La Bayadère

„La Bayadère“ ist Marius Petipas großes Ausstattungsballett des russischen Orients: 1877 in St. Petersburg uraufgeführt, erzählt es von der Tempeltänzerin Nikija, dem Krieger Solor und seiner ungewollten Verlobung mit Gamzatti. Ludwig Minkus’ Partitur und vor allem der „Schatten“-Akt mit seinem Auftritt von 32 Tänzerinnen gelten als Inbegriff des klassischen Corps de ballet.

Fakten zu „La Bayadère“

KomponistLudwig Minkus
Choreografie (UA)Marius Petipa
Libretto / VorlageMarius Petipa und Sergei Chudekow (Khudekov); angeregt durch frühere Indien-Stoffe, u. a. Lucien Petipas „Sacountalâ“ und Filippo Taglionis „Le Dieu et la Bayadère“
Uraufführung4. Februar 1877 (23. Januar jul.), Bolschoi-Kamenny-Theater, St. Petersburg
Aufbau4 Akte (sieben Bilder; heute oft auf drei bzw. vier Akte verkürzt)
Spieldauerca. 3 Std. (mit Pausen)
GattungBallett
BedeutungHöhepunkt von Petipas Grand Ballet und mit dem „Reich der Schatten“ ein Gründungswerk des sinfonischen Ensembletanzes.

Handlung

1. Akt

Vor einem indischen Tempel feiert man das Feuerfest. Der Krieger Solor kehrt von der Jagd zurück und sucht heimlich die Tempeltänzerin (Bajadere) Nikija, in die er verliebt ist. Der Hohepriester (Großer Brahmane), der die Tempeldienerinnen überwacht, begehrt Nikija selbst und gerät in Eifersucht, als er Solor und Nikija beobachtet. An der heiligen Quelle schwören sich Solor und Nikija über dem Feuer ewige Treue. Der Hohepriester wird Zeuge dieses Schwurs und sinnt auf Rache. Zugleich beschließt der Rajah Dugmanta, seine Tochter Gamzatti mit dem ruhmreichen Solor zu vermählen. Der Hohepriester verrät dem Rajah, dass Solor bereits einer Tempeltänzerin verbunden ist – hofft jedoch, dass nicht Solor, sondern Nikija beseitigt wird. Der Rajah entscheidet anders: Nikija, die der Verbindung im Wege steht, soll sterben. Damit sind die Fronten gezogen: heilige Liebe und gegebener Schwur stehen gegen höfische Macht, Standesheirat und priesterliche Intrige.

2. Akt

Im Palast bereitet der Rajah die Verlobung Solors mit Gamzatti vor. Gamzatti lässt Nikija zu sich rufen und zeigt ihr das Bild des künftigen Bräutigams; erst da begreift Nikija, dass ihr Solor der Verlobte der Fürstentochter ist. In einer heftigen Auseinandersetzung weist Nikija jedes Angebot zurück und greift im Affekt nach einem Dolch – die beiden Frauen sind nun Todfeindinnen. Beim großen Fest zur Verlobung muss Nikija als Tempeltänzerin auftreten und vor dem Paar tanzen; in ihren Tanz mischt sich der Schmerz der Verlassenen. Auf Befehl Gamzattis (und mit Wissen des Hohepriesters) wird ihr ein Korb mit Blumen gereicht, in dem eine Schlange verborgen ist. Die Schlange beißt Nikija. Der Hohepriester bietet ihr ein Gegengift an, falls sie Solor entsage; doch Nikija wählt den Tod und stirbt im Bewusstsein, ihrem Schwur treu geblieben zu sein, während Solor hilflos zusehen muss.

3. Akt

Verzweifelt über Nikijas Tod, betäubt sich Solor mit Opium. In seinem Rausch eröffnet sich das „Reich der Schatten“: eine jenseitige Bergwelt, in die Nikijas Geist gehört. Der berühmte Auftritt beginnt mit dem langsamen Herabschreiten von 32 Tänzerinnen, die in immer gleicher Arabesque eine endlose Reihe bilden – reiner, handlungsloser Tanz, in dem das Corps de ballet zur Einheit verschmilzt. Solor findet die Schatten-Nikija wieder; in einem großen Pas de deux mit langem Schleier und mehreren Variationen tanzen sie ihre Liebe über den Tod hinaus, doch die Verbindung bleibt unwirklich und entzieht sich ihm. Dieser Akt ist der choreografische Höhepunkt des Werks und gilt als eines der vollkommensten Beispiele des klassischen „weißen“ Ensembletanzes. In der vollständigen, vorrevolutionären Fassung folgt darauf der Schlussakt; viele moderne Inszenierungen enden jedoch mit der Vision und lassen Solor im Rausch zurück.

4. Akt

Der ursprüngliche Schlussakt führt zurück in die diesseitige Welt: Im Tempel soll nun die Hochzeit Solors mit Gamzatti vollzogen werden. Während der Hohepriester die Zeremonie leitet, ist der Geist Nikijas für Solor allgegenwärtig und stört die Feier; die gebrochene Treue lastet auf dem Paar. Als die Trauung besiegelt wird, vollziehen die Götter ihre Rache: Ein Erdbeben lässt den Tempel über der versammelten Hofgesellschaft einstürzen und begräbt Rajah, Gamzatti, den Hohepriester und Solor unter den Trümmern. In der abschließenden Apotheose vereinen sich die Schatten Nikijas und Solors für immer. Dieser vierte Akt ging im 20. Jahrhundert lange verloren: Die sowjetische Bühnenpraxis strich den einstürzenden Tempel und die göttliche Vergeltung und ließ das Ballett mit dem „Reich der Schatten“ enden. Erst Rekonstruktionen wie diejenige Sergei Wicharews (2002) stellten den Götterzorn und das tragische Finale wieder her.

Hauptrollen

RolleTypBedeutung
NikijaBallerina (Hauptrolle)Tempeltänzerin (Bajadere); liebt Solor, stirbt am Schlangenbiss und kehrt als Schatten wieder.
SolorErster SolistEdler Krieger; zwischen Schwur an Nikija und erzwungener Heirat mit Gamzatti zerrieben.
GamzattiSolistin / zweite BallerinaTochter des Rajahs; Solors Verlobte und Nikijas Rivalin, technisch brillant und kühl.
Der Hohepriester (Großer Brahmane)Charakter- / PantomimenrolleBegehrt Nikija selbst; treibt aus Eifersucht die Intrige voran.
Rajah DugmantaPantomimenrolleHerrscher und Gamzattis Vater; befiehlt den Tod der im Wege stehenden Nikija.
Bronzener GötzeSolistenrolle (Demi-charactère)Goldene Tempelstatue, die beim Verlobungsfest zum bravourösen Solovirtuosen erwacht.

Berühmte Tänze & Höhepunkte

Tanz / NummerBesetzungSzene
„Reich der Schatten – Auftritt der 32 Schatten“Corps de ballet3. Akt
„Pas de deux Nikija / Solor (mit Schleier)“Nikija & Solor3. Akt
„Nikijas Tanz beim Verlobungsfest“Nikija2. Akt
„Tanz des Bronzenen Götzen“Bronzener Götze2. Akt
„Schwur an der heiligen Quelle“Nikija & Solor1. Akt

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

Im Kern erzählt „La Bayadère“ vom Konflikt zwischen einem heiligen Treueschwur und der Macht von Stand und Politik. Nikija hält an ihrer Liebe und ihrem über dem Feuer geleisteten Eid fest, auch um den Preis des Todes; Solor dagegen weicht der höfischen Heirat nicht aus und verrät damit den Schwur. Eifersucht – beim Hohepriester wie bei Gamzatti – wird zum Motor der Tragödie. Treue, Schuld und göttliche Vergeltung greifen ineinander: Erst im jenseitigen „Reich der Schatten“ und in der Apotheose findet die verratene Liebe ihre Erfüllung, während die irdische Ordnung im Götterzorn untergeht.

Geschichte & Choreografie

Petipa schuf „La Bayadère“ 1877 als Benefizballett für die Primaballerina Jekaterina Wasem, die erste Nikija. Den Stoff regten frühere Indien-Ballette an, darunter Lucien Petipas „Sacountalâ“; der Orientalismus war Mode der Zeit. Der „Schatten“-Akt steht für Petipas reifste Kunst: handlungsloser, sinfonisch gebauter Ensembletanz, in dem das Corps in strenger Arabesque-Reihung zur Einheit wird. Vakhtang Tschabukiani und Wladimir Ponomarjow gaben 1941 die maßgebliche sowjetische Fassung, die den Schlussakt strich. Spätere Choreografen – Nurejew in Paris, Makarowa in New York – sowie Notations-Rekonstruktionen brachten das tragische Finale teils zurück.

Warum Experten es wichtig finden

Der dritte Akt, das „Reich der Schatten“, gilt als Inbegriff des klassischen Corps de ballet und als früher Höhepunkt des sinfonischen Tanzes: Hier zählt nicht die Handlung, sondern die abstrakte Schönheit gleichförmiger Bewegung im Raum. Zugleich steht das Werk im Zentrum der Orientalismus-Debatte. Sein „indisches“ Kolorit ist eine europäische Fantasie des 19. Jahrhunderts; Kostüme, Pantomime und manche Figuren reproduzieren exotisierende Klischees, was heutige Bühnen zu Überarbeitungen und kritischer Einordnung zwingt. Diese Spannung – choreografische Vollkommenheit einerseits, problematische Bilderwelt andererseits – macht „La Bayadère“ zu einem Schlüsselwerk der aktuellen Repertoire-Diskussion.

Aufführungsnoten

Choreografische Fassungen & Traditionen

Grundlage ist Petipas Choreografie in der sowjetischen Bearbeitung von Tschabukiani/Ponomarjow (1941); daneben stehen historisch informierte Rekonstruktionen wie Sergei Wicharews (Mariinski, 2002) nach Stepanow-Notation, die den verlorenen Schlussakt mit Tempeleinsturz wiederherstellen.

Bekannte Companies & Aufnahmen

Verbreitete Aufnahmen u. a. mit dem Mariinski-/Kirow-Ballett, dem Bolschoi-Ballett, der Pariser Opéra (Nurejews Fassung) sowie dem American Ballet Theatre (Makarowa); der „Schatten“-Akt liegt auch separat vor.

Was zwischen Fassungen variiert

Aktzahl, Spieldauer und Ende variieren stark: Viele Häuser enden mit dem „Reich der Schatten“, andere spielen den vierten Akt mit Götterrache. Auch die Schatten-Zahl (oft 32, in Petipas Revision 1900 bis zu 48) und die Schreibung der Namen (Nikija/Nikia, Gamzatti/Hamsatti, Chudekow/Khudekov) schwanken.

Häufige Fragen

Wer komponierte die Musik zu „La Bayadère“?

Die Musik stammt von Ludwig Minkus. Uraufführung: 4. Februar 1877 (23. Januar jul.), Bolschoi-Kamenny-Theater, St. Petersburg.

Wer schuf die Choreografie von „La Bayadère“?

Marius Petipa.

Wovon handelt „La Bayadère“?

„La Bayadère“ ist Marius Petipas großes Ausstattungsballett des russischen Orients: 1877 in St. Petersburg uraufgeführt, erzählt es von der Tempeltänzerin Nikija, dem Krieger Solor und seiner ungewollten Verlobung mit Gamzatti. Ludwig Minkus’ Partitur und vor allem der „Schatten“-Akt mit seinem Auftritt von 32 Tänzerinnen gelten als Inbegriff des klassischen Corps de ballet.

Welche berühmten Tänze gibt es in „La Bayadère“?

Zu den Höhepunkten zählen „Reich der Schatten – Auftritt der 32 Schatten“, „Pas de deux Nikija / Solor (mit Schleier)“, „Nikijas Tanz beim Verlobungsfest“.

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