Freiburg, Opera Factory, Narcissus und Echo – Kammeroper nach Ovid, IOCO Kritik, 31.10.2020

Oktober 31, 2020 by  
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EWERK Freiburg © M Doradzillo

EWERK Freiburg © M Doradzillo

Opera Factory Freiburg

Narcissus und Echo – Jay Schwartz

Kammeroper nach Ovids Metamorphosen

von Peter Schlang

Gibt es eine Form oder eine Aktion der Kunst, welche die durch die Coronakrise hervorgerufenen Gefühle und Empfindungen adäquat wiederzugeben vermögen oder symbolisch für diese besondere, so wohl noch nie erlebte Zeit stehen? Und wie werden die Kultur-Anthropologen und Historiker dereinst diese Frage beantworten?

 Opera Factory Freiburg präsentiert die Kammeroper im Freiburger EWERK
Mit visueller und akustischer Spiegelung 

Wenn man die diesjährige Produktion der Opera Factory Freiburg gesehen hat und die dazu im vorbildlich gemachten Programmheft zu lesenden Anmerkungen aufmerksam studiert, gewinnt man den Eindruck, dass dies neben manch anderen Möglichkeiten die Spiegelung und der damit eng verwandte Prozess der Reflexion, gerade die des eigenen Tuns und dessen möglicher wie notwendiger Veränderung, sein könnten.

Narcissus und Echo – Kammeroper nach Ovid
youtube Trailer Heiko Hentschel
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Unter anderem darum – und das gleich doppelt, nämlich optisch und akustisch – geht es in der an fünf Abenden im Oktober im Freiburger E-Werk gezeigten Kammeroper Narcissus und Echo des 1965 geborenen amerikanischen Komponisten Jay Schwartz. Dabei handelt es sich nicht, wie gerade häufig in den größeren Opernhäusern praktiziert, um eine spezielle, corona-konforme Bearbeitung, ja „Eindampfung“ eines ursprünglich viel größer besetzten und musikalisch aufwändigeren Werkes, sondern um die Originalfassung einer 2003 entstandenen und 2009 überarbeiteten klein besetzten Opernversion. Und auch die Entdeckung und Würdigung des Kleinen, eher Unscheinbaren könnte ja vielleicht einmal als typisches Merkmal dieser aktuell durchlebten Epoche angesehen werden.

Der Stoff von Schwartz‘ Oper basiert auf der berühmten Sage des in sich selbst verliebten Narcissus und seiner kurzen Episode mit der Nymphe Echo, wie sie u. a. in den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid erzählt wird. Und Ovids Fassung, sogar in ihrer lateinischen Originalsprache, bietet das Gerüst dieses knapp zweistündigen Werkes, das In Freiburg um einen Prolog und Epilog des Regisseurs Heiko Hentschel sowie die Bearbeitung des Madrigals „If my complaints could passions move“ des englischen Renaissance-Komponisten John Dowland durch Benjamin Britten ergänzt wird.

Als musikalisches Bühnenpersonal agieren eine Sopranistin, die wunderbare, stimmlich wie darstellerisch jederzeit überzeugende, ja mitreißende Hélène Fauchère, als Narcissus und eine Bratscherin, in Freiburg die ebenbürtig vorzügliche Aida-Carmen Soanea, als dessen Gegenpart Echo sowie ein doppelt besetztes sehr üppiges Schlagwerk, das auch eine, im modernen Musikbetrieb sehr selten zu erlebende Glasharmonika umfasst und die beiden fantastischen Ausführenden Lee Ferguson und Seorim Lee über weite Strecken des Abends stark beschäftigt. Dazu gesellt sich als Organist bzw. Pianist der Gründer und Kopf der Freiburger Opera Factory, Klaus Simon, der den Abend auch als musikalischer und musik-dramaturgischer Leiter überzeugend und souverän strukturiert und buchstäblich in Händen hält.

Die zurückhaltende, behutsame Regie von Heiko Hentschel findet schöne Bilder und benötigt nur wenige Requisiten, um die inneren und äußeren Beziehungen und Konflikte der Hauptfiguren zu verbildlichen, etwa einen weißen Schal, eine Ansammlung von Koffern mit pflanzlichen Stoffen, Papierschnipseln und Fragmenten eines Spiegels oder die farbliche Beziehung der Kostüme der zwei Protagonistinnen und der drei Instrumentalisten. Diese treten im 2. Akt allesamt in der schwarz-weißen Kleidung eines Orchestermusikers auf, was der Interpretation etwas zusätzlich Distanziert-Feierliches verleiht. Dazu kommen an vielen Stellen die für heutige Aufführungen offenbar als unverzichtbar angesehenen Video-Untermalungen, die entweder Impressionen aus der Natur, hauptsächlich mit Wasser, oder aber Doppelungen und Wiederholungen der auf der Bühne zu erlebenden Handlung zeigen, den schreibenden Beobachter aber eher vom Bühnengeschehen ablenken als einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn bereitzuhalten.

Diesen liefert dafür umso überzeugender die Musik des in Köln lebenden Jay Schwartz, die dem Hörer mit ihrem Reichtum an Klangfarben und einem den wichtigsten Epochen und Stilen der Musik nachspürenden Kosmos einen die eigene Fantasie beflügelnden, äußerst anregenden, kreativen Reflexionsraum bietet. Dazu bedient sie sich nicht nur lang gezogener Glissandi, üppig variierter Crescendi und Decrescendi sowie vieler weiterer klassischer Elemente, sei es aus der Vokalmusik oder dem instrumentalen Repertoire – so erinnert der Bratschenpart etwa häufig an die Solowerke Johann Sebastian Bachs –, sondern macht auch mutig Anleihen bei der modernen, experimentellen Musik. Man vernimmt aber auch Techniken und Stilmittel der elektronischen und computererzeugten Musik. Das alles schafft eine lebendige, äußerst differenzierte und anregende Klangmischung, die an keiner Stelle verstört und höchstens bei den häufigen Wiederholungen und in den langsameren, ruhigeren Passagen leicht ermüdend wirkt.

Dafür vermag es diese Musik, den Hörer phasenweise in verborgene, visionäre Ebenen zu entrücken und ihm manchmal sogar ein Gefühl der Transzendenz zu vermitteln. Großen Anteil daran haben in der Freiburger Produktion die fünf Interpreten, die nicht nur solistisch, sondern auch in ihren, allerdings eher seltenen Ensemble-Auftritten restlos überzeugen und den großen Saal des EWERK Freiburg in einen spannungsgeladenen, pulsierenden Klangraum verwandeln. Dabei bringen die Darstellerinnen des Narcissus und der Echo mit ihren subtilen, feinfühligen und psychologisch schlüssigen Rollenstudien das Publikum zum Staunen. Dieses gilt aber auch der Schlagzeugerin und ihrem Kollegen, die, zumal in ihren Solopassagen, ein wahres Feuerwerk an Klang- und Rhythmusraketen zünden und den Raum zum Vibrieren bringen.

In der zeitgenössischen Musik gibt es sicherlich manche Beiträge, die man wegen ihres nichts-sagenden Äußeren schnell wieder vergisst und die leer und entbehrlich wirken – Narcissus und Echo gehört ganz bestimmt nicht in diese Kategorie. Ja, so mitreißend und anregend interpretiert und ausgefüllt, kann man als Musikfreund selbst der Corona-Pandemie einen gewissen Sinn und Nutzen abgewinnen.

Und manch große, etablierte und komfortabel am staatlichen Subventionstopf vor sich hindämmernde städtische oder staatliche Kultureinrichtung kann und sollte sich die kleine, aber feine Opera Factory Freiburg als Vorbild nehmen!

—| IOCO Kritik Opera Factory Freiburg |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, 1:1 Concerts Das neue Konzertformat – sicherer Abstand, April 2020

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

1:1 Concerts –  Das neue Konzertformat – sicherer Abstand

Staatsorchester Stuttgart und SWR Symphonieorchester unterstützen Idee von individuellen 1:1-Konzerten

Das Kulturleben ist fast komplett zum Erliegen gekommen und digital hinter die Bildschirme verbannt. Das Bedürfnis nach echten persönlichen Kontakten und unmittelbar geteilten musikalischen Erlebnissen wächst. 1:1 Concerts berücksichtigen alle offiziell geltenden Schutzmaßnahmen gegen Corona-Infektionen und ermöglichen trotzdem ein reales Konzerterlebnis. Stuttgarter und Freiburger Profimusiker*innen laden zu individuellen 1:1 Concerts von 10 Minuten ein: je ein*e Hörer*in und ein*e Musiker*in – musikalische Intimität bei sicherem Abstand. Aus einem intensiven Blickkontakt ergibt sich ein persönliches Konzert. Gleichzeitig führt diese magnetische Kraft per Spendenaufruf zu einer Unterstützung derjenigen Musiker*innen, die durch die Corona-Krise in Not geraten sind.

Das Konzept basiert auf einem für die Sommerkonzerte Volkenroda entwickelten 1:1-Konzertformat und hat dort im Jahr 2019 viele Menschen berührt. Inspiriert wurde die Idee von Marina Abramovics Performance „The Artist Is Present“. Das Team der Sommerkonzerte Volkenroda, bestehend aus Stephanie Winker, Franziska Ritter, Christian Siegmund und Sophie von Mansberg, möchte seine Idee in dieser Situation der Gemeinschaft zur Verfügung stellen und freut sich über möglichst viele Mitstreiter*innen.

Musiker*innen des Staatsorchesters Stuttgart sowie des SWR Symphonieorchesters und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main unterstützen die Idee in der ersten Phase mit einem Aufruf zu einer Spende an den Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung. Die Stuttgarter Orchester hoffen, dass diese Idee auch von anderen Musiker*innen in Deutschland aufgegriffen wird und damit in ihrer Existenz bedrohten Musikern geholfen werden kann.

So funktioniert es

Wer spielt? Lassen Sie sich überraschen! Den Veranstaltungsort erfahren die Zuhörer*innen per Mail nach Anmeldung über oper@staatstheater-stuttgart.de oder symphonieorchester@swr.de. Sollte die Nachfrage die angebotenen Plätze übersteigen, entscheidet das Los.

Zum vereinbarten Termin wartet der/die Musiker*in am Spielort auf seine*n/ihre*n Zuhörer*in. Der Spielort wird in einem sicheren Rahmen aufgebaut sein und von einem/r Helfer*in betreut werden, sodass sich der Gast ganz in Ruhe für das musikalische Erlebnis öffnen kann. Sämtliche aktuell notwendigen Maßnahmen des „Physical Distancing“ werden genauestens eingehalten. Wesentlich: Künstler*in und Gast begegnen einander nur mit Blicken, es wird nicht gesprochen.

Die Musiker*innen erhalten für diese Begegnung keine Gage. Es kann aber online auf freiwilliger Basis für den Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung gespendet werden.

Für die Aktion ist es auch möglich, selbst als Gastgeber der Veranstaltung aufzutreten. Die Gastgeber*innen werden von Mitarbeiter*innen der Oper vor Ort geschult und haben die Möglichkeit, wöchentlich mit Initiator Christian Siegmund per Skype-Konferenz in Kontakt zu treten und Fragen zu stellen. Die Orte müssen dabei bestimmte Kriterien erfüllen, die von der Staatsoper geprüft werden. Bewerbungen sind über die Homepage der Staatsoper und des SWR Symphonieorchesters möglich.

Sharing is caring: Erfahrungen können gerne unter dem Hashtag #1to1concerts in den sozialen Medien geteilt werden!

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Basel, Theater Basel, La Bohème – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 22.01.2020

Januar 22, 2020 by  
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Theater Basel

Theater Basel © Sandra Then

Theater Basel © Sandra Then

La Bohème  –   Giacomo Puccini

– Sprayer unterwegs – vom Weihnachtsmarkt zum Autowrack –

von Julian Führer

La Bohème gehört zum Kernrepertoire auch kleinerer Musiktheater. Auch wenn die Intendanz eine ambitionierte Stückeauswahl aufs Programm setzt, dürfen manche ‚Renner‘ doch nicht fehlen: Zauberflöte, Aida, Carmen und eben La Bohème. Das Stück ist nicht zu lang, mit einem mittleren Orchester gut zu machen, und Puccini hat weder Wasserfluten noch Weltuntergänge noch übermäßig komplizierte Umbauten vorgeschrieben. In Zürich wurde 2015 von Ole Anders Tandberg eine teilweise überraschende Deutung präsentiert, 2018 verlegte Frank Hilbrich in Freiburg die Szenerie (insgesamt verblüffend schlüssig) in eine Studenten-WG. Im gleichen Jahr verlegte Matthew Wild die Oper Bern mit einer Werkretrospektive Andy Warhols und entwickelte daran eine bemerkenswert tüftelige und beeindruckende Werksicht (IOCO berichtete aus Freiburg und Bern, link HIER!). Als viertes Haus der Region zeigte nun das Theater Basel eine Neudeutung, diesmal aus der Sicht des Regisseurs Daniel Kramer.

La Boheme – Giacomo Puccini
youtube Trailer Theater Basel
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Nachdem das sinfonieorchester Basel die Instrumente gestimmt hat und das Publikum ruhig geworden ist, kommen Hiphop-Fetzen aus Lautsprechern. Zum Glück sind sie nicht zu laut. Nach einer Weile hören sie auf, das Orchester setzt ein. Der von Puccini sehr kunstvoll komponierte Auftakt des Orchesters, der unmittelbar in die kurzen Gesangsphrasen der Protagonisten übergeht, geht hier unter. Warum dieser Soundeffekt? Auf der Bühne (Annette Murschetz) sehen wir ein paar verpackte Weihnachtsbäume, die Künstler stehen draußen, sie sind Sprayer unseer Gegenwart. Soweit, so gut, kann man auf diese Weise doch glaubhaft machen, dass es tatsächlich kalt ist, und wir hören also vor dem Orchestereinsatz gewissermaßen ihre Musik.

 Theater Basel / La Boheme - hier : Cristina Pasaroiu als Mimi, Davide Giust als Rodolfo  © Theater Basel / Priska Ketterer

Theater Basel / La Boheme – hier : Cristina Pasaroiu als Mimi, Davide Giust als Rodolfo  © Theater Basel / Priska Ketterer

Im Libretto wirft der Jungautor Rodolfo sein Werkmanuskript ins Feuer, um es etwas warm zu haben, dies wird man im Zeitalter von großen Altpapiercontainern nur noch schwer überzeugend auf die Bühne bringen können. Gleichwohl handelt es sich eigentlich um einen existenziellen Moment, da der Künstler sein Werk opfern muss, um nicht zu erfrieren, und diese Notsituation ist hier aufgehoben. Unsere Sprayer wärmen sich an einer Tonne bzw. einem Ölfass, das zum Ofen umfunktioniert wurde. Wir sind im Freien, es ist kalt, doch gemäß Libretto klopft es an der Tür, und der Vermieter Benoit (adäquat heruntergekommen und etwas schmierig: Alexander Vassiliev) steht vor der Tür und kann nur mit Mühe davon abgelenkt werden, dass die jungen Leute kein Geld für die Miete haben. Dramaturgisch ‚hängt‘ diese Passage etwas, kann man doch mit etwas Geschick seinen Vermieter wieder aus der Wohnung hinauskomplimentieren; deutlich weniger plausibel ist es jedoch, ihn quasi von der Spraywand wegzuschicken. Unsere Bohemiens sind deutlich interessanter angezogen als ihr Vermieter – zwar nicht elegant, doch haben sie alle ein Accessoire, das ihnen Individualität verleiht (Kostüme: Esther Bialas).

Henri Murger Paris © IOCO

Henri Murger Paris © IOCO

Noch einmal wesentlich interessanter ist natürlich der Auftritt der Mimì. Ihr ist die Kerze ausgegangen, meint sie, und sehr schnell entsteht zwischen Rodolfo und ihr eine erotische Spannung. Die anderen Sprayer verziehen sich schon diskret ins Café… Rodolfo meint bei Puccini nun seinerseits, dass ihm das Licht ausgegangen sei, während in Basel noch die Tonne brennt – vielleicht unterstreicht aber gerade dieser Widerspruch das Knistern zwischen den beiden Menschen (in der Romanvorlage von Henri Murger treibt Mimì selbst mit einem solchen Kniff die erotische Begegnung sehr aktiv voran). Der erste Akt abstrahiert also von der tatsächlichen materiellen Not der Vorlage und fokussiert eher auf die Beziehung zwischen den Menschen. Im Klassiker „O soave fanciulla“ bringt Cristina Pasaroiu ihren Sopran zum Leuchten – sichere Höhen, eine ohne Verzögerung ansprechende Stimme, schlank geführt und immer gut zu hören. Der Rodolfo des Davide Giusti verfügt zwar über sichere Spitzentöne, ist jedoch in der Mittellage nicht immer frei, sein Tenor hört sich dort etwas belegt an, auch die Artikulation ist im mittleren Register nicht sehr deutlich. Die Hauptrolle spielt in diesem Akt eigentlich das sinfonieorchester Basel unter Kristiina Poska, stets präsent, flexibel und sehr klangschön.

Während des Umbaus zum zweiten Bild dröhnt es wieder aus den Lautsprechern: Hiphop, aber nun auch mehr: Stimmengewirr, Budenmusik, diverse Rhythmen, die sich überlappen. Das Publikum lässt sich von der Beschallung leider ablenken und unterhält sich noch lange Zeit sehr angeregt, als der Vorhang schon längst wieder offen ist. Akustisch wurden wir auf die nun folgende Szene vorbereitet: eine Weihnachtsmarktszenerie mit großen Glitzerbaum, einem SUV auf einem Podest als Hauptgewinn bei einer Lotterie, viele Kinder und deren gestresste Eltern, die eine Hand voller Einkaufstaschen, die andere Hand am Smartphone. Zum Gewusel auf der Bühne passen die vielen und schnell wechselnden Passagen des Chors. Von leicht morbider Romantik und Festtagsstimmung im positiven Sinn, wie sie Götz Friedrich vor vielen Jahren an der Deutschen Oper Berlin inszeniert hat (diese Produktion ist immer noch zu sehen), ist hier keine Spur. Parpignol (Donovan Elliot Smith) im übergroßen Weihnachtsmannkostüm zieht die Kinder in seinen Bann.

Theater Basel / La Boheme - hier: in der Studentenbude mit Vermieter Benoit © Theater Basel / Priska Ketterer

Theater Basel / La Boheme – hier: in der Studentenbude mit Vermieter Benoit © Theater Basel / Priska Ketterer

Wenn hier einerseits diverse Klischees ironisiert oder kritisiert werden, schneit es dennoch kräftig aus dem Bühnenhimmel, wie es sich für eine Weihnachtsoper wohl irgendwie gehört (Schnee gab es zu Weihnachten in Paris allerdings schon länger nicht mehr…). Die eigentliche Handlung des zweiten Aktes wird dann aber recht konventionell und verlässlich am Libretto entlangerzählt: Die Freunde (stimmlich allesamt zuverlässig: Gurgen Baveyan als Schaunard und Paull-Anthony Keightley als Colline) gehen bei Momus essen, Mimì steht im Zentrum, Rodolfo ist sehr um sie bemüht; die flamboyant-kapriziöse Musetta kommt mit ihrem täppischen und lächerlichen Liebhaber Alcindoro (Alexander Vassiliev in einer Doppelrolle, die er auch darstellerisch gut meistert) hinzu, zieht alle Blicke auf sich und wälzt die gesalzene Rechnung für den ganzen Tisch bei ihrem derzeitigen Partner ab. Selbst der Aufzug des Tambourmajors wird ganz konventionell inszeniert. Musetta (Valentina Mastrangelo) ist, wie man es bei La Bohème erwartet, elegant und teuer angezogen, sowohl mit aktuellen (Alcindoro) als auch mit verflossenen Liebhabern (Marcello) zickig, stets im Zentrum, hat doch aber ein Herz für Menschen in Not. Sie singt dabei mühelos und kantabel mit langem Atem die langen Linien von Quando m’en vo. Marcello (Domen Križaj) reagiert sowohl im Café als auch vor dem Club im dritten Bild einigermaßen genervt, ist ihr aber doch verfallen und kommt ebensowenig von ihr los wie Rodolfo von Mimì. Sein Bariton ist jugendlich, viril, flexibel, eine wirklich adäquate Besetzung für diese Rolle.

Das dritte Bild, eigentlich im Niemandsland an einem Stadttor von Paris angesiedelt, spielt auf der Bühne von Annette Murschetz (und nach der obligaten Beschallung mit Hiphop aus den Lautsprechern) auch in einer Art liminalem Raum, nämlich vor einem Club. Wir sehen Türsteher, eine Schlange, leere Getränkekisten, insgesamt ein schäbiges Ambiente und dazu noch einen Junggesellinnenabschied mit Gummipenis, den es nicht unbedingt gebraucht hätte, um die Szenerie deutlich zu machen. Rodolfo und Marcello beklagen sich beide über ihre konfliktgeprägten Beziehungen. Nicht ganz schlüssig ist, dass Mimì auf einmal zwischen Mauerlöchern auftaucht und das Gespräch belauscht, in dem Rodolfo seinem Freund von ihrer unheilbaren Krankheit berichtet, von der sie nichts ahne.

Theater Basel / La Boheme © Theater Basel / Priska Ketterer

Theater Basel / La Boheme © Theater Basel / Priska Ketterer

Vor dem vierten Bild gibt es wieder Rhythmen aus dem Lautsprecher; zu sehen ist dann eine Art Umkehrung des zweiten Bildes: statt einem großen Weihnachtsbaum mehrere kleine Tannen, statt einem prächtigen SUV ein umgekipptes Autowrack, auf dem Rodolfo und Marcello sitzen und mit Spielzeugpistolen auf Bierdosen schießen (als Gegenbild zur Weihnachtsmarktszenerie). Überbleibsel des Kaufrausches des zweiten Bildes ist nun eine nackte Schaufensterpuppe, von den beiden mit Zielscheiben garniert. In der Tat, sie haben mit den Frauen so ihre Probleme. Dem musikalischen Eindruck nicht eben förderlich ist, dass in dieser Szene auch mit Bierdosen geworfen wird. Beim Auftritt Mimìs mit Mütze wird deutlich, dass sie wohl an einer Krebserkrankung leidet – ein beklemmendes Bild, das allerdings in Bern sehr viel konsequenter inszeniert wurde. Es ist nicht ganz klar, warum Mimì scheinbar als letzte von der Krankheit erfahren haben soll. Auf jeden Fall ist sie nun sehr geschwächt und friert (ähnlich wie im ersten Bild nicht vollends plausibel). Sie wird auf einem aus ausgebauten Autositzen notdürftig zusammengeschobenen Sofa hingelegt, wo sie schließlich stirbt. Musetta hat sich noch um sie bemüht; scheinbar als Dank besorgt ihr Marcello einen großen Strauß rote Rosen – eine schöne Geste, doch fragt man sich angesichts des Kontextes, woher Marcello eigentlich das Geld dafür genommen hat.

Die Inszenierung von Daniel Kramer hat einige schöne, auch sehr schlüssige Momente, an anderen Stellen verliert sie sich in Details, denen es an Relevanz oder Konsequenz fehlt. Der Abend gehörte eindeutig den Frauen, der Musetta der Valentina Mastrangelo, der mit sehr viel Beifall bedachten Cristina Pasaroiu als Mimì und Kristiina Poska, die dem Orchester eine breite Klangpalette entlockte und mit vielen kleinen Temporückungen und Schattierungen stets musikalische Spannung erzeugte. Das Theater Basel kann sich glücklich schätzen, sie als Musikdirektorin zu haben. Der Besuch der Produktion ist zu empfehlen.

Besprochene La Boheme Vorstellung  – 18. Dezember 2019

La Boheme am Theater Basel; die weiteren Termine 27.1.; 16.2.; 18.2.; 20.2.; 24.2.; 8.3.; 15.3.; 21.3.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Basel |—

Freiburg, Theater Freiburg, Hulda – César Franck, IOCO Kritik, 06.07.2019

Dezember 10, 2019 by  
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Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freburg

Hulda –  César Franck

– Unbekanntes von Unbekannten – Freiburger Offenbarung –

von Julian Führer

Wer kennt heute noch Bjørnstjerne Bjørnson? Immerhin erhielt der Norweger im Jahr 1903 den Nobelpreis für Literatur, Henrik Ibsen gehörte zu seinen größten Bewunderern. Sein zweites Drama trägt den Namen Halte-HuldaBjörnson war noch keine 30 Jahre alt. Die Handlung spielt im nordischen 14. Jahrhundert, das Stück ist eine finstere Rachetragödie um die Gestalten Hulda, Svanhilde, Thrond und Eyolf.

César Franck Paris © IOCO

César Franck Paris © IOCO

Und wer weiß heute noch, dass César Franck (1822-1890) Opern geschrieben hat? Seit 1872 Professor für Orgel, komponierte er eigentlich für jede Gattung ein großes Werk (zum Beispiel seine recht bekannte Symphonie in d-Moll), hingegen verdankt ihm die Nachwelt vier Opern – zwei Frühwerke (Stradella, mit weniger als 20 Jahren komponiert), Le valet de ferme, schließlich die deutlich späteren Hulda (1879-1885) und Ghiselle (1888-1890).

Woher diese Themenwahl? Bjørnson war noch kein Nobelpreisträger, als Franck und sein Librettist Charles Grandmougin sich für den Stoff interessierten. Doch passt das Stück gewissermaßen in die Zeit – es ist die Epoche des französischen Wagnerismus, es herrschte eine Faszination für den Norden, das Germanisch-Mythologische, in Reaktion auf die Niederlage gegen die Preußen und auf die deutsche Einigung von 1871 auch eine Faszination für den neuerdings übermächtigen Nachbarn östlich des Rheins. Und so beginnt Maupassants Schauernovelle Qui sait damit, dass der Ich-Erzähler aus Ernest Reyers Sigurd kommt, und in Francks Ghiselle treten Figuren mit merowingerzeitlichen Namen wie Fredegunde und Theudebert auf. Was nun faszinierte ihn so an Hulda? Es fällt auf, dass die Oper die Dramenvorlage noch weiter radikalisiert: Das Bühnengeschehen ist eine Gewaltorgie, und Hulda selbst ist so unbeugsam, dass sie den eigenen Tod letztlich billigend in Kauf nimmt – eine Zukunft hat sie sowieso nicht. Den Publikumsgeschmack oder zumindest den von Operndirektoren scheint Franck damit nicht getroffen zu haben. Zu seinen Lebzeiten gab es keine Uraufführung, 1895 wurden in Monte Carlo, Toulouse und Den Haag stark gekürzte Fassungen gezeigt, und dann verschwand das Stück von den Spielplänen.

Das Theater Freiburg wagte sich 2019 an die Deutsche Erstaufführung, für die auch das Autograph der Partitur aus der Pariser Bibliothèque nationale de France eingesehen wurde (inzwischen liegt es als frei verfügbares Digitalisat auf der Seite der Bibliothèque nationale de France (link hier) vor. Man sieht der Partitur an, dass sie in der Tradition der Pariser Grand opéra steht – doch als Grand opéra ist Hulda eben noch nie aufgeführt worden.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck - hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck – hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Franck und Grandmougin verlegten die Handlung vom 14. Jahrhundert ins noch weiter entfernte Mittelalter zurück ins 11. Jahrhundert, um einen Konflikt zwischen Christen und Heiden auf die Bühne bringen zu können. An dieser Stelle setzt die Freiburger Dramaturgie (Heiko Voss) und Regie (Tilman Knabe) an: In Freiburg spielt die Handlung von Hulda nicht in Norwegen, sondern in Afrika; wir sehen postkoloniale Clankämpfe, Warlords, Kindersoldaten mit Zigaretten und schweren Waffen. Von zentraler Bedeutung für die Regie ist das Cahier africain, ein auch verfilmtes Schulheft mit Zeugenaussagen über unsägliche Verbrechen von Söldnertruppen nach dem Jahr 2000, also in allerjüngster Vergangenheit. Wie im Cahier africain wird in dieser Lesart die Hauptfigur (also Hulda) durch die Anwesenheit ihrer (bei Franck nicht vorgesehenen) Tochter daran erinnert, wie sie vergewaltigt wurde. Der Prolog spielt in Freiburg also in einem Township (Bühne: Kaspar Zwimpfer). Das Publikum sieht eine Texteinblendung aus dem Cahier, bevor das Orchester eine kurze musikalische Introduktion spielt und dann von seinem Leiter Fabrice Bollon eine Gewaltorgie inszeniert, die Elemente von Hector Berlioz und Richard Wagner verschmilzt und in ihrer radikalen Schroffheit auch an Richard StraussElektra denken lässt. Aus dem Orchestergraben sprühen Funken. Das Publikum muss derweil ansehen, wie zur Musik Salven knallen, Frauen gejagt und vergewaltigt werden – und zwar lange, sehr lange. Das Freiburger Parkett hat einen Durchgang zwischen der sechsten und der siebten Reihe – auch hier werden Frauen durchgeschleift, die sich verzweifelt wehren. Es fällt schwer, sich bei diesen Szenen zurückzulehnen und die Musik zu analysieren, die bei aller entgrenzten Gewalt auch sehr sinnlich sein kann. Der Orchestergraben ist ganz nach unten gefahren, um die Klangmassen in diesem Haus beherrschbar zu machen, das zwar groß ist, aber doch nicht die Dimensionen des Bayreuther Festspielhauses oder der Deutschen Oper Berlin hat. Im Zuschauerraum ergibt sich so ein Mischklang, der Einzelstimmen nur selten hervortreten lässt; nach dem ersten Sturm kommen dann aber doch teils beeindruckende Soli zur Geltung wie etwa gleich zu Anfang die Oboe.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck - hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck – hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Hulda also erlebt im Prolog mit, wie Familie, Verwandte und Umgebung niedergemetzelt werden; ihre minutenlange Vergewaltigung (von der Freiburger Regie ergänzt, aber mit der Musik im Einklang) ist für sie noch ein Auslöser mehr, Rache zu schwören. Ihre Peiniger finden den Schwur eher amüsant (wie Wagners Götter im Rheingold). Fast noch schwerer erträglich als dieser stürmische Prolog ist die Pause danach – der eiserne Vorhang senkt sich, die soeben vergewaltigte Hulda bleibt allein an der Rampe, krümmt sich vor Schmerz und Elend. Dazu eine Texteinblendung aus dem Cahier africain und ein altes (Statisten-)Paar, das Huldas Schreibheft findet und fassungslos darin zu lesen beginnt. Diese stumme Szene füllt die minutenlange Umbaupause. Was Morenike Fadayomi in der Titelrolle nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch leistet, ist enorm.

Im ersten Akt – sechs Jahre später – hat Hulda in dieser Lesart eine fünfjährige Tochter, die sie stets begleitet und somit an das Trauma der Vergewaltigung erinnert. Die Szenerie zeigt die heruntergekommene und teils zerschossene Fassade des „Hôtel Léopold II“. Leopold II. war zur Zeit der Entstehung der Oper König der Belgier; während seiner Regierung kamen Schätzungen zufolge im Kongo bis zu 10 Millionen Menschen durch die unmittelbaren oder mittelbaren Folgen der belgischen Kolonialherrschaft um. Das Hotel ist zum Teil wohl auch ein Bordell. Hulda befindet sich seit Jahren in Gewalt der Aslaks und soll mit Aslaks Sohn Gudleik zwangsverheiratet werden. Hulda fühlt sich eher von Eiolf angezogen. Aslak (Jin Seok Lee) ist ausstaffiert wie Mobutu Sese Seko; die Leute Eiolfs, die sich ihm entgegenstellen, sind in dieser Deutung Blauhelme. Juan Orozco als Gudleik ist passend zur Szenerie sehr viril, Jin Seok Lee etwas gesetzter, aber mit beeindruckenden Ausbrüchen – ein rundum überzeugender Bass. Aus einem Schaukampf im Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten wird bitterer Ernst. Aus dem Ritual, bei dem Hühnerblut fließt, Schnaps ausgespuckt wird und Ölfässer brennen (alles Versatzstücke aus der Bayreuther Götterdämmerung in der Zertrümmererregie Frank Castorfs), wird ein Kampf auf Leben und Tod, so dass am Ende Gudleik leblos am Boden liegt. Der Orgelspezialist César Franck hat hier einen gewaltigen Chor auf den Tod Gudleiks eingeschaltet. Hulda scheint dieser sinnlose Tod leidzutun, auch wenn Gudleik zum Clan Aslak gehört – sie ist ohnehin charakterlich komplexer, als es zunächst den Anschein hat.

Der zweite Akt beginnt mit einer zarten Orchestereinleitung. Diese orchestrale Kostbarkeit wird leider von Stimmen vom Band zerstört, die wieder aus dem Cahier africain oder anderem vortragen. Obendrein ist die Aufnahme technisch unbefriedigend und übersteuert teilweise bzw. überlagert die Klänge des Orchesters so, dass man von beidem nichts mehr hat – sehr störend und künstlerisch nicht akzeptabel. Bei allem Hass kümmert sich Hulda, wie man sieht, in ihrer kleinen Bleibe doch rührend um das in der traumatischen Nacht in einer Vergewaltigung gezeugte Kind. Sie erwartet ihren Eiolf (als indisponiert angesagt: Joshua Kohl, nach etwas gebremstem Auftreten im ersten Akt nun gänzlich frei) so wie Marguerite ihren Faust bei Gounod, doch dann singen sie wie Siegfried und Brünnhilde, vor allem auch, was das Orchester angeht, das nun sehr wagnerisch aufwallt und mehr als einmal Tristanharmonien anklingen lässt. Das weitere Zwiegespräch erinnert eher an Massenet mit kürzeren Melodien und einer stärkeren Betonung von einzelnen Stimmungsmomenten. In dieser Szene sieht es so aus, als könnte Hulda wirklich frei lieben.

Doch es gibt eine frühere Liebschaft Eiolfs, Swanhilde. Diese begegnet ihrem Verflossenen im Rahmen eines Festes – in Freiburg im Rahmen eines Afrika-Gipfels (Conglomérat sur le progrès technique au Congo). Der Akt beginnt mit einer Pantomime, die ein Gipfeltreffen mit feierlicher Vertragsunterzeichnung und anschließender ausschweifender Feier zeigt. Dazu hört man die lange, brillant instrumentierte Introduktion des Orchesters. Swanhilde (Irina Jae Eun Park mit mustergültigem Französisch und schöner Stimme) debattiert also mit Eiolf über die verflossene Liebe, wie es Wotan und Fricka im zweiten und Wotan und Brünnhilde im dritten Akt der Walküre tun. Seufzer erinnern an Elektras „Du lebst, und er, der besser war als du und edler tausendmal, und tausendmal so wichtig“ bei Strauss. Hulda hört diese Liebesreminiszenz, die Szene wird zum Terzett erweitert. Hulda beschließt für sich, dass Eiolf für diesen Verrat sterben muss, und animiert Gudleiks Brüder Erik, Eynar und Thrond (Erik: Roberto Gionfriddo, Eynar: Junbum Lee, Thond: Seonghwan Koo, alle drei perfekt aufeinander eingestimmt), für den älteren Bruder Rache zu nehmen.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck- © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck- © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Wir befinden uns wieder in Huldas kleiner Behausung. Die Brüder fallen tatsächlich über Eiolf her und wollen dann Hulda umbringen. Leider geht die Regie mit ihrem Stilmittel der Texteinblendungen etwas weit und projiziert Aufrufe zum Kampf gegen Unterdrücker aus den achtziger Jahren – dass immer wieder Texteinblendungen erfolgen, zieht dann doch einen gewissen Ermüdungseffekt nach sich, zumal die Musik so viel spannender ist. Die Bühne ist inzwischen leer (Huldas Zimmer wurde nach hinten hinausgezogen), Hulda schwenkt eine große rote Fahne auf einem Jeep der UN, die Brüder hört man nur noch aus dem Off, dann wird noch einmal vom Tonband eine Salve abgefeuert, und Hulda stirbt. Diese Hulda hat vieles von den rachedurstigen Frauen, die von Isolde bis Salome und von Brünnhilde bis Elektra die Bühnen der Zeit um 1900 bevölkerten. In der Linie der Regie konsequent fokussiert das Schlussbild – ein bisschen wie Madama Butterfly – auf das übrigbleibende Kind. Hulda hat das bekommen, wofür sie gelebt hat, ihr Tod ist der Nihilismus derjenigen, die kein Ziel mehr hat außer der Autodestruktion. Das Kind, das in einer Vergewaltigung entstanden ist, bleibt übrig.

Die Vorstellung war gut besucht, wenn auch nicht ganz ausverkauft; bei einem solchen Werk darf dies als Erfolg gelten. Diese Partitur ist eine Offenbarung, eine Wiederentdeckung, wie man sie nicht alle Jahre hat, allenfalls mit Erich Wolfgang Korngolds Das Wunder der Heliane vergleichbar, das schon 2017 ebenfalls in Freiburg zu hören war, bevor es 2018 an der Deutschen Oper Berlin so fulminant der Vergessenheit entrissen wurde. Das Stück fordert von Orchester und Sängern alles – gegen die Klangmassen muss eigentlich permanent mit vollem Druck gesungen werden. Die Regie geht zupackend zu Werke – eine Inszenierung im Norwegen des 11. Jahrhunderts hätte nicht annähernd so beklemmend gewirkt wie diese drastische Aktualisierung. Die Regie geht gewissermaßen auf volles Risiko – und dies hat sicherlich seine Berechtigung; das Konzept geht auf. Aber die Regie lässt die Musik nie in Ruhe. Ein Text weniger zu lesen und eine Lesung vom Band weniger hätten den mächtigen Eindruck vielleicht nur noch stärker werden lassen. Das Orchester und sein Generalmusikdirektor Fabrice Bollon sind hörbar voll aufeinander eingestellt – hier kann man sehen, was kontinuierliche Arbeit mit einem GMD ausmachen kann. Auch der Chor leistet Großes. Über das, was man von einem mittleren Haus erwarten würde, geht diese Tat weit hinaus. Hoffentlich wird man dieses Werk bald wieder hören, vielleicht auch an einer großen Bühne. Ein großer Wurf!

Hulda am Theater Freiburg; keine Vorstellungen mehr in der Spielzeit 2019/20

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