Paris, Théâtre des Bouffes du Nord, Le Procès de Jeanne - J. Chemla, Y. Beaunesne, IOCO
DIE WORTE VON JEANNE SIND WIE REINE POESIE…
O Jeanne, sans tombeau et sans portrait, tu savais que le tombeau de héros est le cœur des vivants.
André Malraux (1901-1976)
Der berüchtigte Prozess gegen Jeanne…
Fast sechs Jahrhunderte nach ihrem Tod fasziniert Jeanne d’Arc (etwa 1412-1331) weiterhin, entfacht Leidenschaften und provoziert Kontroversen. Für die französische Schauspielerin und Sopranistin Judith Chemla sind Jeannes Worte während ihres Prozesses im Jahr 1431 „ein außergewöhnliches Zeugnis ihrer Meinungs-Freiheit, ihrer Stärke und ihres Humors angesichts ihrer Richter, für die sie nichts weiter als eine Manipulatorin und Lügnerin war“.
Chemla ist hier wieder mit dem französischen Regisseur Yves Beaunesne und dem französischen Komponisten Camille Rocailleux – das Trio war schon mit dem Theaterstück L’Annonce feite à Marie (1912) von Paul Claudel (1868-1955) am Théâtre des Bouffes du Nord im Jahre 2014 zusammen gekommen. Aus einem von der französischen Autorin Marion Bernède verfassten Libretto wurde Le Procès de Jeanne d’Arc (2024), die auf der Abschrift des Prozess-Protokolls von 1431 basiert und die Sprache und den Stil der damaligen Zeit wiederhergestellt hatte. Eine Form in der Art eines Oratoriums, in der Rede und Geschichte, Geschichte und Bedeutung, Bedeutung und Musik miteinander verbunden sind. Die Instrumentalisten und der Chor begleiten Chemla auf der Bühne, ebenso wie die Video-Installation des französischen Videoasten Pierre Nouvel, die die anderen Akteure dieses historischen Prozesses zum Ausdruck bringen.

Ein kurzes, tugendhaftes und mutiges Leben…
Oft sind es ganz normale Menschen, die uns inspirieren und uns durch außergewöhnliche Taten berühren. Dank ihnen spüren wir, dass Außergewöhnliches möglich ist. Jeanne war ein solches Beispiel: Eine ungewöhnliche Heldin, die uns bis heute inspiriert und fesselt.
Laut der britischen Historikerin Helen Castor (*1968): „Strahlt ihr Stern heller als die jeder anderen Persönlichkeit ihrer Zeit und ihres Ortes. Ihre Geschichte ist einzigartig und zugleich von universeller Bedeutung“ – Ein Auszug aus Castors Veröffentlichung Joan of Arc (2019)! Die Heilige, Schutzpatronin Frankreichs und Heldin ist eines der größten Vorbilder an Anstand und Mut in der gesamten abendländlichen Geschichte. Doch wie gelang es einer Analphabetin, selbst zu ihrer Zeit Anerkennung zu finden. Im Jahr 1412 erlebte Europa eine der dunkelsten Zeiten, unter anderem durch die mörderische und grausame Inquisition der Katholischen Kirche. Frankreich war ein geteiltes Königreich inmitten des Hundertjährigen Krieges und ein großer Teil seines Territoriums wurde von England beherrscht.
In diesem Jahr wurde Jeanne in Domrémy, einer kleinen französischen Stadt, geboren. Ihre Freunde aus Kindertagen sagten: „Jeanne war ein gutes Mädchen, einfach und liebenswürdig. Sie ging oft in die Kirche und zu heiligen Stätten“. Im Alter von 13 Jahren begann sie Stimmen zu hören, zuerst die des Erzengels Michael, dann die der heiligen Margareta von Antiochia (etwa 289-306). „Zuerst sagte er mir, dass ich ein gutes Mädchen sei und Gott mir helfen würde. Unter anderem forderte er mich auf, dem König von Frankreich schnellstens zur Hilfe zu kommen…“. So die französische Autorin Régine Pernoud (1909-1998) in ihrer Veröffentlichung: Jeanne d’Arc (1991).
Mit 16 Jahren verließ Jeanne ihr Elternhaus und begab sich zu der Festung in Vaucouleurs, um dort dem Kommandanten Robert de Baudricourt (1400-1454) zu bitten, sie zum Dauphin – dem französischen Thronfolger – zu bringen, damit sie ihm bei der Rückeroberung des französischen Throns helfen könne. Bei ihrem ersten Treffen bat Baudricourt darum, sie zurückzuschicken, damit ihre Eltern sie angemessen bestrafen könnten. Erst bei ihrem dritten Treffen, fast ein Jahr später, entschied der Kommandant, sie zu Charles VII. (1403-1461) zu schicken. Zu diesem Zeitpunkt hatte Jeanne bereits die Unterstützung der Bevölkerung gewonnen und ihre Eskorte hatte sich spontan gebildet.
In nur elf Tagen legte Jeanne mit ihrem unstillbaren Appetit rund 600 Kilometer durch englisches Gebiet zurück. Bei ihrer Ankunft in Chinon versuchte Charles VII. sie zu täuschen, indem er sich als Dauphin ausgab, doch Jeanne erkannte ihn sofort. Sie beeindruckte ihn noch mehr bei einem privaten Treffen, als sie ihm Dinge anvertraute, die seiner Meinung nur noch Gott wissen konnte. Trotzdem wurde sie nach Poitiers gebracht, um von Priestern und Gelehrten der Université de Paris untersucht zu werden: „Es ist nichts Schlechtes an ihr, nur Güte, Demut, Jungfräulichkeit, Hingabe, Integrität und Einfachheit“. Jeanne nannte sich selbst „Jeanne die Jungfrau“, ein Titel mit tiefer Bedeutung von Reinheit. Aus diesem Grund wurde sie in Poitiers auch einer Jungfräulichkeits-Prüfung unterzogen.
Nach ihrer Beurteilung stellte der Dauphin ihr eine Truppe zur Verfügung, um die Befreiung des von den Engländern belagerten Orléans zu befehligen. „Ich pflegte die Fahne in die Hände zu nehmen, wenn wir angriffen, um niemanden zu töten. Ich habe nie jemanden getötet“. Jeanne erklärte außerdem, sie ziehe „ihre Fahne ihrem Schwert vor“. Das Banner zeigte das Bildnis unseres Herrn, sitzend in den Wolken, mit zwei Engeln an seiner Seite. Es war weiß, mit Lilien verziert und trug den Namen Jesus und Maria.

Zur allgemeinen Überraschung befreite Jeanne in weniger als vier Monaten Orléans, gewann jede Schlacht und führte den Dauphin nach Reims zur Krönung – ohne sie undenkbar. Die Krönung Charles‘ VII. am 17.Juli 1429 veränderte den Lauf der französischen Geschichte und Jeanne trug maßgeblich zur Beendigung des Hundertjährigen Krieges bei, der jedoch einige Jahre später erneut ausbrechen sollte.
Wo immer sie war, hinterließ Jeanne mit ihrer Hingabe, Reinheit und ihrem großen Mut einen bleibenden Eindruck. Der royal Esquire Gobert Thibault (1385-1439) schrieb: „Jeanne war eine fromme Christin, sie ging jeden Tag gern zur Messe und empfing oft die Kommunion. Sie wurde sehr wütend, wenn sie jemanden lästern hörte […]! In der Truppe war sie stets in der Gesellschaft der Soldaten und ich hörte von ihren Vertrauten, dass diese sie nie körperlich begehrt hatten“.
Als Beweis für die Stärke ihrer Präsenz kamen schon bei ihrer ersten Schlacht viele „Krieger, bürgerliche Menschen aus Orléans, um sie zu empfangen, trugen eine große Anzahl von Fackeln und zeigten eine solche Freude, als hätten sie Gott selbst unter sich herabsteigen sehen […]. Sie fühlten sich jedoch bereits sehr getröstet und wie befreit von der göttlichen Gnade - die dieses einfache junge Mädchen, das Männer, Frauen und Kinder sehr liebevoll betrachtete - angeblich bewohnte. Es war eine wunderbare gewaltige Menge, die sich drängte, um sie berühren zu können…“.
Nach der Krönung des Dauphins zum König verlor Jeanne die Unterstützung, die sie zuvor genossen hatte. Infolgedessen wurde sie im Mai 1430 von den Franzosen, die die Verbündeten von England waren, gefangen genommen und an die Engländer verkauft. Zehn Monate lang war sie inhaftiert, ohne dass jemand versuchte, sie zu befreien! Jeannes Prozess dauerte vier Monate! Es wurde nichts gefunden, was sie belastete und sie verhielt sich die ganze Zeit über sehr hochmütig. Schließlich wurde Jeanne mangels Beweisen wegen Ketzerei verurteilt, weil sie „Männerkleidung“ trug, was sie als Verteidigung gegen mögliche Schikanen durch ihre Wärter rechtfertigte.
Am 30. Mai 1431 wurde Jeanne d‘Arc im Alter von 19 Jahren auf einem öffentlichen Scheiterhaufen lebendig verbrannt und ihre Asche wurde in die Seine gestreut. Die totale Freisprechung ihrer Person begann bereits schon 18 Jahre später dank der Aussagen von 115 noch lebenden Zeugen, darunter Adlige, Geistliche und Soldaten.

Im Jahr 1920, fast 500 Jahre später, wurde sie ohne je ein einziges Wunder getan zu haben, heiliggesprochen. Die Gründe für ihre Heiligsprechung waren: Die Stärke ihrer Frömmigkeit, die Klugheit ihrer Urteile, ihre Jungfräulichkeit, die Klarheit ihrer Liebe zum Vaterland, ihre Offenheit gegenüber den Stimmen aus dem Jenseits und ihre Unterwerfung unter Gott, in dessen Gegenwart sie ihr tägliches Leben verbrachte.
Ihre moralische Führungsrolle war offensichtlich, ebenso wie ihr Mut oder, auf Lateinisch coraticum (cor & aticum): Die Verbindung zwischen dem Wort cor (Herz) und dem Suffix aticum, das dazu dient, die Handlung des vorhergehenden Wortes anzuzeigen. Mut zählt zu den vier Kardinaltugenden menschlicher Vortrefflichkeit, die Platon (etwa 428-347 v. J.C.) folgendermaßen definierte: Klugheit (Weisheit), Gerechtigkeit, Mäßigung und Tapferkeit (Mut und Stärke). Für ihn ist das Herz der Sitz der Gefühle und Mut bedeutet das Handeln des Herzens. Jeanne verkörperte Mut wie keine andere in unserer Welt-Geschichte.
Die Pariser Premiere im Théâtre des Bouffes du Nord / Paris am 14. April 2026 :
Ein virtuoser Monolog der Freiheit…
Im Théâtre des Bouffes du Nord brilliert Chemla in diesem Monolog über den Prozess gegen Jeanne d’Arc. Sechs Jahrhunderte später hat der Text, der implizit die männliche Kontrolle über den weiblichen Körper offenbart, nichts von seiner Aktualität eingebüßt.
Vorbei sind die Zeiten der idyllischen Bilder der hübschen Hirtin, die auf dem Feld himmlische Stimmen vernimmt. Die Jeanne, die vor uns steht, sprengt Klischees mit kühner Modernität. Geboren in eine angesehene Familie – ihr Vater ein Gutsbesitzer, ihre Mutter die Erbin eines wohlhabenden Geschlechts aus der Stadt Domrémy – rebelliert sie während ihres gesamten Prozesses unentwegt gegen den ihr aufgezwungenen Status.

In ihrer für die damalige Zeit skandalösen Kleidung – einer purpurnen Jacke und Männerhosen – trat diese Jeanne d’Arc mit ihrer erfrischenden Unverfrorenheit ihren Richtern mit erstaunlicher Gelassenheit entgegen. Als Kämpferin in Geist und Wort, die die Engländer aus Frankreich vertrieb, zog sie es vor, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, anstatt ihre Überzeugung zu verleugnen. Hier sehen wir das Porträt einer wirklichen Heldin, die ebenso mythisch wie mystisch ist, einer Frau von unerschütterlichem Mut.
Chemla und Beaunesne hauchen diesem Prozess neues Leben ein, indem sie ihn als zeitgenössisches Oratorium inszenierten und so einen Dialog zwischen Jeannes scharfsinnigen Worten und der musikalischen Komposition von Rocailleux schaffen. Im Halbdunkel begleiten sechs Live-Musiker den fein ausgearbeiteten Text der Dramatikerin Bernède. Der Humor von Jeanne blitzt immer wieder auf, insbesondere als sie einen ihrer Inquisitoren, der sich über die göttliche Nacktheit Sorgen machte, mit ihrer Erwiderung zum Schweigen bringt: „Glauben Sie, Gott hätte nichts, womit er sich bekleiden könnte?“
Sie erscheint wie ein Geist auf der der Bühne: Zerzaustes Haar, bleiche Haut, ihre Männerkleidung nur schwach beleuchtet. Sie ist Jeanne d’Arc, eine Schlüsselfigur des Hundertjährigen Krieges, die von der heutigen extremen Rechts-Partei leider immer wieder vereinnahmt wird. Also auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Wahl, dass der Regisseur Beaunesne und die Schauspielerin Chemla in die Rolle der Jungfrau von Orléans schlüpfen! Wir denken natürlicherweise auch gleich an das bekannte Drama mit dem gleichen Titel (1801) von Friedrich von Schiller (1759-1805)! Basierend auf Original-Gerichts-Akten zeichnet Le Procès de Jeanne d’Arc akribisch die letzten Monate ihres Lebens.
Diese junge Frau, kaum 19 Jahre alt, die sich von den „Stimmen“ von Heiligen leiten ließ, die sie angeblich hörte, griff als Mann verkleidet, zu den Waffen, um die Engländer aus Frankreich zu vertreiben. Ihre Tat brachte ihr zwar dauerhaften Ruhm ein, zog aber auch den Zorn der Kirche auf sich, die diese Analphabetin, die behauptet, direkt mit Gott zu kommunizieren, missbilligte.
Auf der Bühne ist Jeanne allein und gezeichnet von ihrer Gefangenschaft - großartig interpretiert von Chemla - ! Die junge Frau liefert sich mit einem Dutzend Geistlichen einen überraschend virtuosen rhetorischen Wettstreit. Die Geistlichen selbst sind nicht auf der Bühne anwesend. Ihre beunruhigenden bedrohlichen Schatten, gefilmt von Nouvel, schweben im Hintergrund, zwei Meter über Jeanne. Diese brillante szenografische Entscheidung des französischen Bühnenbildners Damien Caille-Perret verdeutlicht unmittelbar Jeannes Einsamkeit angesichts dieser Schar von Männern, die entschlossen sind, sie zu fangen und zu verdammen. Vor allem aber rückt sie, die junge Frau in den Mittelpunkt und ihre Peiniger an den Rand: Eine weitere Form der Ehrung.
Ein Text von enormer Relevanz…
In äußerst gewalttätigen Dialogen befragen die Geistlichen die junge Frau nach ihrem Glauben. Welche Stimmen hört sie? Wie hat sie den König erkannt? Sie scheinen von ihrer „Männerkleidung“ besessen zu sein und drohen ihr sofort mit dem Verbrennen, sollte sie sich weigern, Frauenkleidung zu tragen! Woher kommt wohl diese Besessenheit? Wenn sie sich so kleidet, wird Jeanne ins Gefängnis geworfen und dort unweigerlich von den anderen männlichen Gefangenen sexuell missbraucht. Man stellt sie vor die Wahl: Vergewaltigung oder Scheiterhaufen! Fast unfreiwillig zur Feministin geworden, entscheidet sie sich für die Männerkleidung.
Ein weiterer überraschender Aspekt des Textes ist das Beharren dieser „Kirchenmänner“ darauf, dass Jeanne ihre Autorität anerkennt – und nicht die von Gott selbst. Ihr Wunsch ist eindeutig, über Jeannes Körper zu bestimmen, dieser Text von 1431 ist so erdrückend, dass seine starke Aktualität heute kaum zu übersehen ist.
Das Bühnenbild besticht durch seine Kühnheit: Ein achteckiger Gerichtssaal, in dem Jeanne den elf Richtern – Männern aus Kirche und Justiz – demonstrativ den Rücken zukehrt. Ihre Gesichter werden auf eine ebenfalls achteckige Videoleinwand projiziert. Die Heldin wendet sich somit dem Publikum zu, nicht ihren Anklägern – eine kraftvolle Metapher für ihren Widerstand, die jedoch eine perfekte Abstimmung zwischen der Stimme der Schauspielerin und den Videoprojektionen erfordert.
Wie schon gesagt, in der Titelrolle strahlt Schemla förmlich über die Bühne und verkörpert die ganze Modernität dieser protofeministischen Ikone. Ihre Stimme, mal ein mystisches Flüstern, mal ein Schrei der Wut, getragen von einer perfekt abgestimmten Partitur, porträtiert eine resolute und feurige Jeanne, eine 19-jährige mit starkem Charakter, weit entfernt von der heiligen und fügsamen Märtyrerin. Und seien wir ehrlich, sie singt dazu wirklich wunderschön und engelsgleich! Ihr gegenüber, im Video als Richter, spielt der französische Schauspieler Jacques Bonnaffé den unnachgiebigen Bischof Pierre Cauchon (1371-1442) von Beauvais, während der französiche Schauspieler Jean-Claude Drouot den Kanoniker von Rouen brillant verkörpert.
Ihnen gegenüber stand Jeanne! Die Schönheit ihrer Sprache, trotz ihres Analphabetismus, ihrer Unverfrorenheit und ihrer unerschütterlichen Überzeugung blieb ungebrochen. Es war diese Würde, die ihr den Pfahl einbrachte und die das Stück auf brillante Weise offenbart. Letztendlich enthüllt Le Procès de Jeanne eine weitere Facette dieser mittelalterlichen Ikone: Diejenige, die sich niemals von irgendjemanden die Bedingungen ihrer Freiheit diktieren lässt.
Die Schlussszene, in der Jeanne buchstäblich ausgeräuchert wird – und wir auch – bietet uns einen Moment purer Emotion! Heute Abend wurden wir Zeugen des Kampfes einer freien Frau gegen das Patriarchat, untermalt von einer herzzerreisenden Musik.
Karten und Auskünfte www.bouffesdunord.com Tel: + 33 / (0)1 46 07 34 50