Romeo und Julia

„Romeo und Julia“ ist ein abendfüllendes Handlungsballett von Sergei Prokofjew nach Shakespeare. Die Partitur entstand 1935; die erste szenische Aufführung gab Ivo Váňa Psota 1938 in Brünn. Maßstäbe setzte jedoch Leonid Lawrowskis Leningrader Fassung von 1940. Spätere Choreografien von Cranko, MacMillan und Nurejew machten das Werk zu einem Eckpfeiler des erzählenden Balletts.

Fakten zu „Romeo und Julia“

KomponistSergei Prokofjew (op. 64)
Choreografie (UA)Ivo Váňa Psota (Brünn 1938); maßgebliche sowjetische Fassung: Leonid Lawrowski (Leningrad 1940)
Libretto / VorlageSergej Radlow und Adrian Piotrowski nach William Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“
Uraufführung30. Dezember 1938, Stadttheater Brünn (Brno); sowjetische Erstaufführung: 11. Januar 1940, Kirow-Theater (Mariinski), Leningrad
Aufbau3 Akte (mit Prolog und Epilog)
Spieldauerca. 2 Std. 30 Min.
GattungBallett (Handlungsballett)
BedeutungEines der bedeutendsten erzählenden Ballette des 20. Jahrhunderts und ein Prüfstein für jedes große Ensemble.

Handlung

1. Akt

Verona im Morgengrauen: Auf dem Marktplatz prallen die verfeindeten Häuser Montague und Capulet aufeinander, bis der Fürst dem Straßenkampf ein Ende gebietet. Romeo, Spross der Montagues, schwärmt noch für Rosalinde, während sein spöttischer Freund Mercutio ihn aufzieht. Im Hause Capulet bereitet man unterdessen einen prunkvollen Ball vor: Julia, kaum dem Kindesalter entwachsen, soll dem Grafen Paris vorgestellt werden. Maskiert schleichen sich Romeo, Mercutio und Benvolio in das Fest. Der wuchtige „Tanz der Ritter“ führt die Capulets in ihrer ganzen düsteren Pracht vor. Romeo und Julia erblicken einander und sind augenblicklich gebannt. Tybalt, Julias hitziger Vetter, erkennt den Eindringling und sinnt auf Rache, wird jedoch von Capulet zurückgehalten. Nach dem Ball findet Romeo den Weg in Julias Garten: Im Balkon-Pas-de-deux gestehen sich die beiden ihre Liebe und schwören einander Treue, ungeachtet des Hasses ihrer Familien.

2. Akt

Auf dem belebten Marktplatz herrscht Karnevalsstimmung. Julias Amme überbringt Romeo eine Botschaft: Die Liebenden wollen heimlich heiraten. In seiner Klause traut Pater Lorenzo das Paar und hofft, ihre Verbindung könne die verfeindeten Häuser versöhnen. Doch die Freude währt nicht lange. Auf dem Platz sucht der aufgebrachte Tybalt Streit und fordert Romeo heraus. Dieser, nun heimlich mit Julia verbunden, weicht dem Kampf aus. An seiner Stelle stellt sich der übermütige Mercutio – und wird in einem Duell tödlich verwundet. Mercutios Tod, von Prokofjew zwischen Spott und Erschütterung komponiert, schlägt das Stück in die Tragödie um. Von Schmerz und Wut überwältigt, ersticht Romeo den Tybalt und rächt so den Freund. Der Fürst verbannt Romeo aus Verona. Was als Liebesglück begann, mündet in Schuld, Verlust und Trennung.

3. Akt

In Julias Kammer nehmen die Liebenden nach ihrer einzigen gemeinsamen Nacht Abschied: Romeo muss ins Exil. Kaum ist er fort, drängen die Eltern Julia zur Heirat mit Paris. Verzweifelt sucht sie Pater Lorenzo auf, der ihr einen Trank reicht, der Scheintod vortäuscht. Julia willigt zum Schein in die Hochzeit ein, leert in der Nacht das Fläschchen und wird am Morgen für tot gehalten. Man bahrt sie in der Familiengruft auf. Die Nachricht von ihrem Scheintod erreicht Romeo, doch Lorenzos erklärende Botschaft bleibt aus. In der Gruft glaubt Romeo die Geliebte verloren und nimmt sich das Leben. Als Julia erwacht und den toten Romeo erblickt, folgt sie ihm in den Tod. Im Epilog erkennen die Häuser Montague und Capulet angesichts der toten Kinder das Sinnlose ihres Hasses und reichen sich versöhnt die Hände.

Hauptrollen

RolleTypBedeutung
JuliaBallerina (Hauptrolle)Tochter der Capulets; lyrisch-dramatische Wandlung vom Mädchen zur tragischen Liebenden
RomeoErster Solist (Hauptrolle)Spross der Montagues; jugendlich-leidenschaftlicher Liebhaber
MercutioDemi-charakter-SolistRomeos witziger, virtuoser Freund; sein Tod ist der dramatische Wendepunkt
TybaltCharakter-SolistJulias jähzorniger Vetter; Inbegriff des Familienhasses
Pater LorenzoCharakterrolleMönch, der die Liebenden heimlich traut und den Scheintod-Plan ersinnt

Berühmte Tänze & Höhepunkte

Tanz / NummerBesetzungSzene
„Tanz der Ritter“Capulets / Ensemble1. Akt – wuchtiges Ballfest, die berühmteste Nummer der Partitur
„Balkon-Pas-de-deux“Romeo und Julia1. Akt – Liebesszene im Garten
„Mercutios Tod“Mercutio2. Akt – tragischer Wendepunkt des Werks

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

„Romeo und Julia“ erzählt nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern die Zerstörung junger Menschen durch den erstarrten Hass ihrer Eltern. Prokofjews Partitur macht diesen Gegensatz hörbar: Dem schweren, marschartigen „Tanz der Ritter“ stehen die zarten, schwebenden Liebesthemen Julias gegenüber. Das Ballett zeigt Julias Reifung vom verspielten Kind zur Frau, die für ihre Entscheidung in den Tod geht. Im Kern verhandelt das Werk, wie Gewalt und Konvention das Recht des Einzelnen auf das eigene Leben ersticken – ein Thema, das weit über das Verona Shakespeares hinausreicht.

Geschichte & Choreografie

Prokofjew schrieb die Musik 1935, doch der ungewohnt sinfonische, psychologische Ton verschreckte die sowjetischen Bühnen. So erlebte das Werk seine szenische Premiere 1938 in Brünn durch Ivo Váňa Psota. Erst Leonid Lawrowski formte 1940 in Leningrad die maßgebliche Fassung – gegen Prokofjews Widerstand kürzte und änderte er die Partitur. Galina Ulanowa wurde zur legendären Julia. Im Westen schufen John Cranko (Stuttgart 1962) und Kenneth MacMillan (London 1965) Versionen von großer dramatischer Wucht; Rudolf Nurejew folgte 1977. Jede Lesart deutet den Stoff neu.

Warum Experten es wichtig finden

Das Werk gilt als Höhepunkt des erzählenden Balletts. Prokofjew gelang es, Charaktere, Stimmungen und Handlungswendungen rein musikalisch zu zeichnen, mit Leitmotiven für die Figuren und einer Tonsprache, die Lyrik und Schärfe verbindet. Für Tänzer ist Julia eine der anspruchsvollsten Rollen überhaupt, weil sie schauspielerische Tiefe und technische Reife zugleich verlangt. Die Vielzahl bedeutender Choreografien – Lawrowski, Cranko, MacMillan, Nurejew – belegt, wie offen die Partitur für Deutung bleibt. Kaum ein anderes Ballett des 20. Jahrhunderts verbindet musikalischen Rang und Bühnenwirkung so überzeugend.

Aufführungsnoten

Choreografische Fassungen & Traditionen

Maßstäbe setzte Leonid Lawrowski (Leningrad 1940) mit Galina Ulanowa als Julia; im Westen prägten John Cranko (Stuttgart 1962) und Kenneth MacMillan (London 1965) das Bild.

Bekannte Companies & Aufnahmen

Filmische Referenz ist die Cranko-Fassung des Stuttgarter Balletts; verbreitet sind zudem MacMillans Royal-Ballet-Produktion sowie die historische Lawrowski-Verfilmung mit Ulanowa.

Was zwischen Fassungen variiert

Aktzahl, Szenenfolge und Spieldauer wechseln je nach Choreografie; der ursprüngliche sowjetische Aufbau zählte vier Akte mit Epilog, üblich sind heute drei Akte mit Prolog und Epilog.

„Romeo und Julia“ bei IOCO

Häufige Fragen

Wer komponierte die Musik zu „Romeo und Julia“?

Die Musik stammt von Sergei Prokofjew. Uraufführung: 30. Dezember 1938, Stadttheater Brünn (Brno); sowjetische Erstaufführung: 11. Januar 1940, Kirow-Theater (Mariinski), Leningrad.

Wer schuf die Choreografie von „Romeo und Julia“?

Leonid Lawrowski.

Wovon handelt „Romeo und Julia“?

„Romeo und Julia“ ist ein abendfüllendes Handlungsballett von Sergei Prokofjew nach Shakespeare. Die Partitur entstand 1935; die erste szenische Aufführung gab Ivo Váňa Psota 1938 in Brünn. Maßstäbe setzte jedoch Leonid Lawrowskis Leningrader Fassung von 1940. Spätere Choreografien von Cranko, MacMillan und Nurejew machten das Werk zu einem Eckpfeiler des erzählenden Balletts.

Welche berühmten Tänze gibt es in „Romeo und Julia“?

Zu den Höhepunkten zählen „Tanz der Ritter“, „Balkon-Pas-de-deux“, „Mercutios Tod“.

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