Paris, Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Il Vecchio Avaro - F. Gasparini

Paris, Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Il Vecchio Avaro - F. Gasparini
Il Vecchio Avaro, Éva Zaicik (Fiametta) und Serge Goubioud (Scarabea) (c) Philippe Deval

16.04.2026

 

EIN KLEINES LYRISCHES BAROCK-JUWEL…

 

Agitata da due venti,
freme l’onda in mar turbato
e’l nocchiero spaventato
già s’aspetta a naufragar.

Dal dovere da l’amore
Combattuto questo core
Non resiste e par che ceda
E incominci a desperar.

Agitata da due venti, RV 718 (1735), aus der Oper Griselda von Vivaldi, Text: Carlo Goldoni (1707-1793)

 

Voller Charme und sehr reichhaltig…

Als Sinnbild der von Jean-Baptiste Poquelin genannt Molière (1622-1673) geprägten französischen Komödie mit dem berühmten L‘Avare (1668) - Der Geizige –,  wurde das Stück unter dem italienischen Titel Il Vecchio Avaro (1720)  von Francesco Gasparini (1668-1727) als musikalisches Intermezzo mit einem Libretto von Antonio Salvi (1664-1724) in Venedig adaptiert und uraufgeführt. Obwohl einige Zeilen wörtlich übersetzt wurden, ist die Handlung dennoch gekürzt, die Anzahl der Figuren von fünfzehn auf vier reduziert und die Geschichte aus der Perspektive einer Frau erzählt. Das Stück beginnt mit dem Auftritt von Fiametta, einer bescheidenen jungen Frau, die entschlossen ist, ihren Nachbarn Pancrazio, einer von Habgier zerfressenen Mann in den Sechzigern, zu bestrafen. Um ihr Ziel zu erreichen, schmiedet sie einen Plan: Fiametta verkleidet sich als Fichetto, ein imaginärer Zwillingsbruder und schleust sich unter diesem „männlichen Ebenbild“ in Pancrazios Dienste ein, um sein Gold zu stehlen…

Il Vecchio Avaro, Eva Zaicik ( Fichetto), Stefano Amori (Valletto) und Serge Goubioud (Scarabea) (C) Philippe Deval

 

Das Ensemble Le Poème Harmonique unter der musikalischen Leitung ihres französischen Dirigenten Vincent Dumestre, tut sich mit dem französischen Regisseur Théophile Gasselin zusammen, um dieses wieder entdeckte Stück Il Vecchio Avaro neu zu inszenieren und wagt es, den großen Charme dieses einzigartigen Repertoire zu nutzen.

 

Wie das Popcorn seiner Zeit…

Die Reform der italienischen Oper wurde im 18. Jahrhundert maßgeblich vom französischen Theater inspiriert und Molière hallt auf den Bühnen  der europäischen Opernhäusern wider.

 

Bestehend aus drei singenden und einer stummen Person, umgeben von einer leichten Orchester-Begleitung, Il Vecchio Avaro ist ein Intermezzo – wohl das bekannteste Beispiel dafür ist La serva padrona (1733) von Giovanni Battista Pergolese (1710-1736), die Hauptfigur der berühmten „Querelles des Bouffons -  Der Krieg der Narren“ in 1752 -. Der Librettist Salvi, der bereits von Molières Theater inspiriert war: Hatte schon Le Bourgeois gentilhomme (1670) in L’artigiano gentiluomo (1726) von Johann Adolf Hasse (1699-1783) und Le Malade imaginaire (1673) in Il malato immaginario (1723) von Leonardo Vinci (1690-1730) geschrieben, schaffte es dem Geist von Molières Komödien treu zu bleiben, ohne an komischer Kraft einzubüßen, obwohl das Werk von fünf auf drei Akte gekürzt und vollständig gesungen wird.

 

Der Reichtum der populären Oper…

Zweiundfünfzig Jahre nach der Uraufführung des L’Avare in Paris entdeckte das Florentiner Publikum eine lyrische Bearbeitung von Molières Stück in Form eines Intermezzos. Diese kurzen Werke, Vorläufer der Opéra Bouffa, boten dem Zuschauer leichte Handlungen aus populären Komödien und sollten Momente der Ruhe zwischen den Akten einer ernsten Opéra seria schaffen. Meistens waren die Stücke mit einem Solisten-Duo und einer stummen Figur, die von einem kleinen leichten Musik-Ensemble begleitet wurden.

IL Vecchio Avaro, Éva Zaicik (Fiametta) und Victor Sicard (Pancrazio) (c) Philippe Deval

 

So wird im Jahr 1720 das Intermezzo  Il Vecchio Avaro zu Ehren von Jean-Gaston de Medicis, Grand-Duc de Toscane (1671-1737) in Venedig uraufgeführt. Das Libretto fasst die diversen Quellen von Molière zusammen und erweitert so eine Geschichte der Durchlässigkeit und des Austauschs zwischen französischer und italienischer Kultur. Als Molière sich Mitte des 17. Jahrhundert für seine Komödie L’Avare von Titus Maccius  Plautus (etwa 254-184 v. J.C.) und seiner Komödie Aulularia - Der Topf voll Gold (?) inspirieren ließ, wollte er seinen Zeitgenossen eine französische Charakter-Komödie mit galanten Anspielungen bieten. Während Salvi gewisse Elemente des französischen Werkes beibehält und sogar Zeilen wörtlich übersetzt, verdichtet er die Formel und fügt ein wichtiges modernes Element hinzu: Il Vecchio Alvaro, wird aus der Perspektive einer weiblichen Figur gesehen! Die Geschichte beginnt mit der Ankunft von Fiametta, einer bescheidenen jungen Frau, die entschlossen ist ihren Nachbarn Pancrazio, einen von Habgier zerfressenen Sechzigjährigen, zu bestrafen. Um ihr Ziel zu erreichen, ersinnt sie einen nicht sehr amüsanten Plan aus: Fiametta verkleidet sich als Fichetto, ein imaginärer Zwillingsbruder und schleust sich unter diesem „männlichen Ebenbild“ in Pancrazios Dienst ein, um ihm sein Gold zu stehlen.

 

Doch diese „Feminisierung“ der Handlung ist nicht das einzige ungewöhnliche Merkmal des Librettos. Mehr noch als die schmerzhaften parodistischen Klagen, sind die von Fiametta und Pancrazio genannten mysteriösen Geheimnisse, die sie bei ihrem Erscheinen vor dem Publikum unbeantwortet lassen.  Das Geheimnis um einen Toten, den Pancrazio angeblich in seinem Gemüsegarten vergraben hat! Aber auch die Liebe, die in dem alten Mann wieder aufblühen lässt, als er die Zwillingsschwester seiner vermeintlichen Frau erblickt! Dann aber diese Art und Weise, mit der Fiametta in großer Brutalität selbstsicher singt: „Es wäre wunderbar, wenn sich dieser alte Mann heute erhängen würde“. Oder das Duett, das äußerst harmonisch klingt und für unser heutiges Ohr eine sehr intime Wirkung hat: „Wer heute nichts besitzt, ist nichts“. In dieser dynamischen Zuspitzung nimmt Molières Komödie die Züge einer Farce an, in der Liebe, Geld und Tod gleichermaßen wichtige Triebkräfte sind. Durch das Intermezzo löst sie sich von ihrem „klassischen“ Rahmen, indem sie zwischen den drei Akten jeweils eine Ellipse einfügt. Um eine Aneinanderreihung von mehreren Situationen zu verhindern und somit nicht zu leicht in eine Frau im „allgemeinen“ zu verfallen, liegt also die große Herausforderung der Aufführung in der Herstellung von Kontinuität. Genau darum geht es bei der Anwesenheit des Orchesters und des Dieners, den Pancrazio soeben entlassen hat. Dieser Diener, der ohne anderen Daseinszweck als zu dienen im Haus umherirrt! Durch das Schreiben von Lazzi und improvisierten Szenarien zwischen den Akten, begleitet von drei wunderschönen und traurigen italienischen Volksliedern aus dem 18. Jahrhundert: „Conosco gente di tal sorte“, „Chi non ha, no è“ und „Sei mila scudi“. Zusätzlich noch eine Aria di baule von Antonio Vivaldi (1678-1741)interpretiert in der Gestalt von Fiametta: „Pasticcio de Agitata da due venti“ von der französischen Mezzo-Sopranistin Éva Zaïcik. Somit wird diese Figur sowohl zum Unterstützer von Fiametta als auch zum ersten Zeugen der furchtbaren Falle, die sich um Pancrazio fest zusammen zieht.

Il Vecchio Avaro, Éva Zaicik (Fiametta) und Victor Sicard (Pancrazio) und Le Poème Harmonique (c) Philippe Deval

 

Die Aufführung im Athénée – Théâtre Louis-Jouvet / Paris am 16. April 2026:

 

Teatro Sant’Angelo Venedig 1720: Il Vecchio Alvaro alla Gasparini…

Hinter der Bühne des Teatro Sant’Angelo herrscht vor der Vorstellung gespannte Aufregung: „Mein Name ist Lucrezia (La chanteuse de Vivaldi / Journal de Lucrezia, 1720 von Christene Féret-Fleury) ich bin eine Waise. Ich wurde vom Ospedale della Pietà aufgenommen, wo ich Gesang erlernte. Hier stehe ich nun in meinem Fiametta-Kostüm, meine Stimme zittert vor Vorfreude. Mein Mentor, Vivaldi, flüstert mir ein Paar ermutigende Worte zu, sein freundlicher Blick trifft meinen. Ich spüre den wachsenden Druck, aber auch den Stolz, eine Rolle zu spielen, die zwar  in einer vergangenen Ära verwurzelt ist, aber dennoch moderne Sehnsüchte widerspiegelt. Ich wurde für ein neues Konzept namens Intermezzo ausgewählt, dass das Publikum zwischen den Akten der Opera seria unterhalten soll.

 

Heute Abend zeigen wir eine Version von Molières: L’Avare. Das Thema dürfte den Venezianern gefallen, die ja bekanntlich geizig sind!

 

Der ehemalige Leiter des Waisenhauses, Gasparini, initiierte das Projekt, während Salvi, ein Librettist, der für seine Bearbeitungen von Molières Stücken wie Le Bourgeois Gentilhomme schon bekannt war, mit der Umarbeitung des Textes beauftragt wurde. Salvi kürzte das Originalstück, um es dem Stil der italienischen Commedia dell’arte anzunähern. So entwarf er eine straff fokussierte Handlung: Fiametta, eine junge verarmte Witwe, kehrt nach Italien zurück, fest entschlossen, das Geld ihres geizigen Nachbarn, des alten Pancrazio, an sich zu reißen. Um ihr Ziel zu erreichen, schleust sie sich in sein Haus ein, indem sie sich als imaginärer Zwillingsbruder Fichetto ausgibt, der den von Pancrazio entlassenen Diener ersetzen soll.

Il Vecchio Avaro, Ewa Zaicik (Fiamette) (c) Philippe Deval

 

Dank dieser Bearbeitung verwandelt sich Molières Komödie in eine lebhafte und dynamische Farce, in der Musik und Theater ineinanderfließen. Gasparinis Musik unterstreicht das rasante Tempo der Farce und verleiht dem Originalwerk eine neue Dimension. Salvis Innovation zeigt sich jedoch vor allem in der zentralen Rolle der Fiametta, die eine kühne Perspektive auf die Situation der Frauen bietet. Mit scharfem Verstand und starkem Willen ausgestattet, ebnet sie den Weg nicht durch Liebe, sondern durch List, ganz wie eine venezianische Kurtisane. Ich mag die Rolle sehr und bin bereit, mein Bestes zu geben, um meinen Musiklehrer nicht zu enttäuschen.

 

Ecco! Ich bin an der Reihe. Der berühmte Tenor Antonio Barbieri (?) hat die Bühne unter Applaus verlassen und meine Kollegen der Commedia dell’arte eilen auf die Bühne, um schnell das Bühnenbild aufzubauen. Die Musiker nehmen ihre Plätze auf einem Podest ein.

 

Das Publikum äußerte lautstark seine Überraschung, eine Mischung aus Neugier und Skepsis. Doch als das Licht gedimmt und die Musik anschwoll, ergab ich mich dem Zauber des Augenblicks und vergaß all den Trubel. Gasparinis Intermezzo zwischen den Akten sorgten für Heiterkeit und belebten die Atmosphäre, wodurch sich die Anspannung im Publikum löste. Ich dachte darüber nach, dass Kunst manchmal die schönste Antwort auf Übertreibung und zu scharfe Kritik ist“.

Il Vecchio Avaro, Stefano Amori (Valletto) und Serge Goubioud (Scarabea) (c) Philippe Deval

 

Athénee – Théâtre Louis-Jouvet Paris 2026: Il Vecchio Alvaro alla Dumestre…

Ein schelmischer Zani – der Valletto interpretiert von dem phantastischen italienischen Pantomimen Stefano Amori -, eine emblematische Figur des italienischen Theaters  und der Commedia dell’arte, erscheint plötzlich und zieht die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich, indem er einen alten Diener mit einer Laterne anleuchtet und so an bestimmten Hell-Dunkel-Gemälde von Michelangelo Merise da Caravaggio (1571-1610) erinnert. Ein „summender-brummender“ Ton auf der Vielle begleitet als Einleitung ein volkstümliches Klagelied. Diese für Süditalien typischen Lieder erklingen noch zweimal, ausdrucksstark gesungen von dem französischen Tenor Serge Goubioud, der als alte Amme Scarabea verkleidet ist. Dies erleichtert den fließenden Übergang zwischen den Akten und verstärkt die dramatische Aussage. Auf diese Weise fügen sich die drei fragmentierten Intermezzo von Gasparini zu einer zusammenhängenden und fließenden Aufführung zusammen. Beim Öffnen des Vorhangs entdeckt das Publikum ein Dutzend Musiker auf einem Podest, diskret geleitet von Dumestre an der Barockgitarre. Auf der anderen Seite der Bühne befindet sich Pancrazios Haus, von der französischen Bühnenbildnerin Louise Caron arrangiert wie eine bunte Sammlung von Möbeln und allerlei Gegenständen. Die Kostüme von  dem französischen Kostümbildner Alain Blanchot zeichnen sich durch ihre Eleganz aus, die durch einen Hauch von Originalität bereichert wird: Ein schwarzes Reifrockkleid für die Witwe Fiametta, eine puderrosa Variante für die Braut Fiametta, ein Dienerkostüm für den imaginären Zwilling Fichetto und ein abgetragener Anzug für den geizigen Pancrazio. Zu den markanten Elementen zählen die Moretta, eine traditionelle venezianische Frauenmaske und die Halskrause im antiken Stil, die der Geizige trägt – eine Anspielung auf Molières Werk.

Il Vecchio Avaro Vincent Dumestre, Dirigent und Le Poème Harmonique (c) Philippe Deval

 

Das Publikum ist hingerissen von der Musik, die von den Musikern Le Poème Harmonique in der von Gasselins rhythmischer und eleganter Inszenierung mit viel Finesse und Virtuosität dargeboten wird, ebenso wie von den Interpreten selbst. Der Silbengesang sorgt dafür, dass der Text vollkommen verständlich bleibt, selbst wenn einige französische Wörter eingestreut werden, wie etwa in der Szene, in der Fiametta den alten Pancrazio mit einem „Pariser“ vergleicht – eine subtile Anspielung auf die Tanzmeisterszene in Le Bourgeoise Gentilhomme. Klagende Volkslieder interpretiert von Goubinoud verweben sich mit Rezitativen, Da-Capo-Arien und Duetten und verzaubern das Publikum. Sicard wie schon gesagt verkörpert den geizigen Pancrazio mit einer vollen und brillanten Bariton-Stimme, die er mit Souveränität vorträgt: Seine Erregung steigert sich bis zum Wutausbruch in der Szene, in der er nach seinem Geldbeutel sucht, was allgemeine Begeisterung auslöst. Zaïcik ihrerseits bietet eine schelmische und einfallsreiche Fiametta oder auch Fichetto! Ihr solider und nuancenreicher Mezzo-Soprano ermöglicht es ihr, die verschiedenen Rollen mit Leichtigkeit zu spielen und selbst in der Pastiche-Arie „Agitata da due venti“ aus Vivaldis Oper Griselda, mit der sie Pancrazios in ähnlichen Zustand verspottet, lässt sie den Saal vibrieren.

Il Vecchio Avaro, Stefano Amori (Valletto) und Victor Sicard (Pancrazio) (c) Philippe Deval

 

Venedig 1723: Les Querelles des Bouffons…

Die Aufführung bereichert durch Gasparinis Intermezzo, war ein durchschlagender Erfolg im Teatro Sant’Angelo. Die Kunde verbreitete sich schnell und selbst Benedetto Giacomo  Marcello (1639-1739), der bissige Kritiker, Komponist und Autor der Broschüre Il teatro alla moda (1720) ließ sich zu einer Vorstellung verleiten: Und so war Lucrezia zur Diva geworden!

 

Als es jedoch um die Abrechnung ging, flammte die Rivalität zwischen Gasparini und Vivaldi wieder auf. Gasparini forderte seinen Anteil, doch Vivaldi weigerte sich mit der Begründung, er sei plagiiert worden und könne seinerseits Schadenersatz verlangen. Er erinnerte ihn  außerdem daran, dass er sein Theater und seine Lieblingsschülerin zur Verfügung gestellt hatte. Gasparini tief gekränkt, nannte Vivaldi darauf einen „alten Geizhals“.

 

So ist also die Uraufführung mit viel venezianischen Krawall beendet worden und wurde jedenfalls auch während einer umjubelten Wiederaufführung in einem neapolitanischen Theater von einem gewissen Pergolese besucht: Und dieser war wohl nicht gleichgültig!

 

Informationen: www. athenee-theatre.com  Tel.: + 33 / (0)1 53 05 19 19

 

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