Lyon, Opéra de Lyon, Dido und Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 21.03.2019

März 21, 2019 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

Dido und Aeneas – Henry Purcell

– Barock trifft Jazz – Jazz trifft Barock –

von Patrik Klein

IOCO besuchte im Rahmen des Festivals Leben und Schicksale die Opéra de Lyon mit der Produktion Dido und Aeneas von Henry Purcell (1659 -1695), einer Oper in einem Prolog und drei Akten, fortgeschrieben durch moderne Elemente, die vom finnischen Gitarristen Kalle Kalima, der zu den spannendsten Vertretern der europäischen Jazz-Szene gehört und mit einer gehörigen Portion Verrücktheit und „finnischer Kreativität“ ausgestattet ist, zusammengestellt wurden. Die Premiere in Lyon ist der Auftakt zur Koproduktion mit der Vlaamse Opera und der Stuttgarter Oper in Partnerschaft mit der Ruhrtriennale.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Das Libretto wurde von Nahum Tate nach dem Epos Aeneis von Vergil verfasst. Die Uraufführung fand 1688 oder 1689 in London statt.

Die Handlung – Erster Akt: Der trojanische Held Aeneas (Guillaume Andrieux, Bariton) hat Trojas Zerstörung überlebt und von Zeus den Auftrag erhalten, nach Italien zu segeln und dort mit seinen Leuten ein neues Reich zu gründen. Auf der Fahrt durch das Mittelmeer kommen die Trojaner nach Karthago, wo sie sich längere Zeit aufhalten. Die Stadt wird von Königin Dido (Alix Le Saux, Mezzosopran) regiert, die nach dem Tod ihres Mannes geschworen hat, nie mehr zu heiraten und sich nur noch um das Wohl ihres Staates zu kümmern. Die Königin kann den Schwur nicht halten, als sie Aeneas kennenlernt und sich in ihn verliebt. Belinda (Claron McFaddon, Sopran) zerstreut die Bedenken ihrer Herrin, denn sie weiß, dass auch der Trojaner Dido zugeneigt ist.

Dido und Aeneas  –  Henry Purcell
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Henry Purcells „Dido und Aeneas“ fortgeschrieben durch Kalle Kallimas Version von „Remember Me“

Zweiter Akt: Furien haben sich in einer Felsschlucht versammelt. Ihre Anführerin befiehlt, Karthagos Macht zu vernichten, um dadurch Dido und Aeneas wegen ihrer Pflichtvergessenheit zu strafen. Eine Furie meldet, dass Aeneas und Dido auf der Jagd sind. Ihr wird aufgetragen, als Hermes verkleidet Aeneas den Willen des Zeus, sofort nach Italien zu segeln, kundzutun. Andere Furien treiben die Jagdgesellschaft durch einen Sturm in die Stadt zurück. Belinda und der Hofstaat erfreuen sich unterdessen an der Schönheit des Heiligen Hains, wo sie rasten. Die Seherin unterbricht ihre Freude und verkündet, dieser Ort bringe Unheil. Schon naht Dido und kurz darauf Aeneas, der einen gewaltigen Eber erlegt hat. Kaum hat sich das Liebespaar in das vorbereitete Zelt zurückgezogen, bricht ein Gewitter los; alle flüchten in die Stadt. Aeneas ist plötzlich allein. Er erhält von Hermes den Befehl, sofort nach Italien aufzubrechen. Der Held ist erschüttert, doch die Pflicht siegt über seine Liebe.

Dritter Akt: Die Trojaner rüsten zur Abfahrt und nehmen von ihren Frauen Abschied. Die Furien triumphieren, als sie die unglückliche Königin sehen, und entfachen einen Sturm, der die Schiffe auf das Meer hinausjagen soll. Dido und Belinda eilen herbei, erregt über das Verhalten der Trojaner, die auf Zeus‘ Befehl verweisen, aber schon zögern, abzusegeln. Der Königin erscheint die Treulosigkeit des Helden als Strafe des Himmels, weil sie ihren Schwur nicht gehalten hat. Belindas Tröstungen sind vergeblich. Dido stirbt an gebrochenem Herzen, da sie ohne Aeneas nicht leben kann.

Kunst fordert immer wieder zu neuen Interpretationen heraus. Die Auffassung, wie Musik des 17. Jahrhunderts aufgeführt werden sollte, hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte grundlegend gewandelt. Mindestens ein Dutzend verschiedener Ausgaben von „Dido und Aeneas“ sind im Druck erschienen. Musikwissenschaftler diskutieren immer noch das Entstehungsdatum der Oper und sind sich immer noch nicht einig, für welche Gelegenheit das Werk geschrieben sein könnte. Folglich geht damit auch einher, dass sich der Bereich legitimer Auswahl- und Interpretationsmöglichkeiten vergrößert hat. Die „richtige“ Art, Dido aufzuführen, gibt es nicht mehr. Das mindert jedoch den Wert des Werkes in keiner Weise.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

So hatte zum Beispiel der französische Regisseur und ehemaliger Assistent von Patrice Chéreau, Vincent Huguet, bei den 70. Opernfestspielen in Aix en Provence 2018 den als verschollen geltenden Prolog mit einer rund 20 minütigen Einführung versehen, in der die schwarze Schauspielerin, Chansonière und Komponistin Rokia Traoré aus Mali die Vorgeschichte erzählte. Ohne Fingerzeig skizzierte sie in einer Art Sprechgesang die Entstehung Karthagos, erzählte vom Verloren sein auf der Flucht und von fliehenden Menschen auf Booten. Auch der Dirigent Václav Luks ließ zum Finale des berühmten Klagegesangs Didos den Chor „a cappella“ singen und gab somit dem gesamten Werk eine neue Intensität, Natürlichkeit und Magie.

Die politische Metapher „Dido und Aeneas“ ist mehr als eine tragische Liebesgeschichte. Sie ist auch eine Metapher für die Konfrontation zwischen Karthago und Rom, der zentralen Episode in den Punischen Kriegen. Die Zerstörung Karthagos in 146 v. Chr. liegt knapp ein Jahrhundert vor der Fertigstellung Vergils berühmten Gedicht Aeneis. Die Stärke der Kurz-Oper, die Purcell aus dieser Geschichte mitnahm, liegt ebenso in den zeitgenössischen geopolitischen Resonanzen seiner Handlung – zwei europäischen Migranten, die sich dem Krieg stellen – wie in der evokativen Kraft ihres außergewöhnlichen Finales.

In Lyon hat Didos Klage am Ende der Oper Remember me, den finnischen Jazzgitarristen Kalle Kalima inspiriert, Purcells barocke englische Klänge mit Elementen des modernen Jazz zu verbinden. Anders als in Aix en Provence wird hier „alles in einen Topf“ geworfen und die barocken Klänge Purcells mit Kalimas Jazzstücken im Wechselspiel vermischt. In diesen „Intermezzi“ werden u.a. Zitate aus dem Originalstück von Vergils Aeneis von der US-amerikanisch-schweizerischen Jazzsängerin Erika Stucky dargeboten.

 Dido und Aeneas  –  Didon et Enée – Auszüge der Inszenierung
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Der in Ungarn geborene Regisseur David Marton, der auch als Pianist und Dirigent ausgebildet ist und nach musikalischen Anfängen bei Regisseuren wie Christoph Marthaler und Frank Castorf begann, schließlich selbst zu inszenieren, hat die extrem verdichtete Oper Purcells, die wie ein Trailer über eine mehrstündige romantische Oper wirkt, mit der Musik Kalle Kalimas aufgelockert und teilweise neu zusammengesetzt, um in experimenteller Art den Wirkungen der Charaktere mehr Freiraum und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben.

Dabei wurden zwischen den originalen barocken Elementen der Oper zum Teil frei improvisierte als auch speziell komponierte musikalische Elemente Kalle Kalimas eingefügt. Kalle Kalima mit seiner E-Gitarre war auf der rechten Seite des Orchestergrabens erhoben sichtbar positioniert. Während der langen Probenphase wurden zwar die Eckpunkte, wie Licht und Technik in ein festes Muster gegeben, innerhalb dessen jedoch freie Improvisationen möglich blieben. Auch deshalb wurde die knapp einstündige Barockoper zu einem abendfüllenden Programm ausgeweitet.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Wie in Tschaikowskis Oper Die Zauberin am Vortag stellte sich auch in Purcells Oper die Frage: „Was bleibt?“ An was wird man sich erinnern, wenn man an unsere Zeit zurückdenkt?

Das Regieteam um David Marton hatte die riesige Bühne in Lyon zu einem archäologischen Ausgrabungsort gemacht. Die Fundstelle war mit einem Überbau aus Holz und Glas vor den Umwelteinflüssen geschützt (Christian Friedländer (Bühne); Tabea Braun (Kostüme); Henning Streck (Licht)). Seitlich davon befanden sich mehr oder weniger gut sichtbare Studios, in denen man die ausgegrabenen Relikte konservierte. Wie auch bei Tschaikowski war ein Kameramann ständig dabei, die Kernszenen zu filmen und die Bilder auf Flächen im Hintergrund der Bühne zu projizieren. Die Oper begann mit der Ausgrabung von Erinnerungen durch Juno (Marie Goyette) und Jupiter (Thorbjörn Björnsson). Man grub u.a. eine PC Maus, Kabelsalat und viele andere Dinge unserer heutigen Zeit akribisch aus und konservierte sie in den seitlichen Asservatenkammern. Durch die Fundstücke, wie Titelbilder des Time-Magazins von Ungarns Präsidenten Orbán oder dem amerikanischen Präsidenten Trump wurde ein Bild von machtbesessenen Herrschern gezeichnet. Disharmonische Jazzklänge und „Klagelaute“ der Jazzsängerin (Erika Stucky) unterstrichen dieses düster gezeichnete Bild unserer Zeitgeschichte.

Barock trifft Jazz, Jazz trifft Barock.

Der Bezug wurde hier über die methodisch-künstlerische Idee der Improvisation und der Kombination der Darstellungsgenres Theater, Musik und Film hergestellt. Dabei übernahm die Kamera das Auge des Zeugen. Sie war überall dabei. Sie zeigte dem Zuschauer auch Handlungen, die auf Nebenschauplätzen, den seitlichen Studios, nicht auf der Bühne stattfanden. Der Zuschauer erhielt dadurch auch Einblick in das „Seelenleben“ der Protagonisten. Vieles passierte gleichzeitig, so dass der Zuschauer beim ersten Schauen nur einen von seinen Sehgewohnheiten gelenkten Ausschnitt erfasste bzw. erfassen konnte.

Man erblickte die Teuflischkeiten unser Welt mit Bombenabwürfen im Krieg, Brutalität und Elend. Auf den Titelseiten der Time-Magazine wurden unsere aktuellen Themen Realität. Das Auge schweifte aber auch auf die Wogen des Meeres, die Idylle und die Sehnsucht.

Was blieb an diesem zweiten Festivalabend in Lyon? Die Kamera, der Zeuge, wurde ausgeschaltet, die Ausgrabungsstücke wieder verscharrt. Waren sie es nicht Wert, erhalten zu bleiben? Die Videoleinwand wurde weiß, wie bei einem Filmriss im analogen Kino. Rauschen und gelegentliche Streifen bestimmten das mittlerweile schwarz-weiße Bild, das nur noch das Schema der Ausgrabungsstätte erkennen ließ.

Wo war die Liebe, wo waren die positiven menschlichen Beziehungen geblieben? Zerbrochen durch äußere Kräfte? Nichts Blieb!  Zu improvisierten Klagelauten ging die Jazzsängerin von der Bühne.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Musikalisch konnte das Spektrum kaum größer sein an diesem Abend in Lyon. Eine der ältesten musikalischen Formen der Menschheit erweiterte sich um Klänge aus unserer aktuellen Zeit. Das wirkte extrem, konträr, manchmal verstörend aber auch Emotionen weckend. Die gesanglichen Ergebnisse des Abends waren erneut von höchster Qualität. Alix Le Saux, die bereits im Alter von 10 Jahren im Kinderchor der Opéra National de Paris zu singen begann und in Rollen wie Armelinde in Cinderella von Pauline Viardot, Emilia in Otello von Rossini und Hélène in Offenbachs La Belle Hélène an diversen französischen Opernhäusern zu hören war, zuletzt erfolgreich debütierte als Titelheldin in Massenets Cendrillon bei den Festspiele in Glyndebourne, sang die Partie des Dido mit großer Leichtigkeit, feinem abgedunkelten Mezzoklang sicher und voller Leidenschaft. Der junge, aus Lyon stammende Bariton Guillaume Andrieux, der an verschiedenen französischen Opernhäusern reüssierte und beim Musikfest Bremen als Figaro im Barbier von Sevilla auftrat, sang mit hell fokussiertem lyrischen Bariton einen leidenschaftlichen und kommunikativen Aeneas. Die in den Niederlanden lebende amerikanische Sopranistin Claron McFaddon, die an Opernhäusern wie der De Nederlandse Opera Amsterdam, bei den Salzburger und den Bregenzer Festspielen sowie am Badischen Staatstheater Karlsruhe und bei den Händelfestspielen in Halle (Saale) engagiert war, gab die Rolle der Belinda eindrucksstark mit warmem und fein dosiertem Sopran.

Nicht nur bei Tschaikowskis Die Zauberin, sondern auch bei Purcell geriet eine andere Figur in den Fokus, als es die originäre Barockoper eigentlich vorsah. Die US-amerikanisch-schweizerische Jazzsängerin Erika Stucky wurde zum musikalischen Höhepunkt. Sie gestaltete ihre Rollen als Hexe, Geist, und Sängerin mit umwerfender Bühnenpräsenz und gewaltiger Stimme, deren Bandbreite von Soul über Rock bis zu Jazz-Phrasierungen, Jodlern und Klagegesängen reichte. Sie wurde auch vom Publikum entsprechend frenetisch gefeiert.

Marie Goyette stellte Juno und eine Komödiantin dar. Die kanadische Musikerin (Piano, Akkordeon, Stimme), die sowohl im Bereich der Improvisationsmusik als auch als Schauspielerin/Musikerin und Hörspielmacherin tätig ist und bereits mehrfach mit dem Regisseur David Marton zusammenarbeitete, brachte mit ihren vielseitigen Aktionen weitere Facetten improvisierter Theaterkunst auf die Bühne. Der in Island geborene Thorbjörn Björnsson studierte Gesang an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Als Sänger und Schauspieler war er in verschiedenen Konzerten und Theaterproduktionen zu sehen, u.a. im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, auf Kampnagel Hamburg und an den Münchner Kammerspielen. In Lyon spielte er mit vollem Einsatz als Komödiant und Jupiter, körperlich an die Grenzen gehend und dabei Verse Vergils zitierend.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Der Chor der Opéra de Lyon (Einstudierung Denis Comtet) bot auch an diesem zweiten Premierenabend eine starke Leistung. Diesmal für das Publikum sichtbar, sangen sie mit großem Engagement und sicherer Abstimmung mit dem Orchester besonders einfühlsam und emotional.

Der in Frankreich bereits sehr bekannte junge Dirigent und Geiger Pierre Bleuse, der sein Handwerk als Dirigent bei Jorma Panula in Finnland erlernte, leitete die Premiere ohne Taktstock. Mit mitreißendem Engagement, natürlicher Autorität und einer klar verständlichen Dirigiersprache gelang es ihm, das Orchester durch die verschiedenen Musikgenres zu führen und dabei den Musikern noch Interpretationsfreiräume zu belassen.

Das Publikum in der erneut ausverkauften Opéra de Lyon nahm die spektakuläre Kombination aus musikalischer und szenischer Bandbreite mit frenetischem Beifall auf.

Dido und Aeneas in der Opéra de Lyon; weitere Vorstellungen am 21.3., 23.3., 26.3., 30.3.2019

—| IOCO Kritik Opéra de Lyon |—

Reinhard Keiser – Ein großer Barockkomponist wird geehrt, IOCO Portrait, 02.12.2017

Dezember 4, 2017 by  
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 Stadtkirche St. Georg Teuchern / Ehrung von Reinhard Keiser © Guido Müller

Stadtkirche St. Georg Teuchern / Ehrung von Reinhard Keiser © Guido Müller

Reinhard Keiser – Mitteldeutscher Komponist des Barock

Ehrung in Teuchern – Stadtkirche St. Georg

Von  Guido Müller

In Teuchern, dem nahe Halle (Saale) gelegenen Geburtsort des großen mitteldeutschen Barock-Opernkomponisten  Reinhard Keiser (1674 – 1739) und Vorgängers Händels und Telemanns an der Hamburger Oper am Gänsemarkt findet jährlich mit einem prominent besetzen Konzert eine Ehrung des mitteldeutschen Komponisten  statt.

 Teuchern / Reinhard Keiser Gedenkstätte © Reinhard-Keiser-Verein Teuchern

Teuchern / Reinhard Keiser Gedenkstätte © Reinhard-Keiser-Verein Teuchern

Am 12.11.2017  waren der Barock-Opernspezialist und bekannte Tenor Knut Schoch aus Hamburg und der Dirigent, Keiser-Spezialist und u.a. fest an der Komischen Oper Berlin verpflichtete Chitarrone-Spieler und Lautenist Thomas Ihlenfeldt aus Bremen mit einem spannenden und  ausgefallenen Programm  Wer in Liebesfrüchten wählet. … Arien aus Hamburger Opern zu Gast. Der durch zahlreiche Gesamtaufnahmen Keisers bekannte Kenner seines Werks, Thomas Ihlenfeldt moderierte  launig und führte mit interessanten Kommentaren durch das Programm.

Das humorvolle Programm war außer Keiser selbst vor allem seinen Vorläufern und älteren Zeitgenossen an der Gänsemarkt-Oper gewidmet. Den Anfang machte der 1650 in Warschau geborene Lautenist und Viola da Gamba Spieler Jakob Kremberg (+ 1718), Schüler von Heinrich  Schütz und erster Pächter der Oper, mit drei stark text-akzentuierten und  italienisch geprägten Liedern.

Johann Wolfgang Franck (1644 – 1710) komponierte außer  Opern wie  Aeneas  häufig stark volkstümliche und zeitgemäße Sujets, wie in den Jahren der Türken-Gefahr vor Wien die Oper Cara Mustafa, die später in Hamburg sogar als zu türkenfreundlich verboten wurde. In diesem Werk   findet sich die erste niederdeutsch verfasste komische Arie der   Hamburger Oper.

Hamburgische Staatsoper - Heute / Wirkungstätte von Reinhard Keiser - Bedeutendstes deutsches Theater um 1700, in der Barockzeit © IOCO

Hamburgische Staatsoper – Heute / Wirkungstätte von Reinhard Keiser – Bedeutendstes deutsches Theater um 1700, in der Barockzeit © IOCO

Besonders beliebt sicher schon beim Hamburger Publikum um 1700 war das moralisierende Recipe: Edler Tee, der gut für Gesundheit und Tugend, gegen alle Plagen helfe und Jugend erhalte. Es folgen drei von Franck und Georg Böhm vertonte religiöse Lieder des Theologen, Librettisten und Textdichters Heinrich Elmenhorst (1632 – 1704), dem es gelang, vor allem mit seiner Streitschrift Dramatoligia von 1688 die Bedenken der Pietisten gegen die Oper in Hamburg auszuräumen. Daran schlossen sich das Morgen- und Abendlied des mit Elmenhorst befreundeten Lüneburger Organisten Georg Böhm (1661 – 1733) an, die direkt nichts mit der Oper zu tun haben.

Auf ein religiöses Reiselied Francks folgen zunächst eine Arie von Keiser aus Masagniello furioso und dann aus Heraclius. Das letztere „Ich kenn ein hübsches Mädchen“  wird auf der Barockgitarre begleitet.

Dann folgt mit Johann Sigismund Kusser (1660 – 1727) der interessanteste Zeitgenosse Keisers, ein wahrer kosmopolitischer Europäer, der u.a. auch in Dublin wirkte. Bei dem Vorläufer Keisers hört man in seiner Oper Erindo bereits viel französischen Einfluss. Zwischen dem französisch geprägten Menuett  Was bewegt dich und der Branle devillage O höchst gewünschte Lust hat die Arie „Zu euch muss ich wiederkommen“ sowohl liedhafte Elemente wie kunstvolle italienische Verzierungen und Stilelemente.

Knut Schoch © Knut Schoch

Knut Schoch © Knut Schoch

Hier kann Knut Schoch in ganz besonderem Maße sein hohes und vornehmes Stilbewußtsein für diese hochbarocke deutsche  Arienkunst zeigen, die sich in einer sehr intelligenten Gestaltung äußert. Sein gepflegter und vornehmer, dabei durchaus kräftiger, leicht baritonal eingefärbter Tenor singt nicht nur sehr elegant im Legato auf der Linie des Atems sondern trifft auch den jeweiligen spezifischen Ton dieser kleinen Arienkunstwerke sehr genau. Dabei singt Schoch äußerst  textverständlich. Langsam und vornehm zurückhaltend steigert er von Arie zu Arie seine äußerst geschmackvolle Verzierungskunst der Koloraturen und Triller. Hier singt zum Beispiel die weltberühmte amerikanische Mezzosopranistin und Händel-Preisträgerin 2018 JoyceDiDonato ihre ausgewählten, äußerst virtuosen Keiser-Arien sehr viel stärker mit der Emphase der italienischen Opera seria.

Zu Höhepunkten dieses stilistisch äußerst abwechslungsreichen Hamburger Arien-programms gestalten Knut Schoch und Thomas Ihlenfeldt auf der Chitarrone dann die dramaturgisch geschickt an das Ende des Programms gesetzten Keiser-Arien der lustigen, dem Arlecchino der italienischen Stehgreifposse verwandten Figur aus Der geliebte Adonis. Damit hat Keiser wie später auf besonders geniale Weise Georg Philipp Telemanns eine mythologisch-historischen Opernstoffe für das zahlende Hamburger Bürgertum mit volksnahen Elementen aufgelockert. Dabei hat Keiser mit seinem kongenialen Textdichter sich oft auch moralisierend über die Hamburger Pfeffersäcke und die hohe Minne der italienischen Opera seria lustig gemacht.

In den Opernhäusern Italiens und den aristokratischen Hofopern außerhalb Frankreichs setzte sich nämlich damals um 1700 der ganz andere Typ der Opera seria oder des Dramma per musica durch, bei dem zur  Auflockerung nur zwischen den Akten Intermezzi gespielt wurden. Im 17. Jahrhundert überwog auch in Italien noch die in Hamburg wie auch damals in Leipzig oder Braunschweig üblich bleibende Mischform mit ernsten allegorisch-historischen Figuren und meistens als Dienstpersonal oder Exoten gezeichneten komischen oder halb ernsten Figuren.

Der geliebte Adonis ist die erste erhaltene Hamburger Oper von Reinhard  Keiser. Sie zeigt sogleich wie im Fall Telemanns ihre große Bühnentauglichkeit, die auch heute noch das Publikum unmittelbar anzusprechen, zu unterhalten und zu berühren vermag. So wie Bayreuth seine Richard-Wagner-Festspiele hat würde Hamburg ein Keiser-Telemann-Festival oder ein Gänsemarkt-Opernfestival gut zu  Gesicht stehen.

Grabstätte Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Grabstätte Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Auch Georg Friedrich Händel und der im 18. Jahrhundert in ganz Europa angesehenste, in Hamburg-Bergedorf geborene Opernkomponist Johann Adolph Hasse (Händel und Bach waren außerhalb ihres engeren Wirkungskreises vor allem als Orgel- und Cembalo-Virtuosen bekannt) starteten ihre Karriere in Hamburg am Gänsemarkt.

Hamburgs Oper am Gänsemarkt war von 1678 bis 1738 das erste und  wichtigste bürgerlich-städtische Theater im gesamten deutschen Sprachraum. Mit zweitausend Plätzen übertraf es alle zeitgenössischen Theaterräume. Die Menge der an diesem Hause wirkenden Opern-komponisten und Literaten ist innerhalb der Opernlandschaft Europas einzigartig.

In den beiden komisch-moralisierenden und frivolen Arien Ein Mädchen ist wie Wind und Ein Mädchen und ein Orgelwerk zeigt der Tenor Knut Schoch (Tenöre nahmen in der deutschen Oper den Platz der Kastraten in der damaligen italienischen Oper ein) noch mal abschließend dem dankbaren und aufmerksamen Publikum seine intelligente und tonschöne Kunst der komischen Gestaltung. Keiser appelliert daran, Mädchen wie Orgelwerke mit Bedacht zu bespielen. Das begeisterte Publikum erklatschte  sich von beiden Künstlern als Zugabe nochmal eine Wiederholung des Abendliedes von Georg Böhm Nun will ich mich zu Bette legen.

Es wäre zu wünschen, dass dieses vielfältige, stilistisch mannigfaltige Hamburger Barock-Arien-Programm von beiden Künstlern und Spezialisten der Hamburger Gänsemarkt-Oper auf CD eingespielt würde, so wie viele frühere Werke von Keiser, die auch in Teuchern  aufgeführt  wurden, als CD vorliegen.

Kontakt: Reinhard-Keiser-Förderverein, Vorsitzender  Bertram Adler (Weißenfels).

Webadresse:   http://www.reinhard-keiser-verein.de/start.htm  

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Halle, Händel Festspiele 2018 – Fremde Welten, IOCO Aktuell, 21.11.2017

November 21, 2017 by  
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Händel Festspiele Halle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Händel Festspiele 2018  –  „Fremde Welten“

Programm der Händel-Festspiele 2018 veröffentlicht – Mezzosopranistin  Joyce DiDonato Händelpreisträgerin 2018

Von Guido Müller

Vom 25. Mai bis zum 10. Juni 2018 ist Halle an der Saale wieder Schauplatz der glanzvollen und weltweit größten Händel-Festspiele. Unter dem Motto Fremde Welten werden an 17 Festspieltagen über 100 Veranstaltungen im Haupt- und Nebenprogramm in der Geburtsstadt des Komponisten und der Umgebung stattfinden, um den großen Sohn der Stadt zu feiern und ganz besondere Musikveranstaltungen an authentischen Orten erlebbar zu machen.

Händel Festspiele 2018 © Händel Festspiele

Händel Festspiele 2018 © Händel Festspiele

Mit der Neuproduktion von Berenice, Regina d’Egitto HWV 38 am ersten Festspieltag in der Oper Halle schließt sich nach fast 100 Jahren  die letzte Repertoirelücke: In der Heimatstadt des Komponisten werden  alle seine 42 Opernwerke erklungen sein, nachdem mit Orlando die  Händel-Opern-Renaissance in Halle im Jahr 1922 begann.

Die Premiere von Berenice, Regina d’Egitto (25.5.) unter der musikalischen Leitung von Jörg Halubek und in der Inszenierung von Jochen Biganzoli mit den Händel-Festspielorchester Halle wird nach der Hallischen Händel-Ausgabe aufgeführt – genau wie acht weitere  Werke.

Grabstätte von Georg Friedrich Händel in Westminter Abbey © IOCO

Grabstätte von Georg Friedrich Händel in Westminter Abbey © IOCO

Die Händel Festspiele 2018 präsentieren in acht Opern, drei weiteren szenischen Aufführungen, drei Oratorien, sechs Festkonzerten und mehreren genreübergreifenden Veranstaltungen 15 ECHO Klassik-Preisträger. Hiertreffen sich die Stars der internationalen Barock- musikszene.

Live zu erleben sind u. a.: die mehrmalige ECHO Klassik- und Grammy-Gewinnerin und neue Händel Preisträgerin 2018 Joyce DiDonato (26.5.), die Sopranistinnen Julia Lezhneva (6.6.) und Sophie Karthäuser (27.5.), die Mezzosopranistinnen Magdalena  Kožená (31.5.) und Ann Hallenberg (9.6.), die Altistin Nathalie Stutzmann (2.6.) sowie die Countertenöre Max Emanuel Cencic (8.6.) und Xavier Sabata (3.6.).

Für musikalischen Hochgenuss sorgen darüber hinaus international renommierte Ensembles wie Il Pomo d’oro unter der musikalischen Leitung von Maxim Emelyanychev mit Arianna in Creta u.a. mit Karina Gauvin, Ann Hallenberg, Kristina Hammarström, Maite Beaumont und Andreas Wolf (9.6.), John Butt mit dem Dunedin Consort (27.5.) mit Samson als Erstaufführung der solistischen Fassung von 1743) und  das La Cetra Barockorchester unter der Leitung von Andrea Marcon mit einem Festkonzert und dem Messiah (31.5. und 1.6.).

Händel Festspiele Halle / Händel Startmotiv © Händel Festspiele Halle

Händel Festspiele Halle / Händel Startmotiv © Händel Festspiele Halle

Wie in den vergangenen Jahren werden Brücken zu anderen  Musikgenres wie dem Jazz sowie der elektronischen Musik und der Rockmusik geschlagen. Ferner gibt es in mehreren Konzerten einen  spannenden musikalischen Dialog mit anderen Kulturen, z. B. mit   türkischer und persischer Musik.

Das Motto der Händel-Festspiele 2018 Fremde Welten ist überall präsent. Auch die Internationale Wissenschaftliche Konferenz  beschäftigt  sich mit dem Thema. Händel lernten im Laufe seines Lebens fremde Sprachen, Länder, Kulturen und Religionen kennen. In seinen musikalischen Werken überschritt er immer wieder Grenzen. Damit entführt er die Zuhörer in ferne Gegenden und manchmal auch in Märchenwelten. Ist Händels Welt uns heute fremd geworden, oder gibt es nicht auch Vieles, was uns vertraut ist? Die Händelfestspiele laden dazu ein, diesen spannenden Fragen nachzugehen.

Ein Jubiläum steht auch auf dem Programm: 1968 war das Goethe-Theater Bad Lauchstädt erstmals Aufführungsort der Händel-Festspiele. Die historische Spielstätte hat sich in den 50 Jahren zu einem festen Bestandteil der Festspiele etabliert. Im nächsten Jahr werden im Goethe-Theater die renommierte Lautten Compagney Berlin unter der musikalischen Leitung von Wolfgang Katschner  Händels Serenata Parnasso in festa HWV 73 (26.5.) und das Prager Barock-ensemble Musica Florea das Opern-Pasticcio Muzio Scevola HWV 13 auf die Bühne bringen. Dabei ist Muzio Scevola erstmals seit dem 18. Jahrhundert in einer szenischen Gesamtaufführung zu erleben.

Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH

Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH

Eine deutsche Erstaufführung wird es am 8.6. im Carl-Maria-von-Weber-Theater in Bernburg geben. Das Bach Consort  Wien mit Rubén Dubrovsky und ausgezeichnete   Solisten werden Händels Oreste HWV A 11 u.a. mit Ray Chenez in der Inszenierung von Kay Link aufführen (2.6.). Christophe Rousset wird u.a. mit Xavier Sabata und Sandrine Piau am 3.6. Rinaldo in der späten Fassung von 1731 zur Erstaufführung bringen. Das Anhaltische Theater Dessau bringt eine Neuproduktion von Giulio Cesare in Egitto  (8.6.).

Die Händel-Festspiele gehen im kommenden Jahr aber auch ganz neue Wege. Neben den bewährten und immer beliebter werdenden Baroque Lounges wird es erstmals einen Poetry Slam zum Thema Fremde Welten geben. Dabei drängt sich zunächst die Frage auf: Barockmusik   und Poetry Slam – geht das überhaupt? Die Händel-Festspiele sind   gespannt und nehmen sich ein Beispiel an Händel.

Des Weiteren wird die Zusammenarbeit mit dem London  Handel Festival ausgebaut. Die Handel Singing Competition hat schon manche internationale Gesangskarriere hervorgebracht. Erstmalig stellen sich zwei Preisträger des Gesangwettbewerbes 2017 in einem Lunch-Konzert im Händel-Haus in Halle vor. (2.6.).  Der Eintritt ist kostenfrei – wie bei einer Vielzahl von Veranstaltungen bei den Händel-Festspielen 2018. So dürfen sich Besucher auf die nun mittlerweile 16. Orgelnacht, auf ein Nachtkonzert, auf die Internationale Wissenschaftliche Konferenz, auf Vorträge zu ausgewählten Veranstaltungen, auf Handel for Brass auf dem Domplatz und auf das Fest für die ganze Familie im Hof des Händel-Hauses freuen, ohne dafür Eintritt zu bezahlen.

Clemens Birnbaum, Direktor der Stiftung Händel-Haus und Intendant der Händel-Festspiele freut sich sehr: „Das ist weltweit einmalig: acht verschiedene, szenische Produktionen mit Barockmusik kann man in nur17 Tagen erleben. Es erklingen Werke, die in dieser Form seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr zu erleben waren oder die besondere Erst- oder sogar Uraufführungen sind. Und darüber hinaus schlagen wir Brücken zu anderen Musikgenres und anderen Kulturen. Ich freue mich, dass wir wieder ein großes Barockmusikfest feiern können, das seinesgleichen sucht. Für die Unterstützung dieses großartigen Festes danke ich  herzlichst der Stadt Halle, dem Land Sachsen-Anhalt und dem Bund, aber auch den zahlreichen Partnern, Förderern und Sponsoren, stellvertretend Lotto Sachsen-Anhalt, der Ostdeutschen  Sparkassenstiftung  sowie der Saalesparkasse. Obwohl wir uns in diesem Jahr mit dem ‚Fremden‘ befassen, zeigt all dies, dass uns über 250Jahre nach   Händels Tod die Musik des halleschen Komponisten nichtbefremdet, sondern weiterhin tief berührt.“

Händel Festspiele Halle / Joyce DiDonato © dpa Händel Festspiele Halle

Händel Festspiele Halle / Joyce DiDonato © dpa Händel Festspiele Halle

Den Händel-Preis der Stadt Halle des Jahres 2018, vergeben durch die Stiftung Händel-Haus, erhält die US-amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato. Das Kuratorium der Stiftung Händel-Haus unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Dr. Bernd Wiegand würdigen damit ihre herausragenden Verdienste um die Pflege von Händels Musik. Der Händel-Preis wird Joyce DiDonato zu ihrem Festkonzert In War and  Peace– Harmony through Music am 26.5.2018 in der Georg-Friedrich-Händel Halle überreicht.

Erst kürzlich durfte sich Joyce DiDonato in der Elbphilharmonie Hamburg ihren bereits vierten ECHO Klassik als Sängerin des Jahres abholen. Für ihr Album In War and Peace, welche vornehmlich Händel-Stücke beinhaltet, bekommt sie nun schon die nächste Auszeichnung. Den Händel-Preis erhält sie für ihre langjährigen und überragenden Händel-Interpretationen. Somit trägt sie zur weltweiten Popularität des großen Sohnes der Stadt Halle (Saale) bei, sagt Clemens Birnbaum, Direktor der Stiftung Händel-Haus und Intendant der Händel-Festspiele.

Westminster Abbey in London ©IOCO

Westminster Abbey in London ©IOCO

Joyce DiDonato gehört zu den größten Mezzosopranistinnen ihrer Zeit. Geboren ist die mehrfache ECHO Klassik- und  Grammy-Preisträgerin am 13.2.1969 in Prairie Village im US-amerikanischen Bundesstaat Kansas. Ihr Repertoire reicht von Händel bis hin zur zeitgenössischen  Musik. Für diese Vielfältigkeit wird sie weltweit geachtet und gefeiert. Joyce DiDonato ist auf den berühmtesten Opernbühnen der Welt zu Hause – egal ob in London, Mailand, Wien, Paris, Barcelona, Berlin, Amsterdam, New York, Chicago, San Francisco oder Tokio – sie sorgt überall für Faszination beim Publikum und bei Kritikern. Zudem steht sie auch als Konzertsängerin weltweit auf der Bühne und arbeitet immer wieder mit Spitzenmusikern und -ensembles zusammen. Mit ihrer Vielzahl an Aufnahmen  beispielsweise mit dem Ensemble Il Complesso Barocco von Alan Curtis, William Christies Les Arts Florissants und  Antonio Pappano sowie mit ihren ausgedehnten Tourneen durch Europa, Asien und Nord- und Südamerika erlangte sie Weltruhm. Musikalisch geht Joyce DiDonato immer wieder neue Wege und lässt sich von vielen künstlerischen Einflüssen  inspirieren.

Mit ihrem Bühnenprogramm In War and Peace – Harmony  through Music setzt sie außergewöhnliche Akzente und ist damit genau am Puls der Zeit. Begleitet wird sie bei ihrem Festkonzert bei den Händel-Festspielen 2018 vom ausgezeichneten Ensemble Il Pomo d’oro unter der  musikalischen Leitung von Maxim Emelyanychev.

Programm der Händelfestspiele Halle –  www.haendelfestspiele-halle.de 

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Halle, Staatskapelle Halle, Beethoven – Schostakowitsch: Musik ist Revolution, IOCO Kritik, 16.11.2017

November 16, 2017 by  
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Staatskapelle Halle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Staatskapelle Halle – Beethoven – Schostakowitsch

Beethoven – Drittes Klavierkonzert, Schostakowitsch – Elfte Symphonie  Staatskapelle Halle – Herbert Schuch und Josep Caballé-Domenech

„Musik ist Revolution!“

Von Guido Müller

Unter der musikalischen Leitung von GMD Josep Caballé-Domenech spielte der vielfache  Preisträger und 1979 in Rumänien geborene Pianist Herbert Schuch zunächst das große Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven in c-moll aus der Zeit der Komposition der dritten Symphonie Eroica 1803/04. Beethoven hatte dieses Konzert für seine eigenen Auftritte als Symphonie mit konzertierendem Pianoforte komponiert. Die konzertante Struktur wird zum  Programm. In  diesem Konzert wird es von Herbert Schuch, die Staatskapelle Halle und ihr GMD Josep Caballé-Domenech maßstabsetzend und zutiefst berührend in inniger Übereinstimmung umgesetzt. Für seine Einspielung des Dritten Klavierkonzertes hat der Pianist 2013 den renommierten ECHO-Klassik Preis erhalten. Mit seinen dramaturgisch durchdachten Konzertprogrammen und CD-Aufnahmen hat sich Schuch als einer der interessantesten Musiker seiner Generation einen herausragenden Ruf erworben, den er  in  Halle glänzend bestätigt.

Staatskapelle Halle in der Händelhalle © Guido Müller

Staatskapelle Halle in der Händelhalle © Guido Müller

Mit männlich-schlanker Eleganz spielt Herbert Schuch im einleitenden Satz den ersten  Einsatz, keineswegs mit aggressiv-virtuosem triumphierend-heroischem Gestus sondern mit  der  ihm eigenen Nachdenklichkeit. Den großen heroisch-virtuosen Gestus spart er sich in  durchdachter Dramaturgie für die Kadenz auf, in der Schuch sein ganzes Können zeigt. Dies  zeigt  sich bei ihm ganz besonders charakteristisch im zärtlichen Mittelteil und nach einem  geradezu lisztmässigen Aufschwung höchster Virtuosität im aufregendsten Innehalten auf  Pianissimo  vor dem Wiedereinsetzen und Aufschwung des Orchesters: ein höchstspannungsvoller Augenblick, der das gebannte Publikum den Atem anhalten lässt.

Das darauf folgende Largo gestalten Schuch und Domenech im intimsten Zwiegesang mit  der Staatskapelle Halle zum Höhepunkt des Klavierkonzertes. Die von Ralf Mielke und Gabriele Knappe gespielten Flöten atmen mit dem Pianisten auf unnachahmlich perfekte Weise.

Das abschließende Rondo musizieren Solist und die Streicher und Bläser der Staatskapelle in kunstvollster sich abwechselnder Rhetorik. Der Satz atmet den eleganten Witz Wiener Salons der Vormetternichzeit mit geradezu harlekinmäßiger Spielfreude. Besonders gefällt dabei die perfekte Wienerische Klarinettenseligkeit von Frank Hirschinger und  Anja Starke im Wechselgesang mit dem Pianisten.

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Als Zugabe krönte der Ausnahmepianist Herbert Schuch seinen glänzenden Auftritt in Halle überaus geschmackvoll und intelligent mit der letzten Komposition Beethovens aus den Bagatellen innig, virtuos und mit dem für den Meister aus Bonn charakteristischen Humor. Nicht enden wollende Ovationen und Getrampel des Publikums für den würdigen Freund und legitimen jugendlichen Fortführer der großen deutschen Pianistentradition Alfred Brendels.

Beethoven verstand sich als ersten Komponisten, der sich selbst als bewusst politisch handelnder Menschverstand. Er analysierte die gesellschaftlichen Vorgänge und versuchte, sie aktiv mitzugestalten, mit seiner Musik in sie einzugreifen. Das verbindet in diesem sehr hintersinnig komponierten Konzertprogramm Dmitri Schostakowitsch mit ihm.

Am 3. Oktober 1957 wurde Schostakowitschs Elfte Sinfonie in der Sowjetunion uraufgeführt. Stalin ist seit vier Jahren tot. Endlich kann es Schostakowitsch wagen, sich  kritisch der Geschichte Russlands zu widmen: Thema seiner Elften  ist der Petersburger  Blutsonntag am 9. Januar 1905, das Massaker an  demonstrierenden unbewaffneten Arbeitern und solidarischen Demonstranten, das die Palastwache des Zaren zu verantworten hatte. Die Menschen wollen  dem autokratisch herrschenden Zaren eine Petition für menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Rede- und Pressefreiheit und die Schaffung einer Volksvertretung  überreichen. Plötzlich schossen Soldaten in die friedlich betende Menschenmenge und es  sterben nach unterschiedlichen Angaben zwischen 130 und 1000 Menschen. Am Ende der Symphonie steht die Hoffnung auf bessere Zeiten und auf politische Veränderungen.

Das Konzert der Staatskapelle Halle kann als Erinnerung an den 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution und die Opfer verstanden werden. Die Elfte  Symphonie „Das Jahr 1905“ von Dmitri Schostakowitsch hat sehr gegensätzliche Interpretationen erfahren. „Vater, was wenn sie dich deswegen aufhängen?“ soll der Sohn Maxim Schostakowitsch nach der Generalprobe 1957 seinen Vater gefragt haben. Wie sehr oft legt Dmitri Schostakowitsch äußerlich eine falsche Spur mit dem Programm. Die Symphonie ist zumindest als doppelbödig zu bezeichnen.

Josep Caballe Domenech © Falk Wenzel

Josep Caballe Domenech © Falk Wenzel

Das Uraufführungsdatum 30. Oktober 1957 verdeutlicht, aus welchem offiziellen Anlass die Elfte komponiert wurde: nämlich zur Gedenkfeier des 40. Jahrestages der Oktoberrevolution 1917.

Der in der Stalinzeit vom Regime als „formalistisch“ abgekanzelte und daher nach Rehabilitierung strebende Schostakowitsch wählte folglich das „linientreue“ Thema der auf  Befehl des  Zaren blutig niedergeschlagenen 1905er „Revolution“ in St. Petersburg. Wenn man etwas weiter denkt und die Musik betrachtet – die Darstellung des Massakers und die gewaltige Totenklage – ist es naheliegend, dass nicht nur das blutige Niedermetzeln der  Demonstranten 1905 durch die Zarentruppen gemeint war, sondern ebenso – oder sogar nur – die blutige Niederschlagung des ungarischen Aufstands durch die sowjetischen Truppen  im Jahre 1956, also im Jahr vor der Komposition.

Zudem liegt es nahe darüber hinaus an die Millionen Opfer des Stalinismus zu  denken, auch an die Opfer des Aufstandes in der DDR am 17.6.1953. Allerdings verzichtet Dmitri Schostakowitsch auf allzu offensichtliche Anspielungen oder Zitate ungarischer Musik und Rhythmen. Doch der erste Satz in einem von dem Dirigenten im großen Bogen gehaltenen Anspannungen lässt wahrhaft an die Eiszeit der Stalinzeit denken.

Schostakowitsch äußerte sich zu dieser Frage angeblich Salomon Wolkow in den Memoiren gegenüber so: „Mir scheint, dass sich in der russischen Geschichte vieles wiederholt. Natürlich wiederholt sich ein Ereignis nicht in genau  derselben Weise. Selbstverständlich sind da Unterschiede. Aber vieles wiederholt sich trotzdem. Das Volk denkt und handelt in vielem ähnlich. … Diese Wiederholbarkeit wollte ich in der Elften Symphonie zeigen. Ich komponierte sie 1957, und sie bezieht sich auf die Gegenwart, auch wenn sie den Titel Das Jahr 1905 trägt. Sie handelt vom Volk, das den Glauben verloren hat, weil der Kelch der Missetaten übergelaufen war. So begegnen die Eindrücke meiner Kindheit denen des reifen Lebensalters. Und natürlich haben die Ereignisse meines reifen Lebens mehr Gewicht“.  Zitat nach dem ausgezeichneten Beitrag von Verena Großkreutz im Programmheft.

Deutlicher geht es auf den ersten Blick kaum. Das wahre Thema der Elften wäre dann die blutige Unterdrückung des Ungarn-Aufstands 1956 durch die Sowjets. Bezeichnend ist dann aber wiederum, dass dieses „wahre“ Programm von den sowjetischen Kulturaufsichtsbeamten  nicht erkannt wurde. Schostakowitsch erhielt für seine Elfte sogar den Lenin-Preis. Durch  einen Beschluss des ZK der KPdSU vom 28. Mai 1958 wurde er schließlich offiziell rehabilitiert. Er wurde Mitglied der KPdSU und komponierte1961 aus „Dankbarkeit“ die Zwölfte Symphonie Das Jahr 1917, die er Lenin widmete. Das erlaubt eine ganz andere Sicht auf den sowjetischen Komponisten, der sich eventuell direkter in seiner Kammermusik äußerte als in der repräsentativen Großsymphonik.

Staatskapelle Halle in der Händel Halle © Guido Müller

Staatskapelle Halle in der Händel Halle © Guido Müller

Schostakowitsch baute in diese Sinfonie zwei der 1951 von ihm komponierten  Lieder aus „10Poème für Chor a cappella“ ein, ansonsten kaum eigene melodische Erfindungen sondern zahlreiche in der Sowjetunion populäre revolutionäre Lieder, und zwar unter anderem der polnischen Arbeiter-Freiheitsbewegung des 19. Jahrhunderts im Finale. Im ersten Satz Der Palastplatz: Adagio erklingen der Choral Herr, erbarme dich unser und   das Gefangenenlied Gib acht!,  die Schostakowitsch auch am Ende  des zweiten Satzes mit  dem Massaker Der 9. Januar: Allegro – Adagio – Allegro – Adagio wieder aufgreift. Diesen Satz steigert Caballé-Domenech  grandios theatralisch mit der furios aufspielenden Staatskapelle mit prächtig strahlendem Blech der sechs Trompeten, drei Posaunen, Tuba und einem sechsfach  besetzten großartig präzisen Schlagwerk.

Bereits im ersten Satz hatte der erste Fagottist Kay Stöckel mit seinem elegisch singenden Instrument stark beeindruckt und steigert dies im dritten Satz Ewiges Angedenken: Largo noch einmal phänomenal.  Dieses Requiem für die Toten über den Revolutions-Trauergesang Unsterbliche Opfer gestaltet Caballé-Domenech mit der Staatskapelle Halle in noch gesteigerter Parallele zum Largo des Klavierkonzerts zum sich ständig wandelnden Klagehöhepunkt des Konzerts. Im direkten Anschluß  an das Massaker des zweiten Satzes greift dieser Übergang in der Gestaltung durch Caballé-Domenech ans Herz. Hier verströmen dann aufeinander folgend und sich ergänzend die Kontrabässe, Celli, ersten und  zweiten Violinen unter dem in Leningrad geborenen ersten Konzertmeister und Kammervirtuosen Arkadi Marasch und vor allem die besonders klangschön homogen spielenden Bratschen herzergreifenden Wohlklang. Dieses populäre Lied hatte auch schon Edmund Meisel in Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin verwendet. Schostakowitsch selbst hat es außerdem in Podrugi  (Girlfriends) verwendet, und Benjamin Britten in A russian funeral. Am Ende erklingt die Melodie nochmals im Choral der Blechbläser.

Die semantische Vieldeutigkeit von Musik wird nach den eher einfach und klar aufgebauten  ersten drei Sätzen im trotzig insistierenden Finale  besonders deutlich, indem es ironisch, satirisch, bissig, grotesk, operettenmäßig, polystilistisch aufblitzt. Es wird geradezu körperlich ungemütlich in den bösartigen Zuspitzungen von dröhnend-heroisch vorgebender Finalthematik mit vulgär erscheinenden Steigerungen wie auf KPdSU- Befehl erfüllte Kompositionsforderungen. Darauf antwortet das Englischhorn mit einem einsamen Klagegesang (hervorragend Markus Stein), das für mich zaghafte Hoffnung ausdrückt.

Der Dirigent Semyon Bychkov macht im Begleittext zu seiner Aufnahme der Elften eine sehr interessante Beobachtung, die hier abschließen soll: Die Antwort zum Inhalt der Sinfonie liegt in den letzten Kodatakten des Schlusssatzes. Zwei Gruppen aus zwei Noten werden abwechselnd auf den Röhrenglocken angeschlagen: G-B und G-H, die […] große und kleine Terz […] Zusammen bilden sie das Thema der im zweiten Satz erklingenden Fuge, die  das Massaker des Blutsonntags […] darstellt. Bevor die Sinfonie abrupt zum Stehen kommt, hört man als letztes die kleine Terz. Es gibt keinen Sieg, nicht für die, die an jenem Tag ihr Leben ließen, noch für die zahllosen Millionen, die ihnen in den nächsten Jahrzehnten in das Grab folgten. Das ist Schostakowitschs Auffassung über 1905 aus der Warte von 1957.

Mehr als verdienter Jubel des Publikums in der fast voll besetzten Georg-Friedrich-Händel-Halle für das hochkarätig musizierte Symphoniekonzert der Staatskapelle Halle und ihren GMD Josep Caballé-Domenech, dass  ihre besondere Leistungskraft für große  symphonische Werke damit wieder einmal nachdrücklich unter Beweis gestellt hat. Damit  kann es mit benachbarten Weltklasseorchestern beachtlich gut konkurrieren.

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