Osnabrück, Theater am Domhof, WENN DIE STERNE FALLEN - Beth Steel, IOCO
Wie umgehen mit Verlust und Veränderung
Unterhaltsame Erstaufführung von Beth Steels „Wenn die Sterne fallen“
Von Hanns Butterhof
Die deutschsprachige Erstaufführung des Schauspiels Wenn die Sterne fallen der britischen Autorin Beth Steel in Osnabrücks Theater am Domhof führt in eine Gegend und in ein soziales Milieu, die auf deutschen Bühnen eher selten sind. Eine Hochzeit in einer Arbeiterfamilie am Rande des Prekariats in einer abgehängten ehemaligen Bergbauregion bildet den Anlass der Handlung, in der es um das Umgehen mit Verlust und Veränderungen geht. Das von Christian Schlüter flott inszenierte Stück beginnt als Komödie und endet fast tragisch.

Vor einem orangefarbenen Vorhang auf der leeren Vorderbühne (Ausstattung: Anke Grot) beginnt das Stück turbulent. Im Wohnzimmer ihres Elternhauses wird Sylvia (Lua Mariell Heckmanns), die jüngste von drei Schwestern, für ihre Hochzeit mit dem polnischen Jungunternehmer Marek (Hans-Christian Hegewald) aufgebrezelt. Zwischen der nicht jugendfrei wild mäandernden Unterhaltung werden kleinere Probleme - ich habe einen Pickel - und größere - das Brautkleid ist zu eng - gelöst.
Hazel (Monika Vivell), die älteste der Schwestern, dirigiert das Chaos. Kurz schneidet sie die Probleme an, die das Stück in Bewegung halten: Da sind die Polen, die ihr in dem Lagerhaus, in dem sie arbeitet, den Aufstieg blockieren. Und da ist ihre jüngere Schwester Maggie (Verena Maria Bauer), von der sie kaum verhohlen aggressiv wissen will, warum sie vor einem halben Jahr ohne Erklärung aus dem Elternhaus ausgezogen ist und den kürzlich verwitweten Vater Tony (Ronald Funke) im Stich gelassen hat. Aber das geht vorerst in den Witzeleien unter, deren Niveau noch etwas tiefer unter die Gürtellinie sinkt, als Tante Carol (Sascha Maria Icks) dazukommt und alle zuquatscht.
Das ändert sich im zweiten Akt, zu dem sich der Vorhang auf eine Gartenwirtschaft mit kleinem Pavillon öffnet, vor dem runde Gartentische aufgestellt sind. Als das Brautpaar auftritt, hebt noch großer Jubel an, der sich dann erst einmal in allgemeinem Smalltalk verliert. Aus ihm ragen kurze, intensive Szenen heraus, etwa wenn Vater Tony mit Maggie über Liebe oder mit Sarah, der kleinen Tochter Hazels - ein Unglücksfall – über Dauer und Veränderung spricht. Oder wenn sich Tony und sein Bruder Pete (Thomas Kienast) aus dem gleichen Grund prügeln, aus dem sie die letzten vierzig Jahre nicht miteinander gesprochen haben: weil Tony bei den großen Streiks in den 1980er Jahren unter den Streikbrechern war.
Immer wieder aber kommt das Thema Zuwanderer auf. Tony kennt den Bräutigam gar nicht, Hazel ist offen fremdenfeindlich. Insgeheim macht sie die Polen für die Arbeitslosigkeit ihres Mannes John (Stefan Haschke) verantwortlich. Als dann Marek John eine Stelle in seinem Unternehmen anbietet, lehnt sie das überheblich für den zögernden John ab: jetzt geben sie (!) uns die Jobs? Marek hat da eine andere Perspektive. Es gebe Arbeit, nur wollten die faulen Einheimischen sie nicht machen.
Parallel löst sich die Frage, warum Maggie die Familie verlassen hat. Maggie, nach vier Ehen mit drei Männern und einem (in bürgerlichen Kreisen würde man sagen:) schlechten Ruf, hat sich in Hazels Mann verliebt, und um die Ehe der Schwester nicht zu zerstören, ist sie weggegangen und will sich auch, im Gegensatz zu ihm, nicht mit John liieren. Als Hazel das erfährt, weist sie die Schwester von sich und macht John knallhart klar, was eine Trennung für ihn bedeuten würde: den völligen sozialen Abstieg.

Die finale Katastrophe löst schließlich Leanne (Lilly Theis) aus, die vierzehnjährige Tochter von Hazel und John. Sie hat gesehen, wie sich Maggie und John geküsst haben und küsst in einem unverfänglichen Moment Marek, behauptet aber später, von ihm geküsst worden zu sein. Daraufhin verbinden sich alle wieder in der Aggression auf Marek, und John schlägt ihn krankenhausreif. Als Leanne bekennt, gelogen zu haben, wendet sich Sylvia von den Schwestern ab und ihrem Marek zu. Die Familie löst sich auf, Hazel bleibt in den Trümmern ihrer Familie zurück. Ein letzter verzweifelter Tanz der Schwestern auf der Bühne des Pavillons heilt nichts mehr, alle Sterne sind gefallen.
In der Fülle der Szenen, die Regisseur Christian Schlüter mit viel Lust an der prollig turbulenten Milieuschilderung ausbreitet, geht fast die optimistische Tendenz des Stückes unter, dass Liebe und Vorurteilslosigkeit Wege in die Zukunft öffnen können, die im verbissenen Festhalten am Alten verschlossen bleiben.
Das Stück ist in Osnabrück wesentlich ein Schauspielerinnen-Stück.
Monika Vivell ist eine starke, kämpferische Hazel, die leider nur für das kämpft, was ernsthaft nicht zu retten ist. Verena Maria Bauer ist eine überzeugend schwankende unglückliche Maggie, die nicht weiß, wohin sie gehört und so sich und andere unglücklich macht. Lua Mariell Barros Heckmanns bringt als Sylvia Lebenslust auf die Bühne, ihr wünscht man alles Glück auf ihrem Weg hinaus. Sascha Maria Icks lässt mit ihrer Neigung zum Alkohol die seelischen Kosten durchscheinen, die Carols Verzichtsphilosophie fordert. Lilly Theis verkörpert als Leanne ansprechend die Kinder, die das Unglück kommen sehen, in das sie hineinwachsen. Und den Darstellerinnen der kleinen Sarah, Hanna Poniatkowski und Eva Seliger, wünscht man eine einfühlsame psychologische Betreuung.

Die Männer haben nicht nur weniger Text, sie haben auch kaum etwas zu sagen. Hans-Christian Hegewald ist ein sympathischer, liebender Marek, dem man seine Erfahrungen abnimmt und alles Gute für sein Unternehmen wünscht. Thomas Kienast verbirgt hinter Petes Steifheit eine harmlose Geselligkeit, zaubert, tanzt beeindruckend, und setzt sich sonst dorthin, wo er sitzen soll. Stefan Haschke überzeugt als John, ein Verlierer, dem der Mut fehlt, das zu erreichen, was er je wollte. Und Ronald Funke rührt als netter Großvater Tony und Tarzan-Darsteller.
Nach nahezu drei Stunden unterhaltsamen Spiels gab es viel Beifall für alle Beteiligten.
Die nächsten Termine: 8. und 17.5., 2., 7., 10. und 17.6.,jeweils um 19.30 Uhr