München, Residenztheater, ÖDIPUS – Robert Icke, IOCO

Robert Ickes moderne „Ödipus“-Deutung verbindet Mythos, Psychologie und Gegenwart zu einem fordernden, intensiven Theaterabend. Barbara Horvath und Florian von Manteuffel glänzen in einer klugen Inszenierung zwischen Schicksal, Erkenntnis und Abgrund.

München, Residenztheater, ÖDIPUS – Robert Icke, IOCO
Residenztheater © Sandra Then

von Hans-Günther Melchior

Barbara Horvath, Florian von Manteuffel © Birgit Hupfeld

Ödipus
Robert Icke
nach Sophokles
Inszenierung Robert Icke
aus dem Englischen von Christina Schlögl

Schuldlose Verstrickungen

Ein nicht ganz einfacher Abend. Ödipus und Iokaste (meisterhaft dargestellt von Barbara Horvath und Florian von Manteuffel) kennt man ja noch aus der Schulzeit. Antigone auch. Aber man kennt nur die mythologische Fassung. Ödipus, der von der Mutter gerettet wird und bei einem Paar im Wald aufwächst, tötet seinen Vater, mit dem er in Streit gerät. Und er heiratet seine Mutter. Die Mythologie hält sich – natürlich – nicht lange bei psychoanalytischen Überlegungen auf. Freilich fehlen diese auch in der Bearbeitung des Stoffes durch Robert Icke nicht. Sie sind allerdings mitgedacht. Das männliche Kind etwa, das die Mutter begehrt, ist ein in der Psychoanalyse Freuds fest verankertes Prinzip.  

Bei Robert Icke wird das Stück in die Neuzeit übersetzt. Da gehen die Verstrickungen uns Zeitgenossen der Katastrophen und Schicksalsschläge, der Misserfolge und des Scheiterns persönlich etwas an und überschreiten gleichsam die Grenze des bloßen Bildungshintergrundes des Historischen und Literarischen. Ohne freilich jene andere Grenze im Hintergrund völlig zu vernachlässigen, die die Mythologie zieht, indem sie das Geschehen zum Menschheitsschicksal erhebt. Dass einer seine Mutter zur Geliebten macht und heiratet, ist freilich eher unwahrscheinlich. Sodass die Fassung von Sophokles ins Philosophisch-Tragische weist und im Grunde dort auch wie ein Lehrstück verbleibt, mehr jedenfalls als dass sie ins Praktisch-Alltägliche der psychoanalytischen Behandlung gehören will. Ödipus, der eigentlich nach seiner Geburt getötet werden soll, wird nach dem Wunsch der Mutter Iokaste von Pflegeeltern aufgezogen. Und zwar im Wald, fernab von der Einflusssphäre des Vaters. Von Metrope und Corin (Rita Russek und Michael Goldberg). Die Ziehmutter von Ödipus erzählt dem Kind, dass sie ihn im Wald gefunden habe. Als dies Iokaste von Ödipus erfährt, weiß sie noch nicht, dass es sich um ihren Sohn handelt. Iokaste wird Ehefrau des Ödipus. Die Uhr der Erkenntnis läuft sekundenweise ab und kennzeichnet das Fortschreiten der Erkenntnis seiner Mutter wie das nahende Ende. Die unerträgliche Gewissheit kommt spät: Er, mit dem ich schlafe und der mein Ehemann ist, ist gleichzeitig mein Sohn.

Dominikus Weileder, Volodymyr Melnykov, Rita Russek, Florian von Manteuffel, Barbara Horvath © Birgit Hupfeld

Da wäre die Fundgrube für Freuds Psychoanalyse. Die Mythologie hält sich freilich nicht damit auf. Das Schicksal ist unumkehrbar. Ehemann und zugleich Sohn ist freilich eine Konstellation, die schlechthin verboten ist. Sie ist jedoch eine Art mythologische und zugleich psychologische Konstellation. Jedenfalls, soweit man der Psychologie Freuds folgt, der die Liebe des Sohnes zur Mutter ausdrücklich als „ödipale“ Liebe zum Gegenstand seiner Psychologie gemacht und daraus Folgen abgeleitet hat. Aus der Mutter wird die Geliebte. Dieser, der Geliebte und inzwischen der Ehemann, „rutscht“, symbolisch den Geburtsvorgang darstellend, gleichsam über die sich hingebende Iokaste hinweg.

Da ist freilich Iokastes erster Ehemann Laos. Der Autor Robert Icke macht daraus eine dramatische eigene Geschichte. Er wird das Opfer eines – fingierten? – Verkehrsunfalls. Ödipus ergreift auf einer Autofahrt, offensichtlich angetrunken, das Steuer und verursacht einen schweren Verkehrsunfall, dem Laos zum Opfer fällt. Ödipus’ leiblicher Vater ist tot.

Wann ist die Wahrheit wirklich wahr? Sie ist wie viele Wahrheiten zumindest unerträglich. Iokaste, Mutter und zugleich Ehefrau desselben Mannes, verzweifelt an ihrem Schicksal. Sie erschießt sich. Ein vom Schicksal weggeworfener Mensch. Weltuntergang auf der Bühne: Dunkel, Feuerleuchten, Blut.

Volodymyr Melnykov, Michael Goldberg, Linda Blümchen, Florian von Manteuffel, Barbara Horvath, Dominikus Weileder, Rita Russek © Birgit Hupfeld

Das Schicksal. Die eigentliche Dramatik ist freilich dem gerade dargestellten Abschnitt des eindrucksvollen Stückes vorbehalten. Vor diesen, sich zunehmend unheilvoll entwickelnden Ereignissen, treffen sich gleichsam vorbereitend die Kinder des Ehepaars Antigone (Linda Blümchen), Polyneikes (Dominikus Weileder) und Eteokles (Volodymyr Meinykov) zusammen mit dem hinzukommenden Fahrer (Thomas Reisinger) an einem Tisch. Familiäres Zusammentreffen am Rande des Streites. Man merkt: Es kann nicht gut enden, was so beginnt. Das Schicksal deutet sich an. Nicht zu vergessen: eindrucksvoll Merope (Rita Russek), die Ziehmutter des Ödipus, Michael Goldberg als Corin und Robert Dölle als Kreon. Gleichsam streitbare Vorbereiter der zunehmend sich dem tragischen Ende nähernden Verzweiflung angesichts der Wahrheit. Das verlorene Glück. Das dem Abgrund zueilende Unglück.

Einhelliger Beifall für einen höchst beachtlichen, das Nachdenken herausfordernden Theaterabend.

Weiterlesen