Dresden, Kulturpalast, Grigory Sokolov, IOCO

Dresden, Kulturpalast, Grigory Sokolov, IOCO
Grigory Sokolov copyright Oscar Tursonow

  1. Mai 2026

Abschluss und Höhepunkt der Philharmonie-Konzertreihe Stars am Klavier ist der Soloabend der Pianisten-Legende Grigory Sokolov. Im Jahr 1950 im damaligen Leningrad geboren, dirigiert er als Vierjähriger den elterlichen Plattenspieler und beginnt bereits im Alter von fünf Jahren mit dem Klavierspiel. Schon zwei Jahre später wird er als Student am Leningrader Konservatorium aufgenommen und durchläuft die einst durch Anton Rubinstein geprägte russische, traditionell fordernde Ausbildung. Sein außerordentliches Talent beweist er bei seinem Debütkonzert 1962 in seiner Heimatstadt. 1966, im Alter von 16 Jahren gewinnt Grigory Sokolov, als jüngster Preisträger aller Zeiten, die Goldmedaille beim Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Auf dem weiteren künstlerischen Weg wird der großartige Emil Gilels ein wichtiger Ratgeber und Förderer. Große Konzerttourneen führen Sokolov in die USA und nach Japan. Seine Live-Aufnahmen aus Sowjetzeiten erreichen im Westen Kultstatus. Er gastiert bei den besten Orchestern und den führenden Festivals der Welt, bevor er sich entscheidet, nur noch mit Soloprogrammen aufzutreten. Sokolov versteht es, mit seiner einzigartigen Persönlichkeit, mit seiner individuellen, tiefgründigen, spirituell-visionären Interpretation das Publikum zu verzaubern. Scheinbar unbegrenzte spieltechnische Fähigkeiten ermöglichen subtilste tonale Abstufungen und großartige Klangkontraste. Selbst vertraute Werke erklingen bei ihm wie Neuentdeckungen. Für die ungefähr 70 Konzerte, die Sokolov in einer Saison spielt, erarbeitet er nur ein Programm, inklusive eines umfangreichen Zugabenteils. Dabei reicht sein Repertoire vom frühen Barock bis zu Arnold Schönberg. Auch eigene Transkriptionen gehören zu seinen Programmen. Seit 2014 ist er Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon. Die Schallplatten-Veröffentlichungen der Mitschnitte seiner Konzerte, Sokolov lehnt die Arbeit im Studio ab, werden eine Sensation. Er vermeidet jede Art von Publicity, Interviews gibt er selten. Gefragt, wie lange er am Tag übe, antwortet er: 24 Stunden, die Musik arbeite unaufhörlich in ihm.

Die klug konzipierte Programmfolge des heutigen Abends spannt einen Bogen von der 1796/97 komponierten, jugendlich leidenschaftlichen Sonate Nr.4 Es-Dur op. 7 von Ludwig van Beethoven (1770-1827), über seine späten Sechs Bagatellen op. 126 aus dem Jahr 1824 bis zur Sonate B-Dur D 960 von Franz Schubert (1797-1828), der letzten Komposition, vollendet zwei Monate vor seinem Tod am 19. November 1828.

Grigory Sokolov copyright Mary Slepkova

Mit heruntergedimmter Podiumsbeleuchtung, mit einem unspektakulären, fast unbeholfenen Bühnenauftritt nimmt uns Grigory Sokolov sofort mit in seinen musikalischen Kosmos. Ganz bei sich, wie selbstvergessen, in sich gekehrt, tritt er in Korrespondenz zu seinem Instrument. Technische Probleme scheint es für ihn grundsätzlich nicht zu geben. Thematische Phrasen werden poetisch, klanglich bis ins kleinste Detail, sorgfältig und sensibel ausgeführt. Es gelingen agogisch liebevoll vorbereitete Übergänge. Erstaunlich ist, wie Sokolov es schafft, einzelne, melodisch wichtige Stimmen in komplexen Abschnitten als zusammenhängende Linie zu führen. Ohne Nebenstimmen zu vernachlässigen, triumphiert der instrumentale Gesang. Die präzise Phrasierung, die getupften Achtelketten, die Verzierungen, die genau gesetzten Akzentuierungen, die Pedaltechnik sind ein pianistisches Erlebnis. Sokolov, technisch brillant, ist ein Zauberer der subtilsten klanglichen und dynamischen Abstufungen. Der Konzertabend ist, wie man eventuell vermuten könnte, keinesfalls von einer Stimmung des Anfangs und des Abschieds geprägt.  Die Sonate op. 7 von Ludwig van Beethoven, seiner Schülerin Babette Gräfin von Keglević de Buzin gewidmet, wird in der Interpretation von Sokolov ein Meisterwerk der Wiener Klassik, jede der sechs Bagatellen, vom Komponisten selbst als „Kleinigkeiten“ bezeichnet, erweist sich als Kostbarkeit, die Sonate D 960 von Franz Schubert wird für mich zum musikalischen Höhepunkt des Abends, als großer, lebensfroher, ausdrucksvoller Gesang.

Musikmachen hat für Grigory Sokolov spirituelle Bedeutung. Es ist gekennzeichnet von tiefem Wissen über die von ihm ausgewählten Werke, von einer klaren Konzeption, ausdrucksstark und ehrlich, poetisch und kompromisslos in seiner Hingabe an die Musik. Zu Recht weist die Kritik darauf hin, dass man sich in der Beschreibung des Gehörten „… zurückgeworfen sieht auf die nicht einzulösende Notwendigkeit, für dieses pianistische Phänomen eine eigene Sprache erst erfinden zu müssen. Eine Kluft tut sich auf zwischen dem Kosmos des Gehörten Und der Welt des Begriffs, kaum, dass der letzte Ton im Konzertsaal verklungen ist“ (Julia Spinola, 2010). Das mag auch meine Unfähigkeit entschuldigen, an Details herumzukritteln. Für mich war der Abend sensationell und überwältigend – schwer, das in Worte zu fassen - schwer, wieder in die alltägliche Normalität zurückzufinden. Ohne Zweifel ist Grigory Sokolov einer der ganz großen Pianisten unserer Zeit.

Das Publikum feiert den Künstler mit frenetischem Beifall und fordert selbstverständlich Zugaben. Die gibt es zur Freude der Zuhörer reichlich. Nach den Mazurkas op.50 Nr.3 und op. 30. Nr. 3, dem Prélude op. 28 Nr. 20 von Chopin, der Rhapsodie op. 79 Nr. 2 und der Ballade op. 10 Nr. 3 von Brahms und dem Prélude op.11 Nr. 4 von Skrjabin müssen die begeisterten Anwesenden schweren Herzens einsehen, dass auch ein so herrlicher Konzertabend nach fast drei Stunden Dauer einmal ein Ende haben muss. Frei von jeder Eitelkeit und ohne nach der Gunst des Publikums heischend, verlässt Sokolov sein Podium.

In einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit sagt Grigory Sokolov: „Die Kunst ist ein Paralleluniversum zur Wirklichkeit.“

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Bremerhaven, Stadttheater Bremerhaven, DIE TOTE STADT - Erich Wolfgang Korngold, IOCO

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