Nekrolog Peter Gülke, IOCO

„Der die Tiefen der Musik am klarsten durchschaute“
Persönliche Gedanken zum Tode des Dirigenten und musikalischen Denkers Prof. Dr. mult. Peter Gülke
von Thomas Honickel
Prof. Dr. mult. Peter Gülke, der Kopf der musikalisch-reflektierten Intelligenzia unserer Zeit, ist verstorben. Der Titel dieses Essays ist die Abwandlung des Untertitels zu seinem Buch über Felix Mendelssohn Bartholdy.
Drei Tage vor seinem 92. Geburtstag hat er uns verlassen.
Ein vielseitiger, neugieriger, belesener und auf höchstem Niveau literarisch begeisternder Dirigent, dem kaum eine Ehrung zu Lebzeiten versagt blieb und der bis zum letzten Atemzug beseelt und sendungsbewusst seine philosophischen Musikerkenntnisse vermittelte, ist von uns gegangen. Was bleibt ist ein reiches, überreiches Erbe, das uns an ihn erinnert und aus dem wir schöpfen können; gewissermaßen durch Gülkes "Brille" in seinen Büchern und durch sein Ohr in seiner reichen Discographie durch fast ein Jahrtausend Musikkosmos, den er uns als kundiger Exeget dargelegt hat.
Allerorten sprudeln jetzt die Nekrologe, hymnisch und in Superlativen. Zurecht! „Erster Diener der Musik“, „Musikalisches Multitalent“, „Grenzgänger der Musik“, „Sein Ton wird fehlen“ u.v.m.

Was mir seine Bücher erzählen
Und so reihe ich mich ein, als pars pro toto für die Vielen, denen er begegnete, die er inspirierte, im Handwerk motivierte, im Tun ermunterte, in der Erkenntnis leitete, einen Blick in die zurückliegenden vier Jahrzehnte werfen, wo ich die Ehre, das Vergnügen und das Glück hatte, ihm begegnen zu dürfen. Eine also sehr subjektive Nachschau, die aber gewiss manchem bekannt vorkommen mag, weil er sie ähnlich erlebte.
Als Student der Komposition und Aspirant in der Staatsprüfung für Tonsatz/Musikgeschichte war das Thema meiner Staatsarbeit "Die späten Messen von Josquin Desprez". Eines meiner zu Rate gezogenen Fachbücher war ein Kompendium, das die Entwicklung der Notation von den Neumen des Mittelalters bis zur Notenschrift der Spätrenaissance zum Thema hatte: "Mönche, Bürger, Minnesänger" (1975) des damals im Westen noch unbekannten Weimarers Peter Gülke. Entflammt durch dieses Buch kam anschließend noch sein Erstlingswerk "Schriftbild der mehrstimmigen Musik" (1973) dazu, das meinen Horizont erweiterte.
Im Laufe der folgenden Jahrzehnte erwarb ich fast die gesamte Bibliographie von Peter Gülke, dessen messerscharfe Analyse, weitreichende Einordnung in Historisches und Biographisches sowie eine Sprach"gewalt" von höchster Tugend mich magnetisch anzuziehen vermochten.
Seine Exkurse vor allem zu Schubert, Brahms und Mendelssohn verharrten nicht im Monographischen sondern loteten die Sujets in unerkannten Tiefen aus. Man betrat bei Gülke stets auf vermeintlich bekanntem Terrain "terra incognita". So las (und dirigierte) ich Mozarts "Jupitersinfonie" nach der Lektüre von „Triumph der neuen Tonkunst“ (1998) und Schuberts (scheinbar) "Unvollendete Sinfonie" nach „Schubert und seine Zeit“ (1991) mit anderer Haltung.
Seine (auch) politisch motivierten Bücher wie etwa „Fluchtpunkt Musik“ oder sein berührendes „Musik und Abschied“ hatten nicht weniges an Autobiographischem, was aber aus einer fast aristokratischen Distanz heraus nie zu persönlich daherkam. Gülke sublimierte Erkanntes und Erlebtes auf ein höheres Plateau, das es für jeden Leser und Betrachter nahbar machte.
Gülkes Interessen waren breit gestreut: „Rousseau und die Musik oder von der Zuständigkeit des Dilletanten“ (1984), „Die Sprache der Musik“ (2001), „Dirigenten“ (2017) und nicht zuletzt die Liebeserklärung an seine Heimatstadt „Mein Weimar“ (2019), dem er in vielfacher Hinsicht lebenslang verbunden blieb.
Sein Dialog mit Alfred Brendel „Die Kunst des Interpretierens“ (2020) ist ein Dokument, das die Zeiten überdauern wird. Bis zum Ende blieb der überreiche Geist Gülkes aktiv. Sein "Schwanengesang", der erst im März veröffentlicht wurde, „Menschen. Zeiten. Musik“, dürfte für jeden Gülke -"Jünger" ein Muss werden.
Die Art, mitreißend zu schreiben, den Leser zu fordern und gleichzeitig auf höchstem Niveau zu bilden, zu informieren, schlug mich schon als jungen Mann in Bann.

Was mir seine Gegenwart erzählte
Im gleichen Jahr meines Examens, dem auch seine Literatur zugrunde gelegen hatte, blieb dieser Peter Gülke nach einem Konzert im Westen in der Bundesrepublik. Ein weiteres Jahr später nahm er die Stelle als GMD in meiner Heimatstadt Wuppertal an, wo er ein intensives, prägendes Jahrzehnt lang die Geschicke der Stadt und Region lenkte.
Ich lernte ihn kennen im Kontext einer Initiative, die interessierten Konzerthörern eine "Geländerung" in Form von Werkeinführungen gab, die ich anhand seiner Programmierungen durchführen durfte. Auf Gülkes Betreiben hin wurde in Oper und Konzertsaal das neue Format der damals noch kaum geläufigen "Werkstattkonzerte" installiert, das Gülke mit Verve, glühendem Herzen und brillanter Rhetorik zum Erfolg werden ließ. Ihm war zentral, den mündigen, informierten Hörer im Saal zu haben; keine Genusshörer.
Seine praktischen Vermittlungsbemühungen im Konzertsaal und meine zarten ersten Unternehmungen im pädagogischen Kontext ergänzten sich in diesem Jahrzehnt.
In den persönlichen Begegnungen war Peter Gülke nie oberlehrerhaft oder blasiert, ließ die tatsächlich vorhandene Fallhöhe vom frisch examinierten Studenten zum Musikphilosophen und Dirigent von Format nie spüren.
Überhaupt füllte Gülke sein GMD-Amt in einer Weise aus, wie sie mir so nie wieder begegnet ist. Einmal im Jahr lud er sämtliche Dirigentenkollegen der Stadt als Vertreter der Laienmusiker zu sich ins Büro, um Inhalte und Termine anzusprechen, zu koordinieren und überhaupt in den Austausch zu kommen. Er nahm als 1. Musiker der Stadt Anteil am gesamten Geschehen in seinem Verantwortungsbereich. Man sah ihn auch in unseren Konzerten als interessierten Gast, er nahm Anteil und wertschätzte auf diese Weise die geleistete Basisarbeit.
So gelangen in dieser Dekade wenige gemeinsame Treffen, in welchen er mir Hinweise zu Schuberts späten Messen gab (wo ich auch kurz sein Chorassistent war) und mir die Musik des schwedischen Expressionisten Allan Pettersson nahebrachte.
Dieser heute nur noch am Rande des Repertoires auftauchende Exot aus dem Norden hatte es Gülke damals in besonderer Weise angetan. Beim An- und Durchblick von Gülkes Partitur, in die er mich Einblicke nehmen ließ, spürte ich, wie tief er in die Fasern einer Komposition eindrang, um diese Erkenntnisse in Klang umzusetzen. Ein Impuls, der mich zur Aufführung von Teilen Petterssons Chorwerk „Barfotasånger“ ermunterte.
Petterssons Sinfonik war auch der Stein des Anstoßes in Gülkes letzten Wuppertaler Jahren, als er "frech" in einem Sinfoniekonzert 1994 die geplante Reihenfolge der Programmierung vertauschte und als Eröffnung die expressionistische 9. Sinfonie des Schweden spielte, der nach der Pause ein Klavierkonzert von Mozart folgte. Die Wellen schlugen hoch, vermutlich hatten nicht wenige geplant, nach dem Mozartkonzert (mit dem damaligen Tastenstar Justus Frantz) in der Pause zu gehen und sich den Neutöner aus Schweden zu ersparen. Nun wurden sie von Gülke zum Hören "verdonnert".
Der Ehrlichkeit halber sei erwähnt, dass bereits die Jahre zuvor einer Entwicklung Vorschub geleistet hatten, in der eine zunehmende Spannung zwischen Theaterleitung und GMD sowie zwischen Teilen der Zuhörerschaft und dem Musikchef zu verzeichnen waren. Befördert wurde das Ganze dann auch noch durch eine voreingenommene, parteiische Lokalpresse. Das Ganze gipfelte damals in Äußerungen wie „Missachtung des Publikums“, „unnötige Provokation“ und „intellektuelle Spielerei“.
Die Stimmen der Zustimmung waren deutlich in der Minderzahl. Ich darf mich dazurechnen, da meine Empörung über die Demontage eines damals bereits arrivierten, international anerkannten Dirigenten beträchtlich war. Gülke schrieb mir daraufhin (1989) dankbar und ernüchtert zugleich: „…sehe ich doch auch, daß bisher in jedem Falle Dummheit und Bösartigkeit die Waage gehalten haben. Es gibt wohl genug Anlaß, diese Unerfreulichkeiten auf die Seite zu legen…“ (Auszug)
Die Konflikte intern und die Wahrnehmung extern, Gülke-Interviews zur Wuppertaler Situation im benachbarten Ausland: All das trug im Verbund mit einer zynisch agierenden Presse zu einer Verschärfung der Situation im engen Tal der Wupper bei, unter der schon Else Lasker-Schüler und Pina Bausch gelitten hatten.
Zur offenen Sprache Gülkes, auch und gerade, was ideologische Brüche und Fragen von Rezeption, Ausgrenzung und Kanonbildung in totalitären Zeiten betrifft, gehört auch eine Saisonpräsentation aus den 90ern, die mir im Kopf verblieb, als Gülke den besonders perfiden Umgang mit jüdischen Komponisten im Tal erwähnte. Es war nämlich so, dass an der Historischen Stadthalle am Johannisberg (Baujahr 1900) ein Außenfries mit bedeutenden Tonsetzern angebracht war, der u.a. auch die Namen Meyerbeer, Offenbach und Mendelssohn Bartholdy enthielt. Diese drei Namen (möglicherweise und wahrscheinlich auch der von Gustav Mahler) wurden 1934 als „undeutsch“ und „unerwünscht“ entfernt und durch Brahms, Bruckner, Reger und Pfitzner (!) ersetzt.
Gülke war ein geschichtlich enorm reflektierter Mensch, dem auch bewusst war, dass das KZ Buchenwald unmittelbar vor den Toren seiner Heimat- und Kulturstadt Weimar stand. Hier im Tal war der Anlass der Verfemung der o.a. Komponisten für ihn Anlass zur kritischen Auseinandersetzung mit dem lokalpolitischen Erbe. Selbst in den frühen 90ern betrachteten manche im Tal solche Einlassungen noch als Nestbeschmutzung eines „fahrenden Gesellen“.
Die denkmalgeschützte Fassade mit den Originalnamen ist übrigens erst in 2016 wieder in den Urzustand zurückgeführt worden. Immerhin benannte man die kleineren Säle des prachtvollen Hauses nach Mahler, Offenbach und Mendelssohn. Auch hier blieb der kritische Geist Gülkes ein Dorn im Fleisch derjenigen, die gerne vergessen wollten. Das Haus selbst übrigens stand Gülke in der zweiten Hälfte seiner Wuppertaler Zeit wegen aufwendiger Restaurierung nicht zur Verfügung. Er musste sich damit bescheiden, unter Basketballkörben und auf Sporträngen seine Programmierungen in einer Uni-Sporthalle zu realisieren. Was für Zeiten für einen ambitionierten Künstler wie ihn!

Die Leserbriefkaskaden nach dem „Mozart-Pettersson“-Skandal in der bergischen Provinz in Verbindung mit dem einseitig und tendenziös berichtenden Feuilleton vor Ort veranlassten Gülke zu einem diplomatischen Akt besonders einnehmender, fast pädagogischer Reaktion. Vor ausverkauftem Saal in der historischen Stadthalle gab es einen Vortrag, der sinngemäß lautete "Wie hartnäckig darf ein GMD sein?"
Der etwas polarisierende Titel war indes weniger eine weitere Konfrontation, sondern eher eine kluge und interdisziplinäre Darstellung der Fähigkeit des menschlichen Ohres, auf Neues und Unerhörtes zu reagieren, wobei Gülkes Abhandlung bei der Entwicklung und Konditionierung des Gehörsinns von der Urzeit bis heute viele treffende Aspekte zutage förderte, die in allen Epochen die Kritik am Neuen aufzeigte. Der gesamte 90minütige Vortrag, dem nicht wenige atemlos zu folgen versuchten, war frei ohne Manuskript gehalten, in verständlicher Sprache, gewinnend und bis in letzte Details nachvollziehbar und überzeugend. Ein Plädoyer für die Bereitwilligkeit, sich dem Neuen und Unbekannten mit Respekt zu nähern.
Die Ovationen des Abends konnte Gülke im Tal der Wupper leider nicht in eine Überzeugung der Mehrheiten ummünzen. Den bergischen Dickschädeln und ihren öffentlichen Allianzen war der intellektuelle Dirigent aus dem Osten suspekt. Gülkes Tage im wie er es nannte „Straßendorf Wuppertal“ waren gezählt und eine bemerkenswert reiche Dekade Musik für diese Stadt ging zu Ende. Immerhin erhielt er in seinem Abschiedsjahr 1996 noch den Kulturpreis der Stadt Wuppertal. Bei seinem Abschied im dortigen Schauspielhaus empörten sich seine Fans, baten um Revision seiner Entscheidung und flossen Tränen. Vergeblich, die Ära war beendet!

Glück, das mir verbleibt
Glücklich durfte ich mich schätzen, diesen Kosmos an Büchern und den Impuls zur Musikvermittlung auch durch ihn erhalten zu haben. In der Folge gab es dann meine ersten Education-Bemühungen im Tal für Kinder, Familien und „BestAger“. Das alles konnte ich auch durch diese Initialzündung eines Mentors im Geiste an Profi-Häusern in Duisburg, Bonn und Oldenburg fortsetzen. An einigen meiner Destinationen trafen wir uns wieder.
In einer unregelmäßigen Mailkorrespondenz berichtete ich von meinem Tun, das er mit Freude zur Kenntnis nahm. Meine Dankbarkeit für all die o.a. Impulse durch sein Werk und seine Initiativen relativierte er stets, wollte sich nicht als Inspirationsquelle ansehen (Zitat: „Ihre Wortmeldung war eine große Freude, haben Sie herzlich Dank! Allerdings...kann ich bei allem meinen „Anregungs-Anteil“ nicht so bedeutend finden. Möge es…mit dem Direktkontakt zum Hörer so weitergehen!“)
Und doch war er es, der den „cantus firmus“ in für mich bemerkenswerter Intensität und Dauerhaftigkeit darstellte, nein: darstellt!
Über das Sujet der Musik hinaus (was schon mehr als erheblich ist) verdanke ich seinen literarischen Werken zweierlei: Den interdisziplinären Blick auf Werk und Schöpfer sowie den unbedingten Willen zu einer geschliffenen, präzisen und gleichermaßen eindringlichen Sprache. Denn Sprachkultur und ein fast artistischer Umgang mit unserer deutschen Sprache waren ihm zu eigen wie wenigen anderen in der Gegenwart.
Jenseits der Themen bleibt sein literarisches Werk ein Füllhorn an trefflichen und treffsicheren Essays, die jeden, der selbst in Sachen Musikschriftstellerei unterwegs ist, ermuntert und ermutigt, es ihm gleichzutun oder es wenigstens zu versuchen. Insofern ist auch meine Tätigkeit hier bei IOCO, zu der ich mich berufen fühle, Ausfluss der Impulse durch Peter Gülke.
Dem Ende entgegen
Auch seine multiplen Krebserkrankungen, die er in Mails stets als lästige Aspekte des Alters auf die Seite zu schieben versuchte (vermochte?), konnten ihn nicht davon abhalten, den letzten Phasen des Alters noch Herausforderungen abzutrotzen (Zitat: „Dort (gemeint sind die Brandenburger Symphoniker) hilft mir das Musizieren über manche Alters-Malaisen hinweg…“)
Dazu gehörten im Praktischen die Rettungsmaßnahme der GMD-Tätigkeit bei den o.a. Brandenburger Symphonikern von 2015-2020 und weitere Bücher zu Spezialthemen, die sich am Rande des Mainstream bewegen, ihm aber Herzensangelegenheit waren.
Dass er sich auch noch der Öffentlichkeit mit Impulsvorträgen näherte, beweist ein kolossaler Beitrag aus dem Jahr 2023, wo er im Rahmen der Bachstiftung St. Gallen eine überaus intensive, fast möchte man sagen frische, erfrischende Analyse der Bachkantate „Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben“ BWV 102 beisteuert. Mit welch humorvoller, gewinnenden Art er hier höchst stimmig und gleichermaßen einleuchtend Theologie und Musik zusammenführt, und das im hochbetagten Alter, kann man hier noch einsehen:
VerD - DE - 16x9 - GEN NotAGame - 30s - Deutsch - YT
Wir verneigen uns vor einem Großen unserer Zeit, der uns in seinen Büchern und seinen zahlreichen Einspielungen ein reiches Erbe hinterlassen hat, und der vielen von uns Jüngeren Nachdenkenswertes auf den Weg mitgab und zwei Generationen an Musikern maßgeblich geprägt hat. Ich darf mich dazuzählen!
Spricht man bisweilen von J. S. Bach als "Der fünfte Evangelist", möchte man in Sachen Musikvermittlung ihm, Peter Gülke, die „Nr. 6“ zugestehen; vielleicht gemeinsam mit Leonard Bernstein und Hellmuth Rilling.
"Willst du in meinem Himmel mit mir leben, so oft du kommst, er soll dir offen sein!"
Gemäß diesem Dictum aus Schillers „Die Teilung der Erde“ möge sein Geist, seine Seele in den neuen Welten, die er nun erreicht hat, eine Sphärenmusik ganz neuer Art erleben. Er wird auch diese gewiss im Innersten zu deuten wissen!
R.I.P. Peter Gülke!

Epilog
„Die Lust zu leben vergeht mir jedoch nicht…“
Da sein Antwortschreiben per Mail ein Vorformuliertes war, das einem breiten Kreis an Adressaten zuging, sei es hier abgedruckt. Es zeigt, mit welcher geistigen Frische, welchem Humor, welchem inneren Duktus der 90jährige Gülke seinen Gratulanten ohne Larmoyanz schreibt:
Zahl und Ton der Botschaften zu meinem Geburtstag haben mir erneut bewusst gemacht, in welch großem Kreis von Vertrauten ich lebe, wie dankbar ich allein deshalb sein kann. Das wäre der Grund für individuelle Beantwortungen, zu denen ich, der Zahl wegen, nicht imstande bin und um Verständnis bitte für eine ebenso unangemessene wie unumgängliche Pauschalbeantwortung.
Um kurz zu erklären, wie ich ins zehnte Dezennium gekommen bin: Insgesamt muss ich mich nicht als typischer Neunziger fühlen, habe musizierend, vortragend, schreibend noch mancherlei vor, muss dabei vorab und wechselnd erfolgreich mit dreierlei Malaisen zurechtkommen: a) einem Herzen, das im Sommer '23 ein gefährliches Ritardando hingelegt hat und seither per Schrittmacher auf Trab gehalten wird; b) einem Gedärm, aus dem vor längerer Zeit ein Krebs 'rausgeschabt wurde, welches dennoch oder deshalb Rachefeldzüge unternimmt; c) schrumpelnden Bandscheiben, die jeden Schritt bis in die Nackengegend nach“schwingen“ lassen, längeres Gehen, Wandern mühsam machen – die Stechlin-Rundtour anno 2023 war vermutlich die letzte.
Die Lust zu leben vergeht mir jedoch nicht, der Cantus firmus „Dankbarkeit“ dominiert - und daran habt Ihr Alle Anteil!
Euer Peter