Onegin
„Onegin“ ist ein abendfüllendes Handlungsballett von John Cranko, uraufgeführt 1965 durch das Stuttgarter Ballett. Es ist kein Tanz zu Tschaikowskys gleichnamiger Oper: Kurt-Heinz Stolze arrangierte die Partitur aus anderen Werken des Komponisten. Vorlage ist Puschkins Versroman. Das Stück gilt als Schlüsselwerk des erzählenden Balletts im 20. Jahrhundert.
Fakten zu „Onegin“
| Komponist | Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, arrangiert und orchestriert von Kurt-Heinz Stolze (aus Klavierwerken, „Die Jahreszeiten“, „Francesca da Rimini“ u. a. – NICHT aus der Oper „Eugen Onegin“) |
|---|---|
| Choreografie (UA) | John Cranko |
| Libretto / Vorlage | nach Alexander Puschkins Versroman „Eugen Onegin“ |
| Uraufführung | 13. April 1965, Württembergische Staatstheater (Württembergische Staatsoper), Stuttgart; überarbeitete Fassung 1967 |
| Aufbau | 3 Akte |
| Spieldauer | ca. 2 Std. 15 Min. (mit Pausen) |
| Gattung | Ballett (Handlungsballett) |
| Bedeutung | Eines der bedeutendsten Erzählballette des 20. Jahrhunderts und ein Aushängeschild des „Stuttgarter Ballettwunders“. |
Handlung
1. Akt
Auf dem Landgut der Familie Larina bereiten sich Olga und ihre ältere, verträumte Schwester Tatjana auf ein Fest vor. Während Olga unbeschwert mit ihrem Verlobten, dem jungen Dichter Lenski, kokettiert, lebt die belesene Tatjana in der Welt ihrer Romane. Lenski stellt seinen Freund vor: den eleganten, gelangweilten Petersburger Onegin, der vom Erbe seines Onkels aufs Land gekommen ist. Tatjana verliebt sich auf den ersten Blick. In der Nacht schreibt sie Onegin einen leidenschaftlichen Liebesbrief. In einer Traumszene erscheint ihr der Geliebte aus dem Spiegel und führt sie in ein schwebendes Pas de deux – die ersehnte, ideale Begegnung. Die Wirklichkeit ist ernüchternd: Onegin durchschaut das schwärmerische Mädchen, lehnt es ab und zerreißt vor ihren Augen den Brief. Tatjana bleibt gedemütigt zurück, ihre erste Liebe ist zerstört, noch ehe sie begonnen hat.
2. Akt
Auf Tatjanas Namenstag versammelt sich die ländliche Gesellschaft zum Ball. Onegin, der die provinzielle Geselligkeit verachtet und sich von Lenski hierher genötigt fühlt, vertreibt sich die Zeit, indem er ungeniert mit Olga flirtet und mit ihr tanzt. Lenski, der seine Verlobte ernsthaft liebt, reagiert zunächst verletzt, dann rasend vor Eifersucht. Vor allen Gästen fordert er den Freund zum Duell. Vergeblich versuchen Tatjana und Olga, die beiden Männer zur Vernunft zu bringen. Am frühen Morgen treten Onegin und Lenski gegeneinander an. Onegin, der die Sache längst bereut, kann den jungen Dichter nicht mehr umstimmen. Der Schuss fällt, Lenski stirbt. Erschüttert erkennt Onegin, dass er aus Hochmut und Langeweile das Leben seines Freundes ausgelöscht hat. Er verlässt das Gut und geht ruhelos auf Reisen.
3. Akt
Jahre später kehrt Onegin nach Sankt Petersburg zurück, gezeichnet von Einsamkeit und Reue. Auf einem glanzvollen Ball bei Fürst Gremin begegnet er einer reifen, selbstbewussten Dame – und erkennt in ihr Tatjana, die inzwischen Gremins Gattin geworden ist. Nun ergreift ihn jene Leidenschaft, die er einst verschmähte. Er sucht Tatjana auf und gesteht ihr in einem stürmischen Brief seine Liebe. Im abschließenden Pas de deux ringen beide miteinander: Tatjana gibt zu, dass sie Onegin noch immer liebt, doch sie weigert sich, ihren Mann zu verraten. In Spiegelung der Brief-Szene des ersten Akts zerreißt nun sie seinen Brief und weist ihn fort. Onegin bleibt allein zurück – die Rollen haben sich vertauscht, doch für ein gemeinsames Glück ist es zu spät.
Hauptrollen
| Rolle | Typ | Bedeutung |
|---|---|---|
| Tatjana | Primaballerina / lyrisch-dramatische Hauptrolle | Larinas ältere, schwärmerische Tochter; durchläuft die Wandlung vom Mädchen zur entschlossenen Frau. |
| Onegin | Erster Solist / dramatische Hauptrolle | Gelangweilter, hochmütiger Petersburger Dandy, der seine Liebe zu spät erkennt. |
| Lenski | Solist (jugendlicher Liebhaber) | Junger Dichter, Olgas Verlobter und Onegins Freund; stirbt im Duell. |
| Olga | Solistin (Soubrette) | Tatjanas jüngere, lebenslustige Schwester, mit Lenski verlobt. |
| Fürst Gremin | Solist / Charakterrolle | Vornehmer Fürst, der Tatjana im dritten Akt zur Frau nimmt. |
Berühmte Tänze & Höhepunkte
| Tanz / Nummer | Besetzung | Szene |
|---|---|---|
| „Spiegel-Pas-de-deux (Traumszene)“ | Tatjana und Onegin | 1. Akt |
| „Brief-Szene (zerrissener Brief)“ | Tatjana, dann Onegin | 1. Akt (gespiegelt im 3. Akt) |
| „Finales Pas de deux“ | Tatjana und Onegin | 3. Akt |
Themen & Kontext
Worum es wirklich geht
„Onegin“ erzählt von verpasster Liebe und der unerbittlichen Logik der Zeit. Im ersten Akt liebt Tatjana den Mann, der sie verschmäht; im dritten liebt dieser Mann die Frau, die ihn nun zurückweist. Cranko stellt zwei Menschen einander gegenüber, die sich nie zugleich begehren. Zwischen ihnen liegt Lenskis sinnloser Tod, Folge von Onegins Hochmut. Es ist ein Ballett über Reue, Stolz und die schmerzhafte Erkenntnis, dass das Glück nur einen Augenblick lang erreichbar war – und für immer vorbei ist, wenn man ihn versäumt.
Geschichte & Choreografie
John Cranko schuf „Onegin“ 1965 für das Stuttgarter Ballett, das er zu Weltgeltung führte – das sogenannte „Stuttgarter Ballettwunder“. Statt Tschaikowskys Oper zu verwenden, ließ er von Kurt-Heinz Stolze eine Partitur aus anderen Werken des Komponisten arrangieren, vorwiegend Klavierstücke sowie „Die Jahreszeiten“ und „Francesca da Rimini“. Zwischen 1965 und 1967 überarbeitete Cranko das Werk mehrfach und straffte die Dramaturgie. Seine Choreografie verbindet klassische Technik mit psychologisch motiviertem Tanz: Jeder Schritt erzählt, jedes Pas de deux ist gebauter Charakter.
Warum Experten es wichtig finden
„Onegin“ gilt als Musterbeispiel des modernen Handlungsballetts und beweist, dass abendfüllendes erzählendes Tanztheater nach 1900 noch große Werke hervorbringen konnte. Cranko verzichtet auf bloße Schaustücke und entwickelt Dramatik aus dem Tanz selbst, allen voran in den drei großen Pas de deux. Die anspruchsvolle Tatjana zählt zu den begehrtesten Frauenrollen des Repertoires. Heute steht das Stück auf den Spielplänen führender Compagnien weltweit, von Stuttgart über das Royal Ballet bis zum American Ballet Theatre, und prägte eine ganze Generation von Choreografen wie John Neumeier und Kenneth MacMillan.
Aufführungsnoten
Choreografische Fassungen & Traditionen
Choreografie und Inszenierung von John Cranko; Bühne und Kostüme der Urfassung von Jürgen Rose. Das Stuttgarter Ballett hält die Werktreue der überarbeiteten Fassung von 1967.
Bekannte Companies & Aufnahmen
Verfilmung des Stuttgarter Balletts (UNITEL Edition, 2017) mit Alicia Amatriain (Tatjana), Friedemann Vogel (Onegin), David Moore (Lenski) und Elisa Badenes (Olga); Marcia Haydée, die erste Tatjana, erscheint darin als Amme.
Was zwischen Fassungen variiert
Das Werk wird weitgehend einheitlich nach Crankos Fassung von 1967 getanzt; Unterschiede betreffen vor allem Besetzung, Ausstattungsdetails und kleinere szenische Akzente der jeweiligen Compagnie.
„Onegin“ bei IOCO
Häufige Fragen
Wer komponierte die Musik zu „Onegin“?
Die Musik stammt von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (arr. Kurt-Heinz Stolze). Uraufführung: 13. April 1965, Württembergische Staatstheater (Württembergische Staatsoper), Stuttgart; überarbeitete Fassung 1967.
Wer schuf die Choreografie von „Onegin“?
John Cranko.
Wovon handelt „Onegin“?
„Onegin“ ist ein abendfüllendes Handlungsballett von John Cranko, uraufgeführt 1965 durch das Stuttgarter Ballett. Es ist kein Tanz zu Tschaikowskys gleichnamiger Oper: Kurt-Heinz Stolze arrangierte die Partitur aus anderen Werken des Komponisten. Vorlage ist Puschkins Versroman. Das Stück gilt als Schlüsselwerk des erzählenden Balletts im 20. Jahrhundert.
Welche berühmten Tänze gibt es in „Onegin“?
Zu den Höhepunkten zählen „Spiegel-Pas-de-deux (Traumszene)“, „Brief-Szene (zerrissener Brief)“, „Finales Pas de deux“.
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Teil des IOCO Kultur Lexikons — Handlung, Hintergrund und Wissenswertes zu den großen Bühnenwerken.