Paquita

„Paquita“ lebt heute vor allem als „Grand Pas classique“ fort, ein virtuoser Schaustück-Block aus Marius Petipas Petersburger Fassung von 1881. Das abendfüllende Ballett selbst entstand 1846 in Paris: Joseph Mazilier choreografierte zu Musik von Édouard Deldevez die Geschichte der als Zigeunerin aufgewachsenen Adligen Paquita im besetzten Spanien. Petipa fügte später neue Minkus-Musik hinzu.

Fakten zu „Paquita“

KomponistÉdouard Deldevez (Paris 1846); Zusatzmusik für die Petersburger Fassung von Ludwig Minkus (1881)
Choreografie (UA)Joseph Mazilier (Paris 1846); maßgebliche Fassung von Marius Petipa (St. Petersburg 1881)
Libretto / VorlagePaul Foucher und Joseph Mazilier; angeregt durch Stoffe um vertauschte Adelskinder im spanischen Milieu der napoleonischen Zeit
Uraufführung1. April 1846, Théâtre de l’Académie Royale de Musique (Salle Le Peletier), Paris
Aufbau2 Akte (drei Bilder)
Spieldauerca. 2 Std. (abendfüllende Fassung); das „Grand Pas classique“ allein ca. 30–40 Min.
GattungBallett
BedeutungEin Schlüsselwerk des akademischen Tanzes, dessen „Grand Pas classique“ als Prüfstein klassischer Technik gilt, während die Handlung heute kaum noch gespielt wird.

Handlung

1. Akt

Spanien zur Zeit der napoleonischen Besatzung, in der Gegend von Saragossa. Paquita, eine junge Frau, die in einem Lager fahrender Zigeuner aufgewachsen ist und nichts von ihrer wahren Herkunft ahnt, lebt unter der Gewalt des Lagerführers Inigo. In Wahrheit ist sie adliger Abkunft, in der Kindheit geraubt. Der französische Offizier Lucien d’Hervilly begegnet ihr und verliebt sich in die anmutige Tänzerin. Doch der spanische Gouverneur Don Lopez de Mendoza, der die französische Herrschaft heimlich hasst, schmiedet mit Inigo ein Mordkomplott gegen Lucien, um zugleich seine eigene Tochter standesgemäß zu verheiraten. Paquita durchschaut die Intrige. In Inigos Behausung soll Lucien betäubt und getötet werden; mit List vertauscht Paquita die Becher, betäubt Inigo selbst und rettet so dem Offizier das Leben. Ihre Loyalität gilt dem Fremden, dem sie sich zugeneigt fühlt, obwohl der Standesunterschied jede Verbindung auszuschließen scheint. Ein Medaillon, das Paquita seit Kindertagen trägt, deutet erste Hinweise auf ihre verborgene Identität an.

2. Akt

Im Palast des Generals d’Hervilly, Luciens Vater, bereitet man ein festliches Fest vor. Paquita hat das Mordkomplott aufgedeckt und Don Lopez als Verräter entlarvt. Beim Vergleich des Medaillons mit einem Familienporträt erweist sich, dass Paquita die geraubte Nichte des Generals ist – also selbst von Adel und mit Lucien verwandt. Damit fällt das Hindernis ihrer Herkunft: Die einstige Zigeunerin darf den Offizier Lucien d’Hervilly heiraten. Zur Feier dieser Verlobung entfaltet sich das große höfische Divertissement, das den Kern der heute überlieferten Petipa-Fassung bildet. Hier erklingen das „Grand Pas classique“ mit seinen anspruchsvollen Soli und Variationen, das „Pas de trois“ sowie die von Kindern getanzte Mazurka. Die Handlung tritt nun ganz hinter die getanzte Festlichkeit zurück; aus dem Erzählballett wird ein reines Schaustück akademischer Brillanz, das die gesellschaftliche Versöhnung von Standesgrenzen und persönlichem Glück in tänzerischer Form besiegelt.

Hauptrollen

RolleTypBedeutung
PaquitaBallerina (Hauptrolle)Als Zigeunerin aufgewachsene Adlige; rettet Lucien und erkennt ihre wahre Herkunft.
Lucien d’HervillyErster SolistFranzösischer Offizier, der sich in Paquita verliebt; Sohn des Generals d’Hervilly.
InigoCharakter- / PantomimenrolleAnführer der fahrenden Zigeuner; hält Paquita gefangen und beteiligt sich am Mordkomplott.
Don Lopez de MendozaPantomimenrolleSpanischer Gouverneur, der die französische Besatzung hasst und Lucien töten lassen will.
General Graf d’HervillyPantomimenrolleLuciens Vater; erkennt in Paquita die einst geraubte Nichte.

Berühmte Tänze & Höhepunkte

Tanz / NummerBesetzungSzene
„Grand Pas classique“Paquita & Lucien mit Solistinnen und Corps2. Akt
„Pas de trois“Zwei Solistinnen und ein Solist1. Akt (in Petipas Fassung)
„Kindermazurka (Mazurka des enfants)“Kinder des Corps de ballet2. Akt

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

Im Kern erzählt „Paquita“ von verborgener Identität und der Überwindung von Standesgrenzen. Eine junge Frau, geraubt und unter Fahrenden aufgewachsen, erweist sich als adlig und darf so den geliebten Offizier heiraten. Das Motiv des vertauschten oder geraubten Adelskindes löst den scheinbar unüberbrückbaren Konflikt zwischen Liebe und Geburtsstand auf konventionelle, versöhnliche Weise. Heute aber ist die Handlung weitgehend bedeutungslos geworden: Was vom Werk übrig blieb, ist nicht die Erzählung, sondern das getanzte Fest des zweiten Akts. „Paquita“ ist damit zum Sinnbild eines Balletts geworden, das nur noch in seinem brillantesten Fragment weiterlebt.

Geschichte & Choreografie

Joseph Mazilier brachte „Paquita“ 1846 zu Musik von Édouard Deldevez an der Pariser Oper heraus, mit Carlotta Grisi in der Titelrolle. In Paris verschwand das Werk bald aus dem Repertoire. Entscheidend wurde Marius Petipas Petersburger Bearbeitung von 1881, für die Ludwig Minkus neue Musik schrieb: das „Grand Pas classique“, das „Pas de trois“ und die Kindermazurka. Ekaterina Vazem tanzte die Paquita, Pavel Gerdt den Lucien. Aus diesen Petipa-Nummern lösten sich später eigenständige Konzertstücke, die fast jede große Compagnie pflegt, während das abendfüllende Handlungsballett nur selten zu sehen ist.

Warum Experten es wichtig finden

Das „Grand Pas classique“ gilt als ein Prüfstein der akademischen Technik: Es verlangt von der Ballerina makellose Soli, lange Adagio-Linien und brillante Variationen, vom Partner saubere Hebungen und vom Ensemble strenge Geschlossenheit. Zugleich steht „Paquita“ exemplarisch für die Fragmentierung des klassischen Repertoires – ein abendfüllendes Werk, das fast nur in seinem virtuosen Festakt überlebt hat. Tanzhistoriker schätzen es als Studienobjekt für Petipas Konstruktion des Grand Pas und für die Frage, wie viel von einem Erzählballett ohne seine Handlung bestehen kann. Moderne Rekonstruktionen versuchen, das verlorene Ganze wiederzugewinnen.

Aufführungsnoten

Choreografische Fassungen & Traditionen

Maßgeblich ist Marius Petipas Petersburger Fassung von 1881 mit Minkus-Musik. Vollständige Rekonstruktionen des Handlungsballetts schufen Pierre Lacotte (Pariser Oper, 2001) sowie Alexei Ratmansky mit dem Notationsexperten Doug Fullington nach Stepanow-Aufzeichnungen (Bayerisches Staatsballett, München 2014).

Bekannte Companies & Aufnahmen

Verbreitet ist vor allem das losgelöste „Grand Pas classique“ in Galaprogrammen zahlreicher Compagnien. Die abendfüllenden Rekonstruktionen von Lacotte (Pariser Oper) und Ratmansky (Bayerisches Staatsballett) liegen als Mitschnitte vor.

Was zwischen Fassungen variiert

Es stehen zwei Welten nebeneinander: die vollständigen Rekonstruktionen der Handlung (Ratmansky, Lacotte) gegenüber dem weit häufiger gezeigten, aus dem Werk gelösten „Grand Pas classique“. Aufbau, Reihenfolge und Zuschnitt der Variationen sowie die Besetzung der Soli variieren je nach Fassung.

Häufige Fragen

Wer komponierte die Musik zu „Paquita“?

Die Musik stammt von Édouard Deldevez & Ludwig Minkus. Uraufführung: 1. April 1846, Théâtre de l’Académie Royale de Musique (Salle Le Peletier), Paris.

Wer schuf die Choreografie von „Paquita“?

Joseph Mazilier (UA 1846) / Marius Petipa (Fassung 1881).

Wovon handelt „Paquita“?

„Paquita“ lebt heute vor allem als „Grand Pas classique“ fort, ein virtuoser Schaustück-Block aus Marius Petipas Petersburger Fassung von 1881. Das abendfüllende Ballett selbst entstand 1846 in Paris: Joseph Mazilier choreografierte zu Musik von Édouard Deldevez die Geschichte der als Zigeunerin aufgewachsenen Adligen Paquita im besetzten Spanien. Petipa fügte später neue Minkus-Musik hinzu.

Welche berühmten Tänze gibt es in „Paquita“?

Zu den Höhepunkten zählen „Grand Pas classique“, „Pas de trois“, „Kindermazurka (Mazurka des enfants)“.

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Teil des IOCO Kultur Lexikons — Handlung, Hintergrund und Wissenswertes zu den großen Bühnenwerken.