Dornröschen

„Dornröschen“ ist ein abendfüllendes Handlungsballett von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, choreografiert von Marius Petipa. Es wurde am 15. Januar 1890 am Mariinski-Theater in St. Petersburg uraufgeführt. Das Libretto nach Charles Perrault gliedert sich in Prolog und drei Akte. Berühmt sind das „Rosenadagio“, der „Blauer Vogel“-Pas-de-deux und das Grand Pas de deux.

Fakten zu „Dornröschen“

KomponistPjotr Iljitsch Tschaikowsky (Op. 66, vollendet 1889)
Choreografie (UA)Marius Petipa, Ballettmeister des Kaiserlichen Balletts
Libretto / VorlageIwan Wsewoloschski und Marius Petipa nach dem Märchen „La Belle au bois dormant“ von Charles Perrault
Uraufführung15. Januar 1890 (3. Januar jul.), Mariinski-Theater, St. Petersburg
AufbauProlog und 3 Akte
Spieldauerca. 2 Std. 45 Min. (vollständige Partitur nahezu 3 Std.; meist gekürzt)
GattungBallett
BedeutungInbegriff des klassischen Petipa-Balletts und Maßstab der akademischen Tanztechnik.

Handlung

Prolog

Am Hof von König Florestan wird die Taufe der neugeborenen Prinzessin Aurora gefeiert. Geladen sind die Feen des Reiches, die dem Kind Gaben verleihen – Schönheit, Anmut, Großmut und Heiterkeit. Über allen steht die Fliederfee, die mächtigste und gütigste unter ihnen, die ihren Segen für zuletzt bereithält. Doch der Zeremonienmeister Catalabutte hat versäumt, die böse Fee Carabosse einzuladen. Erzürnt erscheint sie in einem von Ratten gezogenen Wagen und spricht einen Fluch aus: Aurora werde sich an einer Spindel stechen und sterben. Bevor Verzweiflung am Hof um sich greift, tritt die Fliederfee vor. Ihre Gabe ist noch nicht gesprochen; sie kann den Fluch nicht aufheben, doch ihn mildern. Aurora werde nicht sterben, sondern in einen hundertjährigen Schlaf fallen, aus dem allein der Kuss eines Prinzen sie erwecke. König Florestan verbietet daraufhin alle Spindeln im Reich. Der Prolog stellt den Konflikt zwischen Segen und Fluch, zwischen Fliederfee und Carabosse, in klaren Bildern vor.

Akt 1

Zwanzig Jahre später feiert der Hof Auroras Geburtstag in einem Schlossgarten. Vier Prinzen werben um ihre Hand. Im berühmten „Rosenadagio“ tanzt Aurora mit allen vier Freiern, balanciert in heiklen Posen und nimmt von jedem eine Rose entgegen – ein Höhepunkt klassischer Balance und Selbstbeherrschung. Während des Festes nähert sich eine als alte Frau verkleidete Gestalt: die böse Fee Carabosse. Sie überreicht Aurora ein Bündel, in dem eine Spindel verborgen ist. Fasziniert ergreift die Prinzessin den unbekannten Gegenstand, sticht sich und sinkt zu Boden. Der Fluch erfüllt sich. Carabosse triumphiert und verschwindet. Da erscheint die Fliederfee. Sie senkt nicht den Tod, sondern den Schlaf über Aurora und den gesamten Hof. König Florestan, die Königin und alle Höflinge erstarren. Ein dichter Wald von Ranken und Dornen wächst um das Schloss und verbirgt es vor der Welt. Der Akt verbindet höfischen Glanz mit dem unaufhaltsamen Eintritt des Verhängnisses.

Akt 2

Ein Jahrhundert später jagt Prinz Désiré mit seinem Gefolge in den Wäldern. Gelangweilt von höfischen Vergnügungen, bleibt er allein zurück. Da erscheint ihm die Fliederfee. Sie zeigt ihm in einer Vision das schlafende Bild Auroras. Der Prinz entbrennt in Sehnsucht nach der Erscheinung und bittet die Fee, ihn zu der Prinzessin zu führen. In einer Bootsfahrt geleitet die Fliederfee ihn zum verwunschenen Schloss. Carabosse versucht, den Weg zu versperren, doch die Macht der Fliederfee überwindet sie. Désiré dringt durch den Dornenwald in die erstarrten Säle vor und findet die schlafende Aurora. Er küsst sie. Im selben Augenblick erwacht die Prinzessin, und mit ihr der ganze Hof: König Florestan, die Königin und die Höflinge regen sich, als wäre keine Zeit vergangen. Der Bann ist gebrochen. Désiré und Aurora versprechen einander die Ehe. Der Akt lebt von der lyrischen Vision und der ruhigen, traumhaften Spannung der Erlösung.

Akt 3

Der Schlussakt ist ein höfisches Fest zur Hochzeit von Prinzessin Aurora und Prinz Désiré. Hier verzichtet das Ballett weitgehend auf Handlung und entfaltet eine Folge von Divertissements, in denen Figuren aus Perraults Märchenwelt auftreten – der Gestiefelte Kater und die weiße Katze, Rotkäppchen und der Wolf, Aschenputtel, Däumling. Ein Höhepunkt ist der „Blauer Vogel“-Pas-de-deux der Prinzessin Florine und des Blauen Vogels, ein Glanzstück mit leichten, fliegenden Sprüngen und filigraner Fußarbeit. Den Mittelpunkt bildet das Grand Pas de deux von Aurora und Désiré mit Adagio, Variationen und einer brillanten Coda – eine Krönung des klassischen Stils. Die Fliederfee, die gütige Macht des Werkes, segnet das Paar. Carabosse erscheint nicht mehr; das Gute hat endgültig gesiegt. Das Apotheose-Finale feiert die wiederhergestellte Ordnung des Reiches und schließt das Ballett in festlichem Glanz.

Hauptrollen

RolleTypBedeutung
Prinzessin AuroraPrimaballerinaTitelrolle; zentrale Prüfung im „Rosenadagio“ und im Grand Pas de deux.
Prinz DésiréErster SolistErweckt Aurora durch seinen Kuss; Partner im Grand Pas de deux.
FliederfeeSolistinGütige Schutzfee; mildert den Fluch und lenkt die Handlung.
CarabosseCharakterrolleBöse Fee; Antagonistin, oft von einem Tänzer als Travestie getanzt.
König FlorestanCharakterrolle / PantomimeVater Auroras; verbietet nach dem Fluch alle Spindeln.
Blauer VogelSolistGlanzrolle im Divertissement des 3. Akts (Pas-de-deux mit Florine).

Berühmte Tänze & Höhepunkte

Tanz / NummerBesetzungSzene
„Rosenadagio“Aurora mit vier FreiernAkt 1
„„Blauer Vogel“-Pas-de-deux“Blauer Vogel und Prinzessin FlorineAkt 3
„Grand Pas de deux“Aurora und DésiréAkt 3

Themen & Kontext

Worum es wirklich geht

„Dornröschen“ ist weniger eine Liebesgeschichte als ein Gleichnis über Ordnung, Zeit und die Wiederkehr des Guten. Der Fluch der Carabosse und die Gabe der Fliederfee stehen für die ewige Spannung zwischen Zerstörung und Bewahrung. Auroras hundertjähriger Schlaf hält die Welt in Schwebe, bis sie durch Treue und Mut erlöst wird. Im Kern feiert das Ballett die höfische Harmonie der Kaiserzeit: Aus Bedrohung erwächst nicht Tragödie, sondern wiederhergestellte Ordnung – ein optimistisches, fast staatstragendes Weltbild, getanzt in reinster akademischer Form.

Geschichte & Choreografie

Marius Petipa schuf „Dornröschen“ 1890 für das Kaiserliche Ballett in St. Petersburg und gab Tschaikowsky genaue Vorgaben zu Takt, Tempo und Charakter jeder Nummer. Daraus entstand die engste Verschmelzung von Musik und Tanz im klassischen Repertoire. Petipas Choreografie verlangt absolute technische Klarheit: Balance, Épaulement und akademische Linien werden zum Inhalt selbst. Das „Rosenadagio“ und das Grand Pas de deux gelten als Prüfsteine jeder Primaballerina. „Dornröschen“ ist der Inbegriff des klassischen Petipa-Balletts und definierte den Stil, an dem sich das 20. Jahrhundert maß.

Warum Experten es wichtig finden

Fachleute sehen in „Dornröschen“ das vollkommenste Werk des akademischen Balletts – Tschaikowsky selbst hielt es für sein bestes. Die Partitur sprengt mit symphonischer Dichte die Konventionen der bloßen Tanzmusik; Petipas Strukturen wurden zur Grammatik des klassischen Tanzes. Diaghilews Londoner Inszenierung von 1921 und spätere Fassungen prägten den Westen nachhaltig; das Ballett gilt als Aushängestück des Mariinski- und des Royal Ballet. Wer den klassischen Stil in seiner reinsten Ausprägung studieren will, kehrt zu „Dornröschen“ zurück – es ist Maßstab und Prüfstein zugleich.

Aufführungsnoten

Choreografische Fassungen & Traditionen

Maßgeblich bleibt Petipas Originalchoreografie von 1890, überliefert über das Mariinski-/Kirow-Ballett; einflussreiche Fassungen stammen von Nikolai Sergejew (für Diaghilew/Royal Ballet), Frederick Ashton, Rudolf Nurejew, Konstantin Sergejew und – als Rekonstruktion der Urfassung – Sergei Wicharew (1999).

Bekannte Companies & Aufnahmen

Referenzaufnahmen liegen vom Royal Ballet (mit Margot Fonteyn) und vom Mariinski-/Kirow-Ballett vor; die Wicharew-Rekonstruktion des Mariinski-Theaters dokumentiert die Fassung von 1890 auf Video.

Was zwischen Fassungen variiert

Aufführungen kürzen die nahezu dreistündige Partitur regelmäßig; Pantomime, Divertissements des 3. Akts und die Rolle der Carabosse (Travestie oder Tänzerin) werden je nach Inszenierung unterschiedlich gestaltet.

„Dornröschen“ bei IOCO

Häufige Fragen

Wer komponierte die Musik zu „Dornröschen“?

Die Musik stammt von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Uraufführung: 15. Januar 1890 (3. Januar jul.), Mariinski-Theater, St. Petersburg.

Wer schuf die Choreografie von „Dornröschen“?

Marius Petipa.

Wovon handelt „Dornröschen“?

„Dornröschen“ ist ein abendfüllendes Handlungsballett von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, choreografiert von Marius Petipa. Es wurde am 15. Januar 1890 am Mariinski-Theater in St. Petersburg uraufgeführt. Das Libretto nach Charles Perrault gliedert sich in Prolog und drei Akte. Berühmt sind das „Rosenadagio“, der „Blauer Vogel“-Pas-de-deux und das Grand Pas de deux.

Welche berühmten Tänze gibt es in „Dornröschen“?

Zu den Höhepunkten zählen „Rosenadagio“, „„Blauer Vogel“-Pas-de-deux“, „Grand Pas de deux“.

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