Basel, Theater Basel, La Bohème – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 22.01.2020

Januar 22, 2020 by  
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Theater Basel

Theater Basel © Sandra Then

Theater Basel © Sandra Then

La Bohème  –   Giacomo Puccini

– Sprayer unterwegs – vom Weihnachtsmarkt zum Autowrack –

von Julian Führer

La Bohème gehört zum Kernrepertoire auch kleinerer Musiktheater. Auch wenn die Intendanz eine ambitionierte Stückeauswahl aufs Programm setzt, dürfen manche ‚Renner‘ doch nicht fehlen: Zauberflöte, Aida, Carmen und eben La Bohème. Das Stück ist nicht zu lang, mit einem mittleren Orchester gut zu machen, und Puccini hat weder Wasserfluten noch Weltuntergänge noch übermäßig komplizierte Umbauten vorgeschrieben. In Zürich wurde 2015 von Ole Anders Tandberg eine teilweise überraschende Deutung präsentiert, 2018 verlegte Frank Hilbrich in Freiburg die Szenerie (insgesamt verblüffend schlüssig) in eine Studenten-WG. Im gleichen Jahr verlegte Matthew Wild die Oper Bern mit einer Werkretrospektive Andy Warhols und entwickelte daran eine bemerkenswert tüftelige und beeindruckende Werksicht (IOCO berichtete aus Freiburg und Bern, link HIER!). Als viertes Haus der Region zeigte nun das Theater Basel eine Neudeutung, diesmal aus der Sicht des Regisseurs Daniel Kramer.

La Boheme – Giacomo Puccini
youtube Trailer Theater Basel
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Nachdem das sinfonieorchester Basel die Instrumente gestimmt hat und das Publikum ruhig geworden ist, kommen Hiphop-Fetzen aus Lautsprechern. Zum Glück sind sie nicht zu laut. Nach einer Weile hören sie auf, das Orchester setzt ein. Der von Puccini sehr kunstvoll komponierte Auftakt des Orchesters, der unmittelbar in die kurzen Gesangsphrasen der Protagonisten übergeht, geht hier unter. Warum dieser Soundeffekt? Auf der Bühne (Annette Murschetz) sehen wir ein paar verpackte Weihnachtsbäume, die Künstler stehen draußen, sie sind Sprayer unseer Gegenwart. Soweit, so gut, kann man auf diese Weise doch glaubhaft machen, dass es tatsächlich kalt ist, und wir hören also vor dem Orchestereinsatz gewissermaßen ihre Musik.

 Theater Basel / La Boheme - hier : Cristina Pasaroiu als Mimi, Davide Giust als Rodolfo  © Theater Basel / Priska Ketterer

Theater Basel / La Boheme – hier : Cristina Pasaroiu als Mimi, Davide Giust als Rodolfo  © Theater Basel / Priska Ketterer

Im Libretto wirft der Jungautor Rodolfo sein Werkmanuskript ins Feuer, um es etwas warm zu haben, dies wird man im Zeitalter von großen Altpapiercontainern nur noch schwer überzeugend auf die Bühne bringen können. Gleichwohl handelt es sich eigentlich um einen existenziellen Moment, da der Künstler sein Werk opfern muss, um nicht zu erfrieren, und diese Notsituation ist hier aufgehoben. Unsere Sprayer wärmen sich an einer Tonne bzw. einem Ölfass, das zum Ofen umfunktioniert wurde. Wir sind im Freien, es ist kalt, doch gemäß Libretto klopft es an der Tür, und der Vermieter Benoit (adäquat heruntergekommen und etwas schmierig: Alexander Vassiliev) steht vor der Tür und kann nur mit Mühe davon abgelenkt werden, dass die jungen Leute kein Geld für die Miete haben. Dramaturgisch ‚hängt‘ diese Passage etwas, kann man doch mit etwas Geschick seinen Vermieter wieder aus der Wohnung hinauskomplimentieren; deutlich weniger plausibel ist es jedoch, ihn quasi von der Spraywand wegzuschicken. Unsere Bohemiens sind deutlich interessanter angezogen als ihr Vermieter – zwar nicht elegant, doch haben sie alle ein Accessoire, das ihnen Individualität verleiht (Kostüme: Esther Bialas).

Henri Murger Paris © IOCO

Henri Murger Paris © IOCO

Noch einmal wesentlich interessanter ist natürlich der Auftritt der Mimì. Ihr ist die Kerze ausgegangen, meint sie, und sehr schnell entsteht zwischen Rodolfo und ihr eine erotische Spannung. Die anderen Sprayer verziehen sich schon diskret ins Café… Rodolfo meint bei Puccini nun seinerseits, dass ihm das Licht ausgegangen sei, während in Basel noch die Tonne brennt – vielleicht unterstreicht aber gerade dieser Widerspruch das Knistern zwischen den beiden Menschen (in der Romanvorlage von Henri Murger treibt Mimì selbst mit einem solchen Kniff die erotische Begegnung sehr aktiv voran). Der erste Akt abstrahiert also von der tatsächlichen materiellen Not der Vorlage und fokussiert eher auf die Beziehung zwischen den Menschen. Im Klassiker „O soave fanciulla“ bringt Cristina Pasaroiu ihren Sopran zum Leuchten – sichere Höhen, eine ohne Verzögerung ansprechende Stimme, schlank geführt und immer gut zu hören. Der Rodolfo des Davide Giusti verfügt zwar über sichere Spitzentöne, ist jedoch in der Mittellage nicht immer frei, sein Tenor hört sich dort etwas belegt an, auch die Artikulation ist im mittleren Register nicht sehr deutlich. Die Hauptrolle spielt in diesem Akt eigentlich das sinfonieorchester Basel unter Kristiina Poska, stets präsent, flexibel und sehr klangschön.

Während des Umbaus zum zweiten Bild dröhnt es wieder aus den Lautsprechern: Hiphop, aber nun auch mehr: Stimmengewirr, Budenmusik, diverse Rhythmen, die sich überlappen. Das Publikum lässt sich von der Beschallung leider ablenken und unterhält sich noch lange Zeit sehr angeregt, als der Vorhang schon längst wieder offen ist. Akustisch wurden wir auf die nun folgende Szene vorbereitet: eine Weihnachtsmarktszenerie mit großen Glitzerbaum, einem SUV auf einem Podest als Hauptgewinn bei einer Lotterie, viele Kinder und deren gestresste Eltern, die eine Hand voller Einkaufstaschen, die andere Hand am Smartphone. Zum Gewusel auf der Bühne passen die vielen und schnell wechselnden Passagen des Chors. Von leicht morbider Romantik und Festtagsstimmung im positiven Sinn, wie sie Götz Friedrich vor vielen Jahren an der Deutschen Oper Berlin inszeniert hat (diese Produktion ist immer noch zu sehen), ist hier keine Spur. Parpignol (Donovan Elliot Smith) im übergroßen Weihnachtsmannkostüm zieht die Kinder in seinen Bann.

Theater Basel / La Boheme - hier: in der Studentenbude mit Vermieter Benoit © Theater Basel / Priska Ketterer

Theater Basel / La Boheme – hier: in der Studentenbude mit Vermieter Benoit © Theater Basel / Priska Ketterer

Wenn hier einerseits diverse Klischees ironisiert oder kritisiert werden, schneit es dennoch kräftig aus dem Bühnenhimmel, wie es sich für eine Weihnachtsoper wohl irgendwie gehört (Schnee gab es zu Weihnachten in Paris allerdings schon länger nicht mehr…). Die eigentliche Handlung des zweiten Aktes wird dann aber recht konventionell und verlässlich am Libretto entlangerzählt: Die Freunde (stimmlich allesamt zuverlässig: Gurgen Baveyan als Schaunard und Paull-Anthony Keightley als Colline) gehen bei Momus essen, Mimì steht im Zentrum, Rodolfo ist sehr um sie bemüht; die flamboyant-kapriziöse Musetta kommt mit ihrem täppischen und lächerlichen Liebhaber Alcindoro (Alexander Vassiliev in einer Doppelrolle, die er auch darstellerisch gut meistert) hinzu, zieht alle Blicke auf sich und wälzt die gesalzene Rechnung für den ganzen Tisch bei ihrem derzeitigen Partner ab. Selbst der Aufzug des Tambourmajors wird ganz konventionell inszeniert. Musetta (Valentina Mastrangelo) ist, wie man es bei La Bohème erwartet, elegant und teuer angezogen, sowohl mit aktuellen (Alcindoro) als auch mit verflossenen Liebhabern (Marcello) zickig, stets im Zentrum, hat doch aber ein Herz für Menschen in Not. Sie singt dabei mühelos und kantabel mit langem Atem die langen Linien von Quando m’en vo. Marcello (Domen Križaj) reagiert sowohl im Café als auch vor dem Club im dritten Bild einigermaßen genervt, ist ihr aber doch verfallen und kommt ebensowenig von ihr los wie Rodolfo von Mimì. Sein Bariton ist jugendlich, viril, flexibel, eine wirklich adäquate Besetzung für diese Rolle.

Das dritte Bild, eigentlich im Niemandsland an einem Stadttor von Paris angesiedelt, spielt auf der Bühne von Annette Murschetz (und nach der obligaten Beschallung mit Hiphop aus den Lautsprechern) auch in einer Art liminalem Raum, nämlich vor einem Club. Wir sehen Türsteher, eine Schlange, leere Getränkekisten, insgesamt ein schäbiges Ambiente und dazu noch einen Junggesellinnenabschied mit Gummipenis, den es nicht unbedingt gebraucht hätte, um die Szenerie deutlich zu machen. Rodolfo und Marcello beklagen sich beide über ihre konfliktgeprägten Beziehungen. Nicht ganz schlüssig ist, dass Mimì auf einmal zwischen Mauerlöchern auftaucht und das Gespräch belauscht, in dem Rodolfo seinem Freund von ihrer unheilbaren Krankheit berichtet, von der sie nichts ahne.

Theater Basel / La Boheme © Theater Basel / Priska Ketterer

Theater Basel / La Boheme © Theater Basel / Priska Ketterer

Vor dem vierten Bild gibt es wieder Rhythmen aus dem Lautsprecher; zu sehen ist dann eine Art Umkehrung des zweiten Bildes: statt einem großen Weihnachtsbaum mehrere kleine Tannen, statt einem prächtigen SUV ein umgekipptes Autowrack, auf dem Rodolfo und Marcello sitzen und mit Spielzeugpistolen auf Bierdosen schießen (als Gegenbild zur Weihnachtsmarktszenerie). Überbleibsel des Kaufrausches des zweiten Bildes ist nun eine nackte Schaufensterpuppe, von den beiden mit Zielscheiben garniert. In der Tat, sie haben mit den Frauen so ihre Probleme. Dem musikalischen Eindruck nicht eben förderlich ist, dass in dieser Szene auch mit Bierdosen geworfen wird. Beim Auftritt Mimìs mit Mütze wird deutlich, dass sie wohl an einer Krebserkrankung leidet – ein beklemmendes Bild, das allerdings in Bern sehr viel konsequenter inszeniert wurde. Es ist nicht ganz klar, warum Mimì scheinbar als letzte von der Krankheit erfahren haben soll. Auf jeden Fall ist sie nun sehr geschwächt und friert (ähnlich wie im ersten Bild nicht vollends plausibel). Sie wird auf einem aus ausgebauten Autositzen notdürftig zusammengeschobenen Sofa hingelegt, wo sie schließlich stirbt. Musetta hat sich noch um sie bemüht; scheinbar als Dank besorgt ihr Marcello einen großen Strauß rote Rosen – eine schöne Geste, doch fragt man sich angesichts des Kontextes, woher Marcello eigentlich das Geld dafür genommen hat.

Die Inszenierung von Daniel Kramer hat einige schöne, auch sehr schlüssige Momente, an anderen Stellen verliert sie sich in Details, denen es an Relevanz oder Konsequenz fehlt. Der Abend gehörte eindeutig den Frauen, der Musetta der Valentina Mastrangelo, der mit sehr viel Beifall bedachten Cristina Pasaroiu als Mimì und Kristiina Poska, die dem Orchester eine breite Klangpalette entlockte und mit vielen kleinen Temporückungen und Schattierungen stets musikalische Spannung erzeugte. Das Theater Basel kann sich glücklich schätzen, sie als Musikdirektorin zu haben. Der Besuch der Produktion ist zu empfehlen.

Besprochene La Boheme Vorstellung  – 18. Dezember 2019

La Boheme am Theater Basel; die weiteren Termine 27.1.; 16.2.; 18.2.; 20.2.; 24.2.; 8.3.; 15.3.; 21.3.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Basel |—

Freiburg, Theater Freiburg, Hulda – César Franck, IOCO Kritik, 06.07.2019

Dezember 10, 2019 by  
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Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freburg

Hulda –  César Franck

– Unbekanntes von Unbekannten – Freiburger Offenbarung –

von Julian Führer

Wer kennt heute noch Bjørnstjerne Bjørnson? Immerhin erhielt der Norweger im Jahr 1903 den Nobelpreis für Literatur, Henrik Ibsen gehörte zu seinen größten Bewunderern. Sein zweites Drama trägt den Namen Halte-HuldaBjörnson war noch keine 30 Jahre alt. Die Handlung spielt im nordischen 14. Jahrhundert, das Stück ist eine finstere Rachetragödie um die Gestalten Hulda, Svanhilde, Thrond und Eyolf.

César Franck Paris © IOCO

César Franck Paris © IOCO

Und wer weiß heute noch, dass César Franck (1822-1890) Opern geschrieben hat? Seit 1872 Professor für Orgel, komponierte er eigentlich für jede Gattung ein großes Werk (zum Beispiel seine recht bekannte Symphonie in d-Moll), hingegen verdankt ihm die Nachwelt vier Opern – zwei Frühwerke (Stradella, mit weniger als 20 Jahren komponiert), Le valet de ferme, schließlich die deutlich späteren Hulda (1879-1885) und Ghiselle (1888-1890).

Woher diese Themenwahl? Bjørnson war noch kein Nobelpreisträger, als Franck und sein Librettist Charles Grandmougin sich für den Stoff interessierten. Doch passt das Stück gewissermaßen in die Zeit – es ist die Epoche des französischen Wagnerismus, es herrschte eine Faszination für den Norden, das Germanisch-Mythologische, in Reaktion auf die Niederlage gegen die Preußen und auf die deutsche Einigung von 1871 auch eine Faszination für den neuerdings übermächtigen Nachbarn östlich des Rheins. Und so beginnt Maupassants Schauernovelle Qui sait damit, dass der Ich-Erzähler aus Ernest Reyers Sigurd kommt, und in Francks Ghiselle treten Figuren mit merowingerzeitlichen Namen wie Fredegunde und Theudebert auf. Was nun faszinierte ihn so an Hulda? Es fällt auf, dass die Oper die Dramenvorlage noch weiter radikalisiert: Das Bühnengeschehen ist eine Gewaltorgie, und Hulda selbst ist so unbeugsam, dass sie den eigenen Tod letztlich billigend in Kauf nimmt – eine Zukunft hat sie sowieso nicht. Den Publikumsgeschmack oder zumindest den von Operndirektoren scheint Franck damit nicht getroffen zu haben. Zu seinen Lebzeiten gab es keine Uraufführung, 1895 wurden in Monte Carlo, Toulouse und Den Haag stark gekürzte Fassungen gezeigt, und dann verschwand das Stück von den Spielplänen.

Das Theater Freiburg wagte sich 2019 an die Deutsche Erstaufführung, für die auch das Autograph der Partitur aus der Pariser Bibliothèque nationale de France eingesehen wurde (inzwischen liegt es als frei verfügbares Digitalisat auf der Seite der Bibliothèque nationale de France (link hier) vor. Man sieht der Partitur an, dass sie in der Tradition der Pariser Grand opéra steht – doch als Grand opéra ist Hulda eben noch nie aufgeführt worden.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck - hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck – hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Franck und Grandmougin verlegten die Handlung vom 14. Jahrhundert ins noch weiter entfernte Mittelalter zurück ins 11. Jahrhundert, um einen Konflikt zwischen Christen und Heiden auf die Bühne bringen zu können. An dieser Stelle setzt die Freiburger Dramaturgie (Heiko Voss) und Regie (Tilman Knabe) an: In Freiburg spielt die Handlung von Hulda nicht in Norwegen, sondern in Afrika; wir sehen postkoloniale Clankämpfe, Warlords, Kindersoldaten mit Zigaretten und schweren Waffen. Von zentraler Bedeutung für die Regie ist das Cahier africain, ein auch verfilmtes Schulheft mit Zeugenaussagen über unsägliche Verbrechen von Söldnertruppen nach dem Jahr 2000, also in allerjüngster Vergangenheit. Wie im Cahier africain wird in dieser Lesart die Hauptfigur (also Hulda) durch die Anwesenheit ihrer (bei Franck nicht vorgesehenen) Tochter daran erinnert, wie sie vergewaltigt wurde. Der Prolog spielt in Freiburg also in einem Township (Bühne: Kaspar Zwimpfer). Das Publikum sieht eine Texteinblendung aus dem Cahier, bevor das Orchester eine kurze musikalische Introduktion spielt und dann von seinem Leiter Fabrice Bollon eine Gewaltorgie inszeniert, die Elemente von Hector Berlioz und Richard Wagner verschmilzt und in ihrer radikalen Schroffheit auch an Richard StraussElektra denken lässt. Aus dem Orchestergraben sprühen Funken. Das Publikum muss derweil ansehen, wie zur Musik Salven knallen, Frauen gejagt und vergewaltigt werden – und zwar lange, sehr lange. Das Freiburger Parkett hat einen Durchgang zwischen der sechsten und der siebten Reihe – auch hier werden Frauen durchgeschleift, die sich verzweifelt wehren. Es fällt schwer, sich bei diesen Szenen zurückzulehnen und die Musik zu analysieren, die bei aller entgrenzten Gewalt auch sehr sinnlich sein kann. Der Orchestergraben ist ganz nach unten gefahren, um die Klangmassen in diesem Haus beherrschbar zu machen, das zwar groß ist, aber doch nicht die Dimensionen des Bayreuther Festspielhauses oder der Deutschen Oper Berlin hat. Im Zuschauerraum ergibt sich so ein Mischklang, der Einzelstimmen nur selten hervortreten lässt; nach dem ersten Sturm kommen dann aber doch teils beeindruckende Soli zur Geltung wie etwa gleich zu Anfang die Oboe.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck - hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck – hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Hulda also erlebt im Prolog mit, wie Familie, Verwandte und Umgebung niedergemetzelt werden; ihre minutenlange Vergewaltigung (von der Freiburger Regie ergänzt, aber mit der Musik im Einklang) ist für sie noch ein Auslöser mehr, Rache zu schwören. Ihre Peiniger finden den Schwur eher amüsant (wie Wagners Götter im Rheingold). Fast noch schwerer erträglich als dieser stürmische Prolog ist die Pause danach – der eiserne Vorhang senkt sich, die soeben vergewaltigte Hulda bleibt allein an der Rampe, krümmt sich vor Schmerz und Elend. Dazu eine Texteinblendung aus dem Cahier africain und ein altes (Statisten-)Paar, das Huldas Schreibheft findet und fassungslos darin zu lesen beginnt. Diese stumme Szene füllt die minutenlange Umbaupause. Was Morenike Fadayomi in der Titelrolle nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch leistet, ist enorm.

Im ersten Akt – sechs Jahre später – hat Hulda in dieser Lesart eine fünfjährige Tochter, die sie stets begleitet und somit an das Trauma der Vergewaltigung erinnert. Die Szenerie zeigt die heruntergekommene und teils zerschossene Fassade des „Hôtel Léopold II“. Leopold II. war zur Zeit der Entstehung der Oper König der Belgier; während seiner Regierung kamen Schätzungen zufolge im Kongo bis zu 10 Millionen Menschen durch die unmittelbaren oder mittelbaren Folgen der belgischen Kolonialherrschaft um. Das Hotel ist zum Teil wohl auch ein Bordell. Hulda befindet sich seit Jahren in Gewalt der Aslaks und soll mit Aslaks Sohn Gudleik zwangsverheiratet werden. Hulda fühlt sich eher von Eiolf angezogen. Aslak (Jin Seok Lee) ist ausstaffiert wie Mobutu Sese Seko; die Leute Eiolfs, die sich ihm entgegenstellen, sind in dieser Deutung Blauhelme. Juan Orozco als Gudleik ist passend zur Szenerie sehr viril, Jin Seok Lee etwas gesetzter, aber mit beeindruckenden Ausbrüchen – ein rundum überzeugender Bass. Aus einem Schaukampf im Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten wird bitterer Ernst. Aus dem Ritual, bei dem Hühnerblut fließt, Schnaps ausgespuckt wird und Ölfässer brennen (alles Versatzstücke aus der Bayreuther Götterdämmerung in der Zertrümmererregie Frank Castorfs), wird ein Kampf auf Leben und Tod, so dass am Ende Gudleik leblos am Boden liegt. Der Orgelspezialist César Franck hat hier einen gewaltigen Chor auf den Tod Gudleiks eingeschaltet. Hulda scheint dieser sinnlose Tod leidzutun, auch wenn Gudleik zum Clan Aslak gehört – sie ist ohnehin charakterlich komplexer, als es zunächst den Anschein hat.

Der zweite Akt beginnt mit einer zarten Orchestereinleitung. Diese orchestrale Kostbarkeit wird leider von Stimmen vom Band zerstört, die wieder aus dem Cahier africain oder anderem vortragen. Obendrein ist die Aufnahme technisch unbefriedigend und übersteuert teilweise bzw. überlagert die Klänge des Orchesters so, dass man von beidem nichts mehr hat – sehr störend und künstlerisch nicht akzeptabel. Bei allem Hass kümmert sich Hulda, wie man sieht, in ihrer kleinen Bleibe doch rührend um das in der traumatischen Nacht in einer Vergewaltigung gezeugte Kind. Sie erwartet ihren Eiolf (als indisponiert angesagt: Joshua Kohl, nach etwas gebremstem Auftreten im ersten Akt nun gänzlich frei) so wie Marguerite ihren Faust bei Gounod, doch dann singen sie wie Siegfried und Brünnhilde, vor allem auch, was das Orchester angeht, das nun sehr wagnerisch aufwallt und mehr als einmal Tristanharmonien anklingen lässt. Das weitere Zwiegespräch erinnert eher an Massenet mit kürzeren Melodien und einer stärkeren Betonung von einzelnen Stimmungsmomenten. In dieser Szene sieht es so aus, als könnte Hulda wirklich frei lieben.

Doch es gibt eine frühere Liebschaft Eiolfs, Swanhilde. Diese begegnet ihrem Verflossenen im Rahmen eines Festes – in Freiburg im Rahmen eines Afrika-Gipfels (Conglomérat sur le progrès technique au Congo). Der Akt beginnt mit einer Pantomime, die ein Gipfeltreffen mit feierlicher Vertragsunterzeichnung und anschließender ausschweifender Feier zeigt. Dazu hört man die lange, brillant instrumentierte Introduktion des Orchesters. Swanhilde (Irina Jae Eun Park mit mustergültigem Französisch und schöner Stimme) debattiert also mit Eiolf über die verflossene Liebe, wie es Wotan und Fricka im zweiten und Wotan und Brünnhilde im dritten Akt der Walküre tun. Seufzer erinnern an Elektras „Du lebst, und er, der besser war als du und edler tausendmal, und tausendmal so wichtig“ bei Strauss. Hulda hört diese Liebesreminiszenz, die Szene wird zum Terzett erweitert. Hulda beschließt für sich, dass Eiolf für diesen Verrat sterben muss, und animiert Gudleiks Brüder Erik, Eynar und Thrond (Erik: Roberto Gionfriddo, Eynar: Junbum Lee, Thond: Seonghwan Koo, alle drei perfekt aufeinander eingestimmt), für den älteren Bruder Rache zu nehmen.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck- © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck- © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Wir befinden uns wieder in Huldas kleiner Behausung. Die Brüder fallen tatsächlich über Eiolf her und wollen dann Hulda umbringen. Leider geht die Regie mit ihrem Stilmittel der Texteinblendungen etwas weit und projiziert Aufrufe zum Kampf gegen Unterdrücker aus den achtziger Jahren – dass immer wieder Texteinblendungen erfolgen, zieht dann doch einen gewissen Ermüdungseffekt nach sich, zumal die Musik so viel spannender ist. Die Bühne ist inzwischen leer (Huldas Zimmer wurde nach hinten hinausgezogen), Hulda schwenkt eine große rote Fahne auf einem Jeep der UN, die Brüder hört man nur noch aus dem Off, dann wird noch einmal vom Tonband eine Salve abgefeuert, und Hulda stirbt. Diese Hulda hat vieles von den rachedurstigen Frauen, die von Isolde bis Salome und von Brünnhilde bis Elektra die Bühnen der Zeit um 1900 bevölkerten. In der Linie der Regie konsequent fokussiert das Schlussbild – ein bisschen wie Madama Butterfly – auf das übrigbleibende Kind. Hulda hat das bekommen, wofür sie gelebt hat, ihr Tod ist der Nihilismus derjenigen, die kein Ziel mehr hat außer der Autodestruktion. Das Kind, das in einer Vergewaltigung entstanden ist, bleibt übrig.

Die Vorstellung war gut besucht, wenn auch nicht ganz ausverkauft; bei einem solchen Werk darf dies als Erfolg gelten. Diese Partitur ist eine Offenbarung, eine Wiederentdeckung, wie man sie nicht alle Jahre hat, allenfalls mit Erich Wolfgang Korngolds Das Wunder der Heliane vergleichbar, das schon 2017 ebenfalls in Freiburg zu hören war, bevor es 2018 an der Deutschen Oper Berlin so fulminant der Vergessenheit entrissen wurde. Das Stück fordert von Orchester und Sängern alles – gegen die Klangmassen muss eigentlich permanent mit vollem Druck gesungen werden. Die Regie geht zupackend zu Werke – eine Inszenierung im Norwegen des 11. Jahrhunderts hätte nicht annähernd so beklemmend gewirkt wie diese drastische Aktualisierung. Die Regie geht gewissermaßen auf volles Risiko – und dies hat sicherlich seine Berechtigung; das Konzept geht auf. Aber die Regie lässt die Musik nie in Ruhe. Ein Text weniger zu lesen und eine Lesung vom Band weniger hätten den mächtigen Eindruck vielleicht nur noch stärker werden lassen. Das Orchester und sein Generalmusikdirektor Fabrice Bollon sind hörbar voll aufeinander eingestellt – hier kann man sehen, was kontinuierliche Arbeit mit einem GMD ausmachen kann. Auch der Chor leistet Großes. Über das, was man von einem mittleren Haus erwarten würde, geht diese Tat weit hinaus. Hoffentlich wird man dieses Werk bald wieder hören, vielleicht auch an einer großen Bühne. Ein großer Wurf!

Hulda am Theater Freiburg; keine Vorstellungen mehr in der Spielzeit 2019/20

—| IOCO Kritik Theater Feiburg |—

Freiburg, Konzerthaus Freiburg, SWR Symphonieorchester – Prokofiew – Schostakowitsch, IOCO Kritik, 13.02.2019

Februar 14, 2019 by  
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Konzerthaus Freiburg © FWTM

Konzerthaus Freiburg © FWTM

Konzerthaus Freiburg

SWR Symphonieorchester – Im Konzerthaus Freiburg 

– Prokofiew, Schostakowitsch –

von Julian Führer

Zwei große Werke des sowjetrussischen Repertoires standen am 26.1.2019 auf dem Programm im Rolf-Böhme-Saal. Vor der Pause spielte Anna Vinnitskaya das zweite Klavierkonzert in g-Moll opus 16 von Sergej Prokofiew, ein Werk mit horrenden technischen Schwierigkeiten. Dieses Konzert wurde zweimal uraufgeführt, einmal 1913 und einmal, da die Originalpartitur in den Wirren von Revolution und Bürgerkrieg verlorengegangen war, in einer Neufassung Prokofiews auf der Basis eines erhaltenen Klavierauszugs 1923. Beide Male reagierte das Publikum teils reserviert, teils offen ablehnend. Der reichlich zehnminütige Kopfsatz ist noch fast am einfachsten zu meistern, doch beschleunigt sich das Tempo, und eine lange Kadenz fordert von der Solistin ganzen Einsatz. Im großen Saal des Konzerthaus Freiburg ließ Michael Sanderling als Dirigent das Orchester zunächst zurückhaltend begleiten, um der Solistin den nötigen Raum zu lassen. Anklänge an die fast pointillistischen Visions fugitives Prokofiews waren hörbar.

Der zweite Satz, ein wildes, gerade einmal gut zweiminütiges Scherzo, erfordert von der Solistin die maximale Konzentration, denn in den rasenden Läufen wäre eine einzige falsche Note wahrscheinlich das „Ende“. Der dritte Satz (Intermezzo: Allegro moderato) erinnert zunächst an die bekannten Marschthemen aus Romeo und Julia. Im Finale (Allegro tempestoso) wird das Tempo noch einmal gesteigert; allein die Zahl und die schnelle Abfolge der Übergriffe, bei denen die rechte Hand tiefer als die linke Hand oder die linke Hand höher als die rechte Hand spielt, zeigt den technischen Anspruch, den der junge Prokofiew an seine Pianisten hatte, als er das Konzert mit gerade einmal 21 Jahren komponierte. Anna Vinnitskaya schien äußerlich gänzlich unbeeindruckt von den Anforderungen ihres Parts. Im Freiburger Saal klangen die Holzbläser etwas zu leise im Gesamtzusammenhang – vielleicht bedingt durch ihren Platz hinter dem aufgeklappten Flügeldeckel. Michael Sanderling führte das Orchester mit sparsamer, doch präziser Gestik, und passte sich geschmeidig dem Solopart an. Das Freiburger Publikum von 2019 zollte der Solistin großen Respekt für ihre Leistung; vielleicht kann dieses Konzert in Zukunft doch noch häufiger erklingen.

Konzerthaus Freiburg / SWR Symphonieorchester © SWR/Wolfram Lamparter

Konzerthaus Freiburg / SWR Symphonieorchester © SWR/Wolfram Lamparter

War der Orchesterapparat bei Prokofiew schon groß, so traten für das nächste Werk noch mehr Musiker aufs Podium: Die 10. Symphonie in e-Moll op. 93 von Dmitri Schotakowitsch. Dieses je nach Interpretation reichlich fünfzigminütige bis knapp einstündige Werk beginnt mit einem ersten Satz (Moderato), der für sich genommen schon über zwanzig Minuten intensiven Musizierens verlangt. Die tiefen Streicher intonieren zunächst unisono ein düsteres Motiv; nach etwa zweieinhalb Minuten kommt erst eine Klarinette mit einem zart vorgetragenen zweiten Motiv dazu. Der Satz baut sehr langsam, aber kontinuierlich scharfe Dissonanzen im Blech auf, die mit Trommelsignalen und Gongschlägen begleitet werden. Die Klangwelten der elften Symphonie kündigen sich hier an. Die Faktur des Satzes ist hochkomplex und bietet sowohl lange grüblerische Passagen als auch laute Ausbrüche. Michael Sanderling erwies sich als intimer Kenner der Partitur, gerade im ersten Satz gestaltete er ein klares Klangbild (nun auch mit sehr transparent gehaltenen und gut hörbaren Holzbläsern, einer sehr wichtigen Instrumentengruppe in diesem Satz). Die Präzision des SWR-Symphonieorchesters in diesem Satz war beeindruckend. Der Erkältungsgrad des Publikums wirkte manchmal einer wirklich konzentrierten Aufnahme der Darbietung entgegen, doch lag dies nicht an den Musikern.

Der zweite Satz, der berühmteste der ganzen Symphonie, dauert nur vier Minuten und skizziert in alptraumhafter Verzerrung eine bedrückende Situation, vielleicht Stalin selbst. Auf jeden Fall setzen die Streicher mit schroffen Akkorden ein, zu denen aus Oboen und Klarinetten eine kurze Melodie erklingt, die fortan weiterentwickelt wird. Alles an diesem Satz ist gedrängt, schrill, auch laut. Im folgenden Allegro entwickelt Schostakowitsch in einer für ihn charakteristischen Manier eine kleine, unscheinbare Melodie, die mit entsprechender rhythmischer Grundierung zu einer clownesk überdrehten Groteske gesteigert wird.

Der vierte Satz beginnt wieder mit einer langsamen Introduktion, die von einem Allegro abgelöst wird, in dem es ausgelassen zuzugehen scheint, allerdings einmal mehr eine Spur zu hoch, zu schnell, zu lärmig oder mit einer seltsamen Zuordnung der Instrumentengruppen, wenn zum Beispiel ein Solofagott übermütig eine eigentlich dem hohen Holz zugedachte Musik übernimmt und damit fröhlich vor sich hinpoltert. Ähnlich wie im Schlusssatz der fünften Symphonie hämmert das ganze Orchester in scheinbarer Affirmation vor sich hin; in der „Fünften“ mündet das Fortissimo in einem auf einmal leeren Schlussakkord ohne klare Harmoniezuordnung, in der „Zehnten“ in einer lauten Fanfare des Blechs auf die Noten D-Es-C-H (DSCH, die Initialen von Dmitri Schostakowitsch); es folgt eine Pause und dann ein abermaliger Anlauf zu einem erneut übermütig scheinenden Finale mit polternder Pauke und dröhnendem Schlussakkord.

Die Symphonie insgesamt ist wahrscheinlich unmittelbar nach dem Tod Stalins entstanden und wurde Ende 1953 unter Jewgenij Mrawinsky uraufgeführt. Verschiedene Interpretatoren haben ein Seelenporträt des Komponisten darin sehen wollen, eine chiffrierte Schilderung seiner Seelenzustände und im zweiten Satz ein Porträt Stalins. Dies alles ist durchaus möglich, aber die Wirkung der fordernden Komposition ist auch ohne diese sehr konkreten Deutungen gesichert. Der Kontrast zwischen Grübelei im ersten Satz, einer musikalischen Horrorvision im zweiten Satz, Clownsmusik im dritten Satz und einer Mischung all dieser Stimmungen im Schlusssatz verfehlte auch in Freiburg ihre Wirkung nicht. Michael Sanderling traf mit dem SWR-Symphonieorchester einen Tonfall, der allen diesen Schattierungen gerecht wurde – wofür alle Beteiligten lange und vollkommen zu Recht gefeiert wurden. Ein anspruchsvolles Konzert, das die Erwartungen voll erfüllen konnte.

—| IOCO Kritik Konzerthaus Freiburg |—

Freiburg, Konzerthaus Freiburg, SWR Symphonieorchester – Eliahu Inbal – Beethoven, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 30.11.2018

Konzerthaus Freiburg © FWTM

Konzerthaus Freiburg © FWTM

Konzerthaus Freiburg

SWR Symphonieorchester – Im Konzerthaus Freiburg 

– Beethoven, Schostakowitsch –

Von Julian Führer

Der beeindruckend große Rolf-Böhme-Saal im Konzerthaus Freiburg, benannt nach dem langjährigen Oberbürgermeister der Stadt, hat ein breites Orchesterpodium, ein flach ansteigendes Parkett und langgezogene Galerien auf den Seiten, die über 1500 Zuschauern Platz bieten. Bedarf für einen solchen Saal scheint vorhanden, fand doch das besprochene Konzert vor ausverkauftem Haus statt. Am 12. November hier spielte das SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Eliahu Inbal.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

Vor der Pause wurde das Tripelkonzert für Klavier, Violine, Cello und Orchester von Ludwig van Beethoven op. 56 gegeben. Als Solisten traten die Musiker des Ludwig Trio auf: Abel Tomàs an der Violine, Arnau Tomàs am Cello und Hyo-Sun Lim am Klavier. Das Orchester spielte in fast karajanesk breiter Besetzung mit einer satten Grundierung von nicht weniger als sechs Bässen; es taten sich Klangwelten auf, die in den letzten zwei Jahrzehnten als demodiert galten, aber in dem großen Saal durchaus ihren Platz haben. Die drei Soloinstrumente werden von Beethoven unterschiedlich bedacht; das Cello hat vielleicht insgesamt den größten Anteil an den Solopartien und harmoniert am stärksten mit dem Orchester, während Violine und Klavier stärker solistisch agieren.

Die schon bei Beethoven etwas präpotente Violine wurde von Abel Tomàs mit viel Sinn fürs Effektvolle in Szene gesetzt, im Einzelfall um den Preis einer nicht hundertprozentig reinen Tonintonation. Beeindruckend war das Zusammenspiel von Arnau Tomàs am Cello und Hyo-Sun Lim am Klavier untereinander und mit dem Orchester. Stellenweise waren Anklänge an das erste Klavierkonzert in C-Dur zu hören (allein schon aufgrund der Tonart). Die zeitliche Nähe zum Violinkonzert opus 61 war mehr als einmal spürbar, und am Ende bedauert man es, dass dieser Singulär in Beethovens Konzertschaffen nicht eine eigene Konzerttradition begründet hat.

 SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg. © SWR/Wolfram Lamparter

SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg. © SWR/Wolfram Lamparter

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch hatte in der Sowjetunion kein leichtes Leben: Zunächst als Kompositionswunder gefeiert und auch im Westen schnell bekannt, fiel er in den 1930er Jahren aufgrund seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk bei Stalin in Ungnade. Die vierte Symphonie verschwand in der Schublade; um zu überleben, musste Schostakowitsch unter Beweis stellen, dass er von nun an nur noch ‚lebensnah‘ im Sinne der Kulturfunktionäre schreiben würde. Die siebte Symphonie in C-Dur, die sogenannte Leningrader, wurde in Ost und West (Arturo Toscanini dirigierte sie schon 1942 in New York) als musikalisches Epos zur Verherrlichung und Unterstützung des Kampfes gegen die deutschen Aggressoren gedeutet. Seit der Publikation der in ihrer Echtheit schnell angezweifelten Memoiren galt Schostakowitsch im Westen hingegen als heimlicher Widerstandskämpfer, der hinter der Maske des Affirmativen immer wieder Zeichen zum ‚echten‘ Verständnis seiner Werke in die Partituren hineingewoben habe und so gewissermaßen die Funktionäre der Sowjetunion mit ihrer eigenen Dummheit hinters Licht geführt habe.

Wie verhält es sich mit der elften Symphonie op. 103 in g-Moll, einem fast eine Stunde dauernden Werk, das nach der Pause gespielt wurde? Schostakowitsch liefert den Interpretationsschlüssel selbst, indem er ihr den Titel „Das Jahr 1905″ gibt und auch den einzelnen Sätzen noch Überschriften verleiht. Im ersten Satz befinden wir uns also vor dem Palais des Zaren in St. Petersburg. Quinten auf G und D in Harfen und tiefen Streichern lassen zunächst keine Tonart erkennen, bevor dann das B dazukommt und die Molltonart vorgegeben ist. In der Pauke ertönt düster und drohend eine Art Motto, und erst nach wenigen Minuten schält sich so etwas wie eine Melodie heraus. Eliahu Inbal schlug im ersten Satz sehr zügige Tempi an. Die Melodie der Flöte zitiert ein Lied auf den Zaren („Heißa, du unser Väterchen Zar“); diese Melodie wird durch die Instrumentengruppen geführt, aber lange nicht im Sinne eines Motivs in einem Sonatensatz weiterentwickelt. Die Anreicherungen führen immer wieder zu scharfen Dissonanzen, aber nie zu großer Lautstärke. Das Schlagwerk und gestopfte Trompeten evozieren Bilder von Soldaten bei der Wachablösung oder dergleichen. Der erste Satz zeigt nach herkömmlicher Interpretation die frierende und hungernde Menge vor dem Zarenpalast.

 hier aus der Stuttgarter Liederhalle, Eliahu Inbal leitet das SWR Symphonieorchester © SWR/Z. Chrapek

hier aus der Stuttgarter Liederhalle, Eliahu Inbal leitet das SWR Symphonieorchester © SWR/Z. Chrapek

Im zweiten Satz werden die tiefen Streicher unruhig, und das Lied auf den Zaren wird nun auch tatsächlich als musikalisches Motiv durchgeführt. Weiterhin in zügigen Tempi wurden die Hörer durch Schostakowitschs Klangwelten geführt, die aus russischen Liedern der Zarenzeit, Fetzen von Militärmusik und – bislang – entfernten Rhythmen des Schlagwerks zusammengesetzt sind. Dieser zweite Satz – „Der 9. Januar“ – thematisiert eine Demonstration vor dem Zarenpalast, die brutal niedergeschossen wird. Mit welcher Brutalität dieses Gemetzel musikalisch daherkommt, ist kaum in Worte zu fassen. In der Interpretationsgeschichte gibt es hier unterschiedliche Ansätze: Die deutlich zu hörenden Schüsse werden mal als unsäglich brutales, aber brillantes Feuerwerk in Szene gesetzt (etwa bei der Studioaufnahme unter Bernard Haitink mit dem Concertgebouw Orchestra), mal als alles niedermachende Feuerwalze (die meisten russischen und sowjetischen Einspielungen, z.B. Valery Gergiev, Kirill Kondrashiin, Jewgenij Mrawinsky), bei Gennadij Roshdestvensky (Orchester des sowjetischen Ministeriums für Kultur) hingegen unter drastischem Bremsen des Tempos als Gewaltorgie des Schlagwerks bei gleichzeitig höchster rhythmischer Präzision. Bei Eliahu Inbal blieb das Tempo hoch, beim Schlagwerk gab es zunächst kleine Irritationen. Als nach dem letzten „Schuss“ die Ohren wieder den Rest des Orchesters wahrzunehmen beginnen, scheint zunächst die Situation zu Beginn der Symphonie wiederhergestellt, erst langsam realisiert man, dass die Violinen flirren und eine Art gelähmtes Zittern über dem Orchester liegt – angesichts der Saalakustik nicht ganz so gut zu erleben wie sonst, denn vom Platz des Rezensenten aus waren etliche Frequenzbereiche bedauerlicherweise nicht zu hören, und auch die gewaltigen Klangzusammenballungen bei Dmitri Schostakowitsch kamen manchmal wie durch eine Wattewand gefiltert an – ein also nicht von allen Plätzen aus optimaler Konzertsaal.

Der dritte Satz („Ewiges Gedenken“) ist eine großangelegte Trauermusik auf die Opfer des 9. Januar. Aus einzelnen Pizzicati der Bässe und langen Pausen entwickelt sich eine unisono geführte Klagelinie der Bratschen – ein Zitat des Liedes Unsterbliche Opfer, das später auch bei Totenfeiern für sowjetische Generalsekretäre wie Leonid Breschnew und Jurij Andropow gespielt wurde. Der Klagegesang gipfelt in Klangballungen auf, die sehr überzeugend gesteigert wurden. Wie eine Reminiszenz an einen klassischen Sonatensatz mutet an, wie nach einem Klagechoral des schweren Blechs die Kantilene der Bratschen als Reprise noch einmal ganz zu Gehör gebracht wird.

 Das SWR Symphonieorchester, hier bei den "Donaueschinger Musiktagen" 2016.<br /> © SWR/Ralf Brunner

Das SWR Symphonieorchester, hier bei den „Donaueschinger Musiktagen“ 2016.
© SWR/Ralf Brunner

Der letzte Satz („Sturmgeläut“) beginnt mit einer Art Bläserfanfare und rhythmisch sehr scharf geführten tiefen Streichern. Auf die Zuhörer der Entstehungszeit muss das Stück einen ungeheuren Eindruck gemacht haben, wird doch hier nach dem Lied auf den Zaren aus dem ersten Satz ein bolschewistisches Kampflied zitiert, das in der Sowjetunion und den Ländern des Ostblocks buchstäblich jedem Kind bekannt war, die sogenannte Warschawjanka. Doch auch ohne dieses Lied im Ohr zu haben, ist der vierte Satz beeindruckend, vor allem der Moment, in dem er kompositorisch in eine Sackgasse zu geraten scheint und ein über dreiminütiges Solo des Englischhorns anhebt, ein Klagegesang, der an Intensität der Trauer an ein anderes Englischhornsolo denken lässt, dasjenige aus dem dritten Akt von Tristan und Isolde. Danach geht es schnell: In einer von Dirigent und Orchester mustergültig vollzogenen Beschleunigung des Tempos baut sich musikalisch Druck auf, der auf merkwürdige, doch für Schostakowitsch (seit dem Schluss der fünften Symphonie) letztlich typische Weise gelöst wird: Der Schluss kennt keine Melodie mehr, sondern vor allem hohe Lautstärke, verstärkt durch Glocken. Und der Schluss? Bei vielen Aufführungen und Aufnahmen verhallt der Klang, vor allem die Glocken hallen nach. Der Eindruck ist meist sehr beklemmend. Eliahu Inbal hingegen ging genau nach der Partitur, die den Klang in allen Instrumentengruppen – auch den Glocken! – im letzten Takt nach der ersten Achtel abbrechen lässt und am Ende nur Pausen setzt. In Freiburg fegte also das Fortissimo des Orchesters durch den Saal, auf einmal herrschte Stille, die durch das Publikum dankenswerterweise auch lange aufrechterhalten wurde.

Wie auch immer man Schostakowitsch auffasst: Diese Interpretation war überzeugend. Es ist schwer einzuschätzen, was Schostakowitsch mit dieser Symphonie wirklich „gemeint“ hat. Ging es ihm um die zur Entstehungszeit ein halbes Jahrhundert zurückliegende erste große Demonstration gegen den Zaren? Oder gibt es doch eine weitere Ebene, die eher auf die Gegenwart von 1956/1957 verweist, nämlich ein anderes „Väterchen“ (nämlich Stalin) und die kürzlich erfolgte brutale Niederschlagung der Aufstände in Polen und Ungarn? Wie auch immer – eine beeindruckende Komposition und ein vom Publikum im ausverkauften Saal lange beklatschtes Konzert.

—| IOCO Kritik Konzerthaus Freiburg |—

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