Paris, Théâtre du Châtelet, Top Hat - I. Berlin, IOCO

Paris, Théâtre du Châtelet, Top Hat - I. Berlin, IOCO
Top Hat, Philip Attmore (Jerry) und Ensemble (C) Andrew Perry

22.04.2026

 

TOP HAT ODER DAS DOPPELLEBEN EINES KLASSIKERS…

 

Heaven, I’m in Heaven,
And my heart beats so that I can hardly speak.
And I seem to find the happiness
I seek
When we’re out together dancing, cheek to cheek.

 (Cheek to Cheek / 1935)

 

Himmel, ich bin im Himmel…

Irving Berlin (1888-1989), George Gershwin (1898-1937), Jerome Kern (1885-1945), Cole Porter (1891-1964) und Richard Rodgers (1902-1979) gelten als die Big Five des amerikanischen Musicals. Geboren am Ende des 19. Jahrhunderts, verkörpern sie die Moderne des 20. Jahrhunderts und begründeten das Broadway-Imperium, noch vor Leonard Bernstein (1918-1990) oder Stephen Sondheim (1930-2021). Als Schöpfer der Klassiker des Great American Songbook – jener Songs, die einen besonderen Platz im kollektiven Gedächtnis der anglo-amerikanischen Bevölkerung einnehmen – wurden sie alle in den letzten Jahren im Théâtre du Châtelet aufgeführt, mit Ausnahme von Berlin. Er kam 1888 in der Lower East Side von New York zur Welt und war eines der vielen Kinder eines Synagogen-Kantors, die aufgrund der Pogrome unter Zar Alexander III. (1845-1894) aus Russland fliehen musste. Berlin machte die Musik schnell zu seinem Hauptberuf!

 

Berlin, Autor und Komponist von fast 1500 Songs, darunter White Christmas (1956) und God Bless America (1918/1938), schrieb auch den Hit Cheek to Cheek aus seiner berühmtesten Musical-Komödie Top Hat, einem Film von 1935 unter der Regie von Mark Sandrich (1900-1945) mit Fred Astaire (1899-1987) und Ginger Rogers (1911-1995) in den Hauptrollen, der sofort als sein Meisterwerk gefeiert wurde. Das französische Publikum kannte ihn unter dem Titel Le Danseur du dessus (Der Tänzer von oben) und die Handlung erklärt diese Übersetzung: Der amerikanische Tänzer Jerry Travers gibt seinem britischen Produzenten eine Stepptanz-Vorführung und weckt dabei seine Nachbarin Dale Tremont aus dem Erdgeschoss auf. Als sie nach oben geht, um sich über den Lärm zu beschweren, ist es Liebe auf den ersten Blick und der Rest der Handlung, die in Venedig spielt, wird das Publikum mit der detailgetreuen Nachbildung der Dogenstadt in einem prächtigen Pappkulissenbild begeistern. Dank eines geschickten Wechsels der Tanznummern und  eines grandiosen Schluss-Ballett hat die Musical-Adaption von Top Hat nichts von diesem großen Hollywood-Erfolg eingebüßt.

 

Lasst uns der Musik ins Auge sehen...

Wir sind eingeladen, das musikalische Äquivalent von feinstem Champagner zu genießen… prickelnd, raffiniert und berauschend, Top Hat ist ein betörender romantischer Cocktail, verfeinert durch geistreiche Dialoge, atemberaubende Choreografien, prachtvolle Bühnenbilder und großartige Kostüme. Die unwiderstehliche Filmmusik von Berlin enthält einige der berühmtesten Songs von Hollywood, darunter Cheek to Cheek, Let’s Face the Music and Dance, Top Hat, White Tie and Tails und Puttin‘ on the Ritz.

Top Hat, Nicole-Lily Baisden (Dale) und Philip Attmore (Jerry) (C) Andrew Perry

 

Bei seiner Ankunft in London, um eine neue Show zu kreieren, kreuzen sich die Wege des berühmten Broadway-Stars Jerry Travers und dem bekannten Modell Dale Tremont, deren erholsamer Schlaf jäh durch Jerrys Stepptanz in der Hotelsuite direkt über ihrem Kopf unterbrochen wird. Sofort von ihr fasziniert, schwört Jerry, sein Junggesellenleben aufzugeben, um die schöne Frau für sich zu gewinnen.  Doch der Weg zur wahren Liebe ist lang und bekanntlich nicht ohne Hindernisse! Vor allem, da Dale den berühmten Jerry mit Horace verwechselt! Zu allem Unglück  hat  sein  Produzent alle Hände voll zu tun, den Zorn seiner resoluten Ehefrau Madge zu vermeiden. Dazu möchte auch ein glühender italienischer Verehrer namens Alberto Beddini die schöne Dale unbedingt nach Venedig entführen, um ihr dort seine Haut-Couture-Kollektion zu präsentieren.

 

Die Bühnenfassung, die auf dem legendären Film von 1935 - mit den beiden berühmten Hollywood-Stars Astaire und Rogers in den Hauptrollen -, basiert, erhielt bei ihrer West-End-Premiere den Olivier Award 2013 für die beste neue Show und zusätzlich den Evening Standard Award 2013 für den besten Abend. Die amerikanische Film- und Bühnen-Regisseurin und Choreografin Kathleen Marshall (*1967), deren Inszenierung des Musicals Anything Goes (1934) von Porter mit einem Libretto der beiden amerikanischen Autoren Guy Bolton (1884-1979) und Pelham Grenville Wodehouse (1881-1975) bereits schon in London und desgleichen auch im Fernsehen mit dem Olivier Award 2020 und einem Tony Award 2020 ausgezeichnet wurde, sowohl das Publikum und die Kritik waren äußerst begeistert, kehrt nun für diese neue und extravagante Produktion zurück.

 

Ein legendäres Paar…

Als Astaire und Rogers: Top Hat drehten, war das Leinwand-Paar bereits legendär. Doch erst Sandrichs Film, ihr vierter innerhalb von drei Jahren, festigte den Status der beiden Stars und besiegelte, trotz mitunter turbulenter Dreharbeiten, den Mythos und ihr ikonisches Image. Die Eröffnungsszenen des Vorspanns belegen dies mit ihrer Nahaufnahme der wirbelnden Füße der Tänzer, deren Namen eingeblendet werden, während das Orchester das Eröffnungsmedley einsetzt und so gekonnt die drei schon mythischen Songs des Films Top Hat, White Tie  and Tails und Cheek to Cheek spielt, mit denen die Stars später für immer in Verbindung gebracht werden sollten. Noch bevor die eigentliche Geschichte beginnt, wird eine weitere Fiktion präsentiert, die mit dem Aufstieg eines Stars und dem für das Hollywood-Kino  typischen mythologischen Prozess verknüpft ist. In nur wenigen Einstellungen wird ein Stil in Symbolen verkörpert: Gingers Robe, Freds Spazierstock und Zylinder, ein Zeichen der raffinierten Eleganz dieses unvergesslichen Paares. Erwähnungswert ist dabei auch der symbolische Wandel! Die Kleidung der beiden Stars dient nicht länger als soziales Status-Symbol, sondern wird zum Ausdruck einer weitaus legitimeren Überlegenheit der Kunst und nicht der Abstammung, gemäß einem in Amerika hochgehaltenen Werte-System. Dieser sozio-kulturelle Subtext, der in der Thackeray Club-Szene offenbart wird, bildet den roten Faden von Top Hat und artikuliert die vielfältigen Spannungen des Films, indem er ein verkrustetes, elitäres und eitles altes Europa dem jungen, dynamischen und aufstrebenden Amerika gegenüberstellt.

2 Top Hat, Philip Attmore (Jerry) und Ensemble (C) Andrew Perry

 

Das ist die eigentliche Fiktion des Films. Die Handlung selbst ist von geringer Bedeutung! Obwohl Top Hat oft für seine fließenden Übergänge gelobt wird, sodass manche Kritiker darin die Anfänge des sogenannten „integrierten“ Modells sehen, das für das goldene Zeitalter der Musicals am Broadway und in Hollywood charakteristisch war, basiert er tatsächlich auf einem höchst traditionellen Szenario: Einer Romanze mit turbulenten Verwechslungen, in der es nur so von Missverständnissen wimmelt. Die Geschichte ist sehr bekannt! Jerry, ein erfolgreicher amerikanischer Tänzer, wird von seinem Produzenten Horace Hardwick nach London eingeladen, wo er auftreten soll. Eines Abends verliebt er sich in Dale Tremont, als er sie mit einer mitreißenden Stepptanz-Einlage wachhält. Dale erliegt allmählich seinem Charme, doch ein Missverständnis droht ihre Romanze zu zerstören: Die schöne Tänzerin hält ihren Verehrer für den Ehemann ihrer Besten Freundin Madge, der Frau des Impresarios. Hin- und hergerissen zwischen ihrer  (eingebildeten)  Pflicht und ihren (sehr realen)  Wünschen, schafft Dale selbst zahlreiche Hindernisse für die Romanze, ähnlich wie manche William Shakespeare (1564-1616) -Heldinnen, die  teilweise auf dem antiken Vorbild  der Old Comedy basieren und deren Themen in den Hollywood-Komödien über Wiederverheiratung der 1930er-Jahre, der Zeit von Top Hat, widerhallten. Das Happy End mag vorhersehbar erscheinen!  Aber das spielt ja keine Rolle! Die Geschichte ermöglichte vor allem die Einbindung von Gesangs- und Tanzeinlagen, die das immense Talent der Darsteller und die Expertise des RKO-Künstlerteams unter Beweis stellten, deren Kostüme und Bühnenbilder die perfekte Kulisse für die musikalischen Sequenzen bildeten.

 

Wie lässt sich ein solcher Klassiker auf der Bühne wiederbeleben? Die Herausforderung ist zweifach: Adaptieren ohne zu kopieren, reproduzieren ohne zu verfälschen! Dieser Herausforderung stellt sich Marshall mit ihrer neuen Inszenierung von Top Hat, bei der sie die Regie und Choreografie übernimmt. Das Libretto stammt von den amerikanischen Autoren Matthew White (*1959) und dem Co-Autor Howard Jacques (*1964) aus dem Jahr 2011. Tatsächlich sind 76 Jahre vergangen, seit dieses Juwel des klassischen Hollywood-Films verfilmt wurde. Weit entfernt von nostalgischer Wiederbelebung, passt Marshall ihre Inszenierung  den Gegebenheiten der Bühne an und erweist dem Film eine dreifache Hommage: Natürlich dem Film selbst, aber vor allem den Künstlern, die ihn geschaffen haben und der reichen amerikanischen Tradition, die sie widerspiegelt.

 

Zwischen Hommage und (Re)Inkarnation…

Zunächst natürlich eine Hommage an den Film, in dem der Zuschauer mit Vergnügen jedes Detail wiederentdecken wird: Von den Dialogen, die fast wörtlich zitiert werden, bis hin zur Art-Deco-Ästhetik, die für das Studio charakteristisch ist und auch durch die Kulissen  des amerikanischen Bühnenbildners Peter McKintosh (*1967) geschickt evoziert wird, nicht zu vergessen das berühmte Federkleid entworfen von der talentierten britischen Kostümbildnerin Yvonne Milnes (*1937), das Rogers in der Tanz-Szene Cheek to Cheek trägt, zweifellos das meistkommentierte Kleidungsstück in der gesamten Geschichte des Films. Hommage vor allem an die Schöpfer! Die Erhöhung des Theaterformats auf 2 Stunden und 40 Minuten Aufführungs-Dauer gegenüber 1 Stunde und 40 Minuten für den Film, erlaubt es den Librettisten das Quellen-Material zu erweitern, indem sie aus dem immensen Repertoire von Berlin schöpfen. Dem Begründer des Broadway-Musicals, der laut Kern, einer weiteren Größe des Genres, die amerikanische Musik schlechthin verkörperte! Zu den fünf Original-Nummern, die zu großen Klassikern geworden sind, fügen White und Jacques neun weitere hinzu, die die Nebenrollen ausarbeiten und die emotionale Bandbreite erweitern. Gleichzeitig stärken sie die stimmliche Präsenz der Figur von Dale, deren Solo-Nummern von Wild about You und Better Luck Next Time dazu beitragen, die Geschlechter-Dynamik, die in der neuen Version weniger asymmetrisch ist, auszugleichen. Darüber hinaus durchdringt ein ganzer filmischer und musikalischer Intertext die Neuinszenierung, von Follow the Fleet (1936) Film von Sandrich bis Royal Wedding (1951) Film von Stanley Donen (1924-2019), subtil evoziert in No Strings im 1. Akt, wo der Humor diesmal mit meta-textuellen Bezügen angereichert wird: Jarry tanzt nicht mehr mit einer Frauenbüste wie im Film, sondern mit einem hölzernen Garderoben-Ständer, ein Zitat aus Sunday Jumps, Astaires berühmter Nummer und eine selbstreflexive Anspielung auf die eigene Abneigung des Stars, sich auf eine romantische Partnerschaft einzulassen.

Top Hat, Philip Attmore Jerry) und Ensemble (C) Johan Person

 

Noch interessanter ist das Hinzufügen von Puttin‘ on the Ritz am Anfang. Der Track, der gleichsam doppelt aufschiebend wirkt, führt sofort zu Jarrys amerikanischer Arbeiterklassen-Identität sowie Berlins wiederkehrende Themen der sozialen Interaktion und des Kleidungs-Rituals ein. Insofern nehmen die Songs Top Hat und White Tie and Tails das vorweg, was sich unter dem Deckmantel einer Faszination für Eliten in subtil satirischer Manier präsentiert. Dies belegen Berlins Texte, eine subtile Mischung aus raffinierten Formulierungen und umgangssprachlichen Ausdrücken, die uns einladen, die Künstlichkeit unter der Oberfläche zu erkennen, in einer Umgebung, die „von Raffinesse durchdrungen ist“„an atmosphere that simply reeks with class“-. Wie schon der Film zuvor, wird auch das Musical beständig gesellschaftliche Konventionen untergraben und ihnen neue Energie zu verleihen: Die des Tanzes und des Jazz, die sich als neuer Standard etabliert haben. So wird Jerrys Gehstock, ähnlich der Zylinder, nicht wegen des Status geschätzt, den er symbolisiert, sondern wegen seines perkussiven Potenzials.

 

Wenn Top Hat diesen kanonischen Punkt erreicht hat, liegt das vielleicht daran, dass in ihm ein Prozess symbolischer Sublimierung stattfindet, der einer langen amerikanischen Tradition entstammt. Verbunden mit der rohen, überschäumenden, wenn auch manchmal unreifen Energie einer langen marginalisierten volkstümlichen Kultur, wird der Stepptanz nun zum Symbol einer Vitalität, die dem Land, in dem er seinen Ursprung hat, innewohnt. Indem Jarry / Astaire Zylinder und Frack anlegt, erlangt er und die von ihm verkörperte Volks-Kultur für immer ihre Anerkennung, ohne etwas von ihrer Leidenschaft einzubüßen. In Marshalls Inszenierung, die dem Stepptanz eine zentrale Rolle einräumt, genau wie die Choreografin es bereits 2011 und 2021 brillant für die Wiederaufführung von Anything Goes getan hat, ist die Sublimierung zweifach. Indem Marshall die Rolle des Jarry an Phillip Attmore (*1984), einem Künstler afrikanischer Abstammung aus Kalifornien, der bereits dreimal mit dem renommierten Astaire Award ausgezeichnet wurde, vergibt sie nicht einfach nur etwas banales, sondern sie enthüllt in der Hommage an den Hollywood-Star die afro-amerikanischen Wurzeln des Jazz und des Stepptanzes: Die Quelle des modernen Tanz! Die Wurzeln dieser Künstler wurden lange Zeit verdrängt, trotz der historischen Rolle von Tänzern wie Bill Robinson (1878-1949) in der Entwicklung des Genres und die Ausbildung von jungen Künstlern, sowohl am Broadway als auch in Hollywood. Nicht, dass Astaire dies geleugnet hätte, ganz im Gegenteil! Er hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, in den 20er-Jahren häufig die Cabarets in Harlem besucht zu haben, oft in Begleitung von Gershwin. Doch in einer Zeit, in der segregierte Schwarze keinen Platz hatten, waren die Möglichkeiten für Künstler afrikanischer Abstammung sehr rar. In einem Interview im September 2025 räumte Attmore die politische Bedeutung dieser Besetzung ein, die ihm wie er sagte: „Die Möglichkeit bot, das Andenken an jene Künstler zu ehren, die zur gleichen Zeit wie Astaire lebten, aber nicht von der gleichen Sichtbarkeit profitierten“. Durch die Reinkarnation von Jerry, erbt er eine lange Reihe einflussreicher, aber oft marginalisierten Tänzerinnen und Tänzer, von RobinsonsBojangles“ über die Nicholas Brothers: Fayard Nicholas (1914-2006) und Harold Nicholas (1921-2000) bis Gregory Hines (1946-2003), die Attmore in einem hybriden, gleichermaßen populären wie anspruchsvollen Stil wieder zum Leben erweckt, ganz im Geiste des Genres. Neunzig Jahre nach der Gala-Premiere des Films findet Top Hat endlich zu seinen Wurzeln wieder zurück und gibt ihnen ihren rechtmäßigen Platz in der amerikanischen musikalischen Mythen-Bildung zurück.

Top Hat, Nicole-Lily Baisden (Dale) und Philip Attmore (Jerry) (C) Andrew Perry

 

Die Aufführung im Théâtre du Châtelet am 22. April 2026:

 

Top Hat: Eine erhabene Rückkehr zu seinen Wurzeln …

Das Musical Top Hat wird im Théâtre du Châtelet in einer farbenfrohen, leicht politischen und aufregenden Version aufgeführt.

 

Inspiriert von dem legendären Film Top Hat aus dem Jahre 1935 unter der Regie von Sandrich mit Astaire und Rogers in den Hauptrollen, erinnert diese Adaption direkt aus London unter der Regie von Marshall auf subtile Weise an die afro-amerikanischen Wurzeln des Jazz und des Stepptanzes und bringt in diesem Abenteuer ein außergewöhnliches Duo von Künstlern afrikanischer Abstammung zusammen: Baisden als Dale Tremont und Attmore als Jerry Travers.

Top Hat, Emma Willams (Madge) und Alex Gibson-Giorgio (Alberto) (C) Johan Persson

 

Mission erfüllt: Die Botschaft kommt mit Finesse und Witz, in einem rasanten Tempo und auch sehr mitreißend herüber, untermalt von Berlins Hits wie Let’s Face the Music and Dance, Puttin‘ on the Ritz und dem Klassiker Cheek to Cheek. Natürlich darf der Stepptanz nicht fehlen! Doch hier knallen nicht nur die Schuhe, sondern auch die Türen! Top Hat ist eine wahre Farce, fest in der Tradition des Genres verwurzelt. Alle Zutaten sind vorhanden: Missverständnisse, eine temperamentvolle und gerissene Ehefrau, ein tollpatschiger Liebhaber, ein ungezogener Diener… und das Rezept ist köstlich: Beste Unterhaltung!

 

Romantische Missverständnisse…

Die Handlung von Top Hat ist alles andere als revolutionär: Jerry, ein gefeierter Varieté-Star und überzeugter Junggeselle, weckt eine junge Frau im Hotelzimmer unter ihm auf. Als er sie kennenlernt, erliegt er ihrem Charme und verfolgt sie unerbittlich. Nach mehreren Versuchen verliebt auch sie sich in ihn. Doch eine Reihe von Missverständnissen lässt sie glauben, er sei der Ehemann einer ihrer besten Freundinnen. Daraufhin flieht sie nach Venedig, wo Jerry sie sucht. Nach einigen turbulenten Wendungen und einem skurrilen Ende finden die beiden Paare inmitten von Musik und Tanz wieder zueinander.

 

Die Kraft der Musik…

Um das etwas angestaubte und mitunter problematische Drehbuch, das nicht gerade die Stärke der Show ist, auszugleichen, können wir uns glücklicherweise auf Tanz und Musik verlassen. Das Publikum weiß das genau: Es kommt vor allem wegen des Stepptanzes und des Jazz! Berlins Partitur ist voller Melodien, die die amerikanische Musik der1930er-Jahre prägten und zu Standards wurden. Die Show beginnt mit einer grandiosen Nummer Puttin‘ on the Ritz – ein Song, der im Film fehlte und für diese Bühnenproduktion hinzugefügt wurde -, und der erste Akt entfaltet sich nahtlos, indem er fließend von Berlins Standards zu Tanznummern übergeht, die das Publikum begeistern. Er endet mit einer prachtvollen Ensemble-Nummer mit den Songs Top Hat und White Tie and Tails. Der zweite Teil ist erzählerischer, wobei der Stepptanz anderen Klassikern wie Cheek to Cheek, dem Hit der Show weicht, dessen Live-Aufführung mit einem Orchester unter der Leitung von Matthew Spalding (*1984) eine wunderbare Wiederentdeckung ist.

Top Hat, Emma Williams (Madge) und Clive Carter (Horace) (C) Andrew Perry

 

Die nächste Generation…

Die Darsteller strotzen vor Talent und der für die Amerikaner so typischen Perfektion: Die Tanznummern sind makellos, der Gesang perfekt intoniert und die Inszenierung sehr einfallsreich. Das Publikum muss sich einfach von der Energie und dem Humor der Show mitreißen lassen.

 

Top Hat ist in erster Linie ein Film, der die Karrieren des Duo Astaire und Rogers prägte: Jedoch die beiden Hauptdarsteller heute Abend sind wahre Multi-Talente, die Tanz, Schauspiel und Gesang makellos beherrschen und damit verdienterweise in die Fußstapfen dieses legendären Paares treten. Auf der Bühne des Théâtre du Châtelet konnten wir die hinreißende Baisden und dem Star des Abends Attmore bewundern, die diese Herausforderung mit Bravour meisterten. Mit Attmore wird das Publikum mit seiner brillanten Technik verwöhnt! Als wahrer Meister des Rhythmus beeindruckt er mit seiner virtuosen Fußarbeit  un seiner stimmlichen Leichtigkeit. Obwohl es immer schwierig ist, sich mit Astaire zu vergleichen, übertrifft Attmore diese, indem er der Figur eine erfrischende Verspieltheit verleiht. Seine Leistung ist umso bemerkenswert, als sie ständige Ausdauer erfordert: Er zeigt phantastische Energie und eine atemberaubende Atemkontrolle, um die Show zu tragen, insbesondere während des ersten Akts, in dem seine Figur praktisch nie die Bühne verlässt.

 

Zu diesem Hauptpaar gesellen sich noch auf der Bühne Horace Hardwick interpretiert von Clive Carter(*1968) und die großartige Emma Williams (*1983) als Madge Hartwick, die Ehefrau von Horace, von der wir gerne mehr gesehen hätten. Begleitet werden sie von James Clyde (*1961) als Diener Bates, der – ganz in der Tradition der Commedia dell’arte – für komische Momente sorgt und auch Alberto Beddini interpretiert von Alex-Gibson Giorgio (*1975), der aber nicht immer  überzeugend als der italienische Verehrer war.

Top Hat, Nicole-Lily Baisden (Dale) (C) Andrew Perry

 

Ein Bühnenbild im Stil des RKO-Studios…

Sie bewegen sich in einer Ambiente, das der Ära des Films alle Ehre macht: Inspiriert vom Art-déco, mit Neon-Lichtern, wird das Publikum durch einfache Assoziationen und großem Einfallsreichtum von der Hotel-Lobby ins Schlafzimmer, von London nach Venedig entführt. Es fühlt sich an, als betrete man das Bühnenbild aus dem Broadway-Musical 42nd Street (1980) oder aus dem gleichnamigen Film (1933) von Busby Berleleys (1895-1976) mit ihrer charakteristischen Gestaltung aus Bögen und wechselnden Ebenen. Es funktioniert wunderbar, wobei die makellose Licht-Inszenierung von Tom Mitchell (*1998) besonders hervorzuheben ist. Die Bühnenfassung lässt die perfekten und luxuriösen Interieurs der RKO-Filme wiederaufleben. Die Kostüme sind ebenso beeindruckend: Von Morgenmänteln bis hin zu Abendkleidern – das Publikum ist begeistert und bestens unterhalten!

 

Superlative, Extravaganz, unbeschwerte Vaudeville-Attitüde und andere Klischees der Musical-Komödie gibt es im Überfluss – Top Hat ist weder revolutionär noch besonders innovativ, doch seine makellose Inszenierung wird den Liebhaber dennoch begeistern: Für alle Fans von Astaire-Filmen, Stepptanzbegeisterte und Anhängern des Jazz der 193Oer-Jahre ist Top Hat eine wahre “Madeleine“ nach Marcel Proust (1871-1922), die man unbeschwert genießen sollte.

 

Und doch wie wir schon berichtet haben, ist es auch eine äußerst  unterschwellige Show von extremer politischer Aussage… 

 

Auskünfte und Kartenverkauf: www.chatelet.com und Tel: +33 / (0)1 40 28 28 40

 

 

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