihr den Ring vom Finger und übergibt ihn an die Rheintöchter. Diese locken Alberich an, um ihm seinen eigenen Ring abzuluchsen. Als Hermine erneut in ihrem Hotelzimmer erwacht, liegen zwei Ringe auf ihrem Nachttisch. Der Sänger des Siegfried erscheint und schenkt ihr einen weiteren Ring. Als beide sich leidenschaftlich um den Hals fallen, erwacht Hermine aus ihrem Traum. Sie ist alleine in ihrem Hotelzimmer, die drei Ringe sind verschwunden. Plötzlich erscheint Richard Wagner/der Regisseur und führt Brünnhilde zu ihrem letzten Auftritt auf die Bühne. Auf dem Requisitentisch liegen drei identische Ringe! Doch welcher ist nun der richtige? Die allgemeine Verwirrung nutzt Wotan aus und nimmt alle drei Ringe an sich. Er fordert von Brünnhilde den Opfertod, im Triumph darüber, mittels seiner neugewonnenen Macht – den drei Ringen – die Götterdämmerung abgewendet zu haben. Ein Scheiterhaufen wird auf die Bühne gefahren, Brünnhilde von einem Theaterblitz niedergestreckt und ohnmächtig auf dem Scheiterhaufen abgelegt. Wotan übergießt sie mit Benzin. Brünnhilde/Hermine erwacht ein letztes Mal aus ihrem Schlaf und richtet sich an das Publikum: Wie oft wird sie den ewigen Zyklus aus Träumen und Wachen, aus Heldenreise und Opfertod noch wiederholen müssen? Die Oper endet in einem großen Flammenmeer.
Musik und Text
Mit dem Auftragswerk „Brünnhilde brennt“, das seine szenische Uraufführung am 3. August 2026 im Rahmen der 150. Bayreuther Festspiele erfährt, beschreiten die Bayreuther Festspiele neue Wege. Es handelt sich dabei nicht um ein Werk oder um Musik Richard Wagners, sondern um eine Auftragskomposition neuer Musik durch einen zeitgenössischen Komponisten, Bernhard Lang.
Bernhard Lang ist Komponist, Improvisator sowie Programmierer musikalischer Patches und Applikationen im Bereich moderner zeitgenössischer Musik. Seine Werke wurden international auf Festivals, z. B. Moskau Modern, Wien Modern, Münchner Opernfestspiele u. a., aufgeführt. Die Zeitschrift Opernwelt kürte seine Oper „Dora“ zur Uraufführung des Jahres 2024.
Das Libretto des Zweiakters stammt aus der Feder von Michael Sturminger. Sturminger studierte Regie und Drehbuch an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Er arbeitet als freier Schauspiel-, Musiktheater- und Filmregisseur sowie als Autor. Seine Arbeiten wurden u. a. in St. Petersburg, Wien, Salzburg, Sydney und New York gezeigt.
Die Kammeroper „Brünnhilde brennt“ besteht aus zwei Akten und hat eine Spieldauer von ca. zwei Stunden. Bei der Uraufführung in Bayreuth wurde sie konzertant und ohne Pause gespielt. Die handelnden Personen (acht Sänger in 16 Rollen) sind Hermine/die Sängerin der Brünnhilde, drei Dramaturginnen, gleichzeitig mehrfach besetzt als Walküren Helmwige, Waltraute und Schwertleite, sowie Erda und die Rheintöchter, Richard Wagner/Regisseur, sowie die Sänger des Wotan, Alberich und Siegfried. Bei einer konzertanten Aufführung ohne Kostüme erfordert es da schon ein bisschen Aufmerksamkeit, wer gerade verkörpert wird. Das Orchester besteht aus Mitgliedern der Dortmunder Philharmoniker und ist klein besetzt, bei den Streichern und Bläsern je einfach (1./2. Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klarinette, Bassklarinette, Horn, Trompete, Posaune), beim Schlagzeug und den Synthesizern je zweifach (Schlagzeug 1 und 2, Synthesizer 1 und 2). Die Musik ist modern, aber gut hörbar und zu keiner Zeit aufdringlich oder anstrengend. Sie bewegt sich überwiegend in gewohnten tonalen Bezügen und bedient unsere Hörgewohnheiten, ohne sich in einer bestimmten Epoche verorten zu lassen. Natürlich fallen dem kundigen Ohr gewisse Anklänge an die Tonsprache Richard Wagners auf, was gewiss beabsichtigt ist. Immer wieder erklingen Zitate aus Wagners Musik. Ebenso ergeht es beim Hören/Lesen des Librettos, das sich ebenso wie Wagner der Alliteration bedient. Was allerdings auffällt, sind die zahlreichen Textwiederholungen, die bisweilen etwas ermüden. Nach einem kurzen Vorspiel öffnet sich der Vorhang und es erklingen bekannte Walküre-Motive. Die Solisten treten auf, Hermine/Brünnhilde in einem langen, dunkelgrünen Mantel (Catherine Foster). Die Walküren tragen üppige silbrig-weiße Abendkleider. Alle Sängerinnen und Sänger singen mit Verstärkung. Die Oper wird übertitelt, der Text ist aber auch so sehr gut zu verstehen. Catherine Foster zeigt schön den Wechsel zwischen den Figuren Hermine und Brünnhilde.
Die erfahrene dramatische Sopranistin lässt durch ihre intensive Mimik und Gestik fast vergessen, dass es sich um eine konzertante Aufführung handelt. Als die Probe beendet ist, stellt sie fest, dass das Feuer am Walkürenfelsen noch brennt, und sie ruft nach der Technik, jemand möge das Feuer abstellen, damit sie die Bühne verlassen kann. Bei den drei Walküren ist besonders Nefeli Kotseli als Schwertleite hervorzuheben. Ihr gut geführter warmer Mezzosopran passt hervorragend zu der Schwertleite. Auch Catherine Foster ist wie gewohnt überragend, ihre brillante Höhe sicher und strahlend, der Text sehr gut verständlich. Komplettiert wird das Ensemble von Sooyeon Lee (Helmwige) und Tanja Christine Kuhn (Waltraute). Das Trio wirkt homogen und ausgewogen. Bereits hier fallen die zahlreichen Textwiederholungen auf („dein Vater“). Wotan erscheint, und Mandla Mndebele überzeugt vom ersten Ton an mit vollem, resonantem, warmem Bariton. Rheingold- und Walhall-Motive klingen an und Wotan verkündet den bevorstehenden Weltuntergang: „Wir lassen alles untergehen im kolossalen Abgesang!“ Der Text wird identisch vom Ensemble wiederholt. Die kleine Combo zeichnet sich durch differenzierte Dynamik aus. Sie bildet einen Teppich als Basis für die Solisten. Richard Wagner sucht Hermine auf, er komponiert ein Brünnhildidyll. Im Gedächtnis bleibt der Satz: „Was wäre Richard Wagner, was wäre Bayreuth ohne Frauen?“ Im Orchester erklingt ein abgewandeltes Motiv aus Wotans Abschied. Siegfried erscheint und fragt sie fünfmal, ob sie den Ring will. Brünnhilde bejaht dieses. Sungho Kim verfügt über einen jugendlich-heldischen Tenor und gute Textverständlichkeit. Der Bühnenhintergrund zeigt passend zur jeweiligen Stimmung dramatisch wechselndes farbiges Licht. Als Alberich erscheint, erklingen im Orchester angedeutete Amboss-Schläge. Die Dramaturginnen warnen vor Alberich: „Nehmt euch in Acht vor Alberich!“, woraufhin dieser das Wortspiel aufgreift und weiter ausdehnt, sodass schließlich aus dem Namen Alberich der Name Richard wird. „Alberichard rächt sich!“ Morgan Moody überzeugt darstellerisch wie sängerisch und deklamatorisch als Schwarzalbe, der den Ring nicht hergeben will. Richard Wagner erscheint und bedrängt Hermine, die ihn zurückweist. Schließlich stellt er fest, er sei wohl ein Opfer seiner eigenen Religion. Immer wieder lacht das Publikum auf, denn dieses Theater im Theater, die Proben und Verwicklungen, die Interaktionen der Charaktere sind durchaus humorvoll. Die Handlung wird etwas dramatischer, als Hermine ihre Stimme verliert und Erda um Hilfe bittet. Interessant, wie hier auch das Orchester seine Stimme verliert, es gibt keine Melodie mehr, nur noch Rhythmus. Auch als Erda überzeugt Nefeli Kotseli mit großem Volumen und guter Diktion. Erda kündigt Wotan an, ihm Sand ins Getriebe zu streuen. Die Musik ist rhythmisch, bedrohlich, mit viel Percussion und Holz. Brünnhilde schlägt Wotan vor, sich selbst und die anderen (Götter) in den Ruhestand zu schicken.
Die Frauen summen, die Männer summen, und Wotan stellt fest: „Wenn die Angst kommt, wird die Freiheit sehr bald zur Qual.“ Plötzlich wechselt die Musik und es erklingt eine Walzermusik im Dreivierteltakt. Zu spielerischen Streichern im Pizzicato tanzt Wotan von der Bühne ab. Die Rheintöchter rufen Alberich, er kommentiert: „Mir scheint, ich hör alles dreifach …“ Der Dreiertakt geht weiter und erscheint grotesk. Anders als im „Rheingold“ verflucht Alberich die Liebe nicht. Siegfried weckt Brünnhilde, er wollte nur schauen, wie es ihr geht. Brünnhilde fragt ihn, ob er öfter Frauen beim Schlafen zuschaut, und findet: „Du bist echt pervers!“ Im Orchester erklingt eine kleine Anspielung an Mozart. Siegfried hat ihr einen Ring mitgebracht und plötzlich findet sie ihn bezaubernd. Richard Wagner/der Regisseur kommt hinzu und fragt, wo sie bleibt. Er will sie zurückholen, die letzte Szene muss noch geprobt werden. Sie ist einverstanden: „Dann trinken wir gemeinsam das versprochene Bier und singen Wesendoncklieder am Klavier!“ Sie braucht ihren Ring. Auf dem Requisitentisch finden sich plötzlich drei Ringe. Die Musik ist auf die elektronischen Instrumente beschränkt, kraftvoll und mit viel Percussion. Man fragt sich, welches der echte Ring ist, aber alle konstatieren: „Wir spielen nur Theater, da gibt’s kein Original.“ Alle drei Ringe sind falsch. Wotan, vom Blech begleitet, lässt ein Hoiho! erklingen, als Reminiszenz an die Götterdämmerung, worauf Richard Wagner moniert: „Ist der wahnsinnig, der singt die falsche Partie! In der Götterdämmerung hat Wotan nichts verloren!“ Aber Wotan lässt sich nicht beirren und fährt fort. „Walhalla soll nicht brennen, ein heiliges Opfer sei genug, Brünnhilde wird es stiften!“ Nun werden die Zitate immer deutlicher, Brünnhilde singt „Schichte starke Scheite, wieder, und entzünde sie.“ Richard Wagner gibt Brünnhilde einen Handkuss, sie ohrfeigt ihn, die Musik ist fiebrig, unruhig, hektisch, klingt nach Feuerzauber. Erneut mischen sich digitale Klänge unter die Musik, es erinnert an Götterdämmerung. Nach einer großen Steigerung ins Fortissimo endet die Musik abrupt.
Nach zwei Stunden ohne Pause bedankt sich das begeisterte Uraufführungs-Publikum beim Sängerensemble und dem Orchester unter der Leitung von Jonathan Stockhammer mit lang anhaltendem Beifall und Bravorufen und honoriert auch die Leistung des Komponisten Bernhard Lang und des Librettisten mit großem Applaus. Star des Abends ist aber unbestritten die wundervolle Catherine Foster, die der Hermine/Brünnhilde ihre ganz eigene Note verleiht.
Man darf schon jetzt gespannt sein auf die szenische Uraufführung am Theater Dortmund in der kommenden Spielzeit.