Cinderella

„Cinderella“ ist ein abendfüllendes Handlungsballett von Sergei Prokofjew (op. 87) nach Charles Perraults Märchen. Die Uraufführung gab Rostislaw Sacharow am 21. November 1945 am Bolschoi-Theater in Moskau. Im Westen setzte Frederick Ashton 1948 mit der Sadler’s-Wells-Compagnie Maßstäbe; spätere Fassungen von Nurejew und Maguy Marin deuteten den Stoff neu.

Fakten zu „Cinderella“

KomponistSergei Prokofjew (op. 87, komponiert 1940–1944)
Choreografie (UA)Rostislaw Sacharow (Moskau 1945); maßgebliche westliche Fassung: Frederick Ashton (London 1948)
Libretto / VorlageNikolai Wolkow nach dem Märchen „Cendrillon“ von Charles Perrault
Uraufführung21. November 1945, Bolschoi-Theater, Moskau
Aufbau3 Akte
Spieldauerca. 2 Std. 30 Min. (mit zwei Pausen)
GattungBallett (Handlungsballett)
BedeutungNach „Romeo und Julia“ Prokofjews zweites großes Erzählballett und ein Eckpfeiler des Märchenballetts im 20. Jahrhundert.

Handlung

1. Akt

Im Haus der Stiefmutter wird Cinderella von ihrer herrischen Stiefmutter und den beiden eitlen Stiefschwestern gedemütigt; sie muss putzen, nähen und schweigen, während die anderen sich für den Ball des Prinzen herausputzen. Allein am Herd träumt das Mädchen von ihrer verstorbenen Mutter. Eine alte Bettlerin, die Cinderella heimlich beschenkt, gibt sich als die Fee zu erkennen. Sie ruft die vier Jahreszeiten herbei, deren Feen Cinderella mit Gaben überhäufen, und verwandelt Lumpen, Kürbis und Mäuse in ein prächtiges Kleid, eine Kutsche und ein Gefolge. Aus der Asche steigt eine strahlende Tänzerin empor. Die Fee schenkt ihr gläserne Schuhe – mahnt jedoch eindringlich: Mit dem zwölften Glockenschlag zerfällt der Zauber. Die große Uhr beginnt zu ticken, und Cinderella eilt voller Hoffnung dem Fest entgegen.

2. Akt

Im Schloss feiert der Hof; die beiden Stiefschwestern stolpern komisch durch die höfischen Tänze und buhlen vergeblich um Aufmerksamkeit. Da erscheint eine unbekannte, vornehme Dame – Cinderella, von niemandem erkannt. Der Prinz ist sogleich gebannt. Im großen Walzer, dem klanglichen Zentrum des Aktes, finden die beiden zueinander; ihr Pas de deux feiert eine plötzliche, schwerelose Liebe. Cinderella, im Glück befangen, vergisst die Warnung der Fee. Mitten in der Seligkeit setzt die Mitternachtsszene ein: Die Uhr schlägt zwölf, die Musik kippt ins Drängende und Bedrohliche. Cinderella flieht überstürzt, der Zauber bricht – zurück bleibt nur ein verlorener gläserner Schuh. Der Prinz hält ratlos das einzige Zeichen seiner Unbekannten in Händen und schwört, sie in aller Welt zu suchen.

3. Akt

Der Prinz durchreist ferne Länder, um die Trägerin des gläsernen Schuhs zu finden; Prokofjew malt diese Suche in farbigen, exotisch gefärbten Episoden aus. Schließlich kehrt er heim und betritt das Haus der Stiefmutter. Die beiden Stiefschwestern zwängen vergeblich ihre Füße in den zierlichen Schuh, und auch die Stiefmutter drängt sich vor. Cinderella, wieder in Lumpen, bleibt zunächst im Hintergrund. Beim Hantieren fällt ihr der zweite Schuh zu Boden – und der Prinz erkennt seine Geliebte. Die Verwandlung gelingt: Aus dem gedemütigten Mädchen wird die künftige Braut. Im abschließenden großen Pas de deux besiegeln Cinderella und der Prinz ihre Liebe, während Stiefmutter und Schwestern beschämt zurückbleiben. Die Fee tritt noch einmal hinzu und segnet das Paar; das Ballett schließt in verklärter, leuchtender Stimmung.

Hauptrollen

RolleTypBedeutung
Cinderella (Aschenbrödel)Ballerina (Hauptrolle)Das gedemütigte Mädchen; lyrische Wandlung von der Magd zur Braut des Prinzen
Der PrinzErster Solist (Hauptrolle)Sucht nach der Unbekannten vom Ball; jugendlich-edler Liebhaber
Die FeeSolistin / CharakterrolleErscheint zunächst als Bettlerin; stiftet den Zauber und mahnt zur Mitternacht
Die beiden StiefschwesternDemi-charakter / TravestieEitle, komische Figuren, oft von Männern en travesti getanzt
Die StiefmutterCharakterrolle (Travestie)Herrische Tyrannin des Hauses; meist als komische Travestierolle angelegt

Berühmte Tänze & Höhepunkte

Tanz / NummerBesetzungSzene
„Tanz der Jahreszeiten“Fee / Frühling, Sommer, Herbst, Winter1. Akt – Verwandlungsszene mit den vier Jahreszeitenfeen
„Großer Walzer“Cinderella und der Prinz / Ensemble2. Akt – klangliches Zentrum, Begegnung beim Ball
„Mitternachtsszene“Cinderella2. Akt – die Uhr schlägt zwölf, der Zauber bricht

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

„Cinderella“ erzählt mehr als ein Aschenputtel-Märchen: Es geht um die Würde der Demütigten und um die verwandelnde Kraft von Güte. Cinderella wird nicht durch Schönheit, sondern durch ihre Freundlichkeit belohnt – die Bettlerin, die sie beschenkt, ist die Fee. Prokofjews Partitur stellt zwei Welten gegeneinander: die enge, von Spott und Härte geprägte Häuslichkeit der Stiefmutter und das weite, schwebende Reich des Traums und der Liebe. Im Kern verhandelt das Werk die Hoffnung, dass innere Reinheit über Eitelkeit und Bosheit siegt, ohne den bitteren Unterton ganz zu verschweigen.

Geschichte & Choreografie

Prokofjew komponierte „Cinderella“ zwischen 1940 und 1944, unterbrochen durch die Arbeit an der Oper „Krieg und Frieden“ und die Kriegsjahre. Die Uraufführung gab Rostislaw Sacharow 1945 am Moskauer Bolschoi mit Olga Lepeschinskaja, kurz darauf tanzte Galina Ulanowa die Titelrolle. Im Westen schuf Frederick Ashton 1948 für die Sadler’s-Wells-Compagnie das erste abendfüllende Ballett eines britischen Choreografen – mit komischen Travestierollen für die Stiefschwestern. Später deuteten Rudolf Nurejew (Paris 1986, im Hollywood-Milieu der 1930er) und Maguy Marin (Lyon 1985, traumhaft-verfremdet) den Stoff radikal neu.

Warum Experten es wichtig finden

Fachleute schätzen „Cinderella“ als Höhepunkt von Prokofjews Ballettschaffen, in dem er die erzählerische Dichte von „Romeo und Julia“ ins Märchenhafte überträgt. Die Partitur verbindet Walzerseligkeit, scharfe Groteske für die Stiefschwestern und eine kühl tickende Uhrmusik zur Mitternachtsszene zu einem Ganzen von hoher dramatischer Logik. Choreografisch eröffnet das Werk zwei Linien: die klassisch-lyrische Tradition Ashtons und Sacharows sowie die ironisch-modernen Lesarten Nurejews und Marins. Diese Bandbreite belegt, wie tragfähig Prokofjews Musik für höchst unterschiedliche Deutungen bleibt – vom heiteren Märchen bis zum verstörenden Traum.

Aufführungsnoten

Choreografische Fassungen & Traditionen

Die Uraufführung schuf Rostislaw Sacharow (Bolschoi 1945); im Westen wurde Frederick Ashtons Fassung (Sadler’s Wells / Royal Opera House 1948) zur Referenz. Rudolf Nurejew (Paris 1986) und Maguy Marin (Lyon 1985) lieferten eigenständige Neudeutungen.

Bekannte Companies & Aufnahmen

Verbreitet sind Mitschnitte von Ashtons Royal-Ballet-Produktion sowie Nurejews Pariser Hollywood-Fassung; daneben existieren russische Aufzeichnungen aus Bolschoi- und Mariinski-Tradition.

Was zwischen Fassungen variiert

Szenenfolge, Charakterzeichnung und Spieldauer wechseln je nach Choreografie: Sacharow und Ashton bleiben dem Märchen treu, Nurejew verlegt es ins Hollywood der 1930er, Marin entwirft eine traum- und alptraumhafte Kinderperspektive.

„Cinderella“ bei IOCO

Häufige Fragen

Wer komponierte die Musik zu „Cinderella“?

Die Musik stammt von Sergei Prokofjew. Uraufführung: 21. November 1945, Bolschoi-Theater, Moskau.

Wer schuf die Choreografie von „Cinderella“?

Rostislaw Sacharow.

Wovon handelt „Cinderella“?

„Cinderella“ ist ein abendfüllendes Handlungsballett von Sergei Prokofjew (op. 87) nach Charles Perraults Märchen. Die Uraufführung gab Rostislaw Sacharow am 21. November 1945 am Bolschoi-Theater in Moskau. Im Westen setzte Frederick Ashton 1948 mit der Sadler’s-Wells-Compagnie Maßstäbe; spätere Fassungen von Nurejew und Maguy Marin deuteten den Stoff neu.

Welche berühmten Tänze gibt es in „Cinderella“?

Zu den Höhepunkten zählen „Tanz der Jahreszeiten“, „Großer Walzer“, „Mitternachtsszene“.

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