Paris, Théâtre des Champs-Élysées, Car/men - Compagnie Chicos Mambo, IOCO

Paris, Théâtre des Champs-Élysées, Car/men -  Compagnie Chicos Mambo, IOCO
CAR/MEN © David Bonnet

23.04.2026

CAR/MEN VON DER MÄNNLICHEN SEITE…

 

El Arreglito

Chit… Eh? Ven? Por qué ?
Chinita mia ven por aqui que tú ya sabes que muero por ti.
No voy alli porque no tengo confianza enti.

Qué, si? Que no.
Si tú me quieres dilo quedito y en seguidita
seré tu arreglito y enamoradas sin abusar una dancita vamos a bailar.

Vidita mí, mi dulce amor, te estoy queriéndote,
queriendo con tanto ardor que el alma mía con ilusión
por ti se abrasa, paloma mía, por ti palpita mi corazón.

 (Text und Musik von Iradier / Auszug)

 

Nach Tutu … Car/men…

Georges Bizets (1838-1875) berühmtes Werk, neu interpretiert von acht Tänzern und einem Countertenor, die mit Verspieltheit, Zärtlichkeit und spielerischer Ironie die Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit erkunden. Diese moderne Car/men (2025) besticht durch die fließenden Bewegungen der Tänzer und die erhebende, lyrische Stimme der (die) Sänger(in), alles vor einem Hintergrund von leuchtenden und bunten Farben. Präzise und originelle Choreografie, gewürzt mit feinfühligen Humor: Eine wahre Car/men  unserer  Zeit gesehen!

 

Eine weitere Ikone…

Eine prägende Figur des Theaters, tausendfach neu interpretiert. Vielleicht auch schon eine Ode an die Freiheit, „libre, elle mourra“. Also Bewegungsfreiheit, ohne Etiketten oder Codes… Eine ibero-choreografische Fantasie... Nicht nur Oper oder Ballett… zeitgenössisch oder Flamenco… komisch oder tragisch… feminin oder männlich… handgefertigt oder digital… von allem etwas und noch viel mehr. Eine Car/men in Bewegung durch tanzende Körper, eine Stimme, Worte und Musik, damit die Reise ins Land der Carmen (1875) beginnen kann… Und natürlich mit dem unvermeidlichen Bizet

CAR/MEN © David Bonnet

 

Doch um den Weg zu verschleiern… Wer bist du, Carmen? Eine „neue“ Car/men, ein „fliegender Minotaurus“ oder ein Torero „mit Spitzentanz“? Eine ungewöhnliche Begegnung zwischen einer/einem Sängerin/Sänger und männlichen Tänzern und einer ewigen Weiblichkeit. Wie die Rüschenkleider, die dem Leben mehr Schwung verleihen! Wie eine extravagante Hommage in diesem Moment des spanischen Lebens, ein Gewand aus Licht, um die Arena der Erinnerungen und Gefühle besser zu betreten. Vielleicht eine Art zu sagen: „Wir haben nicht vergessen…“. Also Olé, Car/men in all ihren Facetten… Ein Spiel der Masken „L’amour est enfant de bohème“.

 

Carmen, die rebellische Oper…

Die Oper Carmen ist einer der berühmtesten Opern der Welt! Aber kennen wir wirklich ihre Geschichte? Wussten sie das? „L’amour est un oiseau rebelle“ ist kein Schlager von Bizet! Eine der berühmtesten Arien der Welt ist inspiriert von einem Lied des spanischen Komponisten Sebastián Iradier (1809-1865): El Arreglito (Das Versprechen der Ehe -1863), das Bizet sehr stark beeinflusste. Vielleicht hören wir uns das Original einmal an und bilden uns selbst eine Meinung!

 

Wir beginnen mit dem Lied, das Bizet stark inspirierte, El Arreglito von Iradier. Und nun zu Carmen! Schon die ersten Töne der Ouvertüre lassen die bekanntesten Themen aus Bizets Oper erklingen. Erster Akt „Avec la garde montante“ markiert den Auftritt des Kinderchors. Sie imitieren die Soldaten beim Wachwechsel. Wir hören den schwungvollen Rhythmus des Militärmarsches, vermischt mit den Kinderstimmen. Anschließend erklingt die unvergleichliche Maria Callas (1923-1977) mit der berühmten Habanera und der Arie vor den Mauern von Sevillas! Danach folgen die Interpretationen und Hommagen verschiedener Musiker: Pablo de Sarasate (1844-1908) komponiert eine Fantasie über Carmen für Violine (1881), deren majestätisches Finale wir hören werden. Vladimir Horowitz (1903-1989) hingegen schrieb seine Carmen Variationen (1926) für seine Klavier-Abende.

CAR/MEN © David Bonnet

 

Carmen, eine Geschichte von Liebe und Blut…

Die Handlung spielt in Sevilla, einem für die Pariser des 19. Jahrhunderts äußerst exotischen Ort. Die junge Zigeunerin Carmen ist temperamentvoll, sie verführt Männer und provoziert Streit. Im Gefängnis schwört sie dem Brigadier Don José ihre Liebe, um fliehen zu können. Doch kaum ist sie frei, vergisst sie den Soldaten schnell und verfällt dem Zauber des berühmten Stierkämpfers Escamillo. Aber Don José, von Verzweiflung getrieben, ersticht sie in der Schluss-Szene mit einem Dolch. Währenddessen jubelt die Menge in der Arena Escamillo zu…

 

Immer noch verwirrt über das Frauenbild in diesem Werk? Lesen wir die Original-Novelle von Prosper Mérimée (1803-1870), auf der die Oper basiert. Auf der ersten Seite findet sich ein Zitat des griechischen Dichters Palladas (etwa Ende IV. – Anfang V. n. J.C.): „Jede Frau ist wie Galle, doch sie hat zwei gute Stunden, eine im Bett, die andere im Tod!“. Zum Glück hat die Musik von Carmen die Zeit überdauert, nicht aber dieses Frauenbild!

 

Carmen wurde ohne jeglichen Erfolg am 3. März 1875 in Paris an der Opéra-Comique uraufgeführt und es war ein riesiger Skandal! Doch anders als das Publikum des 21. Jahrhunderts vielleicht annehmen wird, rührte der Skandal nicht von der erotischen Ausstrahlung und Begierde dieser Frau her.

 

Ein Skandal an der Opéra-Comique…

Was ist eigentlich eine komische Oper? Es ist eine gesprochene Komödie, durchsetzt mit Melodien und Musik, eine Form, die beim bürgerlichen Familien-Publikum sehr beliebt war. Mit Carmen geht Bizet in vielerlei Hinsicht neue Wege und genau das stößt auf wenig Gegenliebe. So vermischt er beispielsweise komische Szenen mit dramatischen Momenten. Auch bricht er mit der Tradition, indem er den Chor erstmals auf die Bühne stellt. Die Sänger bewegen sich in kleinen Gruppen, anstatt wie es die Tradition vorschrieb, statisch im Hintergrund zu bleiben.

 

Doch das ist noch nicht alles! Neben der gewalttätigen und erotischen Thematik und den musikalischen Neuerungen tragen auch die Länge des Stücks und die mangelnde Vorbereitung der Musiker dazu bei, denn sie sind mit den Übergängen nicht vertraut und haben die Aufführung schlecht im Griff. Das alles ist zu viel für das Publikum! Bei der Premiere im Jahr 1875 ertönt im Saal lautes Getöse: „Tod in der Opéra-Comique!“ Dem unglückseligen Bizet drohte sogar der Entzug der Ehrenlegion, die ihm am Tag der Uraufführung verliehen worden war.

 

Er starb kurz darauf, am 3. Juni 1875, ohne zu ahnen, dass seine Oper in den folgenden Monaten in Wien einen überwältigen Erfolg feiern würde. Dies sollte der Beginn eines weltweiten Phänomens sein.

 

Ein Plagiator seiner Zeit voraus…

Daher ist auch Carmen  aus vielen Gründen umstritten! Hier ist ein letzter tieferer Einblick, der zwar oft vergessen wird, aber dennoch sehr wichtig ist… Für die Arie im ersten Akt hatte Bizet ursprünglich eine Arie geschrieben, das die berühmte Diva Célestine Galli-Marié (1837-1905) interpretieren sollte, jedoch wollte sie diese nicht singen. Der Komponist musste schnell eine andere Lösung finden. Er ließ sich dann von Iradier und dessen El Arreglito inspirieren. „L’amour est un oiseau rebelle“ ist geboren! Normalerweise beabsichtigte Bizet, ein traditionelles volkstümliches andalusisches Musikstück zu verwenden, das niemandem gehörte. Wir können uns das Original anhören um unsere eigene Meinung zu bilden...

 

Um eine der meistgespielten Opern der Geschichte zu komponieren, ist es daher wohl notwendig zu schockieren, eine exotische Atmosphäre zu schaffen, musikalische Konventionen zu brechen… und sich von einer Melodie inspirieren zu lassen, die ihre Wirkung bereits unter Beweis gestellt hatte.

 

 

Die Aufführung im Théâtre des Champs-Élysées am 23. April 2026:

 

Car/men, Vorsicht vor dem/der Tänzer(in)…

Diese Car/men vereint viel Humor und Anmut! IOCO-Kultur im Netz hatte diese von dem französischen Tänzer und Choreografen Philippe Lafeuille (*1964) choreografierte Show noch nicht gesehen, wir hatten uns aber bereits mit seinem großen Talent und seiner Originalität mit dem Tanzstück Tutu (2024) vertraut gemacht. Diese interessante Neuinterpretation von Car/men, aufgeführt von seiner mittlerweile sehr bekannten Compagnie Chicos Mambo, ist eine gewaltige Ode an die Freiheit.

 

Schon in der ersten Szene ist der unverwechselbare Stil von Lafeuille sofort zu erkennbar. Die neuen Männer auf der Bühne tragen extravagante Kostüme, mal Rüschenkleider, mal rot-weiß gepunktete Overalls, die sie von Kopf bis Fuß bedecken. Die Solo-, Duett- und Gruppentänze bilden eine Symphonie der Körper, die sich im Rhythmus der Musik bewegen. Weiblichkeit und Männlichkeit verschmelzen auf wunderbare Weise.

 

Ein fantastisches Lied…

Der spanische Countertenor und Tänzer Antonio Macipe (*1980) ist die „Stimme“ der Show! Der äusserst begabte Künstler interpretiert die ikonischen Arien aus Carmen, wie „L’amour est un oiseau rebelle“ und „Près des remparts de Séville“, wobei er die Frau mit hoher und den Mann mit tieferer Stimme verkörpert. Kraftvoll und präzise wechselt er zwischen den Stimmen, ein wahrer Ohrenschmaus. Seine Ausstrahlung, seine Gestik und sein Gesangsstil lassen uns Mann und Frau in einer einzigen Figur unterscheiden, ähnlich wie der belgische Rapper Paul Van Haver (*1985), genannt Stromaes mit seinem Hit‚ „Tous les mêmes“ (2013)… einfach atemberaubend.

 

Abwechslungsreiche und anmutige Darbietungen…

Die Tänzer wechseln zwischen modernen und klassischen Tanzschritten und vollführen zahlreiche Kreuzungen und Diagonalen: eine Tanz-Technik, die häufig in Lafeuilles Kreationen zu finden ist und es ihm ermöglicht, die gesamte Bühnenfläche zu nutzen und der Aufführung viel Rhythmus zu verleihen. Pirouetten, Arabesken, Posen, Sprünge, Chassés, Gleitbewegungen und Beinhebungen… aber auch Rollen, Balancen, Spagate und andere akrobatische Tanzelemente ergeben abwechslungsreiche und anmutige Darbietungen. Es gibt sogar einen Stepptanz-Moment!

 

Ein Moment in der Zeit anhaltend…

Obwohl die Show im allgemeinen farbenfroh, visuell ansprechend und dynamisch ist, empfanden wir mitunter die Übergänge zwischen den Szenen etwas zu abrupt. Man springt wörtlich gesagt von einer Szene mit Tänzern in Blumenkostümen, die sich wie Kinder benehmen, zu einer anderen mit einem völlig nackten Mann, der allein auf der Bühne tanzt. Aber auch die gesamte Truppe, die mit einer Vielzahl skurriler und ungewöhnlichen Requisiten geschmückt ist. Warum? Der Handlungsfaden und die Verbindungen zur Geschichte von Car/men sind nicht immer ganz klar… Aber genau das lieben wir auch an dieser Show: Ein herrlicher Mix aus verschiedenen Elementen mit einer gehörigen Portion Humor! Der Schlusstanz der Compagnie Chicos Mambo in prächtigen roten Rüschenkleidern bleibt ein fabelhafter zeitloser Moment. Ein zeitloser Moment für Toleranz und Freiheit!

 

Auskünfte und Kartenverkauf: www.theatrechampselysees.fr   Tel: +33 (0)1 49 52 50 50

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