Mannheim, Rosengarten, 7. AKADEMIEKONZERT – Strauss, Mozart, IOCO

Richard Strauss’ monumentale Klangwelten entfachen in Mannheim ein rauschhaftes Konzert-Erlebnis: Roberto Rizzi Brignoli und das Nationaltheater-Orchester begeistern mit „Till Eulenspiegel“, Mozarts c-Moll-Konzert und „Also sprach Zarathustra“.

Mannheim, Rosengarten, 7. AKADEMIEKONZERT – Strauss, Mozart, IOCO
Der Rosengarten von Mannheim, Spielstätte der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

von Uschi Reifenberg

Richard Strauss (1864–1949)
Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28

Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)
Konzert für Klavier und Orchester c-Moll KV 491

Richard Strauss (1864–1949)
Also sprach Zarathustra
Tondichtung für großes Orchester op. 30

 

GMD Roberto Rizzi Brignoli
Alfredo Perl
, Klavier
Nationaltheater-Orchester

Im Rausch der Klangfarben

Auch die Einführungsveranstaltungen vor den Akademiekonzerten erfreuen sich zunehmend größter Beliebtheit. Eine schöne Tradition ist es, wenn Interviewpartner einzelne Musiker des Nationaltheater-Orchesters aus der Abendbesetzung vorstellen, und sich im lockeren Gespräch über das kommende Konzertprogramm austauschen, um die Musiker und ihre Instrumente näher kennenzulernen. Hans Hachmann, langjähriger Musikredakteur des SWR, hatte diesmal Patrik Koch zu Gast, erster Soloklarinettist des NTO und ehemaliger Geschäftsführer der Musikalischen Akademie. Seit zehn Jahren ist Patrik Koch Mitglied des NTO. Er plauderte humorvoll aus seinem reichen Erfahrungsschatz, gab Anekdoten zum Besten, erzählte von seiner Freude am Komponieren und Dirigieren und verriet seine Leidenschaft für Klezmer-Musik. Das Publikum erhielt darüber hinaus Einblick in die verschiedenen Klarinettenarten, welche Instrumente beispielsweise in Strauss’ riesig besetzten Tondichtungen gleich zu hören sein werden: Besetzt sind Klarinetten in Es, B und D sowie Bassklarinette, die Partituren sind gespickt mit enorm schweren Klarinetten-Motiven und stellen höchste Anforderungen an die Spieler. Bei Patrik Koch ist die Musik auf jeden Fall in besten Händen.

Till Eulenspiegels lustige Streiche

Die Strauss’schen Tondichtungen, neun an der Zahl, genial instrumentiert, gehören zum Effektvollsten und Mitreißendsten, was die Sinfonische Literatur zu bieten hat. „Till Eulenspiegel bei den Schildbürgern“ hätte eigentlich eine Oper werden sollen, aber Richard Strauss, der unangefochtene Vollender der Sinfonischen Dichtung, hatte es sich anders überlegt und erzählte die Schelmenstreiche des mittelalterlichen Spaßmachers lieber in Form einer grandiosen Tondichtung, „nach alter Schelmenweise in Rondeauform; für großes Orchester gesetzt“, 1893/94 komponiert. Die Streiche der subversiven Till-Eulenspiegel-Figur wurden 1510 erstmals in einem Volksbuch erwähnt, ein Quertreiber in der Maskierung des Narren, der den Spießbürgern einen Spiegel vorhält, sie durch Wörtlich-Nehmen ihrer Sprache vorführt, lächerlich macht, und dadurch Missstände aufzeigt. Vier Streiche lässt der Komponist seine ZuhörerInnen erleben: In der ersten Episode reitet Till in die Töpfe keifender Marktweiber, dann predigt er als Mönch verkleidet den Pfaffen und Philistern, in der dritten Episode nähert er sich vergeblich einem Mädchen und blitzt bei einem Gelehrtenkreis ab. Am Ende wird das Todesurteil am Galgen über ihn verhängt.

Ob es vollstreckt wird, wissen nur der Schelm und sein (musikalisches) Thema selbst.

GMD Roberto Rizzi Brignoli und das Nationaltheater-Orchester machten mit diesen beiden Tondichtungen ihrem Ruf als Strauss-Spezialisten erneut alle Ehre. Lebensfroh und augenzwinkernd kommt diese fünfzehnminütige Burleske daher, in der sich der Komponist Strauss selbst verbirgt, vor allem, wenn er Wagners Tristan-Akkord in den Themen des Till persifliert: nicht langsam und schmachtend, sondern frech und ironisch.

Roberto Rizzi Brignoli ist hier in seinem Element: Mitreißende Energie und dramatische Wucht, gewürzt mit viel Ironie, lassen die Abenteuer des Schalks zu einem lebendigen Klangfarben-Feuerwerk werden, das die Orchestermusiker mit der ihnen eigenen Exzellenz präsentieren.

Nach dem erwartungsvollen, samtig weich gespielten Prolog „Es war einmal ein Schalksnarr“ legt sich das Hornsolo mit dem ersten, extrem schwierigen Till-Thema ins Zeug: Die synkopischen Verschiebungen mit dem riesigen Tonumfang, im Tempo steigernd, wurden brillant ausgeführt und gaben – zusammen mit dem kurzen, lustigen Klarinetten-Motiv – der unangepassten und ambivalenten Persönlichkeit Tills – Profil. Als Leitmotive irrlichtern sie in Rondeaumanier durch die farbige, kontrastreiche Partitur, die Rizzi Brignoli mit üppiger Leuchtkraft, dramatisch und illustrativ vielgestaltig auffächert. Temperamentvoll und energetisch hochgestimmt, formte der Dirigent einen kompakten Klang, betonte die Opulenz der idiomatischen Strauss’schen Melodik und reihte die kapriolenhaften Themen und zerrissenen Motivfetzen in schneller Folge aneinander. Am Ende drängen sich die Posaunen nach vorn und verkünden in düsterer Attitüde das Todesurteil Tills. Der aber dreht noch mal eine lange Nase.

Roberto Rizzi Brignoli, Dirigent © Miina Jung

Klavierkonzert

Zwischen den sinfonischen Dichtungen glänzte das Klavierkonzert in c-Moll KV 491 von Wolfgang Amadeus Mozart, für Strauss der „göttlichste aller Komponisten“, ein Verwandter im Geiste und in der Seele, dem er sich lebenslang verbunden fühlte. Das c-Moll-Konzert ist neben dem d‑Moll‑Konzert KV 466 das einzige Klavierkonzert Mozarts in einer Moll-Tonart und weist in seinem düster-dramatischen Gehalt bereits auf Beethovens c‑Moll‑Klavierkonzert voraus, atmet deutlich romantischen Geist, auch die Orchesterbesetzung ist eine der größten: Oboen, Fagott, Hörner, Trompeten, Pauke und – hier vorgeschrieben – Klarinetten.

Alfredo Perl war als Solist im c-Moll-Konzert zu erleben, ein Feingeist, der Mozarts Klavierpart hochkultiviert, ausgewogen und stilsicher durchdrang. Der Pianist spürte mit verhaltener Expressivität der Dramatik nach und verlegte sich ganz auf die Schönheit des Klangs, ließ Basslinien deutlich hervortreten, spielte hochkonzentriert, oft mit geschlossenen Augen.

Wunderbar melodisch perlten die ausformulierten Läufe und harmonischen Wendungen, er dialogisierte mit dem Fagott und verband sich perfekt mit dem Orchester, das Rizzi Brignoli in den Tutti mit opernhafter Dramatik aufleuchten ließ. Der zweite Satz bewegte durch schlichte Kantabilität. Perl gestaltete sprechende Linien, die anmutig über dem warmen Streichersatz geführt wurden. Der luzide Dialog mit den delikaten Holzbläsern wurde fein balanciert, die Moll-Wendungen führen in Mozartsche Seelentiefen, die hier aber leider den Anflug jeglicher Trauer und Tragik vermissen ließen. Der dritte Satz mit seinen vielgestaltigen Variationen, Kontrapunktik und Fugati, führt hinein in Mozarts reichhaltiges Universum. Perl zelebrierte Arpeggien, virtuose Linien, die elegante Virtuosität mit natürlichem Gestus verbanden, und krönte mit der Kadenz den Höhepunkt seiner pianistischen Gestaltungskunst. Als Zugabe glitzerte das erste Impromptu von Chopin ätherisch in heller As-Dur-Farbigkeit.

Alfredo Perl, Klavier © Marco Borggreve

Also sprach Zarathustra

Jeder kennt sie: die berühmteste Eröffnungsfanfare der klassischen Musik, ihre Bedeutung als popkulturelles Klischee und ihren inflationären Einsatz in Film, Fernsehen, Sport, Werbung …

Am bekanntesten wurde sie wohl durch Stanley Kubricks Filmklassiker „2001: Odyssee im Weltraum“. Vielfache Deutungsebenen bieten diese ikonischen Takte, deren einfaches Dreitonmotiv so wirkmächtig und elektrisierend nie zuvor komponiert wurde wie von Richard Strauss 1896. Dieser strahlende C-Dur-Aufgang c–g–c, das Naturmotiv, steht für einen überwältigenden Sonnenaufgang und symbolisiert den Weg des Menschen per aspera ad astra, den Beginn eines neuen Zeitalters, den Sieg des Geistes über die Unwissenheit, den Durchbruch des Menschen zur Freiheit, zum eigenen Ich. Und für den Aufstieg des Menschen zum „Übermenschen“.

Inspiriert vom großen Zertrümmerer, dem Philosophen mit „dem Hammer“, Friedrich Nietzsche, gelang dem Komponisten – wie er selbst zu Recht fand – ein Geniestreich. Die Anfangsfanfare muss neugierig machen auf die anschließenden dreißig Minuten Musik und ihren Überwältigungsgestus, das Dionysisch-Rauschhafte, das Abgründige, welches Strauss kongenial aus Nietzsches Philosophie exzerpierte. Selbstredend ist es nicht notwendig, Nietzsches Philosophie des persischen Gelehrten Zarathustra zu kennen oder studiert zu haben, um in dieses poetische Klangepos einzutauchen und es zu genießen.

Maestro Rizzi Brignoli führte uns also in den schwergewichtigen Strauss’schen Kosmos mit seinen Höhen und Tiefen, dem Schmerz und all der Lust, die „Ewigkeit“ will, spürte den Stationen Zarathustras nach auf seinem Weg von den einsamen Berghöhen in die Niederungen menschlicher Auseinandersetzungen. Aus dem dunkel dräuenden Urgrund des Universums mit dem C‑Orgel-Punkt, Kontrafagott und Kontrabässen, katapultiert die triumphale Trompetenfanfare das Auditorium in strahlende Höhen, angetrieben von den unerbittlichen Pauken-Triolen.

Ein Sonnenaufgang wie gemalt und ein Aufbau wie gemeißelt, bei dem man den Atem anhält und die andächtige Ruhe bei den „Hinterweltlern“ genießt, das innige Bratschen Melos, das Rizzi Brignoli zu einem wogenden Streicher-Strom anschwellen lässt, bereichert von sakralen Motiven von Hörnern und Orgel. Seelenstürme entladen sich im Teil „Von der großen Sehnsucht“, die das Orchester mit glühender Intensität auslotet, Wagner-Reminiszenzen in tristanhafter Harmonik aufblühen lässt, die sich fortspinnen in „Von den Freuden und Leidenschaften“. Der Dirigent bändigt die Klangwogen, balanciert zwischen hoch gespannter Emotionalität und struktureller Klarheit, bewegenden Streicheraufschwüngen und souveränen Blechbläsern. Im Grablied brillieren die Solovioline und die Holzbläser. Beruhigend der leise Übergang zu „Von den Wissenschaften“, in welchem eine Fuge das trockene Akademikertum charakterisiert, die sich in allmählichem Spannungsaufbau mit ironischer Schärfe der Blechbläser prägnant behauptet. In das Fugenthema hat Strauss alle zwölf Halbtöne eingearbeitet, die konsequente Entwicklung in die Moderne lässt sich nicht mehr aufhalten. Aufwühlende eruptive Steigerungswellen, die Dissonanzen auskostend, führen Rizzi Brignoli zu einem der Höhepunkte des Werkes, der mit dem Anfangsmotiv in den Blechbläsern gleichzeitig den totalen Zusammenbruch markiert, aus dem sich nach einer langen Pause der Genesene endlich in übermenschliche Sphären aufmacht. Aus dem prachtvollen, farbigen Orchestersatz entwickelte der Dirigent mit gelöster, tänzerischer Zeichengebung den affirmativen Walzer, aus welchem Wiener Schmäh nicht ohne Ironie aufblitzt und die Solovioline brillant aufspielte. Wechselnd zwischen dionysischer Ekstase und heiteren Floskeln, stellen zwölf Glockenschläge im „Nachtwandlerlied“ die Frage nach dem Geheimnis der „tiefen Mitternacht“. Ätherisch zart verebbt das Sehnsuchtsmotiv in den hohen Streichern in H‑Dur, während Celli und Kontrabässe das tiefe C fast unhörbar intonieren, ein Schluss in zwei Tonarten, H-Dur und C-Dur, die quasi gleichberechtigt erklingen. Das pianissimo C am Schluss schlägt wieder den Bogen zum Anfang. Alles könnte also noch einmal von vorn beginnen, besagt Nietzsches Maxime von der ewigen Wiederkehr des Gleichen. 

Viele Bravos vor, in der Mitte und nach dem Werk. Den größten Jubel gab es selbstverständlich am Ende dieses außergewöhnlich bewegenden Konzerts.

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