Spielpläne der kommenden Saison bei den Musiktheatern Bremen, Bremerhaven und Oldenburg, IOCO
Oper im Nordwesten – eine Synopse
von Thomas Honickel

Es ist angerichtet! Nach gewiss langen Monaten der Vorbereitung präsentieren die drei Häuser im Nordwesten ihre Unternehmungen im Bereich des Musiktheaters der Öffentlichkeit.
Dabei reicht die Palette von Händel bis ins 21. Jahrhundert mit recht frischen Opern der Gegenwart.
Am Opernheroen Händel geht dabei im Barock nichts vorbei. Das sind dann zum einen immer Garanten für guten Zuspruch, zum anderen sind die Werke des Wahlbriten aber eben auch Schaffenszenit dieser Epoche. In Bremerhaven gibt es eine Neuinszenierung seines „Hercules“ aus dem Jahr 1745, als Händels Opernphase längst Geschichte war. In Oldenburg nimmt man einen erfolgreichen „Xerxes“ von 1738 wieder auf. Das war´s dann aber auch mit der Frühphase der Oper; nichts vom Erfinder der Gattung (Monteverdi), keine Franzosen (Lully, Rameau), keine Italiener (Cavalli, Scarlatti, Vivaldi). Immerhin gab es ja im Stadtstaat Bremen in beiden Städten jüngst interessante Umsetzungen von Purcells „Dido and Aeneas“.
Als Bindeglied mit seiner „Reformoper“ gilt Christoph Willibald Gluck, dessen epochalen „Orpheus und Eurydike“ man in Oldenburg hören kann. Diese Phase zwischen Händel und Mozart, zu der man neben dem gebürtigen Hamburger und Wahldresdner Gluck auch Johann Adolph Hasse, Niccolo Jommelli, Baldassare Galuppi, Domenico Cimarosa und auch den jüngsten Bachsohn Johann Christian zählen darf, bleibt an deutschen Häusern häufig unterbelichtet. Man kann aber Vieles bei Mozart erst recht in seiner Bedeutung ermessen, wenn man seine Werke nicht als Schnitt zu, sondern als Endpunkt in einer Entwicklung versteht. Auch die Vielzahl an teils interessanten Opern (inhaltlich und in der musikalischen Gestaltung) von „Papa“ Joseph Haydn gehört in diese Zeit des Übergangs.
Zum Thema Mozart gibt es in Bremen eine Wiederaufnahme der dortigen „Zauberflöte“ zu Saisonbeginn, am Saisonende dann in der Inszenierung durch den Intendanten selbst eine Deutung von Mozarts letzter, rätselbelasteten und geheimnisumwitterten Oper am Oldenburger Haus. Da lohnt der Vergleich der Ansätze gewiss. Ansonsten hier leider tabula rasa an allen drei Häusern: Keine Singspiele des Neuwieners, keine seiner Da Ponte-Opern.

Es geht erst mit Beethoven, Weber und Rossini in der Frühromantik der ersten Jahrzehnte im 19. Jahrhundert weiter. Oldenburgs letzte Premiere wird eine halbszenische Wiedergabe von Beethovens einziger „Freiheits“oper „Fidelio“ sein. Gewiss ein Werk, das mit seiner Thematik von Unterdrückung, Widerstand, Prinzipientreue und Hingabe in einer Partnerschaft von nicht geringer Aktualität sein mag. Wer den „Freischütz“ zu Beginn der neuen Intendanz am Haus in Oldenburg gesehen hat, darf jetzt in Bremen eine Neufassung von Webers bekanntestem Werk erleben und die verschiedenen Regieansätze gegeneinander abwägen. Rossini ist mit der Wiederaufnahme des „Barbier von Sevilla“ in Oldenburg vertreten.
Auch hier vermerkt der Chronist wenig Experimentierfreude bei weniger bekannten, aber dennoch wichtigen Schöpfern der ersten Jahrhunderthälfte wie Cherubini, Spontini, Spohr, Auber oder Marschner. Die Grand Opéra fällt in der kommenden Saison im Nordwesten aus.
Weiter geht es mit Repertoireopern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die wenig spektakulär aber eben publikumsträchtig sind. Angesichts zurückgehenden Zuspruchs, Lücken im Auditorium, was nachfolgende Generationen betrifft, und schwindender Kaufkraft für Billetts kann man verstehen, dass Intendanten nicht bereit sind, große Experimente einzugehen. So gibt es in Bremerhaven eine Mischung aus Humor und Drama in Smetanas „Die verkaufte Braut“, die dem Alten Testament entnommene Geschichte von „Samson et Dalila“ im Gewand von Camille Saint-Saens´ einzig nennenswerter Oper, und in Bremen bietet man einen konzertanten „Faust“ von Charles Gounod und eine „Carmen“ von Georges Bizet.

Gleich zweimal gibt es den Granden Giuseppe Verdi: In Bremerhaven dessen „Kabale und Liebe“-Version mit „Luisa Miller“ und in Oldenburg die Schicksalsmacht „La forza del destino“. Auch hier bleiben zahlreiche weiße Flecken auf der Opernlandkarte bis zur Jahrhundertwende: Kaum Puccini, wenn man von der Wiederaufnahme der „Bohème“ in Bremen absieht, nichts Neues aus der Belcanto-Ära (Bellini, Donizetti), kaum etwas aus Osteuropa/Russland (Tschaikovsky, Mussorgsky, Janacek, Dvorak), kein Verismo und, was besonders schwer wiegt, kein „Richard“: weder Strauss noch Wagner. Auch England und Amerika bleiben unberührte Opernwelten.
Zur Ehrenrettung für die Oldenburger sei immerhin erwähnt, dass dort manches vom Genannten in den letzten beiden Spielzeiten erklang, aber es bleiben Lücken. Wie man diese mit „Übrigem“, sei´s Operette, Musical oder Zeitgenössischem füllt, soll im Folgenden Erwähnung finden.

Aus dem Sektor Operette gibt es in Bremerhaven eine von Korngold instrumentierte „Nacht in Venedig“ von Johann Strauß, in Bremen eine „Blume von Hawaii“ von Paul Abraham und in Oldenburg wird das „Weiße Rössl“ von Ralph Benatzki wiederaufgenommen. Das Gleiche gilt für die „Sissy“ des musikalischen Wunderkindes, Violinvirtuosen und Allroundtalents Fritz Kreisler. Er schrieb das Werk übrigens gemeinsam mit Ernst Marischka (Libretto), der in den 50er Jahren dann die Sissi-Trilogie mit Romy Schneider drehte. Also gewissermaßen eine Preview der Geschichte, die schon in den 30er Jahren fast 300mal en suite gespielt wurde. Abraham, Benatzki und Kreisler ereilte mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein ähnliches Schicksal: Emigration und kulturpolitische Geißelung als „entartet“. Insofern eine gute, eine treffliche Wahl der Häuser zur Ehrenrettung des Genres und zur Wiedergutmachung an den einst verfemten Tonsetzern.
Beim Thema Musical gibt es als besondere Rarität mit durchaus historisch-politischem Hintergrund „The Sound of Music“ von Richard Rodgers, ein Plädoyer für einnehmende Musikpädagogik, die ihre prominenteste Darstellung in der Verfilmung mit Julie Andrews hatte (1965). Interessant: In der deutschen Verfilmung unter dem Titel „Die Trapp-Familie“ (bereits 1956) sang in der riesigen solistischen Kinderschar der von 1986-1993 amtierende GMD Oldenburgs, Knuth Mahlke, mit. In Bremerhaven gibt es eine Revue „Von New York bis Bremerhaven“, welche die über 200jährige Geschichte der Hafenstadt als einem Ausgangspunkt für Im- und Emigranten musikalisch beleuchtet. Wiederaufgenommen wird die sensationelle Version von Kanders „Cabaret“ am Oldenburgischen Staatstheater, deren Inszenierung bis heute Gänsehauterinnerungen beschert und einen höchst nachdenklich zurücklässt; zumal nach den derzeitigen Umfragen im „Deutschlandtrend“!
Das 20. Jahrhundert ist in Oldenburg mit der Wiederaufnahme von Manfred Gurlitts „Wozzeck“ vertreten, auf dessen Premiere Ende Mai man gespannt sein darf. Besonderes Interesse verdient wiederum in Bremen ein Werk des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů, dessen bekannteste Oper „The Greek Passion“ viel zu selten aufgeführt wird. Das neoklassizistische Klangbild des Exilanten Martinů wird am deutlichsten in diesem Werk, dessen Uraufführung (und Erfolg) er nicht mehr miterlebte.

Die übrigen Premieren der drei Häuser im Nordwesten sind Unternehmungen, die teilweise geläufig sind („Gold!“von Leonard Evers in Bremerhaven), teils im Norden noch unbekanntes Terrain betreten und das bisweilen für die ganze Familie (was sehr begrüßenswert ist): „Der Räuber Hotzenplotz“ von Sebastian Schwab als Familienoper in Bremen etwa. Dort erlebt man auch die Serienmörderin Gesche Gottfried aus dem frühen 19. Jahrhundert, die hier im Titel als „Der Engel von Bremen“ bezeichnet wird. Komponiert von Clara Freitag und „Ensemble“ (was immer das bedeuten mag). Der norddeutsch Informierte denkt an den jüngst verurteilten Krankenhauspfleger in Delmenhorst/Oldenburg. Gruseliges Lokalkolorit wird garantiert. Trügerisch ist auch der Titel des zweiten modernen Werkes am Bremer Haus am Goetheplatz: „Innocence“ von Kaija Saariah. Denn die dahinterliegende Schuld aller Beteiligten in dieser Hochzeitsgeschichte offenbart tragisch Erlebtes im Kontext eines Amoklaufs (Das norwegische Utoya kommt einem in den Sinn).
Am Staatstheater in Oldenburg ist man stark in der jüngsten Avantgarde unterwegs, wenn man mit „Eurydice - Die Liebenden, Blind“ eine Oper des Wahldüsseldorfers Manfred Trojahn auf die Bühne hebt. Natürlich ist dieses Werk eine parallel gedachte Programmierung zu dem oben erwähnten Gluckschen „Orpheus“. Zwei Sichtweisen, eine Geschichte, ein Mythos, zwei Schicksale. Hochaktuell. In Oldenburg gesellt sich noch ein queeres Musical dem woken Zeitgeist huldigend dazu: „Ein wenig Farbe“ von Rory Six, welches die derzeit virulente Frage der Geschlechteridentität musikalisch adaptiert und erörtert. Wie mehrheitsfähig solche Werke mit heißdiskutierten Themen im Kanon sein können und werden, gilt es abzuwarten.

Bremen, die größte Stadt im Nordwesten, weist so acht Premieren und drei Wiederaufnahmen aus, in Oldenburg sind es sieben Premieren und fünf Wiederaufnahmen, in Bremerhaven gibt es (auch wegen des Wechsels im Amt des GMD) lediglich sieben Premieren.
Bei also insgesamt 30 Programmierungen alter oder neuer Inszenierungen kann der an Musiktheatralem interessierte Norddeutsche nahezu jede Woche ein „neues“ Werk inhalieren. Der Tisch ist (trotz der o.g. Einschränkungen hinsichtlich der Experimentierfreudigkeit), reichhaltig gedeckt; und hier und da gibt es neben Kassenschlagern, die sich hoffentlich auch szenisch als solche erweisen, auch Exotismen, die den Besuch eines der drei Häuser empfehlenswert machen.
Bedauerlich ist, dass die zurecht hochgerühmte Inszenierung von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ durch den Briten Michael Moxham nach über zehn Jahren ausläuft. Da weht dann nur noch aus der Erinnerung der Lebkuchenduft durch die altehrwürdigen Hallen Oldenburgs. Immerhin hat das Haus mit Tschaikovskys Ballett „Der Nussknacker“ ein Werk programmiert, das hoffentlich eine ähnlich erfolgreiche Kerbe in den Bühnenboden zu schlagen versteht und die Weihnachtszeit mit festlicher Thematik familienübergreifend erreicht.
Einigermaßen irritiert ist man über das äußere Erscheinungsbild des Bremer Spielzeit“heftes“. Während die Oldenburger und Bremerhavener ein Paperback offerieren, das nicht protzt, aber durchaus attraktiv, von schlicht bis griffig und entsprechend nützlich daherkommt, hat man in Bremen ein knapp 50seitiges Dinlang-Format in Händen, das auf Ökopapier gedruckt, ungeheftet und durchscheinend, wenig einnehmend und archivfördernd ist. Warum wurde hier gespart? Was sagt ein solches Druckwerk über die Wertschätzung von Mitwirkenden, Mitarbeitern, Selbstbild und Zielgruppen (Gäste, Freunde, Fans) aus? Ist der Etat für Öffentlichkeitsarbeit so gering, dass man auf das schlichte Niveau einer Schülerzeitung aus früheren Zeiten zurückfällt? Dann vielleicht lieber doch „nur“ digital aber ansprechend!

Auf den Homepages der drei Häuser kann man die Ideenvielfalt nachlesen.
Stadttheater Bremerhaven
Spielzeitvorschau 2026/2027 - Stadttheater Bremerhaven
Theater Bremen
Spielplanvorschau: 2026/2027 - Theater Bremen
Oldenburgisches Staatstheater
Spielzeitheft | Oldenburgisches Staatstheater
Ausblick
Über die Konzertprogramme der drei Orchester aus Oldenburg, Bremen und Bremerhaven werden wir zu Saisonbeginn separat berichten.