Stralsund, Siebentes Philharmonisches Konzert, IOCO
29. April 2026
Britische Elgar-Medaille für Generalmusikdirektor Dr. Florian Csizmadia
Alles so wie immer? Nein, dieses Mal nicht! Will heißen: Im 7. Philharmonischen Konzert des Theaters Vorpommern gab es zwar mit Edward Elgars Konzert für Violine und Orchester h-Moll op. 61 und der Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 von Johannes Brahms ein auf den ersten Blick (fast) „normales“ Programm, aber eben dieses Programm bot Anlass für eine nicht alltägliche Ehrung. Sie fand am letzten der zwei Stralsunder Konzertabende, mithin am 29. April statt und bestand in der Verleihung der von der britischen Elgar Society gestifteten Elgar-Medaille an Dr. Florian Csizmadia, den GMD des Philharmonischen Orchesters des Theaters Vorpommern.
Doch der Reihe nach und damit zu einer notwendigen Zweiteilung der Berichterstattung. Denn nur das Konzert vom 28. April konnte vom Rezensenten besucht werden; über das zweite, das erwähnte besondere Konzert mit dem Auszeichnungsakt kann er hier also nur anhand übermittelten Materials berichten
Zunächst: Die Programmauswahl war natürlich kein Zufall. Elgar selbst dirigierte am 23. Oktober 1911 u. a. sein Violinkonzert und – als erklärtes Lieblingsstück - die 3. Sinfonie von Brahms. Wichtig für das Konzept des 7. Philharmonischen Konzerts war zudem, dass die Präsentation von Elgars Violinkonzert als ein weiterer (ge)wichtiger Bestandteil von Dr. Csizmadias konsequent verfolgter englischer programmatischer „Leitlinie“ gedacht war. Diese fokussierte sich auf das Werk Edward Elgars, begann 2017 mit dessen 1. Sinfonie und ist bis heute auf insgesamt 19 Aufführungen von 18 sehr unterschiedlich besetzten Orchesterwerken dieses Meisters angewachsen; eine weitere (Serenade für Streicher op. 20, zum zweiten Male) ist für 2027 schon fest eingeplant. Zu dieser angelsächsischen Affinität passt, dass Florian Csizmadia 2017 mit einer Dissertation zum Thema „Leitmotivik und verwandte Techniken in den Chorwerken von Edward Elgar“ promoviert wurde. Wie er denn überhaupt als geschickter musikalischer Bearbeiter und Autor zahlreicher musikwissenschaftlicher Beiträge (nicht nur zu englischen Themen) Ehre auch für eine innovative Musikpraxis beziehungsweise die Musikwissenschaft einlegt. Und natürlich ist der aus seiner Feder stammende Programmheftartikel zum Violinkonzert nur einer von vielen vorhergehenden.
Aus bisher Gesagtem geht hervor, dass sich GMD Csizmadia – der das dem Geiger Fritz Kreisler gewidmete und von diesem auch am 10. November 1910 unter Elgars Leitung in London uraufgeführte Violinkonzert zum ersten Male dirigierte – damit auf stilistisch durchaus vertrautem Boden bewegte. Er konnte auf Erfahrungen zurückgreifen, die das Vermitteln der sehr individuell geprägten Musiksprache eines vielfach als unzeitgemäß empfundenen, spätromantischen „Außenseiters“ - so Elgars eigene Sicht – für ein heutiges Publikum erleichterte.

Als Initialzündung gilt dem Dirigenten Elgars an mahezu orchestraler Massivität, musikantischer Rasanz und überbordender Leidenschaftlichkeit schwerlich überbietbares Klavierquintett und die bis heute bemerkenswerten Folgen: Verständnis für einen Komponisten, der etwas „zu sagen hatte“. Und dies – so Csizmadia – „in einer individuellen und meisterhaften Weise“ sowie in “universell verständlicher Sprache“. Naheliegend deshalb ein Satz im Dankestext zur Preisverleihung:: „Dies hörbar zu machen, besonders für ein Publikum, für das sie [die Sprache] nicht selbstverständlich zum Repertoire gehört, ist für mich zu einer wichtigen Aufgabe geworden.“ Nicht zuletzt im Rahmen des 7. Philharmonischen Konzertes!
Da kann man nur sagen: Aufgabe erfüllt! In Stralsunds Großem Haus ging es mit Elgar um 50 Minuten romantischen Tiefgangs, um intensivstes Melos, denkbar größte Satzdichte und ständig pulsierende Expressivität. Entscheidend auch – und beim GMD wie im höchst aufmerksam reagierenden Orchester in besten Händen – eine durchgängige Agogik, die alle Kennzeichen deutlich „rhetorischer“ Prägung besaß (und deshalb schon kurz nach der Uraufführung Fragen zu einer vermuteten und vom Komponisten tatsächlich intendierten, aber verschlüsselten Programmatik aufkommen ließ). Dirigent wie Orchester schafften es, vor allem in den beiden Ecksätzen regelrecht sinfonisch zu agieren, zudem nahezu ununterbrochen ein Höchstmaß an Energie einzusetzen und großflächig – von kurzen Ruhephasen unterbrochen – ständig aktiv, ja unter Hochspannung vorwärtstreibend zu bleiben. Gelegentlich war der Eindruck einer erregten Getriebenheit, ja Exaltiertheit nicht ganz von der Hand zu weisen. Was wiederum an das prägnante motivische und thematisch komprimierte Denken des Komponisten und damit durchaus an eine Art großformatigen „Erzählens“ erinnerte.
Aber auch für den langsamen Mittelsatz fanden die Interpreten den richtigen, hier schon mal leicht sanglich-melancholischen Ton, oft pastoral, von vorherrschend sanfter Klanglichkeit sowie – schon nicht mehr verwunderlich – den facettenreichen, verinnerlichten, auch weitläufigen Erzählton.
Spätestens hier kommt der Solist des Abends ins Spiel. Und auch das eine (lange geplante) Überraschung, denn mit Michael Barenboim musizierte da nicht irgendwer! Barenboim junior – Biographisches lese man anderen Ortes – schien für dieses Konzert wie geschaffen. Beeindruckend die geigerische Präsenz, voluminös und klangintensiv der Ton, von griffiger Prägnanz eine Gestik, die eher im dialogisierndenden Zusammenwirken mit dem Orchester ihre eigentliche Funktion erfülllte. Ein auf individuelle Weise anspruchsvoller Solopart, von dem schon der uraufführende Fritz Kreisler im Vorhinein meinte, dass er mit dem Werk den Saal zum Beben bringen werde. Das hat 1910 geklappt, wie vielen -aber nicht allen - zeitgenössischen Zeitugsberichten zu entnehmen ist. Aber eben auch 2026 in Stralsund konnten Solist wie Orchester für ein Werk einnehmen, für das beide ganz offensichtlich die gleiche mentale „Antenne“ besaßen, das sich nicht schlechthin „romantisch“ anbiedert, „viel zu sagen“ hat, aber auch rezeptiv durchaus erarbeitet und angenommen werden will. Und das nicht nur in den sinfonisch-fulminant aufwühlenden Ecksätzen, sondern auch im langsamen Mittelteil mit seinem erzählerisch weitschweifenden Melos oder in der gattungsspezifisch aus der Reihe tanzenden, sehr ausgedehnten (und teils sparsam begleiteten) Solokadenz; durchaus eine Besonderheit! Elgar sprach bezüglich dieser „Cadenza accompagnata“ von Nachdenklichkeit, Csizmadia empfand hier „Introspektion und Meditation“. Wie auch immer: der von Elgar angebotene Raum für die Entfaltung mannigfacher Gefühlsebenen ist denkbar groß...Letzlich galt das an diesem Abend auch für das gesamte Werk. Kein Wunder, dass ein begeistertes Publikum sowohl dem in jeder Phase überzeugenden Solisten wie auch einem vom GMD Csizmadia souverän geleiteten und sichtlich inspiriert agierenden Orchester heftig und langandauernd applaudierte!
Kein Zweifel: ein Gefühl des Besonderen lag in der Luft. Und das dann auch bei Brahms - samt besonderem Anlass auch hier. Denn GMD Csizmadia erinnerte zunächst an den drei Tage zuvor verstorbenen Dr. Peter Gülke, der zwischen 1972 und 1976 GMD in Stralsund war und gerade am Konzerttag seinen 92. Geburtstag hätte feiern können. So geriet die Brahmssche 3. Sinfonie zur erinnernden Ehrung an eine prägende Persönlichkeit des deutschen Musiklebens, die, zumindest zeitweise, auch für Vorpommern von Bedeutung war. Entsprechend überzeugend geriet dann das Werk in einer Aufführung, die denkbar größte emotionale Eindringlichkeit mit einem hohen Maß an äußerer Zurückhaltung verband. Fast behutsam, ja verinnerlicht und versonnen gingen Dirigent und Orchester das Werk an, belebten es „von innen“ mit faszinierender, fesselnder Klangintensität, setzten auf subtil ausmusizierte Gestaltungsdetails und jenseits jeglichen Gefühlsüberschwangs auf emotionale Konzentration. Da gelang reichlich Überzeugendes, Schönes, Berührendes, und das auch in den beiden Mittelsätzen. Bewegend ein Finalsatzende, bezüglich dessen GMD Csizmadia vorher den auch von ihm verehrten Peter Gülke zitiert hatte: „Schwerelos, wie in einem imaginären Aquarium fahren Themen und Motive neben- und gegeneinander her wie in einem Reich der Entronnenen fernab von dem, was zuvor Welt gewesen war: les jeux sont faits.“
Ein Gülke-Satz, wie er von ihm erwartet werden konnte: Musik poetisch versprachlicht auf eine Weise, wie es so wohl nur er vermochte!
Am zweiten Stralsunder Konzertabend (30. April) war die Dramaturgie dank Auszeichnungsakt natürlich eine andere. Nach dem Brahms ergriff zunächst Rolf C. Hemke, Künstlerischer Direktor des Theaters Vorpommern, das Wort und würdigte Dr. Csizmadias nicht alltäglichen Einsatz für das Werk Edward Elgars als eine „echte Beziehungsgeschichte“. Sie sei kein „gelegentlicher musikalischer Ausflug nach England, sondern eher dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung im Hause Elgar.“ Hübsch und zutreffend gesagt! Wie auch die Feststellung, dass Werke des großen Briten hierzulande weder „Denkmal“ noch britischer „Sonderfall“ seien, sondern längst eine Selbstverständlichkeit; dies sowohl für das Orchester wie auch für das Publikum. „Darum“ so Rolf C. Hemke, „ ist diese Medaille heute nicht nur eine Auszeichnung für vergangene Aufführungen, sondern auch ein Dank für ein sehr lebendiges Stück musikalischer Freundschaft
Dies als beste Einstimmung für die eigentliche Laudatio, die David Morris, Honorary Secretary der 1951 gegründeten Elgar Society, vortrug. Ihm ging es in seinem eher musikhistorisch orientierten Beitrag um die wichtigen und vielfältigen Beziehungen Elgars zu Deutschland und deutscher Musik. Darunter etwa um Bemühungen Arthur Nikischs oder Hans Richters um Elgars Musik und um besonders gute Kontakte zu Richard Strauss, von dessen Lob („Meister“) er viel hielt. Die Gründung der Elgar Gesellschaft 1951 sei dann der Ausgangspunkt für zielgerichtetere Initiativen nicht nur in England gewesen.
2026, also in diesem Jahr, feiert man in England das 75jährige Bestehen der Gesellschaft. „Da erscheint es“ - so Morris - „neben einer Reihe besonderer Veranstaltungen angemessen, dass auch ein deutscher Künstler, der sich um Elgars Werk verdient gemacht hat, mit der Verleihung der Medaille der Elgar Society geehrt wird.“ Die Wahl fiel auf Florian Csizmadia und seinen kontinuierlichen Einsatz für Elgar. Unter großem Beifall überreichte dann David Morris die Goldene Elgar-Medaille an Dr. Florian Csizmadia mit den Worten: “Dieses große Engagement möchte die Elgar Society würdigen, indem sie heute voller Stolz ihre höchste Auszeichnung jemandem verleiht, der sich seit vielen Jahren unermüdlich für Edward Elgar und seine Musik einsetzt.“

Der Geehrte bedankte sich mit einem bewegenden, mehrfach von Beifall unterbrochenem statement. Er habe Werke vieler Komponisten interpretiert und studiert, aber nur bei zweien hinsichtlich des rezeptionell wichtigen biographischen und gesellschaftlichen Umfelds buchstäblich „jeden Brief und jede Tagebuchnotiz, Manuskripte und Erstausgaben und fast jedes jemals publizierte Buch (…) studiert und diese beiden sind Elgar und Brahms“. Das ist weit mehr als nur die Berücksichtigung von Noten, deren akustische Verlebendigung im Konzertsaal dann allerdings auch den Stempel solch umfassender musikgeschichtlicher und musikästhetischer Studien trägt. Der Dank an sein Orchester und das Publikum (!) passte ganz zu Csizmadias Auffassung von Musik als einer universalen, im Konzert verdeutlichten, ja „übersetzten“ Sprache.
Dem Dank in Worten folgte ein Dank in Noten: nämlich der 9. Satz, „Nimrod“, aus Elgars Enigma-Variationen op. 36, mithin das „Porträt“ August Jaegers, Elgars deutschem Verleger.
Kein Wunder, dass sich das Publikum an diesem besonderen Abend musikalisch wie verbal ebenfalls geehrt fühlte und entsprechend begeistert reagierte.
Übrigens: Dem NDR war diese Preisverleihung ein Beitrag im abendlichen NORDMAGAZIN (Juliane Voigt) wert.