WIEDERAUFNAHME: Wien, Theater Spielraum, SPIEGEL – Sam Holcroft, IOCO

Was ist Wahrheit – und wer entscheidet darüber? Sam Holcrofts raffiniertes Stück „Spiegel“ über Zensur, Kunstfreiheit und die Macht der Täuschung kehrt ins Theater Spielraum zurück. Gerhard Werdekers Inszenierung lässt dabei auch das Publikum an der eigenen Wahrnehmung zweifeln.

WIEDERAUFNAHME: Wien, Theater Spielraum, SPIEGEL – Sam Holcroft, IOCO
Paul Graf, Anna Zöch © Barbara Pálffy

von Marcus Haimerl

Wenn Wahrheit zur Frage der Macht wird

Gerade erst geht im Theater Spielraum die Wiederaufnahme von George Orwells „1984“ zu Ende, über die auch IOCO berichtet hat (Link zum Artikel hier), da kündigt sich bereits die nächste Rückkehr einer bemerkenswerten Produktion der vergangenen Spielzeiten an: Ab 13. Oktober 2026 steht Sam Holcrofts „Spiegel“ wieder auf dem Programm. Drei Wochen lang, bis zum 31. Oktober 2026, ist die Inszenierung von Gerhard Werdeker jeweils von Dienstag bis Samstag zu sehen.

Dass „1984“ und „Spiegel“ im Spielplan beinahe unmittelbar aufeinanderfolgen, ist durchaus passend. So unterschiedlich beide Werke in ihrer Entstehung, ihrer Dramaturgie und ihren theatralen Mitteln sind, kreisen sie doch um Fragen, die einander erstaunlich nahekommen: Wer bestimmt, was als Wahrheit gelten darf? Wie lässt sich Wahrnehmung beeinflussen und kontrollieren? Und was geschieht, wenn Sprache nicht mehr allein der Verständigung dient, sondern zum Instrument der Macht wird?

Bei Orwell ist es der totalitäre Staat, der Vergangenheit umschreibt, Sprache beschneidet und schließlich selbst darüber entscheidet, was wirklich ist. Sam Holcroft wählt in „Spiegel“ einen anderen Zugang. Bei ihr geraten Kunst und Theater ins Zentrum eines Systems, das darüber wacht, welche Geschichten erzählt werden dürfen. Ein junger Autor trifft auf jene Instanz, die über die Aufführung seines Stückes entscheidet – und aus dieser zunächst überschaubaren Konstellation entwickelt Holcroft ein raffiniertes Spiel mit Zensur und Kunstfreiheit, Wahrheit und Fiktion, Wirklichkeit und Täuschung.

Adrian Stowasser, Paul Graf, Paul Wiborny © Barbara Pálffy

„Dieses Stück ist eine Lüge“, heißt es an einer entscheidenden Stelle. Ein Satz, der zunehmend auch die Gewissheit des Publikums ins Wanken bringt.

Die Wurzeln von „Spiegel“ reichen zurück ins Jahr 2014. Damals nahm die schottische Dramatikerin Sam Holcroft auf Einladung von Elyse Dodgson, der langjährigen Leiterin der internationalen Abteilung des Royal Court Theatre in London, an einem Schreibworkshop in Beirut teil. Dort arbeitete sie gemeinsam mit libanesischen und syrischen Autorinnen und Autoren – und wurde mit einer Realität konfrontiert, die für die Entstehung ihres späteren Stückes entscheidend werden sollte: Theatertexte mussten den zuständigen Behörden zur Genehmigung vorgelegt werden.

Besonders beeindruckte Holcroft die Geschichte des libanesischen Autors und Filmemachers Lucien Bourjeily. Ausgerechnet die Zensur selbst machte er zum Gegenstand eines Theaterstücks: „Will It Pass Or Not?“ spielt im Büro der Zensoren. Bourjeily reichte den Text bei eben jener Behörde ein, die er darin thematisierte. Das Stück wurde verboten, sein Pass eingezogen. Holcroft bezeichnete diesen Akt später als eine wesentliche Inspiration für „A Mirror“, wie das Stück im englischen Original heißt.

Aus dieser realen Erfahrung entwickelt sie jedoch kein politisches Dokumentarstück und verlegt die Handlung bewusst in keinen konkret benannten Staat. Vielmehr stellt sie eine grundsätzlichere Frage: Was geschieht mit Kunst, wenn eine Instanz darüber entscheidet, welche Wirklichkeit gezeigt werden darf? Und welche Möglichkeiten bleiben einem Autor, wenn Wahrheit womöglich nur noch ausgesprochen werden kann, indem sie sich als Fiktion tarnt?

Genau hier beginnt das raffinierte Spiel von „Spiegel“ – und darüber sollte man vor einem Theaterbesuch möglichst nicht zu viel wissen.

Was zunächst wie eine Hochzeit aussieht, erweist sich schon bald als etwas anderes. In einem nicht näher bezeichneten Staat dürfen Theaterstücke nur aufgeführt werden, wenn sie zuvor von einer „Kommission für Kultur und Ordnung“ genehmigt wurden. Der junge Autor Adem hat einen Text geschrieben, der den Vorgaben des Systems nicht entspricht. Über dessen Schicksal entscheidet Čelik, ein Beamter mit sehr genauen Vorstellungen davon, welche Aufgabe Kunst in der Gesellschaft erfüllen soll. An seiner Seite steht Mei, während mit dem Schriftsteller Bax ein Mann ins Spiel kommt, der längst erfahren hat, welchen Preis künstlerische Freiheit haben kann.

Viel mehr sollte über die Handlung nicht verraten werden. Holcroft lässt Szenen beginnen und wieder abbrechen, verschiebt Rollen und Machtverhältnisse und entzieht dem Publikum zunehmend die Sicherheit darüber, auf welcher Ebene des Geschehens es sich gerade befindet. Was ist tatsächlich geschehen, was wird nur gespielt – und wer spielt hier eigentlich wem etwas vor?

Anna Zöch, Paul Graf © Barbara Pálffy

Gerhard Werdekers Inszenierung am Theater Spielraum nimmt dieses Prinzip konsequent auf. Schon die vermeintliche Hochzeit zu Beginn bezieht das Publikum unmittelbar ein. Werdeker setzt dabei nicht auf vordergründige Effekte, sondern auf präzise Übergänge und die wachsende Unsicherheit darüber, wo Spiel endet und eine andere Wirklichkeit beginnt.

Die bewusst reduzierte und zugleich erstaunlich wandlungsfähige Bühne von J-D Schwarzmann und Samuel Schwarzmann kommt diesem Ansatz entgegen. Ein Tisch, vier Stühle und zwei weiße Holzkisten genügen, um immer neue Räume entstehen zu lassen. Aus wenigen Elementen werden Behördenbüro, Hotel oder Wohnung, ein Möbelstück verwandelt sich in Bett, Sitzgelegenheit oder Bar. Die Veränderungen geschehen vor den Augen des Publikums – passend zu einem Stück, in dem auch vermeintliche Gewissheiten jederzeit eine andere Gestalt annehmen können.

Auch Anna Pollacks Kostüme greifen diese kontrollierte Welt auf. Amtliches, Privates und Feierliches scheinen zunächst klar voneinander unterscheidbar und geraten doch ebenso ins Wanken wie die verschiedenen Ebenen der Handlung. Mit vergleichsweise wenigen Mitteln entsteht so jene konzentrierte Atmosphäre, in der Holcrofts Text seine Wirkung entfalten kann.

Getragen wird die Inszenierung von einem Ensemble, das die wechselnden Ebenen des Stücks mit großer Genauigkeit auslotet. Paul Wiborny gibt Čelik jene ruhige, beinahe väterliche Autorität, hinter deren Höflichkeit die Macht des Systems umso deutlicher spürbar wird. Paul Graf zeichnet Adem als jungen Autor zwischen dem Wunsch, die eigene Stimme zu behaupten, und der Erkenntnis, wie gefährlich Worte werden können. Anna Zöch lässt als Mei hinter der zunächst disziplinierten Mitarbeiterin immer stärker einen Menschen erkennen, der zu zweifeln beginnt, während Adrian Stowasser dem Schriftsteller Bax Selbstironie, Müdigkeit und die Erfahrung eines Mannes mitgibt, der längst weiß, welchen Preis Widerstand haben kann. Gerade im Zusammenspiel entwickelt das Ensemble jene Spannung, von der Werdekers konzentrierte Inszenierung wesentlich lebt.

Paul Graf, Anna Zöch, Paul Wiborny, Adrian Stowasser © Barbara Pálffy

Als IOCO die Produktion im vergangenen Jahr besuchte, reagierte das Publikum mit großer Begeisterung. Dass das Theater Spielraum „Spiegel“ nun wieder aufnimmt, bietet Gelegenheit, eine seiner bemerkenswerten Produktionen der vergangenen Spielzeit erneut oder erstmals zu erleben. Denn die Fragen, die Holcroft stellt, haben nichts von ihrer Brisanz verloren: Wer entscheidet darüber, welche Geschichten erzählt werden dürfen? Wann wird aus dem Schutz einer vermeintlichen gesellschaftlichen Ordnung Zensur? Und wie sicher können wir sein, dass das, was uns als Wirklichkeit präsentiert wird, tatsächlich wahr ist?

Darin liegt eine besondere Stärke dieses Abends: „Spiegel“ spricht über Zensur und Kunstfreiheit, ohne sich in einer politischen Botschaft zu erschöpfen. Das Stück fordert sein Publikum vielmehr dazu heraus, der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Man lacht, lässt sich auf das Spiel ein, glaubt zu verstehen, was gerade geschieht – und muss diese Gewissheit immer wieder überprüfen.

Wer also wissen möchte, wie viel Wahrheit in einer gut erzählten Lüge stecken kann, bekommt dazu im Theater Spielraum noch einmal Gelegenheit.

„Spiegel“ von Sam Holcroft
Theater Spielraum, Wien
Wiederaufnahme: 13. bis 31. Oktober 2026
Dienstag bis Samstag, jeweils 19:30 Uhr

Weiterlesen