Raymonda

„Raymonda“ ist Alexander Glasunows erstes Ballett und das letzte große Werk des Choreografen Marius Petipa. Uraufgeführt am 19. Januar 1898 (7. Jan. jul.) am Mariinski-Theater in St. Petersburg, erzählt es in drei Akten eine mittelalterliche Ritterromanze: Die Adlige Raymonda wartet auf ihren Verlobten, den Kreuzritter Jean de Brienne, und weist den Sarazenen Abderachman ab.

Fakten zu „Raymonda“

KomponistAlexander Glasunow (sein erstes Ballett)
Choreografie (UA)Marius Petipa (sein letztes großes Ballett)
Libretto / VorlageLidija Paschkowa und Marius Petipa nach einer mittelalterlichen Ritterlegende (Stoffe aus der Zeit der Kreuzzüge)
Uraufführung19. Januar 1898 (7. Januar jul.), Mariinski-Theater, St. Petersburg
Aufbau3 Akte (vier Bilder, mit Apotheose)
Spieldauerca. 2 Std. 30 Min.
GattungBallett
BedeutungPetipas letztes abendfüllendes Meisterwerk, berühmt für seine sinfonische Glasunow-Partitur und die ungarisch gefärbten Tänze des Schlussakts.

Handlung

1. Akt

Auf dem Schloss der Gräfin Sybille de Doris feiert man den Namenstag der jungen Adligen Raymonda. Sie ist mit dem Ritter Jean de Brienne verlobt, der sich auf einem Kreuzzug befindet. Die Gräfin warnt vor der „Weißen Dame“, einer Ahnfrau, die Untreue bestraft. Beim Fest tanzen Raymondas Freundinnen, und ein Bote kündigt die baldige Rückkehr Jean de Briennes an. Allein zurückgeblieben, schläft Raymonda vor einer Statue der Weißen Dame ein. Im berühmten „Traumbild“ (La visite nocturne) erscheint ihr zunächst Jean de Brienne, doch dann tritt an seine Stelle ein fremder, prächtiger Ritter: der Sarazene Abderachman. Verwirrt und erschreckt erwacht Raymonda aus dem Traum. Die Vision deutet das kommende Spannungsfeld an: die treue Liebe zum abwesenden Verlobten und die bedrohliche Anziehungskraft des fremden, orientalisch gezeichneten Werbers, der bald leibhaftig auftreten wird.

2. Akt

Im Hof des Schlosses empfängt Raymonda zahlreiche Gäste. Unter ihnen erscheint der Sarazene Abderachman, der sich heftig in Raymonda verliebt hat und offen um sie wirbt. Er lässt zu ihrer Unterhaltung exotische Tänze seines Gefolges aufführen – ein farbenprächtiges Divertissement aus maurischen und spanischen Klängen. Doch Raymonda weist seine Werbung entschieden zurück. Als Abderachman versucht, sie mit Gewalt zu entführen, kehrt im entscheidenden Augenblick Jean de Brienne mit dem ungarischen König Andreas II. von der Kreuzfahrt zurück. Es kommt zum Zweikampf zwischen Jean de Brienne und Abderachman. Mit dem Beistand der erscheinenden Weißen Dame, die den Sarazenen blendet, besiegt und tötet Jean de Brienne seinen Rivalen. Die Bedrohung ist abgewehrt, die Treue der Liebenden bewährt; der König segnet die Verbindung Raymondas mit Jean de Brienne.

3. Akt

Der Schlussakt feiert die Hochzeit Raymondas mit Jean de Brienne als großes höfisches Fest. Da Jean de Brienne mit dem ungarischen König zurückgekehrt ist, wird die Feier in „ungarischem“ Stil ausgerichtet: Der berühmte „Grand Pas hongrois“ verbindet die akademische Spitzentechnik mit den Schritten, Posen und Akzenten des ungarischen Csárdás. In einer Folge von Variationen, Pas de deux und Ensembletänzen entfaltet sich das ganze Glanzlicht der Petipa’schen Tanzkunst, getragen von Glasunows festlicher Musik. Die Handlung tritt nun vollständig hinter das getanzte Schaustück zurück; der Akt ist ein reines Divertissement zur Verherrlichung des Brautpaars. Eine abschließende Apotheose besiegelt das Glück der Liebenden. Dieser dritte Akt – insbesondere der ungarische Grand Pas und Raymondas Solovariation – wird häufig konzertant oder als eigenständiges Ballettstück aufgeführt.

Hauptrollen

RolleTypBedeutung
RaymondaBallerina (Titelrolle)Junge Adlige, die ihrem Verlobten Jean de Brienne treu bleibt und den Sarazenen abweist.
Jean de BrienneErster SolistKreuzritter und Verlobter Raymondas; besiegt Abderachman im Zweikampf.
AbderachmanCharakter- / PantomimenrolleSarazenischer Ritter, der vergeblich um Raymonda wirbt und sie zu entführen versucht.
Gräfin Sybille de DorisPantomimenrolleRaymondas Tante und Hüterin; warnt vor der Weißen Dame.
Die Weiße DameErscheinung / CharakterrolleSchützende Ahnfrau, die Untreue bestraft und Jean de Brienne im Kampf beisteht.

Berühmte Tänze & Höhepunkte

Tanz / NummerBesetzungSzene
„Grand Pas hongrois (Ungarischer Grand Pas)“Raymonda, Jean de Brienne & Ensemble3. Akt
„Traumbild / La visite nocturne“Raymonda mit Jean de Brienne und Abderachman1. Akt
„Raymondas Variation (mit Klatsch-Akzenten)“Raymonda3. Akt

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

„Raymonda“ erzählt eine klassische Ritterromanze: die Prüfung der treuen Liebe gegen die Versuchung durch einen fremden Werber. Raymonda bleibt ihrem Kreuzritter Jean de Brienne verbunden und weist den sarazenischen Abderachman ab, der sie mit Pracht und schließlich mit Gewalt zu gewinnen sucht. Der Sieg des Verlobten und die schützende Weiße Dame stellen die bedrohte Ordnung wieder her. Hinter der mittelalterlichen Fabel steht das im 19. Jahrhundert beliebte Schema vom Gegensatz zwischen dem vertrauten, christlich-höfischen Helden und dem exotisch gezeichneten „Orientalen“. Heute zählt jedoch weniger die dünne, klischeehafte Handlung als der tänzerische Glanz, der das Werk im Repertoire hält.

Geschichte & Choreografie

1898, im Jahr seines 80. Geburtstags, schuf Marius Petipa mit „Raymonda“ sein letztes großes Ballett – nach einem Libretto von Lidija Paschkowa und ihm selbst. Für den jungen Sinfoniker Alexander Glasunow war es die erste Ballettpartitur; sie gilt als eine der musikalisch reichsten des klassischen Repertoires. Riccardo Drigo dirigierte die Uraufführung am Mariinski-Theater, Pierina Legnani tanzte die Titelrolle, Pawel Gerdt den Jean de Brienne. Im 20. Jahrhundert pflegten und überarbeiteten vor allem russische Compagnien das Werk; einflussreiche Fassungen schufen u. a. Konstantin Sergejew sowie Rudolf Nurejew. Der dritte Akt lebt zudem als selbstständiges Schaustück fort.

Warum Experten es wichtig finden

Fachleute schätzen „Raymonda“ vor allem wegen Glasunows sinfonischer Partitur, die mit dichter motivischer Arbeit und reicher Orchestrierung über die übliche Ballettmusik der Zeit hinausgeht. Choreografisch markiert das Werk den Abschluss von Petipas Schaffen und die Summe seines Stils: die strenge Architektur des Grand Pas, die Verbindung von akademischem Tanz mit nationalen Charaktertänzen, hier dem ungarischen Idiom des Schlussakts. Zugleich gilt „Raymonda“ als Prüfstein für die Ballerina, die in mehreren stilistisch verschiedenen Variationen Technik, Musikalität und Charakter zeigen muss. Tanzhistorisch steht es an der Schwelle vom kaiserlichen Ballett des 19. Jahrhunderts zur Moderne.

Aufführungsnoten

Choreografische Fassungen & Traditionen

Grundlage bleibt Petipas Choreografie von 1898; maßgebliche Überarbeitungen schufen Konstantin Sergejew (Mariinski/Kirow) und Rudolf Nurejew (u. a. für Pariser Oper und La Scala). Zahlreiche Compagnien zeigen den dritten Akt als eigenständigen „Raymonda“-Grand-Pas.

Bekannte Companies & Aufnahmen

Szenische Mitschnitte liegen u. a. vom Mariinski-Theater (Fassung Sergejew) und in Nurejews Fassung vor; die Partitur ist auch als reine Orchestermusik (Suiten) verbreitet.

Was zwischen Fassungen variiert

Aufführungen unterscheiden sich stark in Strichen, Reihenfolge der Variationen und Ausstattung; manche Häuser zeigen das vollständige Handlungsballett, viele nur den dritten Akt oder den Grand Pas hongrois.

Häufige Fragen

Wer komponierte die Musik zu „Raymonda“?

Die Musik stammt von Alexander Glasunow. Uraufführung: 19. Januar 1898 (7. Januar jul.), Mariinski-Theater, St. Petersburg.

Wer schuf die Choreografie von „Raymonda“?

Marius Petipa (UA 1898).

Wovon handelt „Raymonda“?

„Raymonda“ ist Alexander Glasunows erstes Ballett und das letzte große Werk des Choreografen Marius Petipa. Uraufgeführt am 19. Januar 1898 (7. Jan. jul.) am Mariinski-Theater in St. Petersburg, erzählt es in drei Akten eine mittelalterliche Ritterromanze: Die Adlige Raymonda wartet auf ihren Verlobten, den Kreuzritter Jean de Brienne, und weist den Sarazenen Abderachman ab.

Welche berühmten Tänze gibt es in „Raymonda“?

Zu den Höhepunkten zählen „Grand Pas hongrois (Ungarischer Grand Pas)“, „Traumbild / La visite nocturne“, „Raymondas Variation (mit Klatsch-Akzenten)“.

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